Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1915)
- Date
- 1915-03-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 106 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 13 Der Vortragszyklus der Berliner Zionistischen Vereinigung ln den ersten Monaten des Krieges richtete die Berliner Zionistische Vereinigung einen Zyklus von Vorträgen ein, die die Berliner Zionisten über aktuelle Fragen der zionistischen Bewegung und über allgemeinjüdische Fragen überhaupt informieren sollten. Da der Zyklus nunmehr durch den am letzten Sonnabend gehaltenen Vortrag von (Rechtsanwalt Dr. Arthur Hantke beendet worden ist, kann gesagt werden, daß der ganze Zyklus von Vorträgen, die zum Teil sehr gut besucht waren, manche wichtige lnforniation und wertvolle Anregungen gebracht hat. Der Zyklus wurde durch einen Vortrag I)r. Hantkcs eingelcitet, der die Lage der jüdischen Organisation nach Kriegsausbruch besprach, Leo Herr m a n n erörterte im Zweiten Vortrag die Grundlagen und Ziele der jüdischnationalen Politik in Oesterreich, Kurt iS 1 n m e n f e I d hierauf die Ziele der jüdischen Politik überhaupt. Kurt Blum enf cid sprach in einem nächsten Vortrag über die Stellung der zionistischen Bewegung zu den großen Gegenwartsproblemen des Judentums. Dr. Julius Becker trug im vorletzten Vortrag über die Juden im Osten vor. ln dem letzten Vortrag sprach Dr. Arthur Hantke über die gegenwärtig für die zionistische Organisation und zum Teil für das üesamtjudentum wichtigen Fragen. Er legte dar, was in den letzten Monaten in Palästina sich ereignet hat und auf welche Weise die Leitung der zionistischen Organisation für den Schutz der jüdischen Siedlung in Palästina .gesorgt habe und weiter zu arbeiten gedenke. Die politische und wirtschaftliche Situation erfuhr eine eingehende Behandlung. Dr. Hantke sprach auch über die von dem nunmehr abberufenen Kaimakam ־von Jaffa vorgenommenen Verhaftungen führender jüdischer und zionistischer Persönlichkeiten, die seit- 11er zum größten Teile wieder freigelassen worden sind. Die Aktionen, die vor allem in Amerika für Palästina eingeleitet worden sind, die Arbeit der verschiedenen zionistischen Landesorganisationen und die für die Haltung der Judenheit in den einzelnen Staaten maßgebenden Motive wurden in dem Vortrag informativ erörtert. Der Vortrag war außerordentlich gut besucht. Es wäre zu wünschen, daß auch nach der Beendigung des Vortragszyklus des öfteren geeignete Vorträge weiteren Kreisen der Berliner Zionisten Gelegenheit zur Information -- und vielleicht auch zur “Ärosprarc?!«—“=־־־feerterr:—Orts^«*ppe?n~ finden ja auch Versammlungen und Vorträge statt, die stets das Interesse der Zionisten finden. Amerikanische Neutralität Die in London erscheinende jüdische Zeitschrift- ״J e w i s h C h r o n i c 1 e“ hat vor einigen Wochen einen Appell an die amerikanische Judenheit veröffentlieht, um sie für die Ententemächte, gegen Deutschland, einzunehmen. Nun veröffentlicht ein angesehenes englisch-jüdisches Organ, das in Philadelphia erscheint, — ״T h e J e w i s 11 Expo n e n t“ — unter dem Titel ״Ein verfehlter Appell‘‘ eine scharfe Zurückweisung des erwähnten Artikels im ״Jewish Clironicle“. Es heißt in dem sehr interessanten Artikel des amerikanischen Blattes: ״Was soll man zu dem Appell an die amerikanisehen Juden in der Londoner Ausgabe des ״Jew i s h C h r o n i c I e“ sagen? Es mag gleich im Anfang gesagt sein, daß wir den hohen Patriotismus unserer englischen Volksgenossen achten und hewundern und ihnen den guten Glauben und die Aufrichtigkeit, die sie immer ausgezeichnet haben, gern zugeben. Natürlich nimmt die Zeitschrift es für erwiesen an, daß die Alliierten für Demokratie und Freiheit kämpfen. Aber auch die jüdischen Zeitungen Deutschlands und Oesterreichs beanspruchen das gleiche für die Sache, für die ihre Herzen verpflichtet sind. Die Juden Amerikas sind nicht verpflichtet, für die eine oder andere Partei sich zu entscheiden. Viele von ihnen haben es doch getan. Ein großer Teil davon .sind deutschen Ursprungs und Herkunft. Die größte Mehrheit stammt aus Rußland und dem östlichen Europa. Eine kleine Minderheit stammt von Eltern, welche seit vielen Generationen Amerikaner sind. Ein großer Teil der Juden der Vereinigten Staaten achtet England und Frankreich wegen der großen Dinge, die sie für die Zivilisation geleistet haben, und ihre Bewunderung für englische Einrichtungen ist durch ihre Bekanntschaft mit englischem Leben und Denken vertieft worden, wie sie in den Werken von Shakespeare, Scott und Milton zum Ausdruck kommt. Andere Gruppen schöpfen ihre Begeisterung aus Schiller, Goethe und Heine. Die meisten aber haben niemals das Gefühl gehabt, daß die Heimat ihrer Vorfahren, Rußland, es irgendwie gut mit ihnen gemeint hat. Nun, Rußland werde sich aus seinem äugenblicklichen Zustand erheben, ja es habe sich tatsächlich schon erhoben, sagen seine Verteidiger. Es wird ein neues Blatt seiner Geschichte aufschlagcn und versprechen, von jetzt ab nur gut zu tun. Es ist kein Fünkchen Wahrscheinlichkeit vorhanden, diese Folgerung zu rechtfertigen, es sei denn das Verbot des Verkaufs geistiger Getränke, das von der Kaiserliehen Regierung bei Ausbruch des Krieges erlassen wurde. Wir können Rußland das gebührende Lob für diese Tat der Selbstverleugnung zollen, welche es den Verlust einer großen Einnahmequelle gekostet hat. Aber was ist zu dieser Zeit eine Kriegsmaßregel, ein Bollwerk der Verteidigung, gegen die Verwüstung der Trunksucht, welche seit langer Zeit der Fluch der russischen Bauern und eines großen Teils der städtischen Arbeiter gewesen ist! In allen sonstigen Beziehungen ist es dasselbe alte Rußland geblieben. So scheint es, daß, wenn nicht die Vorherrschaft Rußlands auf dem europäischen Kontinent zu einer Besserung der Verhältnisse führen wird anstatt der sehr wahrscheinlichen Möglichkeit eines neuen blutigen Krieges, der seine Macht in den kommenden Jahren vernichten wird — nichts für die Sache der Freiheit durch Rußlands Sieg zu gewinnen wäre. Ebenso wird durch die Niederlage Frankreichs und Englands nichts für jene Sache zu gewinnen sein. Wenn man dies zugibt, so rechtfertigt sich die Bitte um amerikanische Neutralität von selbst, abgesehen v־on den höherstehenden Betrachtungen unserer eigenen nationalen Sicherheit und unseres Wohlbefindens. Die ״verlorene Schlacht“ (Ein Literaturbrief ins Feld) Lieber Freund! Sie haben den Wunsch geäußert, daß die zionistischen Freunde, wenn sie Sie wiederum mit einer Liebesgabensendung erfreuen, mehr auf Ihre geistigen und seelischen Bedürfnisse Rücksicht nehmen. Für Ihr leibliches Wohl wollen Sie Ihre Familie sorgen lassen. Sie baten mich, bei der Auswahl der Lektüre, die wir Ihnen ins Feld schicken, ein Wörtchen mitzureden und rufen mir dabei unsere schönen und friedlichen Mußestunden in Erinnerung, die wir zu langen Spaziergängen und noch längeren literarischen Exkursionen verwandten. — Auch darin haben also die letzten sechs Monate eine Wandlung in Ihren Anschauungen hervorgerufen! Sie sind geneigt, heute anders über das zu urteilen, was uns die jüdische Renaissance in den letzten zehn Jahren geböte׳.' hat. ״Sie sagsett jlaä ...rnarj^andere M »ßstäbe anlegen muß, um in sich eine Resonanz zu den Werken der jungjüdischen Literatur und Kunst zu finden. Nein, lieber Freund, die Welt Goethes, Shakespeares, Molieres, Cervantes und Gottfried Kellers, in der Sie sich sonst bewegten und heimisch fühlten, ist es nicht und Sie wissen, daß wir uns beide• von Uebertreibungen ferngehalten haben. — Sie werden auch in Zukunft nichts von Ihren Neigungen aufgeben, aber allmählich werden Sie zu der Sache, der Sie mit allen Kräften zu dienen bereit sind, neue seelische Beziehungen finden. — Sie sind auf dem besten Wege dazu. Ihr Aufenthalt im Osten hat Sie in unmittelbare Berührung mit ursprünglichem jüdischen Volksleben gebracht und trotz des Elends, das Sie mit ansehen mußten, haben Sie manches erlebt, was stark und hoffnungsfroh auf Sie einwirkte. Sie möchten nun gern etwas Jüdisches lesen, was einigermaßen im Einklang mit Ihren Erlebnissen steht und möglichst weit von den Ereignissen des Tages entfernt ist. Nichts Trauriges. Ich brauchte nicht lange nachzudenken, um Ihren Wunsch zu erfüllen und will Ihnen ein Buch empfehlen, von dem ich wünsche, daß es in Ihrem Gemiite soviel echte Heiterkeit erwecken möchte, als es mir Freude gemacht hat. Erschrecken Sie nicht über den Titel! Die ״verlorene Schlacht“ enthält nichts Tragisches. Sogar ihre Schilderung ist höchstens von welferschütternder Komik. Scholen! A lei che m, dessen in diesem Buch enthaltene zehn Skizzen hier zum ersten Male ins Deutsche übertragen sind, beginnt allmählich einen sichtbaren Platz in der Weltliteratur einzunehmen. ln meinem Herzen hat er seit langem neben Dickens (über meine unbegrenzte Verehrung für ihn haben Sie oft gelächelt) den ersten Platz. Sowie der unsterbliche Brite hat auch unser Scholen! Aleichcm die Freudigkeit in der Welt vermehrt, ja, sein Verdienst ist vielleicht noch größer. Haben wir uns doch erst allmählich wieder das herzhafte Lachen angewöhnt und das ist so gesund! In der ״verlorenen -Schlacht“ stellt uns Scholen! Aleichcm einige seiner urwüchsigsten aber auch muntersten Kinder vor. Mit Kindern fängt es an und es ist in der Tat auch eines der prächtigsten Kinderbücher, die ich kenne. Ich will Ihnen nicht den ganzen Inhalt schildern, Sie sollen dieses köstliche Buch voll genießen. Diesmal hat der ״Jüdis che Verlag“ in dessen Sammlung ״Vom alten Stamm“ dies der vierte Band ist, einen guten Griff getan. Dieses Buch sollte man besonders unseren Freunden im Felde schicken; es wird ihnen viele Fieitere und erhebende Stunden bereiten. Ich bemerke zu meinem Schrecken, daß mein Brief eine literarische Epistel geworden ist. Dies war nicht meine Absicht. Nächstens mehr Personliches. Leben Sie recht wohl, lieber Freund und empfangen Sie die herzlichsten Zionsgrüße von Ihrem A. David. Heuschrecken in Palfistlna Wie 1111s telegraphisch berichtet wird, sind im Süden Palästinas Heuschreckenschwärme eingefallen. Unsere Kolonien scheinen bisher noch nicht betroffen zu sein. Hoffentlich bleiben sie von dieser Heimsuchung bewahrt! Das Lied der Debora9") Dies Gedicht und der nächstfolgende Beitrag waren in der unseren Freunden im Felde gewidmeten Chanukahsondernummer der ״J. R.“ enthalten. Dass frei wallend des Haares Wuchs in Israel, Dass willig das Volk, Dafür preiset den Herrn! Hört, Könige! Fürsten, horchet auf! Ich will nun dem Herrn, ich will ihm singen, Will spielen dem Herrn, dem Gotte Israels. Herr, da du herabstiegst vom Se'ir, Da du einherzogst von Edoms ©efild, Bebte die Erde, wankten die Himmel,zerflossen die Wolken; Die Berge erbebten vor dem Herrn, Vor dem Herrn, dem Gotte Israels. In den Tagen Samgars ben Anat feierten die Karawanen, Und wer des Weges ging, ging krummen Weg. Die Bauern feierten in Israel — Bis du aufstandst, Debora, Eine mutter in Israel! Schild ward nicht gesehn noch Speer Unter vierzigtausend in Israel. mein Herz gehört den Führern des Volks! Die ihr willig im Volke, preiset den Herrn! ihr Eselsreiter, Ihr Teppichhocker Preiset den Herrn! Am Brunnen die mägde mögen preisen den Herrn Und seine Taten. Auf, auf Debora, und singe ein Cied, Huf, Barak, auf und fang’ deine Fänger, Sohn Abinoams. Da kamen die Edlen zu Tale, Aus Ephraim die Führer des Volks, Benjamin mit seinen mannen, Von maehir die Herren Und von Sebulon die Träger des Stabs, Die Fürsten von lssachar, Issachar mit Debora, Und naphtali mit Barak, Ihre Füße rissen sie hinab in das Tal. Canger Rat ward gehalten an Rubens Bächen - Warum bliebst du bei den Herden? Hielt dich die Flöte des Hirten? Gilead jenseits des Jordans? Dan bei den Schiffen, Asser an den Uferbuchten? Aber Sebulon weiht sich dem Tode, Wie Haphtali, auf der Gefilde Höh’n. *) Ich habe bei der Übersetzung manchen philologischen Zweifel unterdrückt, auch einige kleine ungewisse Stellen weggelassen, andere etwas stärker als wörtlich zum Ausdruck gebracht, um einen möglichst geschlossenen Eindruck des Ganzen zu gewinnen. Die Aaturvorstellung von deT Gottheit am Anfang ist wörtlich zu nehmen. (T!an möge das harte hebeneinander der Episoden und besonders am Ende die wilde Steigerung von Fluch, Segen, fiohn und dubelschrei auf sich wirken lassen. E. T ä u b 1 e r