Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1915)
- Date
- 1915-03-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 96 JW1DISCHE RUNDSCHAU Nr. 12 Auf den am 24. März, wieder im Abgeordnetenhaus stattfindeiiden letzten Vortrag sei schon jetzt ganz besonders aufmerksam gemacht. Dr. Alfons Ra (!11 et, der über ,,Erlebnisse in jüdischen Kolonien“ sprechen wird, ist als ■Dichter und durch seine außerordentlich lebendigen Reiseberichte aus dem Orient weiten Kreisen bekannt. Seine Erlebnisse in den jüdischen Kolonien Palästinas hat Dr. Alfons Paquet teilweise bekanntlich auch schon in der Neuen Rundschau veröffentlicht. Sein Vortrag wird natürlich vieles Neue bringen. Bodenheimer und der Jüdische Nationalfonds (Zum 50. Geburtstage von Justizrat Dr. Bodenheimer. Den 21. März 1915) Von Max Wollsteiner Als Herzl den 11. Kongreß mit den Worten: ,,Der Zionismus hat einen Jahresring angesetzt“ eröffnete, mag er wohl die Hoffnung gehabt haben, daß es nur noch einiger weniger Jahresringe bedürfe, um das Ideal, für das er lebte, verwirklicht z:u sehen. Wir, die Jünger Herzls, haben erfahren, daß eine Bewegung, wie die unselige, welche die in der Weltgeschichte einzig dastehende Repatriierung eines über die ganze Erde zerstreuten Volkes zum Ziele hat, nicht in so kurzer Zeit zuin guten Ende geführt werden kann. Wir wissen, daß die Hemmnisse und Widerstände, die unserem Ideal dauernd im Wege stehen, nur durch unablässige harte Arbeit bcseitigt werden können, und es ist ein Beweis für die Größe und die Kraft der Bewegung, daß ihr immer Männer erstehen, die gleich Herzl ihr Leben und Wirken der Bewegung und ihren Institutionen weihen. Justizrat Dr. Bodenheimer ist einer von jenen Männern, die Herzl als ״seine treuesten Soldaten“ bezeichnet hat. Bodenheimer war nationaler Jude, bevor der offizielle Zionismus erstand. Er gehörte zu jenen, die Herzl bei seinem ersten Auftreten zu jubelten und sich ihm zur Verfügung stellten. Er hat von Anfang an der Bewegung die wertvollsten Dienste geleistet, an allen den Zionismus betreffenden Angelegenheiten den regsten Anteil genommen und war stets als einer der ersten auf dem Plan, wenn es galt, unsere Bewegung zu verteidigen. Die wichtigste Institution der Bewegung, der Jüdische Nationalfonds, verdankt Bodenheimer in hohem Maße seine Popularität. Schon als Professor Schapira auf dem I. Kongresse die Idee zur Schaffung ״eines allgemeinen jiidischen Fonds“ anregte, war Bodenheitner einer der eifrigsten Verfechter dieses Gedankens; er war von Schapira zu seinem politischen Testamentsvollstrecker bestimmt und hatte aufs Eifrigste bei den Vorarbeiten für die definitive Gründling des Jüdischen Nationalfonds, dem er auch den Namen gegeben hatte, mitgearbeitet. Als Bodenheinier im April 1907 mit der obersten Leitung des Fonds betraut wurde, war der Präsidentenstuhl zwar nicht verwaist gewesen, und wenn wir heute Bodenheimer feiern, so wollen wir den ersten Präsidenten des Fonds, Johann Kremenetzky, in Wien, nicht vergessen. Ihm gebührt der dauernde Dank des jüdischen Volkes, vor allem dafür, daß er dem Fonds über die schweren Stunden seines Werdens hinweghalf, und mit Recht konnte er seinen letzten Rechenschaftsbericht mit den Worten schließen: ״Linsere Nachfolger im Amte werden eine Aussaat von Anregungen, ein beträchtliches Sammelmaterial und eine Summe von Anregungen, die wir in dem kurzen Zeitraum unseres Amtierens gesammelt, vorfinden.“'- Bei der Uebernahme der Leitung durch Bodenheimer wurde der Fonds gesetzlich incorporiert, die Vorbereitungen hier- I für hat er selbst geleitet und die Legalisierung ן bewirkt. Als er sich dem VIII. Kongresse in seiner Eigenschaft als Präsident des National- I fonds vorstellte, schloß er sein Referat mit dem Gelöbnis: ״Wir wollen mit energischem Willen, zielbcwußt, Schritt für Schritt den Boden Palästinas unserem Volke zurückgewinnen. Wir wollen mit starkem Arme den Spaten in die Erde setzen, damit wir dort Wälder von Oelbäurnen, von Palmen, Wälder zur Freude, zum Nutzen der Judenschaft pflanzen, und jeder Oelbaum, | den wir auf Palästinas Boden pflanzen, soll für uns ein Symbol sein des unerschütterlichen Willens unseres jüdischen Volkes zum Leben, zürn neuen Leben auf der alten Heimaterde.“ Und in der Tat, unter seiner Aera hat der Nationalfoncls, der sich bereits als jüdischer Volksschätz einer gewissen Popularität erfreute, einen ungeahnten Aufschwung genommen. Bodenheimers zielbewußter Energie und organisatorischer Tatkraft ist es gelungen, auf dem vorgefundenen Grundstein einen Bau zu errichten, der für alle Zeit dem genialen Baumeister den Dank des jüdischen Volkes sichert. Einige markante Zahlen seien hier für das Werden und Wachsen des Fonds unter seiner Leitung angeführt: Ende 1901 wurde mit den Sammlungen begonnen, bis zum Jahre 1907 war das höchste Jahreserträgnis: 280 000 M., im letzten Jahre unter Kremenetzkys Leitung waren es 210 000 M. Schon 1908 konnte über einen Eingang von beinahe 300 000 M. quittiert w erden. Das Jahr 1909 erbrachte 428 000 M. 1910 wurden 532 000 M. vereinnahmt. 1913 wurde die Rekordzahl von 811 000 M. erreicht. Das Vermögen des Fonds betrug 1903 381 000 M., 1907 bei der Uebernahme durch Bodenheimer etwa D/j Millionen Mark; jetzt besitzt unser Volksschätz ein Vermögen von ca. 41,2 Millionen Mark. Das sind gewaltige Ziffern, wenn man bedenkt, daß die Spenden für den Volksschatz zu einem großen Teil aus kleinen und kleinsten Summen sich zusammensetzen. Von dem Vermögen des Fonds waren 1907 nur etwa 18 0/0 in Palästina investiert, 1914 hingegen 70 0־״, und j doch sind nicht mehr als fünf Jahre vergangen, I seitdem der Nationalfonds angefangen hatte, sich I systematisch der Arbeit in Palästina zu widmen. Bodenheimer legte sein Hauptaugenmerk auf eine zweckmäßige Verwendung der Gelder in Erez- Israel. Der Nationalfonds hat während seiner Amtstätigkeit mehr als 10 000 Dunum Land erworben, 5 große Farm-Betriebe gegründet, eine Reihe Arbeiter-Kolonien errichtet und für Hunderte von landwirtschaftlichen Arbeiterfamilien Unterkunft in den Kolonien beschafft. Der Grund und Boden für fast alle neubegründeten jüdischen Institute im Lande der Väter ist mit Hilfe des Jüdischen Nationalfonds erworben worden. So /.. B. für das Technikum in Haifa, für das hebräische Gymnasium in Jaffa, für das üyinnasium in Jerusalem, für das Gebäude der Bezalel-Schule in Jerusalem, für die Bezalel-Kolonien in Ben-Schemen: auch das neue jüdische Stadtviertel Tel-Awiw bei Jaffa konnte nur mit Hilfe eines Kredites seitens des Jüdischen Nationalfonds entstehen. Der Einwanderung der yenienitisclien Juden nach Palästina hat Bodenheimer seine volle Aufmerksamkeit gewidmet. In der Erkenntnis, daß es sieh hier uni eine jüdische Bevölkerungsgruppe handelt, die bisher infolge ihrer Isoliertheit für die Gesamtheit der Juden ohne Nutzen war, die andererseits der Kolonisation in Palästina die wertvollsten Dienste leisten könne, hat der lüdische Nationalfonds es für seine Pflicht gehalten, die Einwanderung der Yemeniten in großen! Maßstabe zu ermöglichen. Und wieder war es Bodenheimer, der es durch eine energische, zielbewußte Propaganda verstanden hat, die europäische Judcnheit auf diesen versprengten Stamm hinzuweisen. Auch die Errichtung der Oppenheimersehen Siedlungsgenossenschaft in Merchawjah ist unter dem Beistand Bodenheimers vor sich gegangen. Im Frühjahr 1912 hat sich Bodenheimer selbst nach Palästina begeben, um an Ort lind Stelle sich über den Stand der jüdischen Kolonisation im allgemeinen und besonders über die Arbeit des Jüdischen Nationalfonds und über die Zukimftsmögiichkeiten, die sich ihm eröffnen, zu informieren. Er konnte mit stolzer Genugtuung in einem Bericht über die Ergebnisse seiner Reise sagen : ״Bildete der Nationalfonds vorwenigen Jahren noch eine verhältnismäßig kleine Institution, die viel versprach, aber noch wenig geleistet hatte und sich deshalb das Vertrauen der reichen Juden noch nicht hatte erwerben können, so stellt er jetzt eine der größten und wichtigsten der jüdischen Weltinstitutionen dar und kann Jahrescinnahmen aufweisen, die kaum von denen irgendeiner anderen jüdischen Körperschaft übertroffeu werden.“ Bodenheimer hat dem Jüdischen Nationalfonds treu gedient. Wir wünsehen Bodenheimer zu seinem 50. Geburtstage, daß er sieh an neuem gewaltigern Wachstum des Nationalfonds erfreuen möge, den er mit zielbewußter Tatkraft und unbeugsamen Willen in Jahren seiner Entfaltung geleitet hat. Der Vortragszyklus der :B. Z. V. Der den Vortragszyklus der Berliner Zionisti;dien Vereinigung abschließende Vortrag findet Sonnabend, den 20. März, um 9 Uhr abends, im KaffceAu stria (Potsdamer Straße) statt. Herr' Dr. Arthur Hantke wird in dem Vortrag ein aktuelles Thema behandeln. Einladungen sind auf Wunsch im Bureau der Zionistischen Vereinigung für Deutschland erhältlich. Die Geiseln von Czernowitz Nach der zweiten Besetzung von Czernowitz hatten die Russen angesehene Bürger der Stadt in 1 Gefangenschaft fortgeführt, unter ihnen den Bürgermeister von Czernowitz, Dr. S. Weißelberger und den Rechtsanwalt PhilippMenzel, die beide Führer der jüdisch-nationalen Bewegung sind. Anfang Januar befanden sie sich, wie wir der russischen Zeitung ,,Rjetseh“ entnehmen, im Dorf Ko Iba sehe wo (Gouv. Tomsk). Sie sollten gegen die in Galizien von den Oesterreichern zurückgehalteilen Familien Gerowski ausgetauscht werden. Während der diesbezüglichen Unterhandlungen lebten ’ sie in relativer Freiheit in der Stadt Wienitza. Sie mm