Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1915-03-05 · Heft 10 (5.3.1915) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 10 (5.3.1915)
Date
1915-03-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2651922-2651932--10036-2667417
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 10 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 79 Die politische Bedeutung des Zionismus Von V ״D a s g r 6 I! e rc 1) e u t s c 111 a 11 d W o c11 (111 s c 11 ritt f ü r d c u t s c 111־ W eitu 11 d Kol 0 11 i a 1 p o 1 i t i k“ veröffcntlicht in der Nummer v. 27. Februar dm folgenden sehr informativen Aufsatz. Wir geben ihn vollständig wieder, uni unseren Lesern zu zeigen, wie eine sehr beachtenswerte deutsche Zeitschrift, die auf dem Gebiet der auswärtigen deutsehen Politik von anerkannter Bedeutung ist, dem Zionismus gegenübersteht. lieber das Wesen des Zionismus, der in Rußland, England und Amerika schon seit Jahren die politische Welt beschäftigt, sind in Deutschland nur kleine Kreise der!1 ichtjudische 11 ()Öffentlichkeit unterrichtet. Gewisse, von den jüdischen Gegnern des Zionismus verbreitete Sehlagworte, sind bekannt geworden und haben im Sinne ihrer Verbreiter dazu beigetragen, die ernsthafte Beschäftigung mit dem Inhalt und den Zielen dieser neuen jüdischen Beweguiig zii verhindern. Was ist nun in Wahrheit Zionismus? Zionismus ist die Bewegung der Juden, die das Leben des jüdischen Volkes erneuern will. Das Judentum macht seit mehr als hundert Jahren einen Zersetzuiigsprozeß durch. Trotzdem die Auflösung des Judentums dem Außenstehenden kaum erkennbar ist lind die Volkszahl der Juden absolut noch immer im Wachsen begriffen ist -- wenn sie auch im Verhältnis zur Zahl der anderen Völker, in deren Mitte die Juden wohnen, im allgemeinen sinkt -- so ist es doch zweifellos, daß diejenigen Momente, die dein jüdischen Volke in den beiden Jahrtausenden der Diaspora die innere Kraft und Un/erstörüchkeit seiner Eigenheit gegeben haben, geschwunden sind. Bis zum Beginn des 1b. Jahrhunderts lebten die Juden in dem Empfinden, eine untrennbare mcnschliehe Einheit mit gemeinsamen Zukunftshoffmingen zu bilden. Das Gefühl der Aiiserwühltheit und der Glaube an eine gemeinsame Aufgabe lebte in ihnen, und die nationale Hoffnung, die ihnen in allen Zeiten die Kraft zum Ausharren gab, bestand in der endlichen Rückkehr nach dein Lande der Väter. Den Juden Westeuropas ist das Gemeinschaftsgefühl und damit der Gedanke an eine jüdische Zukunft von Generation zu Generation mehr geschwunden. Auch die jüdische Religion, die im Laufe des 19. Jahrhunderts durch einen fortdauernden Reformieriingsprozeß aller nationalen Beziehungen entkleidet wurde, gibt ihnen heute keinen wirklichen Zusammenhang mit der jüdischen Gemeinschaft. Die Tendenz immer größerer Schichten des westlichen Judentums besteht nunmehr in der Assimilation an die umgebenden Völker, deren Ziel ein völliger Untergang der jüdischen Gemeinschaft ist. Ob die völlige Assimilation der Juden oder auch nur der deutschen Juden überhaupt möglich ist, ist zweifelhaft. Jedenfalls handelt es sich um einen sehr lange Zeit dauernden Prozeß. Auf absehbare Zeit muß in jedem Falle mit der Existenz der Juden als besonderer Gemeinschaft gerechnet werden, und das assimilatorische ideal des gänzlichen Verschwindens ist weniger als praktische Forderung denn als Ideenrichtung zu bewerten. Gegenüber dieser Entwicklungstendenz hat sielt im Laufe der letzten drei Jahrzehnte eine große Bewegung im Judentum entwickelt, welche die Assiinilation ablehnt. Diese Bewegung ist der Zionismus. Der Zionismus fand seine Anhänger zunächst in den großen Judeutnassen des Ostens und Amerikas, die noch nicht derAssimilation anheim gefallen waren. Seine politische Führung und seine gedankliche Grundlegung gaben ihm aber im wesentlichen Juden des Westens. Diese Juden kamen aus denselben Empfindlingen und Ueberleguiigen, aus denen heraus das deutsche Volk sich zu nationaler Tat aiifgescinviingen hat, und vielfach angeregt durch die nationalen Erkenntnisse geistiger Führer des deutschen V'olkes zu der inneren Ueberzeugiing, daß es für sie ein würdiges Leben nur dann geben könne, wenn sie als Juden wieder zu eigener Leistling gelangen. Sie waren der Ansicht, daß sie nicht nur durch die Mitarbeit an dem Kulturleben anderer Völker, sondern vor allem durch die Schaffung der Voraussetzungen für eine neue jüdische Eigenkiiltur die richtige Distanz zu den Nichtjuden finden können. Der Zionismus glaubt, daß die Assimilation vom jüdischen und allgemeinen Standpunkt aus Verhängnisvoll ist. 1111 allgemeinen hat das Assimilationsideal auf die Juden moralisch ungünstig gewirkt. Ihre Z11gehörigkeit zum Judentum, dessen Inhalt ihnen nichts mehr bedeutet, empfinden sie als nutzloses Opfer, manchmal sogar als Schande. Der innerliche Verlust der jüdischen Zusammenhänge hat sie seelisch entwurzelt, die Eingliederung in eine neue Gemeinschaft wird den meisten von ihnen erst in Generationen gelingen können. Nur in Ansnahinefalleii mag es ein- /einen Individuen möglich geworden sein, aus dem Zwitterzustand des noch nicht ganz, enljiideten Menscheu zu stabilem seelischen Gleichgewicht in neuen nicht jüdischen Zusammenhängen zu gelangen. Ansteile der sittlichen Zucht und Bindung, welche bei allen Kulturvölkern durch die Pflege des religiösen Empfindens und der nationalen Ueberlieferung erstrebt wird, zeigt sich im modernen Judentum nunmehr naturgemäß ein ungebundenes auf äußerliche Ziele gerichtetes Streben. Die Empfindungen der Verautwortlichkeit für die Gesamtheit und der Verpfliciitung gegen die eigene Gemeinschaft, das stärkste sittliche Prinzip für die Erziehung, fallen fort, und an seine Stelle tritt eine asoziale, dekadente Lebensauffassung. Rein materielle Interessen und flacher Rationalismus in der Lebensauffassung werden durch die Assimilationstendenz gefördert, so daß die Assimilation, da sie nicht zu einem schnellen Verschwinden der Juden führen kann, zunächst nur die Auflösung Vortragszyklus des Kartells Jüdischer Verbindungen veranstaliet zu Gunsten des Roien Halbmondes im Preußischen Abgeordnetenhaus (Prinz Albrechtstrafte 5) Zweiter Vortrag: 10. März, 8 Uhr Dr. Martin Buber: Die Juden als Volk des Orients. Ferner: Am 17. März Dr. Ernst Jaeckh: ״Deutsche Weltpolitik und türkische Entwicklung" Am 24. März Dr. Alfons Paquet: ״Erlebnisse in jüdischen Kolonien" Karten zu 2 Mark für den Vortrag bei Bote ® Bock, Leipzigerstr. und Tauentzienstr. 7, an sämtlichen Theaterkassen von A. Wertheim und im Büro der Zlonistisdien Vereinigung für Deutschland, Sächsische Strasse 8 der starken sittlichen Mächte im Judentum erreicht. Als Prinzip erschwert sic durch die Aufgabe der religiösen und geschichtlichen Tradition die Erziehung zu charaktervollen und idealem Streben zugewandten Menschen. Diese Anschauung über die Konsequenzen der Assimilation hat im Zionismus die Sehnsucht erweckt, dem jüdischen Volk seinen Rang׳ unter den Völkern dadurch zu erobern, daß ihm wieder die Möglichkeit zur eigenen Entwicklung geschaffen wird, in der der einzelne Jude den unverlierbaren Halt für sein Leben findet. Dieser Wille zur eigenartigen Entwicklung im 'Gegensatz zum rühmlosen Untergang fand seine feste Form in der durch die Assimilation in Vergessenheit geratenen gemeinsamen Aufgabe des alten Judentunis: Palästina mit Juden zu besiedeln und in diesen palästinensischen Juden der Judenheit der Welt einen allgemein anerkannten nationalen Mittelpunkt zu geben. Alles Große, was das Judentum geschaffen hatte, war in Palästina oder im Streben nach diesem Lande entstanden. Auf dem Boden Palästinas allein kann die neue jüdische Kultur erwachsen. Die Zionisten, die nicht mehr nur empfangen wollen, sondern glauben, nur durch eigene Leistung die Achtling der anderen erringen zu können, arbeiten an der Schaffung des neuen jüdischen Geisteslebens, das allein auf dem Boden Palästinas erstellen kann. Im Jahre 1878 wurde die erste jüdische Kolonie in Palästina gegründet; damit begann die große jüdische Kolonisationstätigktut. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Tätigkeit sind folgende: Es wurden bisher vierzig Kokmien und Farmen auf einem Besitz von etwa 50 000 Hektar geschaffen. Mehr als 100 Millionen Mark sind 111 diese Kolonisation hineiiigesteckt worden. Der Wert der Siedlungen wirtl heute auf mehr als 300 Millionen Mark geschätzt. Die bisherigen Ergebnisse der ländliehen Kolonisation sind schon jetzt für das Land von holler Bedeutung. Es ist zu berücksichtigen, daß die bebaute Flache Palästinas an sich sehr gering ist. 1111 Regierungsbezirk El Kuds (Jerusalem) sind nach der amtlichen Statistik 5,28 Prozent, in der Provinz Beirut t),7<1 Prozent der Bodcniläche angebaiit. Daher spielen die den Juden gehörigen bebauten 50 000 Hektar für die Produktion des Tandes bereits eine erhebliche Rolle, namentlich auch deshalb, weil die Juden vorwiegend intciisite (lartenbaukultur treiben. Der Wert der jährlichen Oraiigeiiernte in dc11־ jüdischen Kolonien wird auf etwa 1י,_• Millionen Mark, der Wert der Mamielernte auf 1 Million Mark geschätzt. Wie außerordentlich die Wertsteigerung ist, welche das Land durch die jüdische Arbeit erfährt, mag das Beispiel der im Jahre 1878 gegründeten Kolonie Pethach Tikwah in der Nähe von Jaffa zeigen. Auf sandigem Boden angebaiit, brachte sie dem türkischen Fiskus zunächst eine Steuerleistung von (10 Mark. Heute bezahlt die Kolonie jährlich zirka 08 000 Mark Steuern. Auch die arabische Bevölkerung׳ zieht aus der jüdischen Kolonisationstätigkeit große Vorteile. Die Assanierung des Landes -. Krankenhäuser, mehrere medizinisch-wissenschaftliche Institute, zahlreiche Kolonieär/tc und Hebammen, Anpflanzung von Eukalyptusbäumen (allein 300 000 in Chederali) -״ kommt auch ihr zugute. Allein in den judäischcn Kolonien werden neben jüdischen Arbeitern ungefähr 8000 arabische beschäftigt. Die Berichte der deutschen Konsuhl lassen deutlich erkennen, wie hoch die Tätigkeit der Juden für die Entwicklung des Landes zu bewerten ist, was sie insbesondere durch Einführung neuer Arbeitsmethoden, moderner!Maschinen, Gründung einer landwirtschaftlichen Versuchsstation, Seuchenbekämpfmig־, Straßenbau usw. für die Entwicklung des Landes geleistet haben. Auch außerhalb Palästinas existieren in der Türkei jüdische Kolonien. Von den 100 000 Juden Palästinas, die heute schon ein Siebentel der Bevölkerung ausmachen, sind 12000 Bauern und landwirtschaftliche Arbeiter. Nach dem Zeugnis sachverständiger nichtjüdischer Beurteiler ist der Beweis erbracht worden, daß der Jude in Palästina, wo er sich und seinen Kindern eine neue Heimat bereiten will, imstande ist, trotzdem er seit Jahrtausenden den Zusammenhang mit der Scholle verloren hatte, ein richtiger Bauer zu werden, so gut. wie irgendein echter Bauer in irgendeinem Lande. Für die jüdische Kolonisation Palästinas haben auch nicht zionistische Juden große materielle Opfer gebracht. Gelungen ist sie aber nur durch die menschliche Umformung, die der nationale Idealismus in seinen Bekennern bewirkt hat. Es ist dem Zionismus, der im Jahre 1807 durch Theodor Herzl seine organisatorische Form fand, 'gelungen, Juden der ganzen Welt zu einer politischen Einheit zusammeiizufassen. Die zionistische Organisation hat heute 130000 Mitglieder, die regelmäßig ihre Partei- Steuer, den Schekel, entrichten. Hinter ihr stehen aber Hunderttausende nationaler Juden, die in ihr ihre politische Leitung und die Garantie für die Verwirklichung der jüdischen Hoffnungen erblicken. Sie alle hoffen, daß der in Palästina zur Leistung gesteigerte nationale Wille auch dem Judentum der Diaspora stolze Würde und neue Inhalte geben wird. Diese Hoffnungen beginnen sich zu erfüllen. Die palästinensische Siedlung hat schon in ihrer bisherigen Entwicklung gezeigt, daß das alte Orientvolk der Juden alle Eignungen zur ()rieiit-Kolonisatioii besitzt. Die Juden vertragen das Klima außerordentlich gut, sie fühlen sich im Orient heimisch. Physisch werden sie durch das Land sehr günstig beeinflußt; Juden von solcher Kraft, körperlicher Schönheit und Größe, wie sic schon heute in Palästina zu finden sind, trifft man in anderen Länden! der Welt nirgends. Die Juden Palästinas haben ferner in wenigen Jahren das Hebräische zur allgemeinen Verkehrssprache entwickelt. Durch die Einwirkung Palästinas ist eine neue hebräische Literatur entstanden; in der 111 Palästina fort entwickelten neiiliebräischeii Sprache sind Werke {geschaffen worden, deren Bedeutung von Kennern gewürdigt wird. Es sind die Anfänge eines neuen jüdischen Geisteslebens. Die Ziele des Zionismus gehen also nicht darauf hinaus, in Palästina einen selbständigen Judenstaat zu errichten; sie bestehen vielmehr darin, dem jtfdischen Volk in seiner alten Heimat einen neuen Mittelpunkt und damit dem Judentum der ganzen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.