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Jüdische Rundschau · 1915-03-19 · Heft 12 (19.3.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 12 (19.3.1915)
Date
1915-03-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 95 Ich kann keine Worte finden, um die Reise zu beschreiben. Es war eine Reise voll Schmach und Elend, Einige Frauen kamen unterwegs nieder und starben mit ihren Kindern. Wir führten die Leichen auf den Wagen mit den lebenden Kranken und Kindem mit. Wir konnten die Toten nicht begraben, weil uns nicht erlaubt wurde, irgendwo anzuhalten. In diesem Zustand erreichten wir Warschau. Auch hier war der Ruf unseres Unglücks uns vorangeeilt und man versah uns mit Kleidung, Nahrung und Fuhrwerk. Vertreter der jüdischen Gemeinde baten die Behörden, uns zu erlauben, in die Stadt zu kommen. Hier in Warschau konnte niemand den Grund ' unserer Ausweisung begreifen, und jeder bemühte sich, etwas für uns zu tun. Die Zivilbchördcu durften den Befehl der Militärbehörden, daß wir auf die rechte Seite der Weichsel, die Praga, verbannt waren, nicht mißachten. Dieser Ort ist als Mörderhöhle bekannt, und die Warschauer Juden fürchteten, daß mau uns angreifen und töten würde. Nach dringenden Vor- Stellungen bei den städtischen Behörden willigte der Gouverneur von Warschau schließlich ein, unseren Einzug in die Stadt zu übersehen. Wir blieben daher in Warschau, dessen hilfreiche Juden Herbergen für die Heimatlosen errichteten. Das übrige ist Ihnen bekannt.“ Dies ist die ü e s c 11 i c h t e des U n t c r g a n g s von Ski e 111 ־ i e v i c e , wie sie mir der junge Mann erzählte. Er sagte mir nicht alles, und manches in seiner Erzählung habe ich hier fortgelassen. Teilweise läßt sich dies nicht wiedergeben. Die Warschauer jüdische Gemeinde stand den unglücklichen Vertriebenen bei, soweit menschliche Hilfe möglich War. Einige Wochen später, als man sie in Herbergen untergebracht hatte, konnte man die Regierung dazu bewegen, zu gestatten, daß eine jüdische Deputation Skiernieviee aufsuchte und dort nach dem Rechten sah. Inzwischen hatten eine größere Anzahl Juden die Erlaubnis erhalten, in ihre geplünderten Häuser zurückzukehren und diese gingen zusammen mit der Deputation zurück. Der Zustand, in dem sic ihre Heimat wiederfaiiden, erfüllte sie mit Bestürzung. Die Polen hatten von den jüdischen Häusern Besitz ergriffen und verweigerten den jüdischen Eigentümern den Eintritt. Sie führten die Geschäfte in den jiidischen Läden und gebärdeten sich als Eigentümer derselben. Sie lachten über die Idee, wieder fortzugehen. Die Polen setzten den Plan, welchen die judenfeindliche polnische Zeitung ״Dvva Gros hi“ bei Ausbruch des Krieges vorgeschlagen hatte, in die ■Wirklichkeit um. Diese Zeitung schrieb damals: ,,jetzt ist die Zeit für die Polen gekommen, sich des polnischen Handels zu bemächtigen und die Juden herauszuwerfen.“ Und sie warfen die Juden ganz gehörig heraus. Die jüdischen Vertreter wandten sich wiederholt an die Zivil- und Militärbehörden wegen dieser Gewalttaten, aber ihre Bemühungen waren vergeblich. ״Ihr seid im Recht,“ pflegten die Behörden zu antworten, ״aber warum macht Ihr soviel Lärm? Versucht es im Prozeßwege. Bringt die Sache vors Gericht und stellt Zeugen, um zu beweisen, daß die Häuser und Warenlager Euch gehören.“ Diese Antwort war nur ein grausamer Witz auf Kosten der Juden. Wie konnten sie Abhilfe finden' Wie konnten sie Zeugen auftreiben, wo die Juden vertrieben und die polnischen Zeugen selbst die Räuber waren? Die jüdische Deputation und die jüdischen Bewohner von Skiernieviee welche zurückgekehrt waren, scheuten keine Mühe, als sie aber erkannten, daß sie nichts erreichen konnten, verließen sie das jüdische Vierte! tränenden Auges und brachten die traurige Kunde nach Warschau. Die Juden von Skiernieviee werden lange, lange heimatlos bleiben. Die wohlhabendsten Leute müssen jetzt um Brot betteln. Sie konnten in den kurzen 24 Stunden, die man ihnen ließ, um sich zur Abreise zu rüsten, nichts von ihren Besitztümern retten.“ Dies ist nur ein kurzer Ausschnitt aus der Tragödie Israels in Polen. Kriegsbriefe deutscher und österreichischer Juden Die Kriegsbriefc deutscher und österreichischer Juden, die der Jüdische Verlag herausgibt, werden Anfang April erscheinen. Das Buch enthält ungefähr 60 Briefe jüdischer Soldaten aus Frankreich, Belgien, Ostpreußen, Russisch-Polen, Galizien und Serbien. Die Briefe spiegeln in lebendiger Weise wieder, wie Juden, die zum Judentum ein ansgesprochenes Verhältnis haben, auf die großen kriegerischen Erlebnisse als Menschen und Juden reagieren. Orthodoxe und Zionisten, Nationaljuden und ״Staatsbürger jüdischen Glaubens“ sprechen in diesen Briefen von dem, was sie gesehen und empfunden haben. Der Preis des schmucken Bändchens (gebunden) beträgt 2.50 M. Auf Wunsch versendet der Jüdische Verlag das Bändchen in einem eigens hierfür hergestellten Karton an aufgegebene Feldpostadressen (Porto 10 Pfennig). Die Juden als Volk des Orients An! 10. März hielt im dichtgefüllten Sitzungssaal des Preußischen Abgeordnetenhaus es im Rahmen des vom Kartell Jüd i s c h e r V erbindungen veranstalteten Vortragszyklus Dr. Martin Buber einen Vortrag über ״Die Juden als Volk d e s O r i e n t s“, der eigentlich das Thema ״Der Geist des Orients und das Judentum“ fassen wollte. Buber suchte in großarigelegter Zusammenfassung und tiefdringender volkspsychologischcr Untersuchung die gleichartige Struktur orientalischen Geistes als eine eigentümliche •und einheitliche Totalität aufzuzeigen. Er führte den Erweis an dem Menschen des Orients und an seiner Schöpfung, dem Geist des Orients. Der orientalische Mensch verkörpert ihm den motorischen Typus im Gegen- Vortragszyklus des Kartells Jüdischer Verbindungen veranstaltet zu Gunsten des Roten Halbmondes im Preußischen Abgeordnetenhaus (Prinz Albrechtstrahe 5) letzter Vortrag: 21. März, 8 Uhr Dr.AlfonsPaquet: Erlebnisse in jüdischen Kolonien Karten zu 2 Mark für den Vortrag bei Bote S Bock, Leipzigerstr־ und Tauenteienstr. 7, an sämtlichen Theaterkassen von A. Wertheim und tm Büro der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Sächsische Strasse 8 satz zum abendländischen, der den sensorischen darstellt. Während der Occidentale seine Empfindung aus der Welt begreift, begreift der Orientale die Welt aus seiner Empfindung. Dem Orientalen kommt der Kern und Sinn der Welt aus dem Kern und Sinn seines Lebens. Darin, daß beide in letzter Wahrheit eins sind, darin wurzelt die schöpferische Gewalt des orientalischen Geistes. Die einige Welt aber, — das ist der letzte Sinn aller asiatischen Religionen und Ideologien - soll nicht bloß konzipiert, sie soll realisiert werden. So bewährt sich der motorische Charakter des Orientalen zuhöchst in dem Pathos der Forderung. Die ,Welt harrt des Menschen, daß er sie einige. Dieses Grundprinzip des orientalischen Geistes, das zur Vollendüng durch die Tat drängt, ist im jüdischen Volk zu einer Wendung gelangt, welche das Schicksal der Menschheit für die bis zu uns reichende Epoche entschieden hat. Das jüdische Volk hat, darin seine selbständige Gestaltung«- kraft bewährend, an den geistigen Elementen des Orients eine Verinnerlichung vorgenommen. Der Jude erlebt die Entzweiung der Welt zuinnerst in sich selber als die Entzweiung seines eignen Ichs. Und er bringt die Welt zur Einheit, indem er sich selbst, durch die Unbedingtheit der Entscheidung, durch die Wahl zur Einheit bringt. Die Grundanschauung des Judenturns ist die Anschauung von dem absoluten Wert der Tat als einer Entscheidung. Dieser Akt im Judentum ist nicht nur ein ethischer, er ist der religiöse. Durch die Inbrunst seiner Forderung der U m k e 11 r hat das Judentum den Occident für die Lehre des Orients gewonnen, durch sie ist das Judentum recht eigentlich der w i r k e n d e Orient geworden. Buber untersuchte, worin der Einfluß der großen, geistigreligiösen Lehren des Orients auf das Abendland bestehe, was sie diesem gegeben haben und was der orientalische Geist Europa noch geben kann. Die Eigentümlichkeiten der jüdischen Lehre, die Alloffenheit und die Richtung auf die Tat, haben dem Geist des Orients die große Wirkung auf die Geschichte der Menschheit gebracht. Was das dauernd Zeugende im Christentum ist, sei jüdisches Urgut. Seine Schwungkraft sei immer wieder die altjüdische Forderung der unbedingten Entscheidung. Die Epoche der großen Fruchtbarkeit des jüdischen Geistes, in der auch das Urchristentum seine Wurzeln hatte, wurde durch das Verhängnis des Untergangs des jüdischen Staates zerbrochen. Dieses Ereignis hat die Geschichte des Judentums entzweigerissen, indem es das Volk der morgenländischen Erde entriß und zugleich die Kontinuität seines geistigen Werdens zerbrach. Das Schaffen des jüdischen Volkes nahm seine Kraft und Gestalt aus dem organischen Zusammenhang mit der kanaanitischen Erde. Mit ihm zerriß der Zusammenhang des jüdischen Geistes. Dazu kam, daß die spezifische Genialität des Judentums sich im Kampf des Geistes entzündete und offenbarte. Und mit der Zerstörung des jüdisehen Gemeinwesens wurde auch der fruchtbare Geisteskampf gestört, da alle geistige Kraft des Judentums sich in die Wahrung der Art sammelte. Daraus ist zu erklären, daß die späteren Geisteskämpfe im Judentum zu keiner großen Erneuerung führen konnten. Und doch besteht der Grund, auf dem einst das für das Abendland bedeutsamste Werk orientalischen Geistes entstanden ist, weiter: die Seele des Juden. Allerdings wird eine große Schöpfung, die die Kontinuität des jüdischen Werkes wieder aufnimmt, nur in der Kontinuität des palästinensischen Lebens wieder erstehen können. Wenn die jüdische Urkraft ihren mütterlichen Boden wieder berührt, wird sie wieder schöpferisch sein. Buber nennt unser Zeitalter das Zeitalter der asiatischen Krisis. Die führenden Völker des Orients sind teils unter die Gewalt, teils unter den innerlich vergewaltigenden Einfluß Europas gekommen; sie haben ihre heiligsten Güter, die großen Traditionen ihres Geistes, nicht gewahrt, ja sie haben sie zuweilen selbst preisgegeben. Die Seele Asiens wird gemordet, und es selbst tut bei diesem Morde mit Selbstbesinnung, Einkehr, Umkehr, tut not. ״Das Volk, das in dieser vorangehen muß, ist das, dessen Leben im Geiste und dessen metaphysische Schöpfung einzig im modernen Europa denen der großen orientalischen Völker verwandt ist, das deutsche Volk. Es muß sich unterfangen, eine neue Aera der E r h a 11 u n g des Orients und des Einvernehmens zwischen ihm und dem Abendland zur gegenseitigen Förderung und gemeinsamen, menschheitlicher A rbeit zu begründen. Für diese weltgeschichtliche Mission bietet sich Deutschland ein Mittlervolk dar, das alle Weisheit und Kunst des Abendlandes erworben und sein orientalisches Urwesen nicht verloren hat, das berufen und befähigt ist, Orient und Occident zu verknüpfen: das jüdische.“ Buber stellt dar, wie unter allen Nationen Europas die deutsche am stärksten auf den waneiernden Juden eingewirkt und zugleich vom Judentum die stärksten Eindrücke empfangen hat. Er glaubt, daß der Augenblick nahe sei, wo sich dieser Zusammenhang in einem Zu s a m m e n - hang der Aktivität erproben kann. Der Vortrag Dr. Martin Bnbers fesselte durch seine große Perspektive und die eindrucksvolle Formulierung geistiger Wesenszüge und zog die Zuhörer aifch durch seine Form in seinen Bann. Der dritte Vortrag des Zyklus findet am Mittwoch, den 17. März statt. Dr. Ernst Jaeckh wird über ״Deutsche Weltpolitik und türkische Entwicklung“ sprechen.

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