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Jüdische Rundschau · 1915-02-26 · Heft 9 (26.2.1915) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 9 (26.2.1915)
Date
1915-02-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 72 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 9 Vertrauensmänner-Sitzung der galizischen Zionisten in Wien. (Vom galizischen Berichterstatter der ״Welt“) Sonntag, den 11. d. M., um 3 Uhr nachmittags, traten die in Wien weilenden Vertrauensmänner der galizischen Zionisten im Bureau des Zionistischen Zentralkomitees Westösterreichs zu einer Sitzung zusammen. Es waren gegen 10 (iesinnuugsgeiiüssen anwesend. Die Beratungen leitete Präsident Adolf Stand. Eingehend wurden in einer langen Debatte die Aufgaben der auf Wunsch der Konferenz vom 31. Januar d. |. zu schaffenden gem e i 11 s a m e 11 0 s t e r r e i c 11 i s e 11 e n Parteirepr ä s e 111 a 11 z behandelt. Zu ihren wichtigsteil Arbeiten sollen die Verbesserung der jetzigen Lage der Flüchtlinge, die Uebenvachung der Entsclüidigungsfrage, die Organisierung der Hilfe für die in (1ali/ie!1 zurückgebliebenen Kriegs- Opfer und die Wahrnehmung der politischen Interessen der Juden gehören. In der Diskussion ergriffen das Wort die (iesinnungsgeiiosscn l)r. Kornhiiuser (Jaslo), Tropp (Stanislau), Dr. Ha Ipern (Stanislau)■, Neiger (Tarnöw), Dr. Waschitz (Lemberg), I)r. Ringel (Leinberg), Dr. Thon (Krakau), Tartakower (Brody), Dr. Syrop (Neusandez), Fast (Lemberg), Dr. Spann (Tarndw), Wechsler (Buczacz), Dr. Feldbltirn (Krakau). In die gesaintösterreichische zionistische Parteirepräsentanz wurden für die Dauer der jetzigen Zustände als Vertreter Galiziens Adolf Stand (Lemberg), Dr. Osias Thon (Krakau), Dr. Leon Silber m a 11 n (Neusandez), Dr. Anselm H a 1 - pern (Stanislau), als Stellvertreter Dr. Michael Ringe! (Lemberg), Hermann Tropp (Stanislau), Dr. Zwi Syrop (Neusandez), Joachim Neiger (Tarndw) entsendet. Eine Peßaehspende für unsere Soldaten Wir haben anläßlich des Chanukali-Festes mit Unterstützung aller deutschen Zionisten und verstandnisvoll gefördert von weiten Kreisen des deutschen Judentums unseren Freunden im Leide eine reiche Lkbesgahen-Sendnng gewidmet, lieber 2000 Pakete sind ins Feld gegangen; 1200 bis 1300 Sendungen waren für unsere (iesiiniungsgenossen bestimmt, die anderen kamen in die Hände jüdischer Soldaten, deren Adressen uns von verschiedenen Seiten mit dein Ersuchen auf gegeben worden waren, auch ihnen unsere (;!taiiiikah-Liebesgabei! zuznsehiekeii, weil sie von Hause keine (iahen erhielten. Zahllose herzliehe Dankschreiben haben uns bewiesen, da 15 wir durdi diese Aktion aufs neue die persönlichen Be- Ziehungen festgekniipit haben, die alle Zionisten mit der Organisation verbinden. Alle Empfänger unserer Clianukah-Liebesgahen emplamlen dankbar den Geist jüdischer Brüderlichkeit und nationaler Zusammengehörigkeit, dem unsere Aktion entstammte. Nun wenden wir uns wiederum an alle unsere Freunde. An 2000 jüdische Soldaten wollen wir eine Peßach-Gabe senden. Da wir die Erfahrung gemacht haben, daß unsere Freunde sich besonders herzlich der geistigen Anregung freuten, die ihnen durch die übersandte I ektiirc geboten war, senden wir diesmal P e 11 a c 11 b u e 11 e• r. Jeder Empfänger unserer Sendüng erhält zunächst die herkömmliche Flagadah in hebräischer Sprache mit deutscher Uebersetzung, außerdem aller noch das schöne, im Jüdischen Vcrlag erschienene Werk had Gadja, das Peßachbuch“. Besondere Abmachungen ermöglichen es uns, jede Sendung für den Preis von zwei Mark zu hewirken. Wir richten daher an alle unsere Freunde die Aufforderung, 1ms für die Peßach-Speiide Beiträge zukoinmen zu lassen. Da der erste Sederabcnd hereits auf Montag, den 20. März, fällt, müssen ,.vir die Bücher spätestens am 10. März verschicken, damit sie rechtzeitig hei unseren Freunden im Felde eintreffen. Da wir unsere Dispositionen nur nach Maligäbe der einlaiU'eiiden Spenden treffen können, bitten wir, mit den Sammlungen sofort zu beginnen. Unsere Freunde im Felde sollen empfinden, daß wir an ihren Sederabcnd gedacht haben! Alle Geldsendungen und Korrespondenzen bitten wir an Herrn Max W o 11 s t e i n e 1׳, Charlottenburg, Rosclierstr. 3, Postscheckkonto 3847, zu richten. Zionistische V c r e i 11 i g u 11 g für Deutschland. Die Vormauer der Christenheit Schon einmal haben wir zu der polnischen Hilfsaktion das Wort genommen, die von einem polnischen Komitee in der Schweiz, imgeleitet worden ist, dem 11. a. Henryk Sienkiewie/, und der Virtuose Paderewski ungehören. Wir mußten damals schon darauf hinweisen, daß der Name R a d e r e w s k i s , des Gründers des berüchtigten antisemitischem Hetz- Blattes ״Dva Grosehe“, für alle Juden eine deutliehe Warnung vor der Arbeit dieses Komitees sein müsse. Das polnische H i 1 f s k o in i t e e veröffentlicht nun auch in deutschen Zeitungen einen Aufruf a n die gesittete 11 N a t i o 11 e 11. So sehr wir mit allen fühlen, die zu leiden haben leidet unser Volk seihst doch am schwersten und so sehr wir die Teilnahme von Juden an allgemeinen philanthropischen Aktionen billigen, so sehr müssen wir dagegen protestieren und es bedauern, daß die Polen selbst in diesem Augenblick und bei der Durchführung einer humanitäreti Aktion ihren Antisemitismus hervorholen und die Vertretung ihrer Interessen im Rate der gesittet e n N a t i o n e n derselben Gruppe von Antisemiten übertragen, die den wüsten Boykott gegen die Juden in Polen mitorganisiert hat. Und uni so beschämender und empörender muß es empfunden werden, daß dieser Aufruf von zwei Juden mitunter/eichnet ist: den Herren Bergsohn, Präsident der Warschauer israelitischen Kultusgenieinde, und Fruchtmann, Vorstand der israelitischen Gemeinde Krakau. Diese Herren können nicht einmal die Entschuldigung Vorbringen, sie hätten vorausgesetzt, daß in dieser philanthropischen Augelegenheit der Antisemitismus schweigen werde. Denn sogar schon in dem von ihnen unterzeichneten Aufruf hat er sich seinen Platz gesichert. Der Aufruf erbittet die Sympathien und die Unter- Stützung der gesitteten Völker für das polnische Volk, das ״als Vormauer der Christenheit den Schild der europäischen Gesittung im Osten bilde“. Und ״im Namen der Lehre Christ i“ wendet sich das polnische Komitee - mit den Herren B e r g s o h 11 und F r u c h t - m a 11 n an die gesittete Menschheit. Es handelt sich nicht bloß darum, daß, wie aus dem Aufruf wohl zu ersehen ist, nur den christlichen Polen diese Wohltiitigkeitsaktion zugute kommen soll. Jeder, der die Ziele und Wege des polnischen Antisemitismus kennt, weiß genau, gegen wen die ״Vorm a u e r d e r Christ e n 11 e i t“ aufgerichtet ist. Die Russen sind ja Christen und auch sie sprechen im Namen der Lehre Christi. Mo- 11 a 111 m cd a 11 e r und Heiden gibt es im Königreich Polen nicht. Die Juden aber -- sie wissen wohl, daß sie es sind, die von dieser Vormauer aus bekämpft werden. Daß ein polnischcs Hilfskomitee selbst in einem Appell an die gesitteten Nationen, wenn auch nur für die Wissenden verständlich, die antiseniitisehen Tendenzen betont, ist ein starkes Stück. Es wird nur davon Überboten, daß jüdische Gemeindefiihrer solches Tun mit ihrem Namen decken. Der Vortragszyklus der Berliner Zionistischen Vereinigung Die beiden letzten Vorträge im Vortragszyklus der B. Z. V. werden am 9. und 1(1. März um: <) Uhr abends wieder in den P r a c ht s ä 1 e n d e s W e st e 11 s (Spiehernstralk) stattfinden. Es werden sprechen am 9. März: Dr. Julius Becker über ״D i e J u den des Ost e n s.“ am 16. März: Dr. Arthur Hantke über ״D i e Jude 11 u n d der W e 11 k r i e g.“ Bruch des Burgfriedens (Stettiner Brief.) י lm Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt am 22. Februar Herr Rechtsanwalt Dr. B r o c k - Stettin einen Vortrag über ״Auserwählte Völker“. Der Vortrag bot außer seiner ermüdenden Länge nichts außergewöhnliches und würde seinem ׳ Gedankengelialtc nach zu einer Erwähnung oder gar zu einem Berichte sicher keine Veranlassung geben. Der Vortragende hat jedoch den eigenartigen Fakt besessen, einen Angriff a u f d c 11 Z i o 11 i s 111 u s mit seinen Ausführungen zu verbinden, auf den man im neutralen Literaturverein am allerwenigsten gefallt sein durfte. Daß er dabei die Legende von der Vaterlandslosigkeit der Z i o - nisten aus der Rumpelkammer hervorholte, konnte nicht überraschen, sie gehört ja nun einmal zum eisernen Bestand des Antizioiiismus, Neu an seinen Ausführungen war nur, daß die zionistische ^Bewegung an dieser Vaterlandslosigkeit gescheitert sei. Diese Entdeckung ist um so wertvoller, als sie den einzigen Gedanken darstellt, den der Redner aus Eigenem geschöpft hat und weil sie viel zur Beruhigung der äugstliehen Gemüter beitragen wird, die noch vor gar nicht langer Zeit eine großangelegte Gegenagitation zur Bekämpfung dieser angeblich gescheiterten Bewegung für notwendig hielten. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sind Aussprachen über die dort gehaltenen Vorträge nicht üblich. Aber auch abgesehen davon würden wir es nicht für angebracht gehalten haben, bei der von dem Redner au den Tag gelegten tiefen Verständnislosigkeit den zionistisehen Problemen gegenüber uns auf eine Aussprache mit ihm cinzulasscm. Wir haben diese Probleme seit zwölf Jahren in zahlreichen öffentlichen Versammlungen nach allen Seiten hin erörtert und die Gegner oft genug zu einer Diskussion aufgefordert. Daß Herr Dr. Brock dort jemals sich zum Worte gemeldet hätte, ist uns nicht erinnerlich. Er hätte sich eine so günstige Gelegenheit, seinen Anti/ionismus an den Mann zu bringen, eigentlich nicht entgehen lassen sollen. Freilich, in der Debatte muß man mit Gründen gewappnet sein und damit soll es ja mitunter hapern. Namentlich wenn man von dem Gegenstand, über den man spricht, eigentlieh gar nichts versteht. Wir würden es für unvereinbar halten, mit der Pietät gegen die vielen Gesinnungsgenossen aus Deutschland und Oesterreich, die den Heldentod auf dem Schlachtfelde gefunden haben, für unvereinbar mit der Achtung vor den zahlreichen Zionisten, die als Kriegsfreiwillige zu den Fahnen geeilt sind, wollten wir sie und uns gegen den Vorwurf der Vaterlandslosigkeit noch ausdrücklich in Schutz nehmen. Sie haben gekämpft und geblutet, während Herr Dr. Brock doch eigentlich recht gefahrlos in Stettin bleiben und seinem Patriotismus durch Reden Luft machen konnte, die ihn genau das kosten, was sie wert sind und genau das wert sind, was sie ihn kosten. In der Versammlung selbst konnten wir uns darauf beschränken, an den Vorstand die Anfrage zu richten, was er künftig zu tun gedenke, um der Wiederholung derartiger Angriffe gegen eine jüdische Weltorganisation vorzubeugen, die im Literaturverein jederzeit unangebracht, insbesondere aber während des Krieges mit Rücksicht auf den bestehenden Burgfrieden durchaus zu vermeiden sei. Der Vorsitzende, Herr Rabbiner Dr. Wiener, erklärte, daß er von dem Inhalte des Vortrages vorher keine Kenntnis gehabt habe und im paritätischen Literaturverein Angriffe auf irgendwelche jüdische Organisationen nicht billigen könne. Wir werden uns durch den Vorfall nicht hiiireilkn lassen, mm auch unsererseits den Burgfrieden zu brechen und nach wie vor jede polemische Versammlung während des Krieges vermeiden. Allerdings unter der Voraussetzung, daß auch von gegnerischer Seite der Friede gewahrt I bleibt. H e r m a 1111 J a c o b.

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