Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1915)
- Date
- 1915-04-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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r I I I Abonnements auf die wöchentlich am Freitag erscheinende ״Jüdische Rundschau“ kosten hei der Expedition und bei allen Postämtern vierteljährlich W- 1,00 innerhalb Deutschlands, in Oesterreich- Ungarn M. 2,50, im Ausland M, 8,-״, I I I I L. Jüdische Rundschau, G. m. b. H. | BERLIN W. 15, Sächsische Straße g. | Telephon: Amt Uhland 845, 846. | PosUchedtkonto: Berlin Nr. 1? 392- | DU6DISCH6 RUNDSCHAU f" Anzeigen kosten für die aechsgespaltene Petit- *eile oder deren Raum 40 Pf.; Stellen־ Angebote und -Gesuche sowie Vereins- Mitteilungen und ״Kleine Anzeigen“ O O © O nur 30 Pfennig. O O O O Manuskripte werden, wenn Porto beiliegt, stets JEurückgesandt. Redaktioaaschlufi: Mittwoch vormittags, j Redflüdtloa Jüdische Rumdschaa J BERLIN W. 15, Sächsische Straße 8. ■ Telephon: Amt Uhland 845, 846. Postscheckkonto: Berlin Nr, 17392. ALLG6M6IN6 3UCDISCHC ZSITUNC Nummer 17 Berlin, den 23. April 1915 9. Ijar 5675 XX. Jahrgang. Ausweis Schekel: Zion. Verein West-Berlin 20, ״, Crossen 1,—, aus dem Felde 8,--, Stettin 25,--, Trier 12,--. Landesbeiträge: Berliner Zion. Vereinigung 6, , Stettin 20,—, Trier 24,—, aus dem Felde 15,-. Propagandafonds: Chemnitz: Dr. W. Fraenkel (2. Rate) 12,50; Crossen: Oberlehrer M. Calvary ■10,—; Qnesen: Eugen Oelsner 5,■-; Oppeln: Dr. Hofstein 10,—; Ratibor: Karl Steinfeld 10,; aus dem Felde: Isaak Kietve-Gollub 5,—, Hans Bloch-Berlin 10,—. Diverse Spenden: Posen 10,—, Prag 1,—. Eingang vom 14. bis 21. April 1915: Schekel:׳ 66,— M.; Landesbeiträge: 65,— M.; P r o - pagandafonds: 73,50 M. Gesamteingang: Schekel: 940— M.; Landesh eit rage: 1336,— M.; Propagandafonds: 5491,50 M. Adresse für Geldsendungen: Zionistische Vereinigung für Deutschland, Berlin W 15, Sächsische Straße 8. Postscheckkonto: Berlin 8091, Bankkonto: A. H. Heymann & Co., Berlin W56, Hinter der Katholischen Kirche 1. Wahrheit und Vertrauen Den Kampf gegen den Zionismus während der ganzen Dauer des Krieges einzustellen, scheint doch zu gefährlich zu sein. Wie im Frieden werden wir von Antizionisten angegriffen. Unsere alten jüdischen Gegner fühlen, daß wir dieselben geblieben sind, daß der Zionismus seine Kraft auch im Weltkrieg bewährt hat, und daß wir ungeschwächt unsere jüdischen Anschauungen auch nach dem Kriege in aller Oeffentlichkeit betätigen und zum Siege führen werden. Die menschliche Unsicherheit der Assimilation, aus der alle Versuche gegen selbstsicheres, jiidisches Volkstum zu erklären sind, ist dieselbe geblieben; die Furcht vor der zionistischen Gefahr ist gestiegen. Wir hatten gehofft, daß der Krieg in seiner reinigenden Kraft das jüdische Leben mit großerer Wahrhaftigkeit erfüllen würde; wer dem Tode täglich ins Auge sieht, wer zu Hause die furchtbarsten Erschütterungen miterleben muß, wird auch den Mut zur Wahrheit zu finden wissen, das hofften wir. ln dieser Zeit, wo das Judentum äußerlich zerrissen ist in feindliche Teile, muß sich die Wahrheit von der unlöslichen Einheit des jüdisehen Lebens in Vergangenheit und Zukunft bewähren, dieselbe Wahrheit vom Judentum, durch die wir in allen Jahrtausenden unserer Vergangenheit haben leben können und die uns bis zu dieser Zeit hat gelangen lassen. Wahrheiten sind immer positiv und niemals apologetisch. Eine selbstsichere Assimilation bedürfte keines Antizionismus zu ihrer Begründung. Daß jüdische Werte durch nichtjüdische in Menschen jüdischer Abstammung ersetzt worden sind, welche die Sehnsucht nach einem Leben außerhalb des Judentums ihrer Vorfahren haben, werden wir als Tatsache hinnehmen müssen. Wir werden uns damit abfinden und nicht einmal ein moralisches Urteil darüber zu fällen haben. Menschen scheiden sich von uns; wir sehen ihr Gehen je nach ihrem persönlichen Wert gern oder ungern, aber wir werden ihren Entschluß respektieren und sie nicht mehr für uns in Anspruch nehmen. Selbstverständlich haben solche Menschen auch nicht mehr das Recht, in jüdischen Dingen mitzusprechen; unserer Welt haben sie den Rücken gekehrt, und ״Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlieh «rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. der Anstand muß es ihnen verbieten, sich in irgend einer Form an den Fragen des jüdischen Lebens als Juden zu beteiligen. Antizionismus ist daher auch, wie die Erfahrung zeigt, nicht ein Orientierungsmittel der Juden, die es mit der Assimilation ehrlich meinen, er ist die Waffe jener Juden, die auf beiden Seiten hinken und ein Interesse daran haben, der Entscheidung, zu der Menschen durch Erkenntnis und Entschlossenheit geführt werden, auszuweichen. So besteht der Kampf gegen den Zionismus auch heute während des Krieges in dem Versuch, die Nichtjuden mißtrauisch gegen die Ideen des Judentums zu machen. Nur ein gewisses, in seinen Grenzen sorgfältig bemessenes Judentum darf nach der Meinung des Antizionismus geduldet werden, ein über diese Grenze hinausgehendes Judentum muß der Oeffentlichkeit als gefährlich vor Augen gestellt werden. Die Gefährlichkeit dieses Judentums besteht aber ausschließlich für die Juden, die in ihnr eine Gefahr erblicken. Gibt es für die nichtjüdische Welt einen Grund, der uns Zionisten weniger willkommen erscheinen läßt als jene halben Assimilanten und halben Juden? Für einen modernen Nationalstaat wäre es gewiß ein ideales Ziel, wenn alle Bürger in ihrem Empfinden so einheitlich wären, daß ihnen die Staatsnation zugleich zu der in allen Zielen ungebrochenen zentralen Lebensgemcinschaft wird. Dann wären die Zukunftshoffnungen Aller die gleichen. Ein Staatsvolk, dessen Angehörige von Abstammung, Religion, Bildung und geschichtlicher Vergangenheit gleich sind, existiert aber nirgends. Den ungebrochenen Existenzen in diesem höchsten Sinne werden andere gegenüberstellen, bei denen die Einheit der Persönlichkeit dadurch bedroht ist, daß sich in ihnen verschiedene Lebenskreise schneiden. Sind auch diese dem Staate wertvoll oder bilden si;e an sich eine Gefahr? Eine allgemeine Antwort ist unmöglich. Allein die Untersuchung des besonderen Falles gibt das Urteil. Können Juden, die mit allen Konsequenzen Juden sein wollen, vom Staate als Elemente gewürdigt werden, die einen wirklichen Wert für die Staatsgemeinschaft bilden? Jahrtausendelang haben wir unter den Völkern gelebt, ausschließlich erfüllt von jüdischem Geist und jüdischen Inhalten, von dem einzigen Wunsch beseelt, Juden zu bleiben, wie es unsere Vorfahren waren. Die gemeinsame Aufgabe des alten Judentums war die endliche Rückkehr nach Palästina. Heute verkünden wir Zionisten nichts anderes als die Wahrheit, daß ein volles Judentum 011 ne g e in eins a m e palästinensische Hoffnungen unmöglich ist, und daß die Juden, die den Zusammenhang mit den Juden der anderen Länder künstlich verdecken wollen, damit zugleich den Untergang des Judentums herbeiführen Judentum kann nicht gedacht werden ohne jiidische Lebensgemeinschaft mit allen Juden und ohne die gemeinsame Aufgabe des Judentums in Palästina. Ein Jude, dem es mit seinem Judentum ernst ist, kann also nichts anderes tun, als dafür leben, daß seine Gemeinschaft durch die Auferbauung eines jüdischen Palästina ihren Zielen näher gebracht wird. Zionismus ist nichts anderes, als Judentum mit dein Bekennermut auch zu den Wahrheiten, die von der antizionistischen Assimilation künstlich ausgemerzt worden sind. Sind diese zionistischen Juden weniger wertvoll für den Staat als jene halben Juden, die nur das Kunstprodukt einer von ihnen geschaffeneu leblosen religiösen Abstraktion als Judentum ausgeben? Für den Staat werden nur solche Bürger wertlos sein, welche durch ihre Anschauungen die sittliche Zucht und Bindung aufzulösen geeignet sind. Durch die Tatsache, daß wir die Empfindungen der Verantwortlichkeit für die Gesainthcit und der Verpflichtung gegen die eigene Gemeinschaft zun! stärksten sittlichen Prinzip unseres zionistischen Lebens gemacht haben, bieten wir dem Staate eine Garantie der Er- Ziehung unserer Jugend zu charaktervollen und idealem Streben zugewandten Menschen, Mensehen jüdischer Art und jüdischen Wesens; deutlieh unterschieden von allem Nichtjüdischen, aber Menschen, die gelernt haben, die Eigenheit und Heiligkeit der Kräfte ihrer nichtjüdischen Umwelt zu ehren, Menschen, für die jene asoziale und dekadente Auffassung ein Greuel ist, die täppisch und frech die subtilsten Dinge jeder Art betrachtet und kritisch zergliedert, an deren schöpfe rischem Geist sie keinen Teil hat. Die mutigen, ihre Sonderheit verteidigenden zionistischen Julien, werden überall ihren Mann stehen und ihre Pflicht erfüllen; und die nichtjüdische Welt wird wissen, daß sie bei Menschen so mannhafter Gesinnung sich auf vollste Pflichterfüllung verlassen kann. Selbst die Assimilanten haben in diesem Kriege anerkennen müssen, daß die Zionisten durch die Tat die Wahrheit dieser Auffassung bewiesen haben. Der Staat braucht Männer, die zur Selbstlosigkeit erzogen, sich in hingehender T reue den Bedürfnissen der Gesamtlieit unterzuordnen verstellen. Wir wollen des Adels unserer Abstammung dadurch würdig werden, daß wir aus äußerer Haltlosigkeit und innerer Unsicherheit dem Ideal der stolzen und starken Persönlichkeit zustreben. Als Männer solcher Art geben wir uns dem Staat, opfern wir ihm freudig in der Stunde der Gefahr unser Leben. Aber wir wollen als J uden gewürdigt werden, ebenbürtig den anderen, mit denen wir in voller Offenheit über Einigendes und Besonderes sprechen, denen wir wertvoll werden in allen Fragen des geistigen und staatlichen Lehens und die anerkennen werden, daß wir mit Notwendigkeit unserer Art entsprechend, unserer Seele ein besonderes jüdisches Leben bereiten müssen. Durch Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit über uns hoffen wir, das volle Vertrauen aller gewinnen zu können; während wir meinen, daß die anderen immer mißtrauisch bleiben müssen, wenn wir der Wahrheit zuwider behaupten wollten, wir wären in allem genau wie sie und jüdische Art sei ein für moderne Menschen unerhebliches Ueberhleibsel aus vergaugenen Tagen, nur eine begriffliche, zu überwindende Trennung und kein tatsächlicher, in menschlicher Anlage begründeter Unterschied. Di^ anderen wissen übrigens die Wahrheit. Nur als wahre Söhne des Volkes Israel glauben wir eine würdige Stellung für uns erreichen zu können. Wir halten es für undenkbar, daß unsere nichtjüdisclien Mitbürger von uns eine Minde-