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Jüdische Rundschau · 1915-03-26 · Heft 13 (26.3.1915) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 13 (26.3.1915)
Date
1915-03-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr 13 J U EDI SCH E RUNDSCHAU Seile 105 andere Motive als solche religiöser Art dabei geleitet haben mögen. Uebrigens sei es sehr wohl möglich, daß sich unter den Juden in der Tat eine Sekte befindet, die Christenblut braucht. Bemerkenswert ist, daß dieser Artikel in einer Zeitschrift abgedruckt ist, die einem vornehmen englischen Juden gehört. Brief aus Rumänien Der Krieg, an dem fast ganz Europa beteiligt ist, hat auch die wenigen neutral geblichenen Länder stark in Mitleidenschaft gezogen und ihr politisches und ökonomisches Leben sehr beeinflußt. So auch Rumänien, das wie eine Halbinsel von den Wogen des europäischen Kampfes von drei Seiten umtost wird. Bis vor kurzer Zeit war der nördliche Teil Rumiinicns, die Moldau, mit jüdischen Flüchtlingen erfüllt, die aus Oalizien und der Bukowina herüber geströmt waren. Gleich bei der ersten Besetzung von Czernowitz durch die Russen hatten sich zahlreiche Familien mit Frau und Kind nach Rumänien gewandt, um sich dort in Sicherheit zu bringen. Sie boten in ihrem Elend ein nur zu schreckliches Bild und gaben uns eine Vorstellung von den Leiden, die über die jüdischen Massen Galiziens und der Bukowina hereingebrochen sind. Die rumänischen Juden versuchten, ihren Brüdern zu helfen, .soweit es in ihren Kräften stand. Ihre eigene Lage jedoch ist gleichfalls keineswegs glänzend zu nennen. Sind die rumänischen Juden doch meistenteils Kaufleute und werden als solche besonders stark von der Geißel des Krieges getroffen. Der Handel stockt überall, da die Einfuhr und Ausfuhr sehr gering ist. Die ökonomische Krisis ist ja bei uns in Rumänien geradezu chronisch geworden, seit der Kampf um Tripolis und der Balkankrieg den Handel in Rumänien fast lahmgelegt haben, der von der Ein- und Ausfuhr durch die Dardanellen abhängig ist. In den letzten Wochen kamen auch aus Palast i na zahlreiche Flüchtlinge, die den Weg über Rumänien einschlagen mußten, um nach Rußland zu gelangen. Es waren das russische Juden, die als fremde Untertanen die Türkei verlassen mußten. Besonders hierzu gebildete jüdische Komitees halfen auch diesen Flüchtlingen und sorgten dafür, daß die Durchfahrt, die nicht ohne Beschwerden erlief, etwa« erlteichtert 'Wurde. Die russische R Dg! e r u n g wollte nämlich die Züge mit den F 1 ü 1. 0 11 i n g e n nicht über die Grenze lassen; c, ~t auf Intervention der rumänischen Regierung wurde die Erlaubnis erteilt, die Grenze 7.u passieren. In der letzten Tagung des Parlaments (Kammer und Senat) waren verschiedene Gesetzesvorlagen eingebracht, die eitle Spionage im Lande verhindern sollten; vor allem ein Gesetz über die Kontrolle der Ausländer. Es wurde darin die Bestimmung getroffen, daß sich jeder nach Rumänien kommende oder sich in Rumänien l>efindende Fremde binnen acht Tagen bei der Polizei anmelden müsse; bisher existierte eine solche Be- Stimmung nicht. Außer der Anmeldepflicht wurde noch verordnet, daß jeder Fremde eine Legitimation mit sich führen müsse, in der eine ausdrückliche Aufenthaltserlaubnis enthalten ist. Macht sich ein Fremder irgendwie mißliebig oder erscheint er verdächtig, so hat die Polizei das Recht, ihn aus der Stadt auszuvveisen, so daß er nach einer anderen Stadt sich begeben muß, wenn er nicht überhaupt des Landes verwiesen wird, eine Bestimmung, die schon früher existierte. Gegen diese Maßregeln ließe sich wohl vom Standpunkte des rumänischen Landesinteresses aus nichts einwenden, wenn nicht der Begriff ,.F re inder“ im Gesetz ein sehr unklarer wäre, so daß das Gesetz offenbar in seiner Tendenz gegen die Juden gerichtet ist Der rumänische Staat unterscheidet unter seinen Angehörigen folgende Kategorien: erstens rumänische Bürger, zweitens Fremde, wobei unterschieden wird zwischen solchen, die Angehörige ausländischer Staaten sind und solchen, die sogenannte rumänische Untertanen sind, die alle Pflichteil Rumänien gegenüber zu erfüllen haben, jedoch beinahe vollständig rechtlos sind. Der letzten Kategorie gehören fast ausschließlich die Juden an. Nur ein kleinerer Teil von ihnen sind Angehörige fremder Staaten, besonders finden sich viele österreichische Untertanen unter ihnen und einige türkische. Diese genießen natürlich den Schutz ihrer Konsuln. Einige hundert Auserwählter sind rumänische Bürger und ihre Zahl vermehrt sich jährlich um einige Exemplare, da die Verleihung des rumänischen Bürgerrechts durch die Instanz des Parlaments gehen muß und über jedes Gesuch besonders verhandelt wird. Den Bestimmungen des vorher erwähnten Gesetzes wären also die Juden in ihrer überwiegenden Mehrheit unterworfen, wenn sie auch seit Generationen in Rumänien ansässig sind, da sie ja staatsrechtlich als Fremde gelten. Die Polizei hätte dann eine vorzügliche Handhabe, die Juden zu drangsalieren, indem man ihnen dauernd mit der Ausweisung drohte, und die um das Staatswohl besorgten Organe der Polizei könnten nur beruhigt werden, wenn jeder davon Betroffene bereit wäre, zu den Einkünften der Polizei auch seinen Anteil beizutragen. Da also das Gesetz bei der unklaren Definition des Begriffs ״Fremder“ die Deutung zuließ, daß die Juden in diese Kategorie eingereiht würden, hat die ״U n i u n e a E v r e i 1 o r P a m A n - t e n i“ (der Verband der einheimischen Juden) ein Gesuch au das Parlament gerichtet, in dem der Wunsch ausgesprochen war, zusätzlich folgenden Artikel zum Gesetz zu bringen: Es solle ausdrücklich erklärt werden, daß in diesem Gesetz gegen die Spionage, das sich gegen die Fremden richtet, die Juden diesen nicht zugezählt werden. Wäre das der Fall, so wären die Juden der Willkür der Polizeibeamten vollkommen preisgegeben und die Er- Pressungen würden kein Ende nehmen. Bei den Veritandlungen sprachen zwei Deputierte, F1 e v a früher Gesandter in Rom, jedoch jetzt politisch einflußlos und Mille, der bekannte Direktor der Bukarester politischen Tageszeitungen ״Adeverul“ und ״D i in i n e a t z a“, im Sinne derjenigen, die das Gesuch an das Parlament gerichtet hatten. Ihnen erwiderte der bekannte Abgeordnete C u z a , der sich die Gelegenheit nicht entgehen ließ, in heftigsten antisemitischen Beschimpfungen über die Juden her- Zufällen. Das Gesetz, wurde auch nicht in dem vom Verband der einheimischen Juden gewünschten Sinne geändert und nur die mündliche Erklärung eines Ministers, man werde einen Unterschied zwischen Juden rumänischer und fremder Staatsangehörigkeit machen, sollte die Juden zufriedensteileil. Das Gesetz, wird also in seiner ganzen Strenge durchgeführt werden lind die Juden werden in den kleinen Städten der Moldau, wo sie in besonders großer Zahl vorhanden sind, — auf dein Lande ist ihnen das Wohnen ja verboten — der erpresserischen Willkür der Polizeibeamten ausgesetzt sein. Die allgemeine Depression hat auch auf die Entwieklung des jüdischen Lebens hemmend gewirkt. Die zionistischen Gruppen veranstalten wohl Vorträge und Versammlungen, aber man fühlt, daß das Leben weit weniger kräftig pulsiert, als es sonst der Fall war. Die größte Tätigkeit entfaltet der vor zwei Jahren gegründete j ii disch-nationale Verein ״Saron“ in Bukarest. Sein Gründer ist Herr M. Schweig, der bekannte Herausgeber der Wochenschrift ,,C 11 r i e r;1 I Israelit“. Die Veranstaltuiigen finden jeden Montag statt, in einem Saat, -'ך oft von., rneiir 11s D.i! send Personen gtfülU ist, DaJ Programm der Veranstaltungen ist gewöhnlieh ein Vortrag über allgemein-jüdische und zionistiscin Fragen, und anschließend daran folgt ein künstlerischer Teil mit musikalischen und deklamatorisehen Darbietungen, gleichfalls größtenteils jüdischen Inhalts. Die jüdische Kunst hat hier eine besondere Pflege gefunden, indem der Verein größere musikalisch-jüdische Abende gab, nach dem Vorbilde der seinerzeit in Deutschland veranstalteten jüdischen Musikabende. Unter den Vorträgen, die in letzter Zeit stattfanden, war besonders bemerkenswert eine Rede, die Herr Kretsclimar-lsracli, der aus Palästina gekommen war, über aktuelle Fragen im Judentum hielt. Der Verein hat sich auch zur Aufgabe gemacht, zionistische und jüdisch-nationale Literatur zu publizieren. So ist eben ein 240 Seiten starkes Buch erschienen, ״I 11 d i c a t 0 r u 1 Saronului“. Das Buch hat den gleichen Zweck, wie das in deutscher Sprache herausgegebene A bc- Buch und das kleine Merkbüchlei 11 mit besonderer Berücksichtigung der rumänisch-jüdischen Verhältnisse. Fs hat zum Verfasser Herrn M. Schweig, der sich durch die Herausgabe dieses Werkes ein großes Verdienst um die jüdisch-nationale Bewegung in Rumänien erworben hat. Auf den Inhalt werde ich in einem späteren Briefe näher eingehen. Der Geist des Orients und das Judentum Ein Vortrag von Martin Buber Der Vortrag, den Dr. MartinBubcr unter dem Titel ״Die Juden als Volk des Orients“ im Vortragszyklus des Kartells jiidischer Verbindungen gehalten hat, erscheint im Lanfe der nächsten Wochen im Verlag der Literarischen Anstalt Rütten & Loening in Frankfurt a. M. Der Jüdische Verlag nimmt schon jetzt Bestellungen auf diese Publikation entgegen. Wir machen darauf aufmerksam, daß sie zur Versendung an unsere Freunde im Felde empfohlen werden kann. Der Preis wird voraussichtlich 1 Mark betragen. B. Z. V. Die im Felde stehenden Mitglieder der Beiliner Zionistischen Vereinigung werden gebeten, ihre Mitgliedsbeiträge einzusenden. K a s s e n v e r w a 11 11 11 g d e r Berliner Zionistischen Vereinigung. Dr. Schwarz, Berlin-Tempelhof, Berliner Str. 120. Deutsche Weltpolitik und Türkische Entwicklung In dem vom Kartell Jüdischer V e r - bindungen zugunsten des Roten Halbmondes veranstalteten Vortragszyklus im Preußischen Abgeordnetenhaus, sprach am 17. März Dr. Ernst J a e c k h über ״D e u t s c 11 e W e 11 p o 1 i t i k und türkische Entwicklung“. Er fiihrte aus, daß die Erwartungen auf die mit Notwendigkeit erfolgende Auflösung der Türkei, die jabrzehntelang genährt worden sind, vollständig unberechtigt gewesen seien. Der türkische Orient trägt keineswegs den Keim des LJnterganges in sich. Allerdings haben sich die Mächte des Dreiverbandes systematisch bemüht, die Türkei der Auflösung zuzutreiben, weil sie sehr wohl sahen, daß eine starke türkische Entwicklung mit der Stärkung der deutschen Weltmacht- Stellung und die deutsche Weltmachtstellung mit der türkischen Entwicklung eng verknüpft seien. Die Türkei ist aber gerade durch die vom Dreiverband vorbereiteten Balkankriege gestärkt worden. Der Niedergang Vorderasiens, der durch dessen Herausdrängung aus der Weltstraße zwischen Orient und Okzident und die jabrzehntelang getriebene Politik der europäischen Mächte verschuldet sei, werde nach der siegreichen Beendigung des Krieges durch systematische Arbeit in sein Gegenteil verwandelt werden müssen. Die erste Vorbedingung für ein wirtschaftliches Aufleben des türkischen Orients hat die B! seit i eu n ff der K a,n i »ויlationen schaffen müssen. Die zweite unerläßliche Voraussetzung eines wirtschaftlichen Auf- Schwunges ist die Durchführung einer großzügigen Agrar-Reform. Das wichtigste aber ist, daß die Türkei für eine erfolgreiche Friedensarbeit das richtige Menschen m a t e r i a I bekommt, das die Durchführung reicher Kulturarbeit ermöglicht und die Entfaltung der inneren Kräfte des Orients verbürgt. Die von den Franzosen und Engländern in ihren Kolonien angewendeten Aufschließungsmcthoden, die zu einer oberflächlichen kapitalistischen Ausbeutung des Landes und damit zu einer dauernden Niederhaitung seiner Bevölkerung führen, dürfen nicht angewendet werden, weil es dem mit der Türkei verbündeten Deutschland an ihrer wirklichen inneren Kräftigung gelegen ist. Im Zusammenhang mit der Frage des Menschenmaterials erörterte der Redner, daß eine Besiedlung der Türkei durch deutsche Kolonisten nicht anzuempfehlen sei, wie es schon Generalfeldmarschall von der Goltz dem Sultan Abdul Hatnid erklärte. Darum kämen außer den Armeniern hauptsächlich die Juden als Siedler in Betracht, die schon bisher reichen Anteil an der Wirtschaftsentwicklung der Türkei genommen haben. Die Türkei könne in der Arbeit des für diese Ziele organisierten Judentums eine wertvolle Hilfe finden. Die Voraus- Setzung einer dauernden Verwendung des jüdischeri Elements als Bindeglied zwischen Orient und Okzident sei natürlich die Ottomanisierung der sich in Vorderasien ansiedelnden Juden. Die Türkei braucht ein zahlreiches Siedler-Element für Vorderasien, und die Juden bringen besondere Qualitäten mit, die für die Herstellung eines neuen Verhältnisses zwischen Orient und Okzident entscheidend werden können. Zum Schluß erörterte der Redner die Schwierigkeiten, die der wirtschaftlichen und kulturellen Entfaltung des Orients entgegenstehen, gab aber der Hoffnung Ausdruck, daß ihre Ueberwindung mit Hilfe deutscher Gewissenhaftigkeit und Energie gelingen werde. Der Vortrag fand den lebhaften Beifall der sehr zahlreichen Zuhörerschaft.

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