Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1915)
- Date
- 1915-02-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 73 Ein Dementi Sassonows Die ״Times“ vom 22. Januar bringen iolgende interessante Berichtigung: Wir werden durch die russische Botschaft ersucht, mitzuteilen: daß die dem russischen Minister des Aeußern, Herrn Sassonow, zugeschriebene Behauptung, daß nach dem Kriege nichts für die Juden in Rußland getan werde, jeder Begründung entbehre. Wir werden dahin unterrichtet, daß Herr Sa ss o 11 o w überhaupt keine M i 11 e i - Inn ׳״ über di e russis c h e J u d e n f r a g e gemacht habe, und es ist uns nicht bekannt, in welcher Zeitung der Bericht gestanden hat. Aus Rußland Die 111 Warschau erscheinende jüdische Tageszeitung ״H a j 11t“ führt bitter darüber Klage, daß die Studienmöglichkeit an den russischen Universitäten den jüdischen Studierenden erschwert wird zur gleidien Zeit, da die Juden an der ganzen Schlachtfront ihr Leben für Rußland und den Zaren lassen. Rull-!and, das in der Presse so laut verkündet, daß es für die Freiheit Serbiens kämpft, so schreibt das Blatt, hat innerhalb seines eigenen Reiches gezeigt, welchen Begriff es von Freiheit hat. In diesen Tagen erhielt der Kurator für den Studienbe/irk Warschau eine Meldung folgenden Inhalts: ״(jcsuclie von Juden um Zulassung an den Hochschulen Warschaus sollen nicht übe r d i e f r ü 11 er fest g 1׳ setzt e A n - zahl genehmigt werden, auch dann nicht, wenn diese Gesuche damit begründet werden, daß es den Studierenden wegen des Krieges unmöglich ist, au deutschen und österreichischen Universitäten ihre unterbrochenen Studien fortzusetzen.“ Auch wurden die zuständigen Behörden daran erinnert, daß die Zulassung von Schülern mir im gleichen Prozentsatz wie früher zulässig ist. Es gibt ja, w׳ie bekannt, in Rußland ein (jesetz, daß die Anzahl der jüdischen Schüler an den Schulen regelt, aber wenn es gilt, Heeresdienst, Steuern und andere Pflichten zu erfüllen, dann verlangt mau prozentual von den Juden mehr, als von den übrigen Mitbürgern. Gegenwärtig gibt es im russische n Heer e 500 000 j u d e n , die ihr Blut für das Vaterland opfern und in vielen Fällen sich durch große Tapferkeit auszeiclmeten. Deshalb hat gewiß die Regierung es für nötig erachtet, bezüglich des Unterrichts gerade jetzt an die Erschwerung der Bildungsmöglichkeiten für die Juden zu erinnern. Man befürchtete vielleicht, daß der Kurator in Hinblick darauf, daß soviel jüdische Soldateri tapfer und treu ihre Pflicht dem Vaterlande gegenüber erfüllen, jetzt mehr Rücksicht Aufnahmegesuchen gegenüber zeigen würde. Das Blatt schließt: ״Viele Söhne der im Felde stellenden Soldaten werden durch diesen Erlaß von den Schulen ausgeschlossen und es ist charakteristisch, daß England und Frankreich, Europas Kulturträger, sich mit einer Regierung verbunden haben, die Freiheitsgrundsätze so behandelt.“ * Von den schwungvollen Reden in der Duma, an denen sich auch der Führer der Kadetten, Milj u k 0 w , lebhaft beteiligte, und die alle Rußland als Befreier der kleinen Völker feierten, sticht ein Artikel in der ״Rjetsch“, die von demselben Prof. Miljukow geleitet wird, eigentümlich ab. 111 ihm wird nämlich bitter über das schwere Los der Juden in Rußland geklagt. Seit Ausbruch des Krieges ist nichts getan worden, um das Los der Juden zu erleichtern, mit Ausnahme eines Zirkulars, daß Ver- Schickungen von Juden einstweilen nicht stattfinden sollen. 1111 übrigen ist nichts geändert. Eine jiidische Mutter kann ihren verwundeten Sohn nicht sehen, der irgendwo totkrank im Lazarett liegt. Den jüdischen Verwundeten werden Anträge auf Aufenthalt in Petersburg zur Kur abgeschlagen. Die geplante Aufhebung der Pässe soll für die Juden nicht gelten. * Petersburg, 22. Februar. (W. T. B.) ln der Konferenz, die vor der Eröffnung der Duma zwischen Regierung und Abgeordneten abgehalten wurde, hat der Minister des Innern laut Mitteilung der Zeitschrift ״Nowi Woschod“ in bezug auf die judenfrage erklärt, daß die Regierung unter den obwaltenden Verhältnissen zur Besserung der Lage der Juden nichts tun könne. Ein Aufruf gegen die Judenverfolgungen Im ״C o r r i e r e tl e 11 a Ser a“ erließ L u z a 11 i einen Aufruf gegen die Judenverfolgungen in Rußland und Polen. Er erzählt u. a., daß ein jüdischer Verwundeter aus dem Moskauer Bezirk unter Berufung auf das Wohngesetz ausgewiesen wurde, als mau ihn als Juden erkannte. Zionistische Aussichten ln der Fortsetzung des Vortrags- Zyklus der Berliner Zionistischen Vereinig’ung sprach am 22. Februar Herr Kurt B 1 u 111 e ״ f e 1 d über ״Zionistische Aussichten“. Der Redner führte aus, daß, wie überall, so auch im jüdischen Volke, zur Führung und zur Durchsetzung einer Forderurigspolitik befähigt sei, wer seinen Halt in der echten Liebe /um Volke habe. Diese Liebe zutn Volke und der Glaube an das Volk und seine Zukunft geben die Kraft, allen Faktoren gegenüber die Lebensinteressen des eigenen Volkes fordernd zu vertreten. Dieses Verhältnis der jüdischen Volksgesamtheit gegenüber muß die Haltung der Zionisten bestimmen. In interessanter :Weise baute Herr Bltirnenfeld auf diesen Gedanken die Grundsätze auf, die die zionistische Politik bestimmen müssen; sie allein beruht auf den starken Zusammenhängen mit dem jüdischen Volk in seiner Gesamtheit. Der Redner erörterte dann im einzelnen verschiedene Fragen, die die zionistische Politik im Orient betreffen, und vor allem das Verhältnis zur Türkei und zu Deutschland. Die Lage der Jüdischen Turnerschaft Wir geben heute eine allgemein gelialtene U ehersieht über die Lage der Jüdischen Turnerschaft und behalten uns vor, demnächst einen spezialisierten Bericht zu veröffentlichen. Der Krieg mußte naturgemäß eine starke Ersciiütterung unseres Verbandes mit sich bringen. Einmal wegen des interterritorialen Charakters unserer Organisation und dann wegen der Waffenfähigkeit unserer Mitglieder. Der Z e 111 r a l a u s s e 11 u ß ging in letzter Hinsicht mit gutem Beispiel voran. Der Verbandsturmvart Erich Burin (bereits mit dem Eisernen Kreuz dekuriert) und Herr B i a 11 e r traten sofort als Reservisten, Herr Dr. M ii 11 z. als Arzt in die deutsche Armee. Unser Vorsitzender, Herr Dr. Straus, mußte auf unbestimmte Zeit verreisen. Audi der Unterzeichnete sieht der Einberufung entgegen. Unter diesen Personalverhältnissen konnte die Arbcitsmöglichkcit des Ausschusses naturgemäß nur eine heschränkte sein. Da die Vereine im ersten Kriegsschreck zunächst alle ihre Zahlungen erstellten (soweit sie gewohnt waren, im Frieden solche zu leisten), mußte sich unsere Arbeit auch aus finanziellen Gründen stark reduzieren. Wir mußten sofort davon absehen, unsere ״M onatslt e f t o“ weiter erscheinen zu lassen, da wir auch nicht im entferntesten daran denken können, dieselben zu finanzieren. Das Nichterscheinen der Zeitung trifft unsere Organisation außerordentlich schwer, da sie stets ein wesentliches Mittel war, unseren Zusammenhang zu betonen. Es schreiben uns — zu unserer großen Freude - fast täglich Vereine und einzelne Turnbrüder sowohl aus der Heimat wie aus dem Felde, wie sehr sie sich nach ״unserer“ Turnzeitung sehneu. Diese Sehnsucht ist uns der beste Beweis, wie sehr sielt unsere Mitglieder der Turnerschaft verwachsen fühlen und wie sehr die Aussprache in unserem Organe dein Bedürfnis jedes Einzelnen entspricht. Trotzdem müssen wir leider von der Herausgabe der Zeitung vorläufig absehen und uns mit längeren Berichten zufrieden geben. Das Aufhoren der Zeitung brachte die Gefahr, das Gefüge unserer Organisation zu lockern. Wir bemühten uns deshalb, durch häufige Rundschreiben den Zusammenhang mit den erreichbaren Vereinen aufrecht zu erhalten. Wir gaben unseren Vereins Vorständen die unbedingte Parole, ״d u r c 11 z u 11 a 1 t e n“, wie schwer sich auch die Verhältnisse gestalten mögen. Wir glauben, den Vereinen in dieser Hinsicht mit gutem Beispiel vorangegangen zu sein. Als ein weiteres Mittel zur Aufrechterhaltuug unserer Organisation diente uns der ״L i e b c s g a b c n d i e n s t“. Wir hielten es für unsere selbstverständliche turnbrüderliche Pflicht, für unsere kämpfenden und verwundeten Freunde nach Kräften zu sorgen. Das entspricht der Auffassung von Turnbrüderlichkeit, die glücklicherweise bei uns die herrschende ist. Wir schufen uns durch öffentliche und private Propaganda zunächst die nötigen 111ateriellen Unterlagen an Geld, Wolle, Liebesgaben aller Art. Wir verschicken fast alle 1-1 Lage ungefähr dreihundert Sendungen und zahllose Fcldbriefc beweisen uns täglich, wie sehr sich unsere Freunde mit den Guben freuen und bieten uns den schönsten Dank für unsere — nicht geringe .Mühe. Der Liebesgaben(!ienst und die Kontrolle der Vereine sind momentan unsere wuchtigsten Arbeitsgebiete. Aus Mangel an Geld und Menschen müssen wir vorläufig auf andere!,laue verzichten. Soviel über dir Tätigkeit unserer Zentrale! Wie sieht es mit den einzelnen Kreisen aus? Aus leicht erklärlichen Gründen haben wir von unseren türkisch e!1, p a I ä s t i n e!1 s 1 s c 11 e 11 , g a I i t i s c 11 e 11 und den B a I k a 11 v c r e i 11 e 11 sei! Kriegsbeginn nichts mehr gehört und können auch vorläufig nicht mit ihnen rechnen. Mit besonderer Wehmut gedenken wir unserer treuen Freunde in Galizien. Wamag aus ihnen geworden sein'' Was werden die russischen Horden von unseren liehen Ttinihrudern mul Turn- Schwestern verschont haben? Mit banger sorge sehen wir ihrer Zukunft entgegen. So sind (lest erreich und I) eu יל ז c 11 1 a n d die einzigen Länder, die uns Arbeüsniögliehkeiten gewähren. Vom Westöstcrrcichisclicn Krcisvorstaud ist nur der Vorsitzende, Herr Kien, auf dem Posten geblieben. Er versucht, so gut es eben gehen will, die dortigen Vereine zusammen/.ulialtcn. Die größeren Vereine (Wien, Prag, Brünn und einige andere) halten durch. Naturgemäß liegen die Dinge in ()Österreich noch schwieriger als bei uns. Um so dankbarer sind wir den Freunden für ihr Aushalten in dieser schweren Zeit. Neben unseren eigentlichen Aufgaben widmen sich unsere Vereine der allgemeinen Kriegsfürsorge und speziell den aus Galizien geflüchteten Stammesgenossen. Wir hoffen, bald genaueres hierüber berichten zu können. In Deutschland liegen die Verhältnisse bedeutend günstiger, als man wohl an/.miehnien geneigt ist. Es stehen /.war eine ganz, erhebliche Zahl unserer besten Turner unter den 1 ahnen. Aber die zu Hause Gebliebenen fühlen die starke moralische Pflicht, jetzt mit doppelter Energie zu wirken und so wird der .Wangel an Arbeitskräften durch erhöhten Arbeitswillen ersetzt. Unsere größeren Vereine (Berlin, Hamburg, Frankfurt a. AL, Cöln a. Rh.) setzen ihre Tätigkeit fast ungestört in allen Abteilungen fort. Aber selbst kleinere Vereine (wie Stettin, Halber-* Stadt, Nürnberg, Kattowitz, München) halten zu unserer Freude ihre Tätigkeit aufrecht und wir sind unseren Leuten auf diesen schwierigen Posten zu besonderem Dank verpflichtet. ,,D u re h 11 a 1 t e 11'* ist die Parole des Tages lind sie gilt auch für die Jüdische Turnerschaft. Jeder einzelne von uns wird, solange er auf seinem Posten stellt, seine besten Kräfte unseren Idealen weihen lind wenn unsere Soldaten heimkeliren, werden wir vereint mit doppelter Kraft und doppelter Freude uns unserer Arbeit widmen, um avif/.ubauen, wo der Krieg zerstörte. Der A ussc 11 u ß d e r j ü d i s c 11 e n T 11 r 11 e r s c 11 a f t. Heim־ Unna. Von der Kriegshilfskommission der Jüdischen Gemeinde Die Kriegshilfskommission der jüdischen Geineinde, /Abteilung־ Frauenmul Jugendfürsorge, hat gemeinsam mit dem Kriegsausschuß für Volksemähntng und der Ortsgruppe Berlin des jüdischen Frauenbundes beschlossen, in der Ernälirmigsfrage einige öffentliche Versammlungen ahztilialten. Die erste dieser Versammlungen findet am Montag, den 1. März, abends 8'־., Uhr, in der Aula der jüdischen Mädchen - Mittelschule, Kaiserstraßc 20.30, statt. Bei dem großen Interesse, das zurzeit die Einährinigsfrage für die gesamte Bevölkerung• hat, darf auf eine recht rege Beteiligung au den Vorträgen gerechnet werden. Mitteilungen der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Das Kleiderdepot des Hilfskomitees befindet sich ausschließlich Berlin W. 15, S ä c 11 s i s e 11 e S t r. 8. Wir bitten, nur an diese Adresse Sendungen zu schicken. * Wir bitten alle Vertrauensmänner, uns die Namen und nach Möglichkeit auch die militärischen Adressen aller in den letzten Wpclicn eiiigezogenen Gesinnungsgenossen mit/uteilen. Ebenso bitten wir um sofortige Bekanntgabe veränderter Adressen mul um Mitteilung von Beförderungen. «