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Jüdische Rundschau · 1915-02-26 · Heft 9 (26.2.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 9 (26.2.1915)
Date
1915-02-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 70 JÜ1D1SCHE RUNDSCHAU Nr. o Sympathien und Interessen Von Davis Trietsch Aus der im Druck befindlichen Broschüre ״Juden und Deutsche, Eine Sprach- und Interessengemeinschaft“. Ueber das Interesse der Deutschen an der Verbreitung der deutschen Sprache haben wir schon gesprochen und uns dabei auf das eigene Programm der dahinzielenden Bestrebungen bezogen. Dali die Deutschen im allgemeinen den Juden Sympathien entgegenbrächten, kann nicht behauptet werden. Zwar bestehen zwischen den christlichen Deutschen verschiedener Reichsteile, Bundesstaaten und Konfessionen ebenfalls noch immer ziemliche Antipathien und Vorurteile, so daß die Stimmung gegenüber den Juden nicht gerade verwunderlich zu sein braucht, aber bis zur Bildung direkter Gegen- Parteien ist man schließlich doch nur den Juden gegenüber gelangt, und auch die außerhalb der mehr oder weniger antisemitischen Parteien stehenden Deutschen hegen deshalb noch lange nicht etwa irgendwelche Sympathie für die Juden, die wir überhaupt in den Ländern der Christenheit nur in seltenen Ausnahmen beobachten können. (Hierin kann man natürlich kein Beweismaterial gegen die Juden erblicken: auch die Deutschen sind außerhalb ihres eigenen Kreises fast nur in den Ländern des Islam nicht gefürchtet, verhaßt oder mißachtet*). Auf alle Fälle kann niemand sich darüber wundern, wenn die Juden die deutsche Stimmung ihnen gegenüber nicht gerade mit Unterschiedsloser Sympathie erwidern. Immerhin aber ist nidit zu übersehen, daß die große Mehrzahl der Juden — oder was fast dasselbe sagen will, der deutschsprachlichen Juden — in den letzten hundert Jahren in Deutschland eine Art kulturellen Zentrums erblickten, und zwar in bezug aut das Jüdisch-Kulturelle (auch die neuere jüdische Wissenschaft ist ja weitaus vorwiegend deutschsprachlich), wie auch bezüglich des Deutschkulturellen. — Grundlagen für Sympathien waren also genug gegeben. Aber als die Judenemanzipation in Frankreich und England sich durchsetzte, — tatsächlich durchsetzte —, und als gleichzeitig in Deutschland Volksstimmung und Amtsstimmung sich immer stärker gegen die Juden richteten, da w׳andte sich naturlich viel jüdische Sympathie den Ländern der größeren Freiheit zu, die ja auch nicht wenigen christlichen Deutschen jener Tage vorbildlich erschienen. Es blieb auch nicht immer bei bloßer Sympathie, und viele deutsche Juden haben sich damals in das freiheitlichere Ausland begeben und haben dort ihre hohen Fähigkeiten zur Geltung gebracht. Hier zeigt sich deutlich, w ie Sympathie auch Wirtschaftswerte beeinflussen kann: Die Pariser und Londoner Rothschilds, der Baron Hirsch und die zahlreichen anderen jüdischen Finanzgrößen, die das Wirtschaftsleben der mit Deutschland im Konkurrenzkampf stehenden Kulturländer auf seine jetzige Höhe bringen helfen, wären einem freiheitlicherem Deutschland kaum verloren gegangen! Schon dieses ziemlich *) ln der Nummer des ״Export“ vom 4. November 1009 befindet sich an erster Stelle ein Artikel, ,,Unser Ansehen im Auslande“, der mit dem Satze beginnt: ,,Die Tatsache, welche uns Deutschen täglicli mehr und mehr zum Bewußtsein kommt, wie wenig beliebt wir eigentlich bei anderen Nationen sind, erregt bei sehr vielen unter uns ein um so schmerzlieberes Bedauern, als wir uns bewußt sind, diesen Mangel an Sympathie eigentlich nicht verdient zu haben.“ Der Artikel führt dann aus, wie im deutschfranzösischen Kriege die Sympathien fast sämtlicher Schweizer, in erster Linie derjenigen deutscher Zunge (?), auf seiten Frankreichs standen. Dann ist vom Ansehen des Deutschen in Italien, in Nordamerika, unter den Mischlingen Südamerikas, die auf den Deutschen geradezu herabsehen, die Rede usvv., und schließlich heißt es: ״Es ließen sich noch unzahlige Beispiele in derselben Richtung anführen; als feststehende Tatsache kann jedenfalls gelten, daß, mag der einzelne Deutsche sich in anderen Ländern auch einer selbst noch so großen Wertschätzung erfreuen, den Deutschen als Gesamtheit die meisten Völker durchweg ablehnend gegenüberstehen. Vielfach läßt sich dieses Gefühl sogar dem vergleichen, welches unsere Antisemiten etwa gegen die Juden hegen mögen.“ ... einseitige, aber dafür recht augenfällige Beispiel illustriert die Nachteile der herkömmlichen deutsehen Judenpolitik, und es stünde noch viel schlimmer, wenn nicht zum Unglück für die Juden — die Verhältnisse in Frankreich, England und auch in Nordamerika in den letzten Jahren eine ungünstige Wendung genommen hätten. In Frankreich hat die Dreyfuß-Affäre dazu beigetragen und in England und Nordamerika die mehr oder weniger verhüllten Be- Strebungen auf Eindämmung der jüdischen Ein- Wanderung aus Osteuropa. Die Interessen der Juden gehen ähnlich wie die der Deutschen — mit den Sympathien nicht parallel. Der wieder stärker als je erwachte Selbsterhaltungstrieb des Judenvolkes macht sich geltend in der stärkeren Betonung aller Elemente der Volksexistenz: des Nationalen, des Religiösen, der territorialen Zusammenfassung und der Sprache. Da aber das Deutsche (und Jüdisch-Deutsehe) ihre hauptsächlichste Sprache ist, so müssen die Juden auch trachten, es beizubehalten, damit nicht eine Ablösung des Deutschen durch viele andere Sprachen einen weiteren Zerfall der verstreuten Judenheit begünstige. Dies bezieht sich hauptsächlich auf die sonst in Frage komtuenden Weltsprachen, dieselben Sprachen also, denen gegenüber die Deutschen ihren ausländischen Besitzstand zu verteidigen haben. Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, in denen zum erstenmal große Massen deutschsprachlicher Juden in englisches (und in wesentlieh kleinerem Maße auch in französisches) Sprachgebiet abströmten, haben gezeigt, daß mit der Entdeutschung der Juden hier auch eine ״Entjudung“ Hand in Hand ging, so daß die Selbsterhaltungsbestrebungen der Juden auch auf die Erhaltung der deutschen Sprache in ihrer jetzigen Bedeutung für die Juden bedacht sein müssen. Eine Art von Entdeutschung, von der wir bereits gesprochen haben, macht hier eine Ausnahme, und das ist die Aufgabe der deutsehen Muttersprache zugunsten der hebräischen — eine Entwicklung, die wir der Hauptsache nach in Palästina und anderen Teilen der Türkei beobachten können; aber diese ״Entdeutschung“ wird in den meisten Fällen das Deutsche nicht ausschalten, sondern nur an die zweite Stelle treten lassen, vor allem aber liegt es auch in der Linie einer solchen Entw'icklung, das Deutsche als Weltsprache jeder der beiden anderen unbedingt vorzuziehen. Dies gilt in ganz besonderem Maße für diese Teile des vorderen Orients, wo heute schon das Deutsche unter den eingewanderten Juden die einzige Weltsprache ist. — Da die jüdische Einwanderung aus dem europäischen Osten (wo nur das Deutsche gilt) anhält und zunimmt, und da eine irgendwie nennenswerte Einwanderung französisch- oder englischredender Juden weder besteht noch zu erwarten ist, so können wir mit der absoluten Vorherrschaft des Deutschen als Weltsprache der Juden jener Länder rechnen. Ja, sollten sogar — wras immerhin möglich wäre — amerikanische und englische Juden einmal hier in größerer Zahl einwandern, so würden diese wie wir gesehen haben — ״auch-deutschsprachlichen“ Juden mangels ״englischen Anschlusses“ sehr bald zum mehr oder minder ausschließlichen Gebrauch des Deutschen (als internationales Verständigungsinittel) zurückkehren müssen. Dringende Bitte Wir bitten unsere Leser, uns entbehrliche Bücher technisch-naturwissenschaftlichen Inhalts, wie auch besonders jüdische Lektüre in deutscher, jüdischer und hebräischer Sprache einzusenden. Erwünscht wären auch Lehrbücher der hebräisehen Sprache und hebräisch-deutsche Wörterbücher. Die Bücher sind für verwundete und internierte Juden bestimmt. Jedem Spender sei voraus herzliehst gedankt. Das Hilfskomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Berlin W 15, Sächsische Str. 8. Notstandsarbeiten In Palästina Das Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds teilte in seinem Communique über ״Notstandsarbeiten in Palästina“ vor einiger Zeit u. a. mit, daß der Nationalfonds der Arbeitslosigkeif in der Weise zu steuern sucht, daß er seine Betriebe nicht nur in vollem Umfange aufrecht erhält, sondern auch die nur für die Hochsaison aufgenommenen Arbeiter mit außerordentlichen Arbeiten, wie Errichtung von Arbeiterhäusern, Wegbauten usw., zu beschäftigen sucht. Ueber die letzteren Arbeiten berichtete uns das Palästina-Amt u. a. wie folgt: ״Kincreth. Die fünf Häuser in Kinereth, die w ir aus getrockneten Lehniziegeln hergestellt haben, sind bereits unter Dach. Es fehlen nur noch die Fenster und Türen, die von der Tischlerei der Siedlungsgenossenschaft in Merchawja hergestellt und in einigen Tagen fertiggestellt sein werden. Da inzwischen die Winterregen eingesetzt haben, die die Herstellung von Lehmziegein zum Bau der Häuschen unmöglich machen, müssen wir vorläufig vorn Bau weiterer Häuser absehen. Wir haben deshalb die Arbeiter (ca. 40 an der Zahl) damit beschäftigt, die sumpfigen Stellen am toten Jordanarm durch Aufhöhung des Terrains trocken zu legen. Diese Arbeit wird zur Assanierung des ganzen Bodens von Kinereth beitragen und Kinereth hoffentlich fieberfrei machen. In der letzten Zeit sind von den Arbeitern in Kinereth etwa 10 bis 15 nach Obergaliläa gegangen, wo sie in den Kolonien Arbeit finden. In Kinereth sind demnach etwa 25 Arbeiter verblieben. Diese werden hei der Aufschüttung des Sumpfes noch etwa 2 bis 3 Wochen beschäftigt sein. Nachher werden w ir sie damit beschäftigen, Steine vom Boden in Kinereth aufzulesen und Unkraut (Ingil) auszurotten, bis es die Jahreszeit erlauben wird, an den Bau von weiteren fünf Häusern heranzutreten. Merchaw ja. In Merchaw'ja, wro wir die Arbeiter ursprünglich auch beim Bau von Hausern beschäftigen wollten, hat der einsetzende Regen die Arbeit schon im Beginrt unmöglich gemacht, und wir haben deshalb diese Arbeiter (ungefähr 20 bis 25) damit beschäftigt, die Grenzgräben von Merchaw ja zu reparieren, fliese Arbeiten werden in kurzer Zeit beendigt sein, und die Arbeiter sollen dann in Merchawja mit Assanierungsarbeiten, speziell mit dem Aufschütten nasser Stellen, die der Anopheles Unterschlupf gew׳ähren, beschäftigt werden. Diese Assanierungsarbeiten scheinen jetzt besonders dringend, da der Gesundheitszustand der Arbeiter in Merchaw'ja sehr schlecht ist und an manchen Tagen 1/1 der Gesamtzahl der Arbeiter fieberkrank ist. Benschemen. Von den 30 bis 10 Arheitern, die bei Beginn der Krisis in Bensehemen mit Notstandsarbeiten beschäftigt waren, ist es uns inzwischen gelungen, die Mehrzahl in den Kolonien Kfar Urie und Rischon-le-Zion unterzubringen. Die verbleibenden Arbeiter (ca, 10 an der Zahl) werden von uns hauptsächlich mit dem Ablesen von Steinen auf den Feldern beschäftigt. Arbeitslöhne. Alle Arbeiter, die bei Notstandsarbeiten beschäftigt sind, erhalten nur das zum Lebensunterhalt notwendige Minimum und auch dieses zum allergrößten Teile in Naturalien, die von der Farm geliefert werden. Haifa und Jaffa. In Haifa und Jaffa werden ungefähr je 50 Arbeiter mit Straßenarbeiten auf den Terrains der Immobiliengesellschaft ״Palästina“ m. b. H. beschäftigt:. Die Mittel hierzu w'erden von der J.G. P. und dem American Relief Fund hergegeben.“ Die vorstehend geschilderten Arbeiten, welche die jüdischen Arbeiter vor Not schützen und dem Lande erhalten sollen, könnten natürlieh in weit größerem Maße in Angriff genommen werden, wenn der Nationalfonds über die nötigen Mittel verfügte. Die Regenzeit wird bald vorüber sein, und da wäre es äußerst wünsehenswert, auch die arbeitsfähigen städtischen Elemente auf das Land zu bringen und sie mit Notstandsarbeiten zu beschäftigen. Es darf daher von den Zionisten nidhts unterlassen werden, um dem Nationalfonds bei Aufbringung der für diesen Zweck erforderlichen Mittel mit Erfolg beizustehen.

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