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Jüdische Rundschau · 1915-03-05 · Heft 10 (5.3.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 10 (5.3.1915)
Date
1915-03-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 78 JU IDISCHE RUN DSC HAU Nr. 10 richtiger und heißa• Anhänglichkeit an das Land und an die polnische Kultur. Dieses Programm wurde weder gelockert, noch geschwächt durch gewisse politische Tendenzen, die sich gegen das jüdische Volk und gleichzeitig gegen unsere Strebungen richteten. Uns cm־ Ziel bleibt die E r h e b 11 n g d e r j ii d i s c h e n M a s s e : d u r c h A u f k 1;i r u n g u n d d 11 r c 11 i h r e Soli d a r i - s i e r u n g m i t de in L a 11 d 111 ־ n d in i t d e r p o 111 i s c 11 e 11 N a t i o 11.“ ״W i r gl a 11 b e 11;1 u c 11, d a 11 d i e p o 1 - nisch-jüdisc h e F r a g e ein e r ein i 11 11 e - r e a n t o 11 o me ist, di e e i 11 e g ü 11 s t i g e L ö s u 11 g a Hein a u f 11 i e s i g e 111 B o d e 11, o h 11c l) a z w i s c 11 e 11 k n n f t 1 r e 111 d e r p o 1 i - ti scher ü nippe 11 finden kann . . . Wir glauben unentwegt daran, daß die Morgenröte bürgerlicher Freiheit, nach der sich das jüdische Volk sehnt, über dem polnischen Boden alit’geheii wird. Unter diesem Banner stellen wir wachsam auf der Hut bürgerlicher (ileichbereclitigung der Juden, sowie der Verteidigung jener hehren Los u n g s w o r t e der Kult 11 r, welche die po 1!1 i s c 11 e 11 J 11 d e 11 111 i t de n Idealen des polnischen V' a t e r 1 a 11 d e s vereinen werden.“ Dieser Phraseiischwulst hätte schon als 111 e 11 s ch I i c 11 e s Dok u m e 111 unser Interesse verdient, abgesehen davon, daß das politische und nationale!Glaubensbekenntnis einer immerhin nicht ganz unbeuclitenswerten Gruppe enthält. Diese ״reifsten Elemente“ der jüdischen Bevölkerung im Königreich Polen dürften nur, wie es jedem in die spezifischen Verhältnisse im russisch-polnischen Judentum einigermaßen Eingeweihten bekannt ist, sich in jenen kleinen, immer mehr zusammenseli rümpfenden Kreisen der jüdisch-polnischen Assimilation gruppieren, die in den wütenden Stürmen des Judenhasses Schiffbrach erlitten haben und sich nunmehr an jeden Strohhalm klammern. Sie bekunden dabei zwei echt jüdische Grundeigensclraften, die Anerkennung verdienen: ungebrochene Hartnäckigkeit und unverwüstlichen Optimismus. Aber auch in jener spezifisch ' ״israelitischen“ Tugend des Katzebuckelns und des Sich-anbiederns haben sie ihre altgewohnte Meisterschaft bewahrt. 111 diesen, für Polen schicksalsschweren Tagen, machen sie wieder einen ihrer zahlreichen bisher mißglückten Versuche, auf dem etwas steilen, unzugänglichen jenseitigen Ufer Fuß zu fassen. Lovc labor lost, Wie bisher, so werden die Herrn ״Polen mosaischer Konfession“ auch jetzt bei ihren polnischen Mitbürgern schwerlich Gegenliebe finden, und die Juden Polens, für die die hochtönende Erklärung mir in zweiter Reihe bestimmt ist, werden zwar die Botschaft hören, allein der Glaube wird ihnen nach wie vor fehlen. Aber so sind wir mm unvermerkt in medias res geraten. Ihn die Gedankengäiige unserer assimilatorisch-radikalen Kreise und ihres neuen Wortführers, des Herrn Wasilewsky, vollauf verstehen und würdigen zu können, müssen wir hier zunächst zwei, auseinandergellende Auffassungeil des jüdisch-polnischen Problems zur Erörterung bringen. Die Vertreter der nationalen Auffassung des Judentums erblicken in der polnisch-jüdischen Frage einen Teil des all«eltlichen Jmleiiproblems. Den Blick immer auf die Gesamtheit riehtend, erkennen sie die unverbrüchliche Einheit aller jüdischen Volkselemaite und des in der Mannigfaltigkeit der Umstände mul (iestaltungen immer sich selbst gleidibleibenden Judcuscliicksals. Sie behaupten eine über zeitliche und räumliehe Schranken erhabene Kontinuität des jüdischen Wesens und seiner historischen Entfaltung. Es ist in glücklichen ragen eins gewesen, und es ist es auch im Unglück geblieben. Das grobe Unglück aber, das dem jüdischen Volke zugestoßeii ist, ist der Verlust seiner sozialen Selbständigkeit. Seiner sozialen, nicht politischen. Demi eine Nation baut sich nicht a׳uf den homogenen Staat, sondern auf die homogene Gesellschaft auf. Wir kennen wohl staatslose Nationen, aber keine gesellschaftslose. Rom hat den jüdischen Staat zerstört, es hat dadurch die nationale Fortexistenz gefährdet, aber nicht hoffnungslos gemacht. Erst der Vcrlust des nationalen Bodens und die Zerstreuung haben die Auflösung der j ii - d i s c h e n G e s e 11 s c h a f t unvermeidlich gemacht und damit die Grundlagen aller gesunden nationalen Fortentwicklung erschüttert. Die Juden wurden von der Urproduktion abgedrängt, die erste Depossedierung war vollzogen. Im Galut wurden sie bald in fremde Entwicklungsbaiinen gedrängt, in denen sie sich nicht entwickeln, sondern immer mehr verwickeln mußten. Nirgends im fremden Boden Wurzel fassend und mit der fremden Scholle vcrwachsend, haben sie iui jeweiligen Staats- und Wirtschaftskreis eine ausschließlich vermittcln de Stellung eingenommen. Als hin zugekommene aber waren sie von vornherein darauf angewiesen, in otfengehlicbeuen Lücke n in der wirtschaftlichen Struktur ihres neuen Wohnlandes einzudriiigcn und dieselben auszufüllen. So wurden sie schnell zu einer ״Lückenbüßer“-R»Ile verurteilt, ln dem Maße, als die wirtschaftliche Entwicklung des Landes fortschritt und die jeweiligen ״Wirtsvölker“ bald denjenigen Grad ökonomischer Fälligkeiten erlangt haben, um die Lücken in ihrem Wirtschaftssystem selbst ausfüllen zu können, wurden die bislang unentbehrlichen fremden Elemente überflüssig. Und wie sie bis dahin wegen ihrer Nützlichkeit geduldet wurden, wurden sie nun wegen ihrer Konkurrenz als lästig empfunden und verdrängt. Es ist dies der in der Geschichte unseres entwurzelten Volkstums immer wiederkehrende Prozeß der Depossedi e r u n g. 1111 frühmittelalterlichen Deutschland befaßten sich die Juden ursprünglich mit dem Großhandel; mit der durch die Kreuzzüge hervorgerufeneii Wirtschaftliehen Umwälzung entgleitet dieser Erwerbszweig immer mehr ihren Händen und sie werden zu Kleinhändlern und (ieldverleilicrn. Der neuzcitliehe Kapitalismus bringt sie in ihrer letzteren Eigenschaft auf die Höhe. Doch bald büßen sie auch liier ihre dominierende Stellung ein, ohne daß es, infolge ihrer Lage als verschwindende Minorität in einem Zentrum außerordentlicher wirtschaftlicher Prosperität, zu den eigentlichen Depossedationscrschcinungen kommt. So werden sie haltlos hin und her geworfen. Dieselbe Erscheinung, aber viel schärfe!■ ausgeprägt, tritt uns in den ursprünglich polnischen Landesteilen Preußens entgegen. Noch bis vor '20 bis 10 Jahren lagen da Handel und Handwerk in jüdischcn Händen. Mit dem zunehmenden wirtschädlichen Fortschritt werden sic allmählich vcrdrängt und depossediert mul wandern ab. Die große wirtschaftliche Prosperität Mitteldeutsch- Lands und der ungeahnte Aufschwung־ Berlins boten ihnen bald ein neues und fruchtbares Tätigkeitsfeld. Auch das aktuelle polnisch-russische Judenproblem und der immer drohender werdeutle polnisch-jüdische Antagonismus sind offenbar der Ausfluß eines gleichgearteten ökottomischen Entwicklungsprozesses. Wie überall in Vergangenheit und Gegenwart, so waren auch die aus Deutschland geflüchteten und in Polen eingewamlerteii Juden in ihrer wirtschaftlichen Betätigung■ von vornherein auf die bestellenden Lücken in der ökonomischen Struktur der polnischen Gesellschaft angewiesen. In einem Wirtschaftskreis, der nur Landadel und Bauerntum kannte, ersetzten sie den fehlenden städtischen Mittelstand. Mit der wachsenden Bedeutung der Städte und dem zunehmenden industriellen Fortschritt waren die Juden, in deren Händen alle städtischen Berufs/weige fast monopolisiert waren und die in den Städten die Mehrheit der Bevölkerang bildeten, d a z u v e r d a 1111111, in einem Lande, das ihnen nur ein W o 11111 a 11 d war und auf das sie gar keine nationale Ansprüche erhoben und erheben konnten und in einer Ge- Seilschaft, in der sie bestenfalls geduldet waren, zur V o r 11 e r r s c 11 a f t zu gelangen. Das war der Stand der Dinge vor etwa 1(1 bis H) Jahren. Nun aber kam, was kommen mußte. Mit der zunehmenden Industrialisierung des Landes und dem Zustrom der ländlichen Bevölkerung in die Städte entstand eine gewaltige .Mittels t a n d s b e w e g u n g , die zunächst ohne jede antijüdische Absicht, lediglich kraft der ihr innewohnenden natürlichen Tendenz gegen dje Juden oder doch die jüdischen Interessen gerichtet war. Die führenden Kreise der polnischen Gesellschaft haben natürlich alles getan, tun diese Bewegung zu fördern und zu steigern. Denn das Bestreben dieser vor! nationalen Größcn-Vclleitäten erfüllten Kreise ging immer dahin, jene soziale Struktur zu erlangen, die eine allseitige und ungehemmte Entfaltung der Volksindi\ iüualität ermöglichen würde. Die Polen haben eine nationale Kultur geschaffen, nun wollten sie auch eine nationale Wirtschaft zustande bringen. 111zwischen aber haben natürlich auch die Polen vieles gelernt, was ihren Ahnen von anno dazumal völlig abging. Die Mittelstandsbewegung־ nahm immer größere Dimensionen an. Das polnisclie Element drang massenhaft in die städtischeu Berufe und Erwerbszweige ein. Dazu kommt eine von vornherein gegen die Juden gerichtete, wenn auch natürlich keineswegs ausschließlich antijüdischen Bestrebungen entspningene, mit Elementargewalt um sich greifaule Geiiossenschaftsbewegung. Diese beiden Bewegungen sind es, die seit Jahr und Lag dein polnischen Judentum das Grab schaufeln. Der in den letzten Jahren in Polen entfesselte Orkan des Judenhasses und der mit infernalischer Wut betriebene Boykott gegen die Juden sind lediglich brutale Auswüchse einer an sich natürliehen Entwicklung*). Es ist deshalb nichts vcrfehlter und verkehrter, als, wie es assimilatorischradikale Optimisten geflissentlich tun, besonders diese letzteren sekundären Begleiterscheinungen hervorzuheben und sie einer zeitweiligen ״antisemitischen“ Strömung■ aufs Kerbholz zu schreiben. Wenn irgendwo, so ist es gerade in Polen ein in historisch gegebenen Verhältnissen begründeter wirtschaftlicher und sozialer Antagoiiismus, dem der Judenhaß entsprangen ist. Soziale und wirtschaftliche Prozesse aber werden von moralischen und auch politischen Uinwcr- Lunge 11 kaum berührt. Sie überleben diese und werden, aller von äußeren Faktoren ausgehenden Kompromißbestrebuiigen und Beschwichtigungsversuche spottend, immer wieder zur Quelle neuer Verwicklungen und Kämpfe. Dieses ist in grollen und umfassenden Zügen die Auffassung des polnisch-jüdischen Problems, wie sie von aller! denkfähigen Köpfen innerhalb der riationalorieiitierteii Kreise des russisch-polnischen Judentums vertreten wird. Icii beschränke mich hier auf die aus einer vertieften und folgerichtig durchgeführten nationalen und historischen Betrachtungsweise sich ergebende Problemstellung und Klärung; und zwar einerseits mit bewußter Einseitigkeit neben- und untergeordnete Entwicklungsreihen ausschaltend, anderseits von einer Erörterung der aus der Art der Problemstellung resultierenden Lösungsmögliclikeiten einstweilen absehend. Eine später folgende Auseinandersetzung mit einer entgegengesetzten Auffassung unseres Problems wird in ausgiebiger Weise die Gelegenheit bieten, den hier aufgcfülirten Gedankenbau zu erweitern und auf manches in unseren bisherigen Ausführungen nur andeutungsweise gestreifte ausführlicher zuliickzukoiniiieu. * . Die B o y k o 11 b e w e g 1111 g hat auch ein ziemlich klägliches Resultat gezeitigt und hat keineswegs vermocht, dem jüdischen Handel und Handwerk, gegen die sie gerichtet war, erliehlichen Wbbrucli zu tun. Man muß es eben mit den Schilderungen mancher publizistischen Klageweiber unserer jüdistli-polniselien Presse nicht allzu genau nehmen. Vgl, die sehr einsichtsvollen und zutreffenden Ausführungeu von L, E f r e 11 in der in Wilna erscheinenden ״Jüdischen Welt“, Juli läl I. Als Peßachgeschenk für unsere Soldaten tmammn Oasfewartiburti JiidisffißrUerlag Serif»

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