Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1915)
- Date
- 1915-03-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 104 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 13 Die Judenfrage Polens Von Leo Rosenberg*) II. Wir haben in unseren bisherigen Ausführungen die von nationaljüdischer Seite vertretene Auffassung des polnisch-jüdischen Problems in ihren wesentlichen Zügen zur Erörterung gebracht. Nun wollen wir sehen, in welchen Gedankengangen sich die entgegengesetzte in assimilatorisch-radikalen Kreisen bestehende Betrachtungsweise bewegt, und die logischen und realen Grundlagen einer von der unsrigen abweichenden Problemsstellung auseinandersetzen. Es wird dabei die ganze Hohlheit und Willkürlichkeit und die innere Unwahrheit der assimilatorisch-radikalen Ideenwelt klar zutage treten. Von der Existenz der jüdischen Nation wollen unsere Assimilanten mul ihre geistesverwandten Radikalen drüben wie hüben natürlich nichts wissen, ln manchen ihrer ,,Erklärungen“ lind Kundgebungen, besonders jn W a 111 z e i t e n und bei anderen ähnlichen Anlässen, wo es auf die Sympathien der jüdischen Massen abgesehen ist, ist wohl von einem ,,jüdischen Volk“ die Rede, weil nun einmal der ,,rückständige“ Massenjude eine andere Sprache kaum versteht und die Hervorhebung der Konfession von dieser Seite nur danach angetan wäre, auf seine Lachmuskeln einen unwiderstehlichen Reiz auszuüben. An der inneren Aufrichtigkeit der volksleugnerischen Ueber- Zeugungen der ,,Polen mosaischer Konfession“ darf man wohl zweifeln, sind sie doch im Gegensatz zu ihren westlichen Gesinnungsgenossen von einem frisch und mächtig pulsierenden jüdischen Volksleben umgeben. Zu gewöhnlichen Zeiten aber wird, zumal in der nichtjüdischeii Oeffentlichkeit, an den assimilatorisehen Grundsätzen mit größter Unentvvegthcit festgehalten. Aus der Negation der jüdischen Volksidee ergibt sich aber für sie ohne weiteres die Verneinung eines universalen Jmienproblems. Indem sie allen historischen Sinnes bar sind und die Gegenwart aus dem Schlüsselloch einer vorsintflutlichen Ideologie betrachten, stellen sich ihnen die hier und da auftauchenden Erscheinungen einer Judenfrage als etwas Episodenhaftes, von allen räumlichen und zeitlichen Zusammenhängen Losgelöstes, Zufälliges dar. Auch i:lie p o 111 i s c h - j ü d i s c h e Frage ist ihnen eine ״rein innere autonome“, die eine günstige Lösung nur auf polnischem '.’.״äcir olmt* ־Bä1;1.isu.s״tontt Sr-auds?•- yoUtvactvct Gruppen finden kann. Schade nur, daß sie uns nicht sagen, ob auch der polnische J u d e 1111 a 15 ein ,,rein innerer autonomer“ ist. Indern sie von den typischen, das Wesen des gesamten östlichen Judenproblems (also Polens und des angrenzenden Rußlands, sowie Galiziens und Rumäniens) bestimmender! und ausinachendei! Erscheinungen und Aetißerungen des Entwicklungs- Prozesses abstrahieren und sich auf die Erörterung sekundärer, in besonderen örtlichen Verhältnissen begriindeter Tatsachen beschränken, wird es ihnen möglieh, die po In ische Judenfrage zu isolieren und als eine rein innerpolitische Angelegenheit hin/ustellen. Ohne die von uns geschilderten tatsächlichen Verhältnisse zu leugnen, übergehen sie sie vielmehr. So löst sich für sie der historische Prozeß in eine Reihe v oti Zufälligkeit e 11 auf. Das paßt ganz zu einer Geistesrichtung, der der Opportunismus als oberster, alles Henken und Handeln zugleich beherrschender Grundsatz gilt. Es ist eine echte Vogelstraußpolitik, in Theorie wie in Praxis. In der Handhabung ihrer ausweichenden Methode bekundet nun auch der Verfasser des Aufsatzes in der Zeitschrift ,,Polen“, Herr W a s i I e w s k i, eine geradezu verblüffende Meisterschaft. Es gilt ihm, die Aufmerksamkeit von jenem elementaren wirtsehaftlichen Entwicklungsprozeß, in dein wir die eigentlichen und tiefsten Wurzeln des polniscli-jtidischen Antagonismus aufgedeckt haben, abzulenken und die bestehenden Gegensätze auf u n t e rg co rd - n e t e i d e e 1 1 e Faktoren zurückzuführen. Man wird ihm ein großes Maß advokatorischer Gewandtheit nicht absprechen können. Die grundlegenden Tatsaelien des historischen Prozesses, die in historisch gewordenen Verhältnissen begründete wirtschaftliche Sonderstellung der Juden Polens verschweigt er seinen Lesern ganz, und die Gruppierung der paar übrigbleibenden Daten, die ihm gerade in seinen Kram passen, geschieht in einer Weise, die einer bewußten Irreführung bedenklich nahekomint. Er stellt zunächst fest, daß von einem ,,jüdischen Monopol“ in Handel und Industrie des Königreichs Polen keine Rede sein kann. Als ob dies von irgend einer Seite behauptet worden wäre! Hoch dieselben statistisehen Daten, die die von niemand behauptete Allein- Iierrschaft der Juden auf diesen Gebieten widerlegen, bezeugen zugleich ihre unbestreitbare Vorherrschaft. Und auf die allein kommt es uns an. Nun möchte ich es hier dahingestellt sein lassen, ob die aus einer keineswegs einwandfreien Quelle dem heftig anti- Vergl. den ersten Artikel in der ״Jüd. Rundschau“ vom 3. d. M. semitischen und boykottistischen ,,T y g 0 d n i k I 11 ti s t r 0 \v a n v“ geschöpften Angaben unseres Verfassers*), denen zufolge ,,nur 30 Prozent der Gesamtzahl der industriellen Unternehmungen“ in jiidischen Händen sind, Anspruch auf Richtigkeit haben. Diese Angaben sind höchst unwahrscheinlich, und ihr Ursprung zeugt eher gegen, als für ihre Richtigkeit. Wer die übliche Praxis der polnischen Boykottorgane kennt, weiß, was man von den besagten ״industriellen Unternehmungen“ zu denken hat. Es sind darunter gewiß eine große Anzahl jener Schein- und Eintagsunternehmungen, die von der Boykottliga täglich aus dem Boden gestampft werden, mn an ihnen den Erfolg der antijüdischen Propaganda zu dokumentieren. Diesen ״Angaben“ steht nun eine offizielle Statistik gegenüber, wonach 35 Prozent der jüdischen Bevölkerung Polens in der Industrie engagiert sind, während die gleiche Verhältniszahl der polnischen Bevölkerung 14,1 Prozent betrifft. Das ״Uebcrgewicht“ der Juden in drei Industrien: in der Verarbeitung animalischer Roh- Stoffe (Gerbereien, Borstensortierung, Bürstenfabrikation), in der graphischen- und Papierindustrie (Papierfabriken, Zcllulosefabriken, Buchbindereien, Zigarettenhülsenfabriken, Buchdruckereien, Lithographien u. dgl.) und in der Konfektionsindustrie gibt unser Verfasser selber zu. Auch konstatiert er, daß die jüdischen Eigentümer in der Textilindustrie an Zahl der! christlichen nahezu gleichkommen (angeblich 640 gegen 615). was aber entschieden falsch ist. Man beachte, daß sich diese statistischen Ermittehingen hauptsächlich auf den ״Klang der Namen der Firmeneigentümer'‘ stützen! Da aber echtpolnische Namen unter den Juden Polens sehr zahlreich verbreitet sind, es aber umgekehrt nicht der Fall ist, müssen die Ergebnisse der nach einer derartigen ״Methode“ betriebenen Ermittelungen einigermaßen merkwürdig ausfallen. Ebenso werden alle nichtjüdischen Unternehmungen ohne weiteres zu den pol-!tischen gebucht. Die derselben Quelle entnommenen Angaben des Verfassers über den Anteil der Juden an der Holz- und Nahrungsmittelindustrie, sowie an technischen Unternehmungen haben, wie ich besonders betonen möchte, keinen größeren Anspruch auf Richtigkeit, a's die vorher angeführten. Nur in der Berg- und Hüttenindustrie ist der Anteil der Juden tatsächlich ein verhältnismäßig geringer, was allerdings nicht besagen will, daß der Anteil der Polen an diesem Industriezweig von überwiegender Bedetitung ,i«t- Die meisten upd wichtigsten BefJCfefeß , liegen ' nämlich iri־־üetr’rlinr!1en aaständisebel^lieisell- J schäften und sind von ausländischem Kapital finanziert. ln der Mineralindustrie (Zement, Gips, Kalk, Ziegeleien usw.) bilden die jüdischen Unternehmungen etwa die Hälfte der Gesamtzahl. Noch günstiger liegen die Verhältnisse im Handel, wo das Uebergewicht der Julien unleugbar ist. Auf dem Gebiete der Transport- und Speditionsunternehnrungen zählt unser antisemitischer Gewährsmann in der ״Illustrierten Wochenschrift“, der peinlich bemüht ist, die Rolle der Juden im Wirtschaftsleben Polens zu verkleinern, um einerseits den wirtschaftlichen Kampf gegen dieselben als tunlich und möglich hinzustellen, andererseits um die Juden Polens als ein unnützes, parasitäres Element herabzuwürdigen, - 23 jüdische Firmen neben 29 christlichen. Unter den Agentur- und Kommissionsfirmen sind 199 jüdische, 52 nichtjüdische. Auf 180 Papiergeschäften und ßudihandhingen entfallen 103 jüdische, 77 andere. In der Manufaktur und Galanterie zählt der Artikelschreiber ־. alles, ,,nach 'dem Klang der Namen der Eigentüiner“! — 2797 jüdische neben 1613 nichtjüdischen Firmen. Wirtschafts- und Industrieartikel sind Gegenstand der Unternehmung von 857 jüdischen und 696 christlichen Häusern. Dagegen soll der Handel mit chemisch-kosmetischen Artikeln nur von 220 Juden betrieben werden, neben angeblich 519 Nichtjuden, der mit Konsumartikeln von 1071 Nichtjuden neben 917 Juden. Auch sollen 503 finanzielle Unternchniungen Nichtjuden gehören und bloß 140 Juden. Die Sonder- und Vorzugsstellung der Juden in der Industrie und im Handel Polens geht auch aus diesem durch und durch tendenziösen Angaben deut- * Eine öffentliche k o n f e s s i o n e 11 e Statistik der Industriellen und Kaufleute im Königreich Polen gibt es nicht. Man ist hier überhaupt auf diesem Gebiete auf die keineswegs zuverlässigen, mit pritnitiven Methoden arbeitenden Privatinstitutioneil angewiesen, die, wie alles in diesem Lande, obendrein im Dienste dieser oder jener Parteirichtung stehen. Zur Ergänzung der liier angeführten statistischen Ergebnisse sei bemerkt, daß die Juden in Polen 14 der Gesamtbevölkerung und 40•״׳ der städtischen Bevölkerung ausmachen. Im einzelnen stellen sich die Zahienverhältnisse für die Juden noch günstiger. So bilden sie in einer Reihe bedeutender größerer und kleiner Provinzstädte bis 70 und 90 «» der städtischen Bevölkerung, während sie im Gouvemement Warschau 16, im Gouvernement Petrik a u 19 1. ״ der G c s a m t bevölkerung ausmachen. Wir werden noch bei der Erörterung des Ab- und Auswanderungsproblems auf die statistischen Verhältnisse näher zurückkommen. lieh hervor. Und wohl gemerkt, dies ist der Stand der Dinge während einer gegen die Juden gerichteten infernalischen Boykotthetze und nachdem man mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln versucht hat, die wirtschaftliche Position der Juden gewaltsam zu erschüttern. So kann natürlich auch unser Verfasser nicht umhin, einen infolge wachsenden Einströmens polnischer Elemente in Handel und Industrie sich immer mehr verschärfenden Konkurrenzkampf zwischen Juden und Polen auf ökonomischem Gebiete festzustellen und seine negativen Wirkungen auf das Verhältnis zwischen Polen und Juden zu würdigen. Aber diesem Umstand wird von ihm für die Erklärung des polnisch-jüdischen Gegensatzes nur untergeordnete Bedeutung beigemessen. Der wirtschaftliche Interessengegensatz hat den bestellenden Antagonismus wohl noch mehr verschärft, aber keineswegs erst geschaffen. Wo wir eine einheitliche Entwickiungslinie konstatiert haben, sieht unser Verfasser eben nur isolierte Einzelerscheinungen. So verkennt er die inneren Zusammenhänge innerhalb jenes großen und weitverzweigten Tatsachenkomplexes, der trotz der fast unabsehbaren Mannigfaltigkeit der 'zeitlich und räumlich auseinanderliegenden Einzelerscheinungen den Inhalt eines höiieren historischen G e s a m t p r o z e s s e s ausmacht. Die Eigen- und Sonderart der jüdischen Wirtschaftsstellung in Polen wie überhaupt im gesamten Osten, die mit dem zunehmenden industriellen Fortschritt überall mächtig einsetzende Mittelstandsbewegungen, die genossenschaftlichen Bestrebungen und die Erscheinungen einer immer stärker wachsenden Ab- und Auswanderungsbewegung, alle diese Tatsachen werden von unserem Autor an und für sich erkannt und berücksichtigt, aber nicht in ihrer vollen und wahren Bedeutung im Rahmen eines einheitlichen Gesamtprozesses gewürdigt. Nur so wird es ihm möglich, an jener von assimilatorischen Hohlköpfen unermüdlich und mit Nachdruck propagierten Behauptung, die polnisch-jüdische Frage wäre eine ,,rein innere autonome“, die ,,eine günstige Lösung allein auf polnischem Boden, ohne Dazwischenkunft fremder politischer Gruppen finden kann“, auch seinerseits vom Standpunkt eines seichten Optimismus festzuhalten und sie zum Ausgangs- und Endpunkt seiner Betrachtungen zu machen. Diese seine Auffassung des polnisch-jüdischen Problems sowie seine eigenen Erklärung.*- und Lösungsversuche bedürfen nun noch einer näheren Untersuchung, da sie die Quintessenz der assimilatorisch-cadikalen Ideenwelt enthält lind vielfach leider auch von hattdiialjüdischer Seite ohne eingehende Prüfung hingenommen wird. Beim Ausbleiben oder bei verspäteier Lieferung einer Nummer wollen sich die Postbezieher stets nur an den Briefträger oder die zuständige Bestell-Postanstalt wenden. Erst wenn Nachlieferung und Aufklärung nicht in angemessener Frist erfolgen, wende man sich unter Angabederbereitsunternommenen Schritte an unseren Verlag Englischer Antisemitismus ln der ״English Review“ erschien ein Artikel des bekannten Publizisten S. Graham, der der ״Nowoje Wrjemja“ alle Ehre machen würde. Wenn Rußland den Juden Gleichberechtigung gewährt — heißt es da — so werden sie sogleich ganz Rußland mit ihren Schwindel- und Schachergeschäften überschwemmen und das russische Volk ausbeuten. Die Juden sind eine gefährlichere Rasse als die Tataren; deshalb werden sie auch von den Russen ebenso gehaßt wie die Tataren. Die Juden haben die ganze russische Presse ihrem Einfluß unterworfen und benutzen ihn, um die russische Regierung überall zu verleumden. Die Juden betreiben den Frauenhandel und andere verbrecherische Geschäfte. Graham geht in diesem seinen Artikel so weit, daß er das Verhalten der russischen Regierung im Beilisprozeß zu verteidigen sucht. Seiner Ansicht nach hat Beilis am Morde gewiß Anteil genommen, wenn ihn auch