Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1915)
- Date
- 1915-03-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 J U E DI SC H E RUNDSCHAU Seite 97 wohnten dort im Hotel unter Polizeiaufsicht. Als die Verhandlungen nach dreimonatlicher Dauer sclieiterten, wurden sie in die Gegend von Narym versdiickt. Oesterreichische Zeitungen melden, dal! wenigstens Dr. W e i li e I b e rg e r auf der Rückkehr nach Oesterreich begriffen sei. Ob er tatsächlich freigegebcu wird, lallt sielt vorläufig nicht mit Sicherheit feststellen. Der Krieg und die Presse Wir haben immer betont, daß eine starke und selbstbewußte jüdische Presse, die die nationalen Bedürfnisse unseres Volkes versteht, seine Forderungen mit voller Hingabe vertritt und über den Fragen der Gegenwart die Zukunft des Judentums nicht vergißt, eine der wichtigsten Waffen int Kampf für die Gegenwart und Zukunft ist. Deutlicher als jemals ist die Bedeutung der jüdischen Presse in diesen Zeiten geworden. Sie vermag die jüdische Gesamtheit zusammenzuhalten, von den Leiden unserer Brüder Kenntnis zu geben, das Gewissen des Judentu ms aufzurütteln und auch der nichtjüdischen Oeffentlichkeit zu sagen, was das Schicksal der Juden ist und was wir für unsere Zukunft erwarten. Sie vermittelt unseren Brüdern, die drau- Ben im Felde stehen, wie wir in der Heimat mit ihnen leben, sie vermittelt uns, was unsere Brüder im Felde fühlen und denken und was sie an Erlebnissen der jüdischen Seele aus diesen schweren Tagen der Not heimbringen. Uns allen ist natürlich gerade unser eigenes Organ, die ״Jüdi sc he Rundschau“ teuer. Auf unsere eigene Zeitung können wir uns verlassen, sie ist wirklich die publizistische Stimme der deutsehen Zionisten. Darum ist es wichtig, daß alle Zionisten ihre Pflicht erfüllen und keiner unter den Abonnenten der Jüdischen Rundschau fehle. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß gerade in diesen Zeiten die ״Jüdische Rundschau“ leicht Eingang in nichtzionistische Kreise finden konnte. Darum möge jeder Zionist für die J ü - di sc he Rundschau Abonnenten werben. Damit arbeitet er für die Verbreitung des zionistischen Gedankens, für die Stärkung der nationalen Idee und an der Kräftigung des sich seiner Solidaritätspflicht bewußten Judentums. Redaktion und Verlag der ״Jüdischen Rundschau“ Wegen der Peßachfeiertage fällt die Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ vom 2. April aus. Palästinas Zukunft Immer wieder melden sich in Frankreich und England Stimmen, welche dafür eintreten, P a - lästina dem jüdischen Volke zu überlassen. Diese publizistischen Erörterungen sind sicherlich interessant, weil sie beweisen, daß man in England und Frankreich gerne die Sympathien der Juden sich erwürbe, die das Bündnis mit Rußland einer starken Belastungsprobe ausgesetzt hat. Wir haben zu derartigen Rufen aus dem Westen schon einmal das Wort ergriffen. Wir veröffentlichen darum diesmal, was Gustav Hcrvc in seiner ״La g u e r r e sociale“ in einem Leitartikel über die Judenfrage schreibt, und setzen dem einen Artikel entgegen, den der in Odessa erscheinende hebräische ״H a s ch i 1 o a c h“ selbst unter dem Druck der russischen Zensur wagt. Die Ausführungen Gustav Hervcs gipfeln in folgender Beurteilung der zionistischen Aussichten: ״Wenn man bei Friedensschluß auf dem Papiere erreichen sollte, und wir werden es erreichen, daß in diesen Ländern (Polen, Rumänien und Rußland) die Juden die Gleichberechtigung bekommen und nicht mehr als Parias behandelt werden, so werden sie dennoch jahrelang geistigen Leiden ausgesetzt bleiben. Die Verfolgungen haben bei Millionen von ihnen ein nationales Bewußtsein erweckt, welches mit Halbmitteln nicht mehr befriedigt werden kann. Ich habe lange den Traum der ״Zionisten“, welche fordern, daß man ihnen das Land ihrer Väter zurückerstatte, als Chimäre betrachtet. Zwar haben sich jüdische Kolonien bald da, bald dort in Palästina gebildet und solche, die als Musterkolonien wohl gezeigt haben, daß zweitausend Jahre jüdischen Lebens nicht vermocht haben, in ihnen die Eigenschaften ihrer Ahnen, der Bauern Judäas und Galiläas, zu vernichten. Aber wie konnte man hoffen, Palästina unter der türkischen Herrschaft auferstehen zu sehen? Dieser völkerbefreiende Krieg muß mit dem Auferstehen der ältesten Nation, welche die brutale Kraft zerstreut, aber nicht bezwungen hat, endigen. Juden, die ihr seit zweitausend Jahren auf Erden wandert, durch Euer Märtyrertum die Ewigkeit der Völker, die nicht sterben wollen, zeigend und bis in die Flammen der Scheiterhäufen und unter den!Messern der Mörder Euren festen Glauben an den Sieg des Rechtes über die Macht bekundend, freut Euch: Euer Messias ist nah!“ Und mm demgegenüber der Leitartikel der hebräischen Monatsschrift ״H a s c 11 i 1 o a c h“, der 1111umwunden anerkennt, was England auf kolonisatorischein und landwirtschaftlichem Gebiete fiir Palästina zu tun imstande und auch gewillt sein würde. Aber ״das alles könnte uns nur dann locken, wenn wir kein anderes Ziel vor Augen hätten, als einige Juden in höhere, bessere Lebensstellungen zu bringen. Da wir aber in erster Reihe an unser Palästina denken und an die Masse, so haben wir von einem englischen Palästina nicht viel zu erwarten. Gewiß würde England, wie es in Aegypten getan hat, den besten und ertragreichsten Boden ankaufeii. Das würde auch einzeltien Juden zugute kommen. In unserem Streben jedoch, in Palästina geordnete national-ökonomische Zustände zu schaffen, würden wir damit um keinen Schritt weiter gekommen sein. Unser Wunsch geht nicht nach reichen Juden, sondern nach jii d ischc m Reicht 11 m auf der Basis der nationalen Arbeit. Das englische Handelsvolk würde, so es festen Fuß in Palästina faßt, den Tod der jüdischen Kolonisation bedeuten, ״Zu diesen national-ökonomischen gesellen sich aber die schweren politischen Bedenken. England pflegt die okkupierten Staaten mit der Erteilung weitgehender politischer Freiheit für sich zu gewinnen. Davon würden aber, wie die Dinge heute in Palästina liegen, einzig und allein die Araber profitieren, die die Majorität im Lande sind. Wer die arabische Bcvölkerung Palästinas kennt, den muß eine solche Perspektive mit banger Sorge erfüllen. Die Juden, die kaum den siebenten Teil der Bevölkerung bilden, würden die Hand der zu Macht und Herrschaft gelangten arabischen Vettern bald genug zu spüren bekommen. ״Und gar die jüdische Kult u r und die hebräische Sprache, die noch eine gar zarte Blüte ist, und ohnedies einen bitteren Kampf nach vielen Fronten: mit Alliance, Hilfsverein, dem Jiddisehen, dem jiddisch-spaniolischen Jargon und dem Arabischen zu führen hat! Solange sich Regierung und Verwaltung neutral verhielten und zugunsten keiner dieser Sprachen umgriffen, konnte sich das Hebräische halten, um so mehr, als es der eigentliehen Landessprache, dem Arabischen, an der inneren Kraft gebrach, den Konkurrenzkampf mit dem Hebräischen aufzunehmen. Gegen das Englische würden sie alle machtlos sein. Gerade die Art der Engländer, ihre Sprache und Kultur den Vasallen- Völkern nicht aufzuzwingen, sondern sie schonend und mählich mit dem Anscheine der Absichtslosigkeit im Lande tiefe Wurzeln schlagen zu lassen, kann sich besonders in dem für alles Neue empfänglichen Palästina großen Erfolg versprechen. Man weiß es genügend aus der Geschichte, wie der Jude, dem der Sturm den Mantel seiner Eigenart nicht zu entreißen vermag, diesen willig ablegt, sobald er vom ersten blassen Strahl der Freiheitsonne heuchlerisch geküßt wird. Die Auswanderung der palästinensischen Juden nach England und Amerika würde durch die nahe Berührung mit der englischen Sprache und Kultur eine Förderung erfahren, die die ganze Arbeit von vielen Jahrzehnten in Frage stellen müßte. ״Man sieht bereits im Geiste den jüdischen lieber- Patrioten aus London in Jaffa landen, um dort oder in Jerusalem ein englisches G y nm asiu in zu gründen. Es würde ihm ein leichtes sein, die mit dem Strome schwimmende Masse für seine Zwecke zu gewinnen. Man braucht nur an die Erfolge der engfischen Mission in Palästina zu denken, die ,doch gewiß in der Sympathie der Bevölkerung für ihre letzten Zwecke keinen Rückhalt fand und der dennoch der Glanz der englischen Sprache und Kultur ein gewisses Schwergewicht verlieh. ״Sollte an Stelle Englands Frankreich seine Hand auf Palästina legen, so würden sich damit die Aussichten für uns Juden um nichts verbessern. Einen Vorteil würde es höchstens für uns bedeuten, daß Frankreich auf kolonisatorischem Gebiet weniger Energie und Tüchtigkeit entfaltet als England. Andererseits ist aber zu bedenken, daß Frankreich seinen Ehrgeiz darein setzt, aus den eroberten Staaten, nach dem Grundsatz: ״Und bist du nicht wollig“ .... französische Provinzen zu machen. Was die französische Sprache und Kultur (man vergesse nicht der antijüdischen Tätigkeit der Alliance) bereits in Palästina an schweren Schäden angcrichtet hat, bedarf keiner weiteren Erörterung. Man halte sich aber vor Augen, daß der vorher nie gekannte ״arabische A n t i s e in i t i s m u s“ von Frankreich eingeführt wurde und daß diese importierte Giftpflanze vom französischen Jesuitenorden in Palästina treulich gehütet wird. Wehe uns, wenn diese Herrschaften die Oberhand im Lande gewinnen. — — — ״Es liegt nicht in unserer Hand, der einen oder der arideren der kriegführenden Mächte zur Gewinnung Palästinas zu verhelfen. Nötig ist es aber davor zu warnen, uns voreilig in einen durch die Umstände nicht gerechtfertigten Rausch der Begeisterung hineinziehen zu lassen, der zu einer um so bittereren Enttäuschung־ führen müßte.“ Dieser hebräische Leitartikel läßt doch wohl klar erkennen, daß die nationaljüdische Bewegung selbst in Rußland sich von den Lockungen Englands nicht verführen läßt. Unruhen in Saloniki I 'rr ״M a g d e b u r g 1 s c heu Zeit ü n g“ entnehmen wir folgende Notiz Am Sonntag, den 7. Mar/, ereigneten sich schwere Unruhen in Saloniki. Auf Veranlassung von Studenten veranstaltete der i’obrl große Kundgebungen für Venisclos und gegen die Türkei. Dem Zuge der Demonstranten wurden griechische, russische, französische und englische Fahnen vorangetragen. Als die Menge ein hauptsächlich von jüdi seil er Bevö! kern 11g bewohntes Viertel der Stadt durchziehen wollte, verhinderten die Julien den Zug unter den Rufen: ״Herunter mit der russisehen Fahne, hoch König Konstantin, hoch Deutschland.“ Die russische• Fahne wurde ihren Trägern entrissen und mit Füßen getreten. Das gleiche Schicksal drohte auch den englischen und französischen Fahnen. Es entspann sich ein wütendes Handgemenge, bis es den Juden schließlich gelang, den Zug zu zerstreuen. Die Haltung der jüdischen Bevölkerung, die in allen größeren griechischen Städten einer! nicht unbedeutenden Prozentsatz der Einwohnerzahl darstellt, ist überall sehr deutschfreundlich. Das griechische Königspaar genießt in diesen Kreisen eine geradezu schwärmerische Verehrung־ wegen der mannigfaltigen Wohltaten, die die arme jüdische Bevölkerung von ihr erhalten hat. Nachrichten Berlin. Unser Gesinnungsgenosse, Rechtsanwalt Martin E x i 11 e r ־ Berlin (K. J. V.), wurde verwundet. Kriegsfreiwilliger cand. jur. Car! Be i f u s - Berkburg/Westf. (K. J. V,), ist gefallen. Unser Gesinnungsgenosse Georg Fa'l kenberg aus Oppeln/O. S., wurde mit der österreichischen Tapferkeit s m e d a i 11 c und dem Eisernen K r e 11 z ausgezeichnet. Wien. Die jüdisch-akademische FerialVerbindung ״Massada“ teilt folgendes mit: A. H. I)r. Erwin Horner, Assistent an der Wiener 2. chirurgischen Abteilung des allgemeinen Krankenhauses, wurde außertourlich Zum Regimentsarzt befördert und erhielt für tapferes und aufopferungsvolles Verhalten vor dem Feinde das S i g 11 u m 1 a u d i s (allerhöchste belobende Anerkeunung). Dieselbe Auszeichnung erhielten auch A. H. Dr. Oskar Horner, k. k. Leutnant, und A. H. Ing. Julius F r i e d, k. u. k. Leutnant (derzeit in russischer Gefangenschaft); i a. B. Alfred Reich, Adiunkl der bosn.-herzegowinischen Landesbahnen, erhielt in dieser Eigenschaft in Anerkennung vorzüglicher, von bestem Erfolge begleiteter Dienstleistung im Kriege das g o 1 d e n e Verdienstkreuz m i t der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille; Bb. Einj.-Freiw. Med. Tit.-Korp. Ludwig Geßler erkrankte an Ruhr und galt 15 Wochen fiir vermißt, er befindet sich aber, soweit derzeit bekannt, in Omsk in russischer Gefangenschaft; Bb. Ing. Gustav Ebel, der zürn Fähnrich und Bataillonsadjunkten befördert worden war, wird gleichfalls monatelang vermißt; Ing. Josef Las/.ko w i t z, A. H. des Vereins ״T11 e o d o r Herz 1“, erhielt die große s i 1 b e r 11 c T a p f e r - k e i t s!11 e d a i 11 e; Alfred B a e 11 r a c h, Vorturner des Ersten Wiener Jüd. T u r 11 v c re i 11 s, der bisher vermißt wurde, befindet sich in russischer Gefangenschaft in Kansk (Jenissei-Gouv. in Sibirien); Richard Stern, Zugsführer im Eeldjägerbat. '21, der an der Kolubra (Serbien) eine Verwundung erhielt, wurde mit der großen silbernen T a p f e r k e i t s - m e d a i 11 e ausgezeichnet. Lr ist einer unserer tätigsten Gesinnungsgenossen im Volksverein Stockerau. Berlin. Der Verband der Deutschen Juden versendet wie zu Chanukah 1914 auch zürn bevorstehenden Pellachfest eine kleine Druckschrift als ״Gruß an die jüdischen Soldaten im deutschen Heer.“ Die Schrift enthält eine dem Fest entsprechende Zusarnmcnstelhing von biblischen und Hagadah-Stelleri und Psalmen, sowie eine Predigt von Rabbiner Dr. Emil Cohn-Bonn. Sie wird vom Verbände an die jüdischen Feldgeistlichen zur Verteilung unter die Mannschaften ihres Bereichs versandt, sowie nach Möglichkeit auch anderweitig an jüdische Soldaten im Felde übermittelt. — Gemeinden oder sonstige jüdische Organisationen, die die Druckschrift jüdischen Soldaten im Felde oder in Garnisonen oder Lazaretten zukoinmcii lassen wollen, erhalten auf Wunsch Exemplare vom Bureau des Verbandes, BerlinW. 35, Potsdamerstraße 45. Der Verband hat außerdem eine hebräische Hagada an die Feldrabbiner zur Verteilung an diejenigen Soldaten versandt, die den hebräischen Text verwenden möchten und nicht etwa von anderer Seite ins Feld gesandt erhalten haben. Die Feldrabbiner aller Armeen haben dem Verbände mitgeteilt, daß sic nach Möglichkeit für die Abhaltung von Seder-Abcnden in den Truppenteilen ihrer Armee sorgen wollen. —- Beuthen, O.-S. Das Kriegsjahr ist an dem zionistischen Leben von Beuthen natürlich nicht spurlos vorübergegangen. Jedoch ist trotz naher Grenze und Operationsgebiet zionistische Betätigung in keiner Zeit ausgcblieben. Sofort nach Kriegsausbruch unternahm die N. F.-Kommission, bestehend aus Fräulein Hildegard K a m m und Herrn Hans K i 1־ s c 11 n e r, eine