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Jüdische Rundschau · 1915-04-23 · Heft 17 (23.4.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 17 (23.4.1915)
Date
1915-04-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 130 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 17 rung unseres Judentums als Preis für volle Wertung verl angcn können. Rückhaltloses Vertrauen auf beiden Seiten ist die Garantie für ein freies, befriedigendes Zusammenleben. Die assiinflatorische Politik bat das Mißtrauen der anderen wachgehalten; die zionistische kann es beseitigen. Antizionisten und Zionisten werden auf Generationen hinaus für den Staat zusammen die jüdische Gemeinschaft und somit die Judenfrage bilden. Sie bleiben für die Nichtjuden die erkennbare Gruppe der jüdischen Mitbürger, nicht durch eine äußere Tatsache, sondern durch eine ideenrichtung gespalten. Ueber diese Ideenrichhingen wird man sieh in der nichtjüdischen Welt allmählich ein Urteil bilden müssen. Wir können dieses Urteil in Ruhe abwarten. M a a r a b i. Die Kolonisation der jüdischen Kriegsinvaliden Von Dr. Kurt Nawratzki Eine Frage, die augenblicklich im Vordergrund des Interesses steht und die daher auch begreiflicherweise eine weitergehende Erörterung in der Presse gefunden hat, ist die Versorgung der invaliden Kriegsteilnehmer. Wenn man auch heute noch nicht sagen kann, ob z. B. in Deutschland oder Oesterreich der Staat aus eigenen Mitteln oder einer Kriegsentschädigung die hierzu nötigen Mittel wird aufbringen müssen, so ist doch wohl als sicher anzunehmen, daß, gleichviel woher die Mittel stammen, für alle diejenigen, die im Kampf für ihr Vaterland zu Krüppeln geworden sind und daher dauernd in ihrer Erwerbsfähigkeit beschränkt sind, vom Staate ausreichend gesorgt werden wird. Auch für die Angehörigen der feindlichen Staaten dürfte dies im großen und ganzen zutreffen. Freilich wissen wir ja nicht, wie weit das bei Rußland der Fall sein wird, und als ganz sicher dürfen wir wohl annehinen, daß die 300 000—400 000 jüdischen Soldaten Rußlands normalerweise kaum in hinreichendem Maße entschädigt werden dürften, falls nicht bei der Friedenskonferenz ausreichende Garantien hierfür geschaffen werden. Jedenfalls dürfte für einen Teil der jüdischen Soldaten, deren Gesamtzahl in allen kriegfüh^enden Staaten auf eine halbe Million zu veranschlagen ist, eine staatliche Invalidenversorgung in Frage kommen, und hier ist der Punkt, wo eine richtig organisierte großzügige jüdische Kolonisationsarbeit einzusetzen hat. Es ist ja bekannt, daß z. B. nach den Pogromen der Jahre 1905/1906 ebenfalls angeregt wurde, die jüdischen Waisen in Palästina, und zwar in zweckdienlicher Weise, in Landerziehungsheimen, heranwachsen zu lassen. Aber wie es immer geht, sind diese durchaus vernünftigen Anregungen infolge nicht genügender Initiative der in Betracht kommenden Kreise so gut wie nutzlos geblieben, und das einzige Mädchenwaisenhaus in Palästina, das, wenn ich nicht irre, nur 18 Pogromwaisen enthält, befindet sich noch dazu in Jerusalem, so daß die Erziehung der Mädchen zu einem produktiven Beruf in Palästina, der sie später zu einer für das Land nützlichen Lebensführung befähigt, wohl so gut wie ausgeschlossen ist, obgleich man mit geringeren Kosten das Erstrebenswertere sowohl für die Kinder wie für das Land, die Erziehung zur Landarbeit, zu einer tüchtigen Kolonistenfrau in mit dem nötigen Inventar ausgestatteten Landerziehungsheimen, hätte erreichen können. Es dürfte manchen verfrüht erscheinen, wenn heute schon, da wir uns noch mitten im Kriege befinden, auf einen scheinbar so fernliegenden Punkt, wie die Versorgung der Kriegsinvaliden und -Waisen, hingewiesen wird. Doch halte ich es für durchaus wünschenswert, daß diese Fragen, die eine weitgehende Diskutierung und Klar- Stellung und vor allem eine möglichste Propagierung verlangen, schon möglichst jetzt in der jüdischen Oeffentlichkeit diskutiert werden. Als Vorbild kann uns z. B. ein Artikel von Hans Ostwald irn ״Berliner Tageblatt“ dienen, der unter dem Titel: ״Ansiedlung der Kriegsinvaliden“ eine Reihe auch für uns außerordentlich wichtiger und interessanter Fragen aufrollt. Herr Ostwald schreibt folgendes: So notwendig es ist, alle, die draußen im Felde beschädigt worden sind — sei es durch Verwundung, sei es durch die nicht minder ehrenhafte Erkrankung vor dem Feinde ~, wieder in ihrem alten, oder in einem verwandten Beruf unterzubringen, so selbstvcrstündlich ist es auch, für viele von ihnen eine neue Heimstätte, eine neue Existenz zu bereiten. Sehr viele von ihnen werden durch ihren Ocsundheitszustand zu einem Luft- und Lebenswechsel genötigt sein . . . Und da ist das einzig Richtige, sie werden im Wege des Rentengutverfahrens äugesiedelt. In den nachfolgenden Schemen will ich zeigen, welche Vorteile ihnen dabei zufließen. Selbstverständlieh sind die Grade der Erwerbsunfähigkeit unverbitidlich und geben nicht etwa ein feststehendes lk'ispiel. Es kann jemand mit Rheuma ebenso 33'/:! °>, wie auch vielleicht 70 % erwerbsunfähig sein. I. F rd. S c h u 1 z, verheiratet, 3 Kinder, schwere Verkrümmung der Wirbelsäule, ganz erwerbsunfähig, erhält Rente. 540 M. Verstümmelungszulage . 288 ״ Kriegszulagc.. ■ 180 ״ 1008 M. In der Stadt hat er zu zahlen an Miete für zwei Zimmer und Küche . . .. 400 ״ Bleiben ihm für den Lebensunterhalt seiner_ fünfköpfigen Familie.bOS M. Früher verdiente er 1600 M., hatte also ein annehmbares Auskommen. Wenn Sch. sich ansiedelt, stellt sich sein Einkommen folgendermaßen: Ein Zehntel der Rente wird kapitalisiert: 100 M. zu 4 0 ״. 2500 ■ M. Er erwirbt eine Kleinsiedlung zum Preise von 7000 M,; zahlt an. 2000 M. Er hat zu verzinsen 5000 M. mit 4 0;״ : : jährlich.. ■ 200 ״ Bleiben ihm von seiner Rente also .... 708 M. Mit 708 Al. kann er auf dem Lande oder in der Kleinstadt den Lebensunterhalt bestreiten, wenn er aus dem etwa zwei Morgen großen Garten Obst, Gemüse und Kartoffeln für die Familie und Futter für Ziegen, Schweine und Hühner zieht. Den Garten bestellen Frau und Kinder. II. Franz Brummer, verheiratet, 5 Kinder, verlor eine Hand, ein Bein; 80 0/o Rente 410 M. Verstümmelungszu'.age . 288 ״ Kriegszulage.U0 ״ 878 M. War Stubennialer, verdiente 1700 M., hilft seiner Frau, die als Heimarbeiterin jährlich verdient.'430 ״ 1278 M. Zahlt Miete.. . 450 ״ Bleiben für den Lebensunterhalt .... 828 M. Siedelt sich an. Läßt 100 M. Rente kapitalisieren zu 4 ft =. 2500 ״ Erwirbt Rentengut (2 Morgen) für 7000 M., zahlt an.20C0 ״ Hat zu verzinsen 5000 M, mit 4 ״/o jährlich 200 ,, Bleiben ihm von seiner Rente. 578 ,, Er treibt Hühnerzucht und verdient dabei jährlich. 300 ,, Bleiben. 878 M. für Lebensunterhalt. Aus dem Garten kommen die hauptsächlichsten Lebensmittel für die Familie und das Kleinvieh. 1H. Wilhelm Bauer, verheiratet, 2 Kinder, verlor die linke Hand: Rente 25% 135 M. Verstümmelungszulage . 283 ״ Kriegszulage.180 ״ 603 M. War Feinmechaniker, verdiente 2100 M. Verdient jetzt nur noch.1100 ״ 1703 M. Wohnt in drei Stuben und Küche, zahlt Miete 500 ״ Bleiben zum Lebensunterhalt.1103 M. Hat Bauerntochter geheiratet, stammt selbst vom Lande und will wieder hinaus, um dem Druck des niederen Verdienstes zu entgehen. Kauft 50 Morgen, auf denen zwei Pferde nutzbringend beschäftigt werden. ä 400 M. 20 003 M. Wohnhaus, Stall, Scheune usw. 13 000 ״ Lebendes und totes Inventar. 3 030 ,, 36 000 M. Er muß anzahlen mindestens. 5 000 ״ die er aus seiner Erbschaft und der Mitgift seiner Frau bestreitet. Flat jährlich an Zinsen zu zahlen für 27 000 Mark 4proz. Rentenbankzinsen .... 1 080 M. Hat jährlich an Zinsen zu zahlen für 4000 M. Restkaufgeld zu 5 %. 2C0 1 280 M. Er muß also, wenn ihm 603 Mark Invalidenrente bleiben, jährlich 680 Mark herauswirtschaften. Ein Bauerngut von 50 Morgen mittleren Bodens bringt bei ordentlicher Wirtschaft' und energischer Viehzucht immer 2000 bis 3030 Mark, so daß ihm zum Lebensunterhalt bleiben rund 14(M) Mark bis 2003 Mark, dann aber hat er außerdem Brotkorn; Milch, Butter. Eier, Geflügel, Fleisch, Obst, Gemüse und Kartoffeln aus der eigenen Wirtschaft in bestem, frischem Zustand, ohne daß er einen Groschen dafür ausgeben muß. Vor allem aber hilft er eine der vielen Lücken füllen, die der Krieg unbarmherzig auf dem Lande gerissen hat. Dieses sind die Ausführungen Ostwalds, die für unsere Zwecke einer gewissen Ergänzung bedürfen. Statt der hier abgedruckten drei Beispiele bringt Ostwald sechs Beispiele, wobei die ersten fünf aber nur unbedeutend voneinander variieren, so daß die ausgewählten drei ein klares Bild seiner Vorschläge ergeben. Das für uns Wichtige an diesen Vorschlägen ist folgendes: Durch den Bezug einer vom Staat gezahlten Rente wird aus einem mehr oder minder gut bezahlten Arbeiter, der evtl, mit einem mehr oder minder großem Einkommen zu rechnen hat, ein staatlich versorgter Rentner, der über ein vollkommen bestimmtes gesichertes jährliches Einkommen verfügt, d. h. also ein Mann, der tatsächlich gewisse Sicherheiten für eine Kreditgewährung von seiten irgendeiner kapitalistischen oder philanthropischen Organisation bietet. Welche Bedeutung dieser Punkt finanztechnisch für eine Kolonisation in Palästina hat, werde ich in einem späteren Artikel erörtern. Schon jetzt will ich vorausschicken, daß es in der ganzen Welt und auch in Palästina als Grundsatz gilt, daß die Ansiedlung eines gänzlich Unbemittelten auf die Dauer praktisch undurchführbar ist und in der Mehrzahl der Fälle nicht das gewünschte Resultat erreicht wird, so daß zur Ansiedlung nur Leute mit einem gewissen Vermögen in Frage kommen können. Sehr richtig hat Ostwald die Größe des zu erwerbenden Besitzes von der Größe des Eigenkapitals abhängig gemacht, so daß bei sonst Mittellosen, die nur auf einen Rentenbezug angewiesen sind, nur der Erwerb von Haus und Garten mit wenigen Parzellen Land im Werte von 6000—8000 M. in Frage kommt. Aber nicht nur aus diesem finanziellen Grunde kommt der Erwerb einer so kleinen Bodenparzelle in Frage, denn es wäre ja zum Beispiel durch die Kapitalisierung eines größeren Prozentsatzes des Rentenbezuges eine größere Anzahlungsmöglichkeit vorhanden, wenn nämlich im ersten Beispiel nicht ein Zehntel der Rente, gleich 100 M.. sondern z. B. zwei Zehntel gleich 200 M. kapitalisiert würden, was einen Betrag von 5000 M. als Anzahlungskapital ergeben würde. Hierbei ist aber zu beachten, daß Ostwald sehr richtig diesen Punkt nicht annimmt, da bei der angenommenen gänzlichen Invalidität des Mannes die Bewirtschaftung eines größeren Grundstückes durch Frau und Kinder allein und die Herauswirtschaftung einer entsprechend höheren Rente wohl unmöglich ist. Am interessantesten ist für uns das letzte Beispiel, der Erwerb einer Kolonistenstelle, resp. eines Bauerngrundstückes im in Deutschland üblichen Ausmaß von ca. 50 Morgen, das Ostwald mit ganzem Inventar mit 36 000 M. ansetzt. Die Ansiedlung eines invaliden Kriegsteilnehmers auf einem solchen Grundstück macht er aber bezeichnenderweise von folgenden Voraussetzungen abhängig: Der Mann soll nach seinen Angaben über ein eigenes Vermögen von ca. 5000 Mark verfügen, muß nur Halbinvalide sein, d. h. für die landwirtschaftliche Arbeit durchaus tauglieh, und ferner er wie seine Frau vom Lande stammen. Die Begründung für diese Forderungen, die in dem Artikel nicht in dieser scharfen Form präzisiert sind, wenn auch vollinhaltlich in ihm enthalten, sind kolonisationstechnisch vollkommen begründet. Nur ein in seiner landwirtschaftlichen Tätigkeit wenig behinderter invalider Kriegsteilnehmer kommt aus den früher erwähnten Gründen für die Bewirtschaftung eines so großen Bauerngrundstückes in Frage. Die andere Bedingung, die Anzahlung eines Siebentels des Wertes des Gesamtgrund- Stückes ist eine sehr liberale, da nach den praktischen Erfahrungen fast aller Kolonisationsgesellschaften sonst ein Viertel bis ein Fünftel gefordert werden muß. Der dritte Punkt, auf den Oshvald Wert legt, ist die Vertrautheit des ein solch großes Grundstück Uebernehmenäen mit den landwirtschaftlichen Arbeiten, d. h. daß der Betreffende

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