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Jüdische Rundschau · 1915-03-12 · Heft 11 (12.3.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 11 (12.3.1915)
Date
1915-03-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 86 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 11 nicht zu antworten, weil er die Repliken in den einzelnen Organen der polnischen Presse als hinlänglich betrachtet. Der Verein verzichtet auf einen kollektiven Protest“. Es wäre besser gewesen, wenn der Verein der polnischen Schriftsteller und Journalisten heschlossen hätte, das seinige zu tun, um Pogrome zu verhindern, als daß er diese nichtssagende Mitteilung aussandte, die kaum jemand imponiert, jedenfalls nicht mir. Die ganze polnische Presse mit Ausnahme eines einzigen Blattes, Kurjer Lodzki, ist judenfeindlich. Da wir nicht das Ballet ״Waldemar“ miteinander aufführen sollen, dies aber Ernst ist, so führe ich heute.erst an, welche polnischen Organe antisemitisch sind: Tageszeitungen: 1. Gazeta Warszawska (Dmowski's), 2. D w a ( j rosze, 3. K u r j er Wars 7. a \v s k i, 4. Kur j e r P o r a n n v , 5. D z i e 11, b. 1) z i e n - nik Powszechny, 7. Polak Katolik, 8. W i a r u s, 9. P r a w d a (S w i e n t o c h o w s - k i ’ s), 10. S i e w a. Folgende illustrierte Zeitschriften und Wochenblätter: 1. $ w i a t, 2. T v g o d n i k I 1111 s t r o w a n y (enthielt Swientochowski’s antisemitische Aufsätze), 3. Humanista Pols'ki, 4. Mvsl N i e p o d 1 e g I a (Niemojewski’s). Antisemitische Kinderblätter: 1. Przyj a c i e 1 I>z i e c i, 2. Wies i I> w o r. Schließlich sämtliche Provinzialzeitungen. Um einfür allemal in einer keinen Widerspruch zulassenden Weise zu zeigen, wie Russisch-Polen gegen die Juden gehetzt wird, wird an einer anderen Stelle in diesem Blatte eine Kopie einer Illustration aus dem polnischen Volksblatt Wiarus wiedergegeben. Die Ueberschrift des Bildes ist Ritualmord, darunter steht: Eine Szene, wie die Juden ein Christen kind ermorden, um dessen Blut zur Herstellung des 11 n - gesäuerten Brotes zu g ewinnen, w i e dies auch im B e i I i s - P r o z e IS d a r g e t a n w urde. Ich habe in der europäischen Presse manches gesellen, worjuüei ■"סף sich geniert fühlen mußte, vorausgesetzt, daß man von Ehre weiß. Ich habe aber in meinem Leben nichts Schamloseres gesehen. Die Judenhetze der russischen Regierung Das Auslandskomitcc des Allgemeinen J ii - dis che n A r b e i t e r b u 11 d 1־ s in Litauen, Polen und Rußland (,,Bund“) versendet folgendes Dokument: Festung No wog eorgi j e \v sk. Nr. 89 27־. November 1914. Befehl an die Truppen der befestigten Zone. ln deutschen Blättern wird mitgeteilt, daß die deutschen Truppen in den russischen Juden zuverlässige Verbündete gefunden haben, die ihnen nicht bloß Proviant zustellen, sondern für sie auch die besten S p i o n e sind und ihnen jegliche Dienste — oftmals auch uneigennützig leisten, wenn dies mir den russischen Interessen zum Nachteil gereicht. Von einem Sieg der Deutschen erwarten die Juden ihre Befreiung vom Joche des Zaren und von den Verfolgungen der Polen. Aehnliche Nachrichten treffen auch fortgesetzt von den Truppen ein. Dm das Militär vor den schädlichen Umtrieben der jüdischen Bevölkerung zu bewahren, hat der Oberbefehlshaber der Truppen befohlen, bei Be- Setzung bevölkerter Ortschaften von der jüdisehe 11 B e Völker 11 n g G e 1 s e 1!1 zu nehmen und die Einwohner zu warnen, daß im .Falle einer verräterischen 1 landlung irgendeines der örtlichen Einwohner nicht nur im Zeiträume der Besetzung des Orles durch unsere Truppen, sondern auch nach deren Abzug, die Geiseln hingerichtet werden, was nötigenfalls auch zu vollstrecken ist. Bei Besetzung bevölkerter Ortschaften muß durch eine sorgfältige Durchsuchung festgestellt werden, ob nicht Vorrichtungen zum drahtlosen Telegraphieren, Signalisationsapparale, Taubenpost- Stationen, unterirdische Telcgrapheneinrichtungen u. dgl. vorhanden sind. Mit den daran beteiligten Personen ist nach der vollen Strenge des Gesetzes zu verfahren. (Vergl. Telegramm dos Generals Oranuwsky N. '3432 a. c.) Unterzeichnet: Chef der befestigten Zone, General der Kavallerie B o b v r j. Angefertigt: 2. XII. (> Uhr abends. Der oben angeführte Truppeiibefehl zeigt mit einer Anschaulichkeit, die keinem Zweifel Raum läßt, daß die höchstcrussisc he Militärbehörde sich mit der Verbreitung der Le g e n d e v o m j ii - d i s c h e ״ L andesverrat befaß t. Die Tätigkeit des Zionistischen Exekutivkomitees in Amerika (Von unserem Berichterstatter.) New York, 4. Februar 1915. In der letzten Zeit sind weniger Einzelbeiten über die Tätigkeit des Zionistischen E\ekutivkomitees in New York veröffentlicht worden. Es hat aber während der ganzen Zeit den größten Teil seiner Spannkraft und Aufmerksamkeit den zionistischen Institutionen und der Hilfe für die notleidende jüdische Bevölkerung in Palästina gewidmet. Es war das keine leichte Aufgabe in Anbetracht dessen, daß die jüdische Katastrophe überall solche ungeheuren Dirnensionen angenommen hatte. Es ist dem Zionistischen Exekutivkomitee bis jetzt gelungen, den zionistischen Institutionen in Palästina 21,700 Dollar zu überweisen. Ferner haben die Zionisten 17,908,68 Dollar nach Palästina für Hilfszwecke gesandt, außer daß noch andere, nicht-zionistische Gruppen organisiert wurden, welche durch das Zionistische Exekutivkomitee ca. 40 009 Dollar für Hilfszwecke nach Palästina gesandt haben. Schließlich hat das Zionistische Exekutivkomitee auch die l eher- Weisung von Geldern an Privatpersonen und wohltätige Anstalten in Palästina übernommen. Es ist gelungen, auf diesem Wege fernere 155 000 Dollar nach Palästina zu bringen. In diesen Zahlen steckt eine gewaltige Arbeit. Außerdem muß in Betracht gezogen werden, daß sich die amerikanischen Zionisten an der Arbeit für den jüdischen Relieffund für die an- *>wen-• Lander tmenstv ■״״bfctcilfgt־ haben. 'Es ist selbstverständlich, daß sich die führenden Zionisten, vor allem Dr. Schmarjah Levin, der allgemeinen jüdischen Hilfsaktion zur Propaganda in weitestem Maße zur Verfügung stellten. Augenblicklich ist man damit beschäftigt, ein Schiff mit Nahrungsmitteln nach Palästina zu senden, wobei die amerikanische Regierung in vornehmster Weise jeglichen Schutz gewährt. Dieses Schiff wird vom American Jewish Relief- Comittee, das das Zionistische Exekutivkomitee kooptierte, verschickt. Das Zionistische Exekutivkomitee beteiligte sich au den Kosten hierfür vorläufig mit 25 000 Dollar; außerdem hat unser Gesinnungsgenosse Nathan Straus, der in großartiger Weise seine jüdische Opferwilligkeit betätigte, 50 000 Dollar für diesen speziellen Zweck gespendet, wie er sich gerade um diese Aktion ein besonderes Verdienst erworben hat. Das Zionistische Exekutivkomitee hatte auch schon mit Erfolg die Organisierung eines neuen Marktes in Amerika für die palästinensische Orangen- und Mandelernte begonnen. Inzwischen ist leider die Ausfuhr der palästinensischen Produkte durch das allgemeine Ausfuhrverbot der Türkei unmöglich geworden. Alle diese Arbeiten waren nur durch die An- Spannung aller nationalen Energien im amerikanischen Judentum möglich. Die zionistische Organisation Amerikas hat sich in dieser Zeit vollauf bewährt. * Weitere große Aktionen sind notw endig. Wie uns aus durchaus zuverlässiger paläsfinensischer Quelle mitgeteilt wird, sind für die Aufrechterhaluing der Existenz der jüdischen Bevölkerung, sowie die Erhaltung der Kolonien Palästinas monatlich 200 000 Mark unbedingt er• forderlich. Es wird daher von den an Palästina interessierten Organisationen beabsichtigt, auch in Deutschland eine große Hilfsaktion speziell für Palästina ins Werk zu setzen. Das amerikanische Lebensmittelschiff für Palästina (Von unseren! Berichterstatter.) N e w York, 19. Februar. Die amerikanische Regierung hat das Jüdische Hilfskomitee verständigt, daß sie ihm in dem Kohlenschiff ״Vulkan“, der nach Palästina gehen wird, um dem amerikanischen Kreuzer ״Tenessee“ Kohlen zu bringen, einen größeren Raum für Lehens-, Hilfs- und Heilmittel für die jüdische Bevölkerung Palästinas zur Verfügung stellt. Das Hilfskomitee hatte die größten Schwierigkeiten, ein Schiff zu erhalten, welches Nahrungsmittel nach Palästina bringen sollte, um die Not der jüdischen Bevölkerung Palästinas zu lindern. Der Tatkraft Hermann Bernsteins, des energischen Heratisgebers der neuen jiddischen Zeitung ״Der Tag“ ist es zum großen Teil zu danken, daß die Regierung der Vereinigten Staaten das Schiff zur Verfügung stellte, weiches nun die Sendung des amerikanischen Judentums ins Land unserer Väter bringen soll. Der Sekretär der Flotte, Daniels, hat den Wünschen des Komitees gegenüber außerordentlich dankenswertes Entgegen koin me n bewiesen. Die polnische Judenfrage Nach Nachrichten, die uns auf indirektem Wege erreicht haben, haben anfangs März in Moskau und Petersburg Konferenzen bekannter im öffentlichen Leben stehender Vertreter der Russen, Polen und Juden auf Anregung liberaler russischer Parteiführer und Schriftsteiler stattgefunden, um die nationalen Probleme zu erörtern und eventuell eine Verständigung über sie anzubahnen. Hierbei haben die russisehen Vertreter anerkannt, daß die Lösung des jüdischen Problems allen anderen Reformen vorangelien müsse. Die Polen dagegen waren nicht geneigt, eine russische Einwirkung auf die polnische Judenfrage zuzulassen. Sie erklärten im übrigen, daß die Abschaffung des Ansiedlungsrayons und die absolute Sicherung des poinischen Volkes gegen jüdischen Einfluß die conditio sine qua non einer Besserung ihres Verhaltens gegen die Juden sein müssen. Bei den Verhandlungen in Petersburg sollen Professor Arabazin und Fürst Mansureff die polnischen Antisemiten sehr heftig angegriffen und die Polen als solange der Autonomie unwürdig bezeichnet haben, als sie nicht für die menschliebere und gerechtere Behandlung der Juden Garantien geschaffen hätten. Die Zukunft des Orients Im preußischen Abgeordnetenhaus sprach am 3. März irr» Rahmen eines vom Kartell Jüdischer Verbindungen zugunsten des Roten Halbmondes veranstalteten Vortragszyklus Dr. Paul Rohrbacli über ״Die Zukunft des Orients“. Der Redner erörterte zunächt die Wandlung der deutschen Weltpolitik im Verhältnis zu den an den Orientfragen interessierten Mächten, indem er mit den jetzigen Tendenzen der deutschen Weltpolitik Bismarcks Ansichten verglich. Während Bismarck es ablehnte, Deutschland in die Auseinandersetzungen im Orient verstricken zu lassen, ist heute die deutsche Weitpolitik mit der Zukunft des Orients aufs engste verknüpft. Bismarck konnte noch den Gedanken aussprechen, die Erwerbung Helgolands sei ein Fehler gewesen, weil sie Deutschland zwinge, es gegen französische Fiotienangriffe stark befestigt zu halten; Bismarck konnte erklären, Deutschland habe kein Interesse daran, Rußland die freie *Fahrt durch die Dardanellen zu mißgönnen und könnte sich auch mit der Erw'erbung Konstantinopels durch Rußland zufrieden geben: seit dieser Zeit haben sieh die Verhältnisse geändert. England hat seither Deutschland als seinen hauptsächlichen Konkurrenten, der dem englischen Imperialismus entgegentreten muß, zu bekämpfen und einzukreisen be-

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