Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1915)
- Date
- 1915-03-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2651922-2651935--10062-2667446- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 102 Nr. 13 Pessach ״ln jedem Geschlecht imd Geschlecht ist der Einzelne verpflichtet, sich selbst so zu sehen, als sei er persönlich aus Mizrajim gezogen. Denn es heißt: Und du sollst verkünden deinem Sohne an jenem Tage also: Wegen dessen, was der Ewige mir getan hat bei meinem Auszug aus Mizrajim . . . Nicht unsere Väter allein hat der Heilige, gelobt sei er, erlöst, denn es heißt: Und uns hat er von dort herausgeführt, um uns zu führen und um uns zu geben das Land, das er unsern Vätern zu geschworen.“ Ewig lebt in uns, dem ewigen Volke, die Erinnerung an den Auszug aus Aegypten. Vor vielen tausend Jahren zogen unsere Väter aus dem Hause der Knechtschaft in das Land der Freiheit, nach Erez Israel. Und in allen Zeiten unserer Geschichte haben wir immer wieder das Glück dieser Erlösung erlebt. Peßach blieb uns das Fest unserer menschlichen Befreiung, das Fest, in dem unsere Sehnsucht uns mit aller Kraft ergriff, jedes Geschlecht wurde aufs neue am Peßach fest befreit und so blieb Israel jung und hoffnnngssicher in allen Zeiten. Die Völker kamen und gingen. Immer neue Unterdrücker lernten wir kennen und immer neue Hasser gingen unter in den Zeiten der Geschichte. Die Weltgeschichte hat uns nicht zu zerbrechen ver׳ mocht. Aus eigener Kraft lebten wir weiter, trotzend allen Gewalten der Völker. Wir bleiben wir, unsere Hoffnungen und unser Sein und unsere Zukunft bleiben unberührt, was auch immer geschehen mag. Erinnerungen und die freudige Gewißheit unserer unverlierbaren zukunftssicheren Hoffnungen werden uns am Peßachfest erfüllen wie in allen den Jahren seit jenem Auszug aus Aegypten, der uns zu einem Volke gemacht hat. Wenn wir die Geschichte des Auszuges lesen, dann fühlen wir, daß wir dieselben geblieben sind, die unsere Väter waren, dieselben geblieben im Guten und Schlechten. Neu ein Tvih »vuTw>Uid1 erlöst vferdte»»};״ nur ein Teil will in der Freiheit zum Volke werden, ln den Anderen ist die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Aegyptens groß. Sie werden schwach auf der beschwerlichen Wanderung. Mit dem alten Geschlecht ist das Land der Freiheit nicht zu erobern, nur die junge Generation ist wert, von einem Moses geführt zu werde#. Ja, wir sind dieselben geblieben. Nur die werden erlöst, die sich als Glieder der Gemeinschaft fühlen, unlöslich ihr eingeordnet. ״Was sagt der Böse?“ ״Was habt ihr da für einen Dienst?“ ״Ihr“ und nicht ״wir“. Damit aber, daß er sich aus der Gemeinschaft ausschloß, leugnete er die Hauptsache. Darum stumpfe ihn! die Zähne ab und sprich zu ihm: ״Eben dies tat der Ewige mir, als ich aus Mizrajitn zog.“ ״Mir“ und nicht ״dir“; denn wenn er dort gewesen wäre, er wäre nicht erlöst worden.׳“ Wir aber harren der Erlösung und arbeiten an uns, reif zu werden für das Leben im Lande der Freiheit. Wir beten heute inbrünstig darum, daß der Kern unseres Volkes in Erez Israel diese schwere Zeit überdauert. Mit aller Kraft werden wir bemüht sein, dazu zu helfen, auf daß bald in unseren Tagen das neue Judentum dort zu einem Volke werde. Zionistische Pflichten Die Zionistische Organisation hat in dieser schweren Zeit des Krieges Aufgaben zu erfüllen, deren Bedeutung für das gesamte Judentum kaum ab/.uschätzen ist. Die Zionistische Organisation ist die jüdische Organisation, die durch die Idee der nationalen Gemeinschaft, auf welche sie aufgebaut ist, und durch ihre Zusammensetzung zur Vertretung־ der Lebensinteressen des jüdischen Volkes berufen ist. Ihre Existenz zu sichern, ist vor allem die Aufgabe der Zionisten, die von dem lebendigen Gefühl durchdrungen sind, daß der Zionismus die notwendige und einzig־ mögliche Form des Willens des jüdischen Volkes zu seiner nationalen Zukunft darstellt. JUEDISCHE RUNDSCHAU Darum erwartet die Zionistische Organisation, daß kein Zionist seinen jetzt gesteigerten Pflichten der zionistischen Bewegung gegenüber untreu wird. Wenn jeder einzelne Zionist seine Pflichten der Organisation gegenüber erfüllt, wird diese stark genug bleiben, um den ihr gestellten Aufgaben gerecht zu werden. Die Leitung der Zionistischen Organisation fordert darum alle Zionisten auf, die Mahnung zur eifrigen Schekelpropaganda und zur ungesäumten Abführung der Beiträge für den Zionistischen Zentralfonds mindestens in der Höhe der vorjährigen Beiträge nicht zu überhören. Die Kraft der Zionistischen Organisation beruht auf dem Verantwortungsgefühl jedes einzelnen Zionisten! Die Versteigerung des Jüdischen Technikums in Haifa Mittwoch, den 24. März 1015, hat die öffentliehe Versteigerung des Jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina (Grund und Boden, Gebäude, Maschinen und sonstiges Inventar) stattgefunden. Das Jüdische Technikum ist vom Hilfsverein der deutschen Juden für 225 000 M. erworben worden. Außerdem Gebot des Hilfsvereins lag ein anderes nicht vor. Nachdem nun dieses traurige Kapitel in der Geschichte des jüdischen Technikums seinen Abschluß gefunden hat, glauben wir der jüdischen Oeffentlichkeit eine Aufklärung über die Veranlassung und den Verlauf dieses Konkurses, eines im jüdischen Leben wohl einzig dastehenden Vorganges, schuldig zu sein. Wir wollen und müssen uns aaf die Feststellung nackter Tatsachen beschränken. Das Gebot des Burgfriedens läßt im Augenblick Auseinandersetzungen nicht zu. Wir wissen aber wohl, daß die Judenheit der ^anaea-Welt״ die ״jnach!ger £l&lijmnjr ißf ,.dfe öffentliche!.Versteigerung und *die für sie ir.aß•‘ gebenden!Motive verlangt, unsere tatsächlichen Feststellungen richtig verstehen wird. Der Konkurs über das Vermögen des jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina (hervorgegangen aus der Wolff Wissotzky- Stiftung des Hilfsvereins der deutschen Juden) wurde auf Antrag des Hilfsvereins am 31. Dezember 1914 eröffnet. Zur Begründung des Konkursantrages legten die Antragsteller eine Bilanz vor, nach der 892 000 M. Passiven nur 284 000 M. Aktiva gegenüberstanden. Außerdem wurde behauptet, daß das Technikum nicht in der Lage sei, seinen fälligen Verpflichtungen zu genügen. Um den Sinn dieser Angaben zu verstehen, muß man wissen, daß die ״Ueberschuldung“ des Technikums nur dadurch zustande kommen konnte, daß in der Bilanz der Wert des Gebäudes nur mit 150 000 M. aufgeführt wird. Das Gebäude hat aber rund eine Million Mark gekostet. Die niedrige Angabe des Gebäudewertes wird damit begründet, daß das den Angriffen feindlicher Kriegsschiffe ausgesetzte Gebäude heute keinen höheren Veräußernngswert habe. Die 11 a s s i v a setzten sich hauptsächlich aus Darlehen des Hilfsvereins, respektive der mit ihm in Verbindung stehenden Stiftungen zusammen. Während nämlich die amerikanischen Beiträge (unter anderem die 420 000 Mark-Stiftung des Herrn Jakob Schiff) und die Gründlings- Stiftung des Hauses Wissotzky in Höhe von 215 000 M. als S c h e n k u 11 g e n gebucht worden waren und der Jüdische Nationalfonds seine zur Erwerbung des Bodens geleistete Schenkung seinen Statuten entsprechend in der Form eines unkündbaren Darlehens geleistet hatte, hat der Hilfsverein die der C ohn - O p p e n - heim- Stiftung entstammenden 300 000 M. und die 100 000 M.-Stiftung des Herrn Dr. James Simon dem Technikum nur darlehensweise zur Verfügung gestellt. Diese Darlehen in der Höhe von 400000 M. machte der Hilfsverein der deutschen Juden als Konkurs- Forderung geltend. Dazu kommt, daß die Herren Dr. Paul Nathan und Dr. James Simon als Geschäftsführer der von dem Hause Wissotzky gegründeten ״Haifa-Internat ü. m. b. H.“ auch deren Vermögen in der Höhe von 215 000 M. als Konkursforderung geltend machten. Hiernach besteht der größte Teil der Passiva des Technikums aus Posten, die zwar formell als Konkursforderungen angemeldet werden konnten, die aber tatsächlich doch den Charakter von Schenkungen trugen. Wenn sie aber jetzt unter Ausnutzung der juristischen Möglichkeiten geltend gemacht wurden, so kann dies nur' aus der Absicht erklärt werden, einen Konkursgrund durch Schaffung einer buchmäßigen Ueberschui* düng zu konstruieren. Aehnlich ist die für die Eröffnung des Konkurses notwendige Zahlungseinstellung geschaffen worden. Als Grund wurde das Vorhandensein sofort fälliger und dringender Verpflichtungen in der Höhe von 80 000 M. angegeben. Diese Summe setzt sich wie folgt zusammen: Gehalt Direktor Finkeistein . . . . M. 14 50!) ״ Max־ Hecker.000 7 ״ ״ Maler Rothschild.000 4 ״ Sekretär Eldedt .3000 ״ ״ Ingenieur Siegfried Ledermann 000 5 ״ ״ Buchhalter.000 3 ״ ״ Wächter.«)5 2 ״ ״ Brunnenmeister, Maschinenmcister usw.. 10 003 Instandhaltung des Gebäudes und der Maschinen.000 20 ״ Ausgaben für Steuer, Heizung usw. . 500 5 ״ Dienstliche Reisen usw.000 5 ״ י י J uv v# M. 80 0(» Wie die Aufstellung selbst zeigt, hätte auch von dieser Summe ein erheblicher Teil nicht während des Krieges gezahlt werden müssen. Auf diese Weise ist die Konkurseröffnung• zustande gekommen. Sie mußte die tatsächliche Wirkung haben, daß alle Faktoren außer dem Hilfsverein von der Möglichkeit, ein Mitbestinimungsrecht geltend zu machen, ausgeschalten worden sind. Der Hilfsverein verfügte über mehr als die Hälfte der Forderungen; die von Herrn -Wisssgizky tü*•-.öl!-.,...׳.-׳f .1---i.i.u u. in. b. H,“ ’ gestiftete Sum.nc * . . ״■rr Wissotzky Konkurs nicht in seinem Sinne geltend machen,* da auf Grund alter Vollmachten die Herren des Hilfsvereins Geschäftsführer dieser von ihm hegründeten G.m. b. H. waren. Daß Herr Wisst!tzky unter normalen Verhältnissen die zionistische Organisation mit seiner Vertretung betraut hätte, ist selbstverständlich. Ebenso bot der Krieg die rechtliche Handhabe, dem J ü d i*s c h e n N at io - nalfonds den Platz im Gläubigerausschuß zu verweigern. Die zionistische Organisation hat nach der Konkurseröffnung• den Vorschlag gemacht, daß die drei hauptbeteiligten Faktoren je ein Drittel der die Zahlungseinstellung herbeiführenden Verpflichtungen decken sollten und sich zur Zahlung des auf sie entfallenden Drittels bereit erklärt. Dieses Angebot hat der Hilfsverein abgelehnt. Er machte der zionistischen Organisation dagegen den Vorschlag, daß sic die laut obiger Aufstellung fehlenden 80 000 M. allein und ä fonds perdu hergeben solle; außerdem sollte sie die Verpflichtung übernehmen, im Ver- Steigerungstermin nach dem Kriege 235 000 M. zu bieten. Dieser Vorschlag war für die zionistische Organisation unannehmbar. Sie machte dafür einen Gegenvorschlag, den der Hilfsverein ablehnte. Darauf wurde seitens der zionistischen Organisation der Versuch gemacht, in persönliehen Verhandlungen eine Verständigung zu erzielen. Das Resultat war die Feststellung, daß der Hilfsverein die durch den Krieg geschaffene günstige Lage unter allen Umständen ausnutzen wolle. Er verwies die zionistische Organisation auf die Möglichkeit, im Versteigerungstermin mitzubieten. Eine Ersteigemng aber war für die zionistische Organisation naturgemäß unmöglich, da der Hilfsverein, wie viel er immer auch bieten mochte, in der Lage war, den größten Teil seines Gebots mit der Konkursquote für die von ihm vertretenen Forderungen zu verrechnen, während die zionistische Organisation fast ihr ganzes .Gebot hätte in bar bezahlen müssen. So hat der Hilfsverein das Gebäude des Technikums mit Grund und Boden und Inventar in der Versteigerung am 24. März für den Preis von 225 000 M. erworben.