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Jüdische Rundschau · 1915-03-05 · Heft 10 (5.3.1915) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 10 (5.3.1915)
Date
1915-03-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 80 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 10 Welt eint־ Aufgabe zu schaffen, die zu fördern gerade die vornehmsten und menschlich wertvollsten Eiemente des jüdischen Volkes sich entschlossen haben. Die jüdische Siedlung in Palästina verknüpft ihre politischen Hoffnungen mit den Interessen des Ottomanischen Reiches. Seit Jahrhunderten hat die Türkei ihre Judenfreundschaft bewiesen; die Juden sind dort niemals der! Verfolgungen ausgesetzt gewesen, die sie in anderen Ländern zu erdulden Imtten. Vor allem aber fällt den Juden innerhalb der Türkei eine ganz besondere Aufgabe zu. Die Türkei ist arm an Menschen und in ihrer wirtschaftlichen Ent- Wicklung auf allen Punkten zurückgeblieben. Im Durchschnitt kommen acht Menschen auf den Quadratkilometer. Die Zukunft des türkischen Staates hängt ab von einer durch Zuwanderung geschaffenen Volks- Vermehrung, der Hebung der Landwirtschaft, der Einführung von Industrien und der Verbreitung der europäischen Zivilisation. Durch die jüdische Kolonisation in Palästina wird der Türkei eine wirtschaftliche Bereicherung, eine Besserung der hygienischen und Sicherheits-Verhaltnisse und eine Festigung ihres gegenwärtigen Besitz- Standes erwachsen. Die Juden sind schon im eigensten Interesse ein durchaus loyales, staatstreues Element. Allen separatistischen türkenfeindlichen Bestrebungen, die etwa eine Lostrennung Palästinas von der Türkei bezwecken, werden sie sich mit aller Kraft entgegenstellen. Mit der jüdischen Einwanderung, welche sich nicht nur nach Palästina, sondern auch nach den anderen türkischen Gebieten richten würde für diese Einwanderung kommen in erster Linie Juden des Ostens und Amerikas in Betracht —, ward .Menschenmaterial, Kapital und Intelligenz in die Türkei strömen, welche solchen Zustrom für ihre Entwicklung dringend braucht. Die Juden bedeuten für die türkische Regierung eine Stärkung der Zentralgewalt und würden ihr auch in vielen Zweigen der Verwaltung wertvolle Dienste leisten können. ln vollem Umfang werden die Juden ihre Rolle im Orient nur innerhalb der türkischen Reichsgrenzen spielen können. Ihre politische Stellung ist gefährdet, wenn die Türkei besiegt und aufgeteilt wird. Trotz aller wiederholt bewiesenen Judenfreundschaft und trotz aller Bemühungen der englischen Presse um die Gunst des nationalen Judentums würde England nicht in der Lage sein, die Interessen der Juden in Palästina wirksam zu fördern. Palästina würde dann das Grenzgebiet des großen arabischen Kolonialreiches werden. Schon geographisch würden diese jetzt im Zentrum des Reiches gelegenen jüdischen Siedlungen dadurch alle die Möglichkeiten verlieren, die sie in der Türkei haben. In der Türkei sind sie die gegebenen Mittler zwischen Asien, Afrika und Europa, das ausgleichende Element zwischen Orient und Okzident, unter der Zahl verschiedener Volkselemente ein durch Staatstreue und wirtschaftliche Bedeutung der Zentralregierung besonders wertvoll^; Volksteil. Im arabischen Reiche, das England zu gründen hofft, liegt der Schwerpunkt in Mekka oder Kairo, wo ein neues Khalifat dann zweifellos zur Entstehung gelangen würde. Allein die Rücksicht auf die neu zu gewinnenden 12 Millionen Araber wird die Richtlinie der englischen Politik bestimmen müssen und dadurch werden alle Erwartungen der jüdischen Kolonisation, die sich innerhalb des unangetasteten Besitzstandes der Türkei frei entfalten könnte, vernichtet, ln einen! organisch sich entwickelnden ottomanischen Reiche wird den Juden, die, wie schon ausgeführt, keinerlei territorial-politische Be- Strebungen haben, immer die Möglichkeit zur Pflege und Förderung ihrer geistigen und kulturellen Interessen gegeben sein. Da es im deutschen Interesse liegt, den türkischen Besitzstand zu wahren und die Konsolidierung des türkischen Reiches zu fördern, so erhält dadurch der Zionismus für Deutschland erhebliehe Bedeutung. Für die kulturellen und Wirtschaftliehen Interessen Deutschlands können die Juden des Orients überaus wichtig werden. Der Orient braucht eine europäische Sprache, und auch die Juden, die dort als Volkssprache hebräisch sprechen, beherrschen natürlich wie jedes orientalischc Volk daneben mindestens eine, meist aber mehrere europäische Sprachen. Unter allen europäischen Sprachen liegt den Juden die deutsche am nächsten; die überwiegende Mehrheit des jüdischen Volkes spricht oder versteht wenigstens deutsch. Dazu kommt, daß der jüdische Nationalismus besonders enge Beziehungen zur deutschen Kultur hat. Die Werke des europäischen Geisteslebens, die an! stärksten auf die zionistische Bewegung eingewirkt haben, sind fast ausschließlich in deutscher Sprache geschrieben, und in dem Moment, in dem Deutschland sein Interesse an einer jüdischen Einwanderung in alle Teile des türkischen Reiches, vornehmlich aber nach Palästina, unzweideutig zu erkennen gibt, werden die Juden ganz von selbst die kulturellen Interessen Deutschlands durch Einführung des Deutschen als der europäischen Sprache an allen ihren Schulen und durch Stellungnahme ihrer Presse im Orient fördern. Für die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und dem Orient werden die Juden von außerordentlicher Bedeutung־ sein. Sie werden dem deutschen Handel im Orient Wege ebnen, der deutschen Industrie neue Absatzgebiete eröffnen und überhaupt die wirtschaftlichen Mittler zwischen der orientalischen Welt und dem Deutschtum werden. Es kommt natürlich darauf an, daß die deutsche Politik, die ein ernsthaftes Interesse an der Erhaltung und Entwicklung der Türkei hat, die Bedeutung des dort zu neuem Lehen erwachenden jüdischen Volkes richtig cinzuschätzen versteht und sich für die Kolonisation der türkischen Länder, insbesonclere Palästinas, durch Juden einsetzt. Wirtschaftspolitisch würde Deutschland dadurch nicht nur im Orient, sondern in der ganzen Welt wertvollste Förderung erfahren. Jedes Eintreten für die Juden Palästinas wird die Judenhcit aller Länder, auch der jetzt feindlichen, mit größter Dankbarkeit erfüllen. Zahlreiche während des Krieges verlorengegangene wirtschaftliche Zusammenhänge lassen sich leicht wiedcrhcrstdlen und befestigen, wenn die jüdische Kolonisation sich des verständnisvollen Wohlwollens und der Förderung des deutschen Reiches erfreut. Das Nationaljudentuin will seine Zukuiiftshoffinnigen im türkischen Reiche verwirklicht sehen; Deutschland wünscht die Erhaltung und Entwicklung der Türkei. Die Zeit ist gekommen, in der deutsche Politiker sich mit der Frage des Zionismus vom deutschen Standpunkte aus beschäftigen müssen. Hier sollte zunächst andeutend auf gewisse allgemeine Zusammenhänge hingewiesen werden. Der Sederabend unserer Soldaten (Die neue Liebesgabcn-Aktion.) Unser Aufruf in der vorigen Nummer hat lebhaften Beifall bei unseren Freunden gefunden. Es haben sich schon zahlreiche Vereinigungen und Korporationen bereit erklärt, die Aktion durch eifrige Sammlungen bei ihren Mitgliedern zu unterstützen. Aber die Zeit drängt, das Peßachfest steht vor der Tür. Wir bitten daher alle unsere Freunde noch einmal aufs Eindringlichste, die Sammlungen für die Peßachspende sofort einzuleiten und den Erlös unverzüglich abzusenden. Da wir nur nach Maßgäbe der einlaufenden Mittel disponieren können, so ist die größte Eile notwendig. Darum noch einmal: Sendet die Spenden umgehend an Herrn Max Wollsteiner, Charlottenburg, Roscherstr. 5, Postscheck-Konto Berlin 3847. Unseren Freunden legen wir besonders ans Herz, Aktionen in den Ihnen nahestehenden Vereinen einzuleiten, um eine großzügige Förderung unserer Liebesgaben-Aktion zu erreichen. Zionistische Vereinigung für Deutschland Die Entgleisungen Ludwig Geigers Wir haben uns schon in unserer Nummer vom 5. Februar in unserem Artikel ״Die Einheit des Judentums“ mit jenen unerhörten Auslassungen Professor Ludwig Geigers befaßt, in denen dieser in der ״Allgemeinen Zeitung des Judentums“ der Ansicht Ausdruck gab, die deutschen Juden würden sich auch nach dem Kriege nicht zu Hilfsaktionen für die russischen Juden bereit finden. Wir geißelten diese Anschauung, weil wir in ihr einen leichtfertigen Angriff auf die Einheit des Judentums sehen mußten, an der wir mit um so größerem Rechte festhalten können und müssen, als unsere Stellung dem Vaterlande gegenüber nach allen Erfahrungen der letzten Monate vor den früher üblichen Anzweiflungen gesichert ist. Wir beschädigten uns mit den Auslassungen Dr. Ludwig Geigers, weil dieser doch als ein Wortführer der jüdischen Assimilation in Deutschland gilt und weil wir selbst dieser nicht Zutrauen, daß sie sieh mit solchen allen jüdischen Empfindüngen widersprechenden Gedankengängen befreunden könnte. Wir freuen uns, daß wir uns in dieser Erwartung nicht getäuscht haben. Verschiedenc jüdische Organe haben sich nach uns mit aller Schärfe gegen Geiger gekehrt. Die Veröffentlichung des Israelitischen Wochenblattes (Berlin) haben wir schon zitiert. Besonders scharf hat sich nun auch das Israelitische F a m i 1 i e n b I a 11 in Hamburg gegen Ludwig Geiger ausgesprochen, indem es in seinen von uns zitierten Aeußerungen nicht den Ausdruck einer berechtigten Vaterlandslieb e, sondern eines ü b e r s p a n n t e n C11 a 11 ־ vinismus findet. Es heißt in1 Israelitischen Familienblatt: ״Wir Juden haben aber lange und schwer genug vor diesem Kriege unter dem Zerrbilde der Vaterlandsliebe, unter der Geißel des nationalen Chauvinismus gelitten, um nicht uns zur Wehr zu setzen, wenn diese Plage in unseren eigenen Reihen sieh einzunisten droht. Zu solchen Entgleisungen rechnen wir, wenn in jetzt noch glücklicherweise vereinzelten Aeußerungen jüdischer Zeitschriften auch für die Zeit nach dem Kriege, nach dem künftigen Friedens- Schlüsse, unseren Glaubensgenossen in den jetzt uns feindlichen Ländern der ewige Kampf angesagt wird.In solchen jüdischen Preßstimmen kommt nicht Vaterlandsliebe, sondern ein häßlicher Chauvinismus wir haben für diesen Begriff nur ein Fremdwort zu Tage, von dem wir uns fernhalten müssen.“ Das Israelitische Ge m e i n d e b I a 11 in Köln nimmt in einem Artikel ״Wir und die russischen Juden“ zu derselben Frage Stellung und kann nicht umhin, gleich uns und dem Hamburger Israelitischen Familienblatt, Geigers Standpunkt abzulehnen. ״In der Sache selbst kann über unsere Auffassung kein Zweifel obwalten; denn wir haben unzählige Male auf die Not- Wendigkeit hingewiesen, unseren bedrückten Glaubensgenossen in Rußland nicht nur nach dem Kriege etwa, sondern auch schon während des Krieges, jede mögliche und erdenkliche* Hilfe zu leisten. Wir sehen in unseren russischen Glaubensbriklern weder Feinde noch Gegner Deutsch- Iands, wir sehen in ihnen nur Mußrussen, die den Kelch des Leidens jetzt bis zur Neige leeren müssen, Not und Elend erleiden, für welche kein Mitgefühl zu besitzen schon der menschlichen Natur, um wieviel mehr dem echt jüdischen Herzen zuwider laufen würde.“ Es wird in diesem Artikel sogar erfreulicherweise erklärt, daß unser Empfinden für die russischen Juden nicht erst von politischen Nebenabsichten abhängig gemacht werden dürfe. Von dieser sachlichen Zu- Stimmung abgesehen polemisiert das Kölner 1sraelitische Gemeindeblatt gegen das Hamburger Israelitische Familienblatt, weil Geiger nicht bösen Willen und tadelnswerten Chauvinismus, sondern nur eine falsche Auffassung gegebener Faktoren und eine unlogische Argumentation sich habe zu Schulden kommen lassen. Es ist nicht unsere Sache, Geigers logische Kraft gegen Geigers ethisches Empfinden in Schutz zu nehmen. Wir müssen abfcr bei dieser Gelegenheit prinzipiell feststellen, daß wir es für durchaus unangebracht halten, wenn man die Wahrung des Burgfriedens so verstehen will, daß Aeußerungen, wie die Professor Dr. Ludwig Geigers, unwidersprechen hingenommen werden müssen. Wir wissen sehr wohl, daß Herr Professor Ludwig Geiger in W'eiten Kreisen der deutschen Assimilation als enfant terrible betrachtet wird; wenn man aber eine Polemik vermeiden will, muß man Herrn Professor Geiger als Redakteur zu gröderer Vorsicht bestimmen. Darum bedauern wir es, uns heute wiederum mit einer ״Entgleisung“ in der Allgemeinen Zeitung beschäftigen m müssen, die׳ in dem Aufsatz von Dr. Egon Rosenberg behandelt wird. Ein trauriges Kapitel Die Schilderung der bestialischen Verfol> gütigen, welchen die Juden in den von Russen besetzten Kriegsgebieten ausgesetzt sind, finden auch in englischen Blättern einen gewissen Widerhall. Zwar versuchen viele englische Zeitungeu die Verbrechen der zarischen Regierung zu verschleiern und Rußland als eine Art Kultur- Staat auszugeben, aber ganz läßt sich die Wahrheit nicht unterdrücken, und so finden sich in einzelnen Blättern Besprechungen der fürchte!־- liehen Lage der Juden Rußlands. In der ״(Iontemporarv Review“ schreibt Gabriel C o s t a über die Rechtlosigkeit der Juden in Rußland. Besonders weist er auf die niederträchtige Be- Handlung hin, der die jüdischen Studentinnen in Rußland unterliegen. Er erwähnt die empörende

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