Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1915)
- Date
- 1915-02-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 7t Die Judenverfolgung Die jüdische Presse Amerikas veröffentlich! ständig Briefe russischer und galizischer Juden, die genau schildern, wie es den Juden auf den Kriegsschauplatzen geht, wo die Russen - und Polen regieren. P ri I u k i (Gouvernement Poltawa), 17. Januar. Ich kann Dir noch von einigen aus P. schreiben, daß sie assentiert sind. Den Einberufenen wird in einem Monat die ganze Schießkunst beigebracht und dann werden sie gleich ins Feuer geschickt. (Hier folgt eine Aufzählung der Assentierten.) Vom Krieg wissen wir im allgemeinen sehr wenig, weil unsere Zeitungen gar nichts schreiben. Man hütet sich, ein Wort zu sagen. Wir lesen nur, daß die Unsrigen den Feind attackieren; wir vernichten die Deutschen und Oesterreicher, wir machen so viele Gefangene und erbeuten so viele Kanonen. Also laut unserer Rechnung haben Deutschland und Oesterreich alle Soldaten verloren mitsamt allen Gewehren und Kanonen. Da aber die Deutschen und Oesterreicher sich noch immer schlagen, haben sie doch wohl Soldaten mit Gewehren. Es scheint, daß die ganze Sache umgekehrt ist. Unser Herz sagt uns, daß sie, die Deutschen und Oesterreicher, uns unsere Soldaten und Gewehre wegnehmen. Man sagt, daß unsere Soldaten dreimal so viel vernichtet werden wie bei den Deutschen. Unsere ganze Macht bestellt darin, daß wir so viele Soldaten haben, nun, so spart man nicht. Nach der Schlacht hei Warschau erlaubte der Kommandeur, die Juden für sich zu begraben und die Christen für sich. Die Warschauer Gemeinde schickte Leute hinaus, um die gefallenen Juden aufzulesen. Und so wurden sechshundert Juden aufgelesen und je zit zehn in einem Grab begraben. Denke also, wenn man sechshundert Juden begraben hat, wie viele Christen erst gefallen sind! Die Felder waren bedeckt mit Leichen, tausende, tausende Tote. So eine Trauer herrscht jetzt überall und die größte Trauer in Polen. Ich kann Dir sagen, daß am meisten von allen die Juden leiden. Und Schuld daran sind die Polen. Sie verleumden die Juden und verursachen Metzeleien und jüdisches Blut fließt in den Gassen. Genug schon von dem Leid zu schreiben. Wenn der Krieg sich beruhigen wird, dann werden wir erst sehen, wie es um uns steht; vorläufig ist es schlimm. Man sagt, daß nach dem Kriege die Juden es noch schlechter haben werden wie vor dem Krieg. Und das Schlimme dürfen wir immer glauben . . . Cholra, 24. Januar. Freitag, den 28. September, uin 7 Uhr morgens sahen wir von der Pokriwker Seite Militär zurückkommen ohne Mützen und barfuß. Mit ihnen einige Trains zerbrochen und zerschlagen. Es war ein Graus, die Soldaten anzusehen. Sie waren alle schwarz vor Staub. Man merkte bald, daß sie irgendwo hatten zurückgehen müssen. Stell Dir vor, wie einem zumute ist, wenn man so etwas sieht. Man fing bald an, aus allen Häusern Tee und Erfrischungen herauszutragen und es den Soldaten zu geben. Derweil kamen einige Polen und begannen zu agitieren, daß daran die Juden schuld seien, weil die Samostjer Juden dies alles angerichtet haben, und daß die dortigen Juden die deutschen Soldaten mit Brot und Salz empfangen haben. Diese Agitation wurde von den Polen schon eine ganze Woche lang betrieben. Natürlich haben die Samostjer Juden sehr teuer bezahlt. Man hat sechs Juden erschossen, weil man gesagt hat, sie hätten auf russisches Militär geschossen. Man hatte schon 100 Mann zum Erschießen!unausgeführt. Sie standen schon in einer Reihe, die Hände hoch. Da kam ein General und fragte, wofür man sie erschießen wolle und man sagte ihm, daß sie auf russisches Militär geschossen haben. Da ließ er sie nach Hause gehen. Die Juden aus Samostje sind alle geflüchtet, 90 daß die Frauen ihre Männer suchten, die Männer ihre Frauen und Kinder. Nach Cholm kamen ganze Trupps Fußwanderer. Schmuck und Geld, was sie bei sich hatten, wurde ihnen abgenommen. Sie kamen an entblößt und barfuß. Und während die Polen am Freitag herumstanden und agitierten, kamen die Kosaken und begannen zu plündern. Aus den Häusern und Läden haben sie alles weggenommen. Die Polen führten sie und halfen ihnen Pogrome machen. Wo man einen Juden erblickte, schlug־ inan ihn. Und was man nicht plünderte, zerschlug man. Es gab Schwerverwundete, die ins Spital gebracht werden mußten. Stell Dir vor, lieber Bruder, was man in dieser Zeit durchzumachen hat. Beständig das Laufen der Soldaten in unserem Gäßchen, die Schreie der Verfolgten, und dazu rufen die Polen in einem'fort, man müsse alle Juden tot sc 11 lagen. Ich dachte schon gar nicht, daß ich Dir werde Briefe schreiben können — in so einem Schrecken waren wir. Gott sei Dank hat es nicht lange gedauert. Bald kamen Patrouillen in die Stadt, auch in unserem Gäßchen wurde eine aufgestellt und dann wurde es ruhiger. Am Montag, als inan sah, daß alle Automobile die Stadt verließen, der Stab, die Post, die Regierungsbank und die Gouvernementsverwaltung, wurde es finster in der Stadt. Man ersuchte uin Zeugnisse, mit denen man die Stadt verlassen durfte. Es reiste, wer konnte. Man zahlte zwei Rubel für einen Wagen zur Bahn. Und in der Bahn saß man Tage und Nächte, bis man fahren konnte, weil die Züge nicht regulär gingen. Und weil ich nicht genug Geld hatte, beschloß ich, daß wir hier bleiben und im schlimmsten Fall zu Fuß fortgehen. Vortragszyklus des Kartells Jüdischer Verbindungen veranstaltet zu Gunsten des Roten Halbmondes im Preußischen Abgeordnetenhaus (Prinz Albrechtstrafce 5) Vier Vorträge: Am 3. März Dr. Paul Rohrbach: ״Die Zukunft des Orients" Am 10. März Dr. Martin Buber: ״Die Juden als Volk des Orients" Am 17. März Dr. Ernst Jaeckh: ״Deutsche Weltpolitik und türkische Entwicklung" Am 24. März Dr. Alfons Paquet: ״Erlebnisse in jüdischen Kolonien" Erster Vortrag: 3. März, 5 Uhr Dr. Paul Rohrbach: Die Zukunft des Orients. Karten zu 2 Mark bei Bote gl Bode, Leipzigers!!•, und Tauentzlenstr. 7, an sämtlichen Theaterkassen von A. Werlheim und Im Büro der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Sächsische Strasse 8 Als man am Dienstag die Geschäfte aufrnachte, begann gleich das Plündern; da hat man die Geschäfte wieder geschlossen. An der Bahn war es nicht besser. Die Soldaten schlugen auf die Menschen ein, entrissen ihnen die Uhren, nahmen das Geld und die Bündel mit Kleidern. Mittwoch früh fuhr der Polizeimeister durch die Stadt und befahl, alle Tabakläden zu öffnen. In jedem Laden stellte er einen Soldaten und zwei Schutzleute auf, und man ließ nur immer zwei Leute in den Laden. In den Bäckereien wurden auch Patrouillen aufgestellt. Weil so viele geflüchtet waren, sind vielleicht in ganz Cholm zehn Läden offen gewesen. In Cholm ist es jetzt ruhig. Alles ist aber sehr teuer. Und man verdient nichts. Alle Gebäude sind als Spitäler eingerichtet. Auch Privatliäuser werden belegt. Die Läden wurden geöffnet, weil man ausgerufen hat, wer die Geschäfte nicht offen hält, wird mit 5 Monaten Gefängnis oder mit 100 Rubeln bestraft werden. * ln ,,The Wahrheit“ vom 1. Januar erzählt ein Augenzeuge, der aus der Bukowina zurückgekehrt ist, wo er den letzten Sommer zu Besuch weilte: Jüdische Mütter in der Bukowina verkleideten ihre Töchter in Männerkleidung, sobald sie hörten, daß Russen in der Nähe sind. Viele von den Müttern selbst, welche glaubten, daß ihr Alter sie vor der ,,Aufmerksamkeit“ der Russen schützen werde, haben sich bitterlich geirrt. Jedesmal wenn die Kosaken in die Nähe eines Städtchens kamen, fingen sie einen Juden, zogen ihn! eine Kosakenuniform an, setzten ihn auf ein Pferd und hießen ihn reiten in die Richtung des Städtchens. Wurde der Jude erschossen, dann hatten sie ein Zeichen, daß in dem Städtchen Oesterreicher waren. ln vielen Städten der Bukowina ließen sich die Kosaken Kontributionen zahlen — Brot, Vieh, Pferde usw. Wenn die Juden das Geforderte ins russische Lager brachten, nahm man es nicht an. ״Euer Brot ist vergiftet“ pflegte der Kommandant bei solchen Gelegenheiten zu sagen. Das galt als Ausrede, um dann später das Städtchen zu plündern und es in Rauch und Flammen aufgehen zu lassen. In einem jüdischen Städtchen in Galizien hat das russische Militär zehn der angesehensten Bürger verhaftet. Es verlautete, daß man sie erschießen würde. Aber plötzlich schlugen die russischen Offiziere ein Tauschgeschäft vor: Sie werden die Männer befreien, man soll ihnen Frauen bringen. Die Stadt verhandelte. Fromme galizische Juden brachten Mädchen, welche für Geld zu den Offizieren gehen wollten. Die Offiziere aber fanden, daß sie nicht schön genug waren und verlangten die wahre jüdische Schönheit. Die ״Stadt“ verhandelte weiter, und schließlich gingen drei Töchter von den Verhafteten hin. Die Väter wollten das keinesfalls; sie wollten sich lieber töten lassen, als die Ehre ihrer Töchter zu opfern. Die Töchter gingen aber doch zu den Militärbefehlshabern. Diese hielten Wort. Die Väter gaben sie frei, aber die drei jungen Mädchen vergifteten sich darauf. Die Leute, die dies dem Korrespondenten erzählten, verschwiegen ihm den Namen der Stadt nicht, baten ihn aber, ihn nicht zu drucken, um die Frauen dieser Stadt vor Schmach zu bewahren. Das Exekutivkomitee der vereinigten österreichischen Zionisten In Durchführung des von der Vertrauensmännersitzung am 31. Jänner 1915 einstimmig geäußerten Wunsches nach einer gemeinsamen Executive, sind die Zionistischen Rarteirepräsentanzen Westösterreichs, Galiziens und der Bukowina übereingekommen, ein aus 10 Mitgliedern bestehendes Executivkomitee einzusetzen, worin Westösterreich und Galizien durch je 4, die Bukowina durch 2 Repräsentanten vertreten sind. In den letzten Tagen wurden die Repräsentanten nominiert und am 15. Februar 1915 trat das neugegründete Executivkomitee der vereinigten österreichischen Zionisten zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. Dem Executivkomitee gehören folgende Herren an; Für Westösterreich: Dr. Karl Pol- 1 a k, Ob.-lng. Stricker, Dr. Leopold P1 a s chkes und Dr. Paul Weisen grün. Für Galizien: Adolf Stand, Dr. Osias Thon, Dr Leon S i 1 b e r m a n n und Dr. Anselm Haipern. Für die Bukowina: Dr. Salomon Kassn e r und Dr. Theodor W e i s s e 1 b e r g e r. Zur konstituierenden Sitzung waren alle gewählten Vertreter erschienen. Zum Präsidenten des Executivkomitees wurde Dr. Karl Pollak, zum V izepräsidenten Adolf Stand und zum Schriftführer Dr. Anselm Halpern einstimmig gewählt. Hierauf entspann sich eine mehrstündige allgemeine Debatte über die momentane Lage, wobei selbstverständlich die Frage der Behandlung der Flüchtlinge den größten Raum einnahm. Einmütig gab das Executivkomitee seiner Entrüstung über gewisse gegen die Flüchtlinge gerichtete gewerbebehördliche Verfügungen und über die jüngste Advokatenverordnung Ausdruck, wobei beschlossen wurde, gegen den bezüglichen Erlaß des Justizministers Protest zu erheben.