Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1915)
- Date
- 1915-03-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2651922-2651933--10045-2667427- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 11 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 87 gönnen und hätte später niemals mehr Helgoland abgetreten. Und Rußland hat seit den Petersburger Tagen Bismarcks eine so ungeheure Vermehrung der Volkszahl durchgemacht, daß es, seinen natürlichen Entwicklungstendenzen folgend, zum Kampfe um die freie Durchfahrt durch die Dardanellen schreiten mußte; und da ‘ der Besitz Konstantinopels mit dem Protektorat über die Balkanstaaten, mit der Zertrümmerung Oesterreichs und der Ausdehnung der russischen Hoheit bis an die Ostalpen und das Adriatische Meer verbunden sein müßte, mußte sich Deutschland den russischen Aspirationen entgegenstellen. Nachdem die russische Expansion in Ostasien durch Japan, den englischen Verbündeten, zurückgeschlagen und wieder in den nahen Orient geleitet worden war, hatte damit auch England das Ziel seiner Einkreisungspolitik gegen Deutschland erreicht, dessen wachsender Einfluß in der Türkei zur Stärkung des ottomanischen Reiches und zur Bedrohung Aegyptens, des Schlußsteines im (jewölbe des britischen Imperialismus, führen mußte. Für Deutschland bestand und besteht die Sicherung seiner freien Entwicklung gegenüber dem britischen Imperialisnrus auf der zweifachen politischen Lebens- Versicherung; der starken Flotte, die für Englands Seemacht gefährlich geworden ist, und der Bedrohung Aegyptens durch eine starke Türkei. Deutschlands Interesse kann nur die Stärkung und Sicherung der Türkei sein. Die von den Ententemächten verfolgten Teilungspläne müssen Deutschlands schärfsten Widerstand finden, und darum sieht die Türkei in Deutschland den einzigen uneigennützigen Freund. Die Entscheidung, wer beim Auibau des Orients der Baumeister sein wird, England oder Deutschland, ist die wichtigste Frage der Auseinandersetzungen und Kämpfe. Deutschland muß es gelingen, sich seinen Anteil an der Zukunft des Orients zu sichern. Der Orient, vor allem das ganze türkische Reich, bietet einer planvollen Kulturarbeit, wie sie Deutschland leisten kann, ungeheure Möglichkeiten. Die physikalische Ertragfähigkeit ist ins Ungemessene zu steigern. Deutschland bringt hierfür die überlegene Technik und das Kapital. Es wird sich durch eine solche Kulturarbeit, die in kluger und wohlwollender Weise geleistet werden muß, die moralische Voraussetzung einer gesicherten Stellung schaffen. Das stärkste Mittel hierfür ist eine kluge Schulpolitik. Die deutsche Wissenschaft hat bewiesen, daß die Deutschen die Fähigkeit des Verständnisses für fremden, nationalen Geist besitzen. Der deutsche ldealismus und die Tatkraft deutscher Pioniere wird im Verein mit dem Einfühlungsvermögen in den Geist des Orients der deutschen Kulturpolitik im Orient ein reiches Betätigungsfeld für die Zukunft sichern. Im Anschluß an diese Auseinandersetzungen behandelte Herr Dr. Rohrbach die Bedeutung, die die zionistische Bewegung für die deutschen Bestrebungen im Orient spielen könne. Davon abgesehen, ob der Zionismus imstande sei, die Einwanderung einer großen Masse von Ostjuden nach dem Westen in den Orient abzulenken, stellte er die Frage: sind die Juden imstande, einen wichtigen Teil des Orients, wie Palästina, zu kolonisieren? Sind sie imstande, wenn sie in größerer Zahl dahin auswandern, bedeutende Kulturwerte zu produzieren? Ist zu erwarten, daß dabei gefährliche politische Konflikte vermieden werden können und ist zu erwarten, daß sich hieraus ein Nutzen für die deutsche Weltpolitik ergeben werde? Alle diese Fragen, besonders die letzte, glaubte der Redner bejahen zu können. Die Zionisten verfolgen die Idee, als ein in Palästina beheimatetes Volk, dort wieder ihre alte Sprache zur lebendigen Volks- und Gebrauchssprache zu machen. Das erscheint auf den ersten Anschein merkwürdig. Man kann aber an der Möglichkeit dieser Wiederbelebung .der hebräischen Sprache und des hebräischen Geistes nicht zweifeln, wenn man sehe, mit welcher Begeisterung und mit welchem Ernst ganz nüchterne Männer diese Bestrebungen verfechten. Die Zionisten sind natürlich selbst der Ansicht, daß neben der hebräischen Sprache für den Verkehr mit der Außenwelt eine europäische Vermittlungssprache notwendig sei. Es handelt sich nun darum, welche europäische Weltsprache es sein soll. Nach der Ansicht Herrn Dr. Rohrbachs ist für die Deutschen ein stillschweigendes Uebereinkommen mit der zionistischen Bewegung durchaus möglich, wonach die in Palästina die Wiederbelebung des hebräischen Geistes erstrebende zionistische Bewegung und das unter ihrem Einfluß stehende orientalische Judentum die deutsche Vermittlungssprache fördere. Versteht doch auch jetzt die Mehrzahl der aus dem Osten stammenden Juden die deutsche Sprache. Die Interessen des nationalen Judentums im Orient gehen anderseits mit den deutschen, nicht mit den englischen Bestrebungen parallel, da England gegenüber der in Konstantinopel konzentrierten Einheit des Islam auf seine Spaltung durch Förderung der arabischen Tendenzen hinarbeite und darum die zionistischen Bestrebungen den arabischen Aspirationen unter¬ Vortragszyklus des Kartells Jüdischer Verbindungen veranstaltet zu Gunsten des Roten Halbmondes im Preußischen Abgeordnetenhaus (Prinz Albrechtstrabe 5) Dritter Vortrag: 17. Marz, 8 Uhr Dr. Ernst Jaeckh: Deuifche Weltpolitik und türkifche Entwicklung Zum Schluß: Am 24. März Dr. Alfons Paquet: ״Erlebnisse in jüdischen Kolonien״ Karten zu 2 Mark für den Vortrag bei Bote ffi Bock, Lelpzigerstr. und Tauentelenstr. 7, an sämtlichen Theaterkassen von A. Werthelm und Im Büro der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Sächsische Strasse 8 ordnen müsse. Es bandelt sich also darum, zwischen dein Wachstum der zionistischen Bewegung und den deutschen Bestrebungen im Orient eine Interessengemeinschaft zu schaffen. Es sei zwar nicht leicht, in Palästina ein neues, starkes Leben hervorzurufen; dafür sei aber auch die zionistische Bewegung von einem hingebenden Idealismus getragen. Es muß bezweifelt werden, ob es möglich wäre, eine solche Aufschließungsarbeit bloß mit einer großen Zahl von Millionen zu leisten. Wenn jemand dazu imstande wäre, sind es nur die jüdischen Idealisten, die nicht hingehen, um Geld zu verdienen, sondern um eine Stätte zu schaffen, in der wenigstens ein Teil des jüdischen Volkes ein freies nationales Leben sich sichern kann. Die klugen Ausführungen des hervorragenden Redners machten auf die große Zuhörerschaft starken Eindruck. Den nächsten Vortrag im Vortragszyklus hält am 10. März wiederum im preußischen Abgeordnetenhaus Herr Dr. Martin Bubt r über das Thema ״Die Juden als Volk des Orients“. Am 17. März spricht Herr Dr. Ernst Jaeckh über ״Deutsche Weltpolitik und türkische Entwicklung“, am 24. März Herr Dr. Alfons Paquet über ״Erlebnisse in jüdischen Kolonien“. Der Dank der Flüchtlinge In Prag hat sich ein ״Komitee der Jitd i s c h e n Flüchtlinge a u s G a 1 i z i e n und der Bukowina“ gebildet, das u. a. auch die Herausgabe einer den Interessen der jüdischen Flüchtlinge gewidmeten Zeitschrift ״Prager Jüdische Zeitung“ plant. Wir veröffentliehen eine von diesem Komitee uns für die Oeffentlichkeit übersandte Zuschrift als ein erfreuliches Dokument für den Geist der Solidarität und für den Gemeinsinn, die in unseren vertriebenen Volksgenossen leben. Sie sind sich, trotz ihrer über alle Maßen bedrängten Lage, ihrer jüdischen Solidaritätspflicht bewußt, schließen sich zusammen, um ihren kulturellen und gesellschaftlichen Aufgaben gerecht zu werden, und bezeugen gleich bei ihrem ersten selbständigen öffentlichen Auftreten, daß sie w׳armen Dank jenen zu zollen wissen, die ihnen herzlieh und hilfsbereit entgegengekommen sind. Ihre Worte des Dankes sind wohlerwogen und vollauf berechtigt. Uns freut besonders die so warme Anerkennung, die die Kundgebung dem Wirken unseres Gesinnungsgenossen Herrn Ch. Nagler widmet. Solcher Männer vergißt das jüdische Volk mit Recht nicht! Das unterfertigte Komitee der jüdischen Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina in Prag erlaubt sich hiermit von seiner Entstehung und Begründung geziemend Mitteilung zu machen. Die Gründe dazu, daß dieses Komitee ins Leben gerufen wurde, sind die, daß es die jüdischen Flüchtlinge in Prag für nötig und gut fanden, sich ein eigenes Organ zu schaffen, das sich mit den Flüchtlingen und ihren Bedürfnissen im Rahmen der Möglichkeit befaßt. Wir wollen nicht, daß die vielen Kräfte, die in diesen großen Massen von Flüchtlingen durch die Verhältnisse gezwungen brach liegen, ganz unausgenützt bleiben. Wir müssen es freilich andern, ö#n löblichen k. k. Behörden und der "•Mühciinisclieii 8ev*§tteri?ug überlassen, für uns und unsere Bedürfnisse zu sorgen, wir wollen aber, wenn auch nicht auf materiellem Gebiete, so doch auf tausend andern ebenso notvvendigen, wie das Kulturelle, Gesellschaftliehe usw., unser Scherflein zur Erleichterung des Schicksales unserer Leidensgenossen, unserer selbst beitragen. Das Unterzeichnete Komitee, das unter dem Protektorate des bekannten Philantropen Herrn kais. Rates Robert Fuchs Edlen von Robettin ins Leben gerufen wurde, hat sich diese Aufgabe zueigen gemacht und bittet die üeffentlichkeit um ihre wohlwollende Unterstützung. Bei dieser Gelegenheit wollen wir zum ersten Male von einer öffentlichen Tribüne aus der löbl. israel. Kultusgemeinde Repräsentanz in Prag und ihrem wohlwollenden Präsidenten Herrn Dr. R o s e n b a c h e r , dem Versorgungskomitee für jüdische Flüchtlinge in Prag, insbesondere den höheren Beamten des hohen k. k. Statthalterei-Prä־ sidiuras und des Präsidiums der löblichen k. k. Polizeidirektion unseren tiefgefühlten Dank für ihr eifriges Bemühen um die Sache der Flüchtlinge ausdrücken. Die durch den Feind von ihrer Heimat vertriebenen Juden haben in [,rag ein so wohlwollendes und herzliches Entgegenkommen gefunden, daß sie sich den obgenannten k. k. Behörden und Institutionen dankbar verbunden fühlen. Die Herren Bezirkshauptmann der Statthalterei Dr. Janka und Polizei-Oberkommissär Dr. Ruß sind nicht allein Beamte, die ihres Amtes gerecht und sachlich walten, sondern, was zu ihren Ehren gesagt sei, Menschen, die für das Menschliche und für das Leiden ihrer Mitmenschen Gefühl und Verständnis haben. Mit besonderem Nachdrucke wollen wir hier des Leiters des Versorgungskomitees für jüdische Flüchtlinge in Prag, des Herrn Ch. Nagler gedenken, der für die Flüchtlinge Großes geleistet hat. Ihm und seiner aufopferungsvollen Arbeit ist die Begründung des H i 1 f s w e r k e s in Prag und seine Ausgestaltung größtenteils zu verdanken und er ist es auch, der Dank seiner Fähigkeit es verstanden hat, durdh seine Vermittlung zwischen den Flüchtlingen und den k. k. Behörden etwaige Mißverstandnisse von vornherein auszuschalten und so ein gutes Einvernehmen zwischen den k. k. Behörden und den Flüchtlingen zu fördern. Was Herr Nagler für die jüdischen Flüchtlinge in Prag geleistet hat, wird einmal in der Geschichte