Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1915)
- Date
- 1915-02-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 8 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seile 65 morgen kein Brot zum Essen zu haben, die von Haus und Hof vertrieben sind, finden ihr Vergessen und Erholen in einer zionistischen Diskussion; ist es nicht etwas Schönes mit dem Zionismus! Es gab eine Zeit, in der ungarische und galizische Juden sich mit Abneigung gegenüberstanden. Der Grund war, weil sie beide nicht richtig jüdisch fühlten. Der Krieg führte sie zusanunen und zwang sie, Monate lang dasselbe Lager und dasselbe Schicksal zu teilen. Wir haben die Russen aus der Marmaroscz herausgetrieben und sind in Galizien bis vor die Stadt D. gekommen, dort tobte ein furchtbares Feuer; drei Tage hatten wir nichts Warmes im Magen gehabt und Post von zu Haus schon drei Wochen nicht. Also sehr niedergeschlagen. Auf der Straße erblicke ich einen jüdischen Unteroffizier. ״Woher sind Sie?“ ״Aus Ungarn; woher sind Sie?“ ״Aus Galizien und wohne in Deutschland.“ ״Ali, da kennen Sie wohl alle Zionisten in Berlin?“ - (und ׳wir waren mitten im Kanonendonner im richtigen zionistischen Fahrwasser. Wir sind noch mehrere Wochen beisammen geblieben und hatten beide die gleiche Ueberzeugung, daß wir uns seihst schuldig sind, tapfer für unseren Kaiser zu kämpfen, nicht nur aus Dankbarkeit, sondern aus reiner Liebe zum Kaiser, und hatten die gleiche Erkenntnis, daß ungarische und galizische Juden sich nur kennen lernen müssen, um sich zu lieben. Wir schöpften frischen Mut und schieden als getreue, aufrichtige Freunde, als unsere Wege sich trennten. Unsere 2. JVLarschkompagnie wurde formiert. Es waren aber auch Rekruten im Kader für die Ers.-Kompagnie, die eist sechs Wochen später abmarschieren sollten. Unser Kommandant fragte die Rekruten, wer sich freiwillig fiir die 2. Maisch- Kompagnie, also zum sofortigen Abmarsch ins Feuer, melde. Es meldeten sich mehrere Einj.- Freiwillige und vier Lemberger Juden, ich fragte rie. warum sie dies täten, worauf sie erwiderten, sie möchten so rasch wie möglich zeigen, wie Lemberger Zionisten sich gegen die Russen schlagen. Für dieses Mal genug. Ich verbleibe in zionistischer Gesinnung Ihr Oberjäger B. K a r p i n. Das Gelöbnis für den Nationalfonds (Mitteilungen des Jüdischen Nationalfonds) Unsere Freunde finden in dem dieswöclientliehen Ausweis einen Betrag von 534,11) M. verzeichnet, der das Vermächtnis unseres auf dem westlichen Kriegsschauplätze *gefallenen Gesinnungsgenossen, Referendar B e n d i x Co 11 n aus Berlin, darsteilt. Vor einigen Wochen haben wir über eine Summe von 205 M. quittieren können, welche die Angehörigen unseres gefallenen Freundes, Rechtsanwalt Dr. Hugo Ascher, Berlin, zu einer Eintragung ins Goldeue Buch bestimmt haben. So schmerzlich und betrübend die Anlässe fiir diese Spenden sind, so stolz macht uns andererseits das Bewußtsein, daß unsere Freunde unserer Bewegung ׳und unseren Institutionen Treue bis über das Grab hinaus bewahren. Freilieh w ünschen wir nicht, daß sich uns weiter Gelegenheit bieten möge, aus solchem Anlaß Spenden zu verzeichnen, vielmehr hoffen wir, daß unsere Jugend, die draußen unter größten Anstrengungen ihre- Pflicht gegen das Vaterland erfüllt, gesund wieder heinikehren möge, uni dann aufs neue unserer Bewegung wertvolle Dienste leisten zu können. Im Anschluß hieran geht uns von osterreic bisch er Seite eine Anregung zu, der wir hier gern Raum gehen: Fs haben eine große Anzahl Familien osterreicliischer Zionisten, die im Felde stehen, das Gelöbnis abgelegt, bei der glücklichen Heinikehr ihrer Angehörigen einen gewissen Betrag dem Jüdischen N'ationalfonds zu widmen. Line solche Verpflichtung müßte seitens der Familien-!Mitglieder bei der Landeszentralstelle schriftlich hinterlegt werden, und die Sammelstelle würde derartige Erklärungen allwöchentlich publizieren. Wir glauben, daß diese Anregung auch bei uns iri Deutschland mit Freuden aufgenommen werden dürfte, zumal dies Gelöbnis (der ״Neder“) einem alten jüdischen Gebrauche entspricht. Nationale Lehren des Weltkrieges (Von einer Propagandatournec Kurt B 1 u 111 e 11 f e 1 d s) Als in jenen ersten Augiisttagen des Jahres 1*111 das Schicksal Europas sich zu erfüllen begann, da waren alle Anhänger des Staatsgedankens, die Gegner der Nationalidcc, der frohen Ueberzeugung, daß dieses wjigesehiehtliche Ereignis die endgültige Probe auf das Exeinpel ihrer Anschauung darstelle. Die Nationalitäten, so wähnten sie, hätten nunmehr zugunsten höherer Einheiten, der Staaten, ihren Wert verloren. Zum Beweise dafür wurden sie nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, daß in diesem Kriege stammverwandte Nationen sich bis auf das Messer bekämpfen, während in Staatsverbänden zusammengefaßte verschiedene Nationalitäten gemeinsam für den gleichen Gedanken in die Schranken treten. Der Krieg währt nunmehr sechs Monate und mit jedem Tage durften wir klarer erkennen, daß das Gegenteil von dem der Fall ist, was die Anationalistcn glaubten und hofften. Je einheitlicher nämlich in ihrem nationalen Gepräge die kriegführenden Gegner sind, um so stärker, um so unbesiegbarer sind sie. Am ausgeprägtesten tritt uns diese Tat- Sache bei dem deutschen Volke entgegen. Die Einheitlichkeit seiner nationalen Struktur wird durch fremdnationale Minoritäten kaum gestört. Diese Einheitlichkeit des nationalen Gepräges und daraus hervorgehend die Ausschließlichkeit seines nationalen Wollens, machen die Stärke des deutschen Volkes aus und werden schließlich den Sieg der deutschen Waffen herbeiführen. Umgekehrt sehen wir, daß, je bunter und vielfältiger das Nationalitätengemiseh in andern kriegführenden Staaten sieh darstellt, um so schwerer die bewußt oder unbewußt auseinanderstrebenden Tendenzen der einzelnen Nationalitäten sich zur Resultante eines einheitlichen Staatswillens zusanimenfügen lassen, ln dieser Tatsache haben wir die erste nationale Lehre des Weltkrieges zu erblicken. Als die waffenfähige Jugend Deutschlands dem Rufe des Vaterlandes in jubelnder Begeisterung folgte, da fühlte jeder die Größe dieser Zeit. Worin aber lag diese Größe? Waren cs die Millionenhecrc, die aufeinander stießen, oder etwa das genaue Arbeiten jener unsichtbaren Maschinerie, kraft deren sich die Mobilisierung der deutschen Heeresmassen bis in die kleinste Einzelheit mit wunderbarer Genauigkeit vollzog? Alles dies, so großartig es auch sein mochte, genügte nicht, um uns eine Zeit groß erscheinen zu lassen. Unsere Zeit ist groß, weil sie uns zum ersten Male in der Weltgeschichte zeigt, wie ein ganzes großes Volk, wie jeder einzelne Marin des Millionenheeres, den Krieg als s e i 11 e n Krieg empfindet. Offenbarte sich die menschliche Größe zur Zeit des Freiheitskrieges nur in einem relativ kleinen Kreis gebildeter Männer, so darf man von diesem Kriege sagen: ihn führt in Wahrheit das ganze deutsche Volk. Jeder merkt, dein Land, dein Herd ist in Gefahr, und jeder fühlt, die Zukunft aller menschlichen Entwicklung sei davon abhängig, ob Deutschland seine Aufgabe erfüllen könne. ״Nur am deutschen Wesen kann die Welt genesen“ ist die unzerstörbare Ueberzeugung jedes kämpfenden Deutsehen. In dem Glauben an diese ״Ausenvähltheit“ des deutschen Volkes ist jeder Deutsche bereit, sein Leben freudig zu opfern für das Leben und die Zukunft seiner Gemeinschaft. Dieser Glaube gibt der deutschen Nation ihre unbesiegliclie Kraft. Das Wesen der Nation ist nicht aus Tatsache״ der Vergangenheit und Gegenwart zu begreifen. Das wahre Leben der Nation liegt in den Vorstellungen, die sie seihst von ihrer Zukunft hat; eine Nation geht zugrunde, wenn ihr das Gefühl fiir ihre Aufgabe verloren gegangen ist. Aus dimer Erkenntnis erwächst in lebendigen Nationalitäten die Bereitschaft des Einzelnen, mit seiner ganzen Person fiir das Leben der Gesamtheit zu bürgen.!111 Zionismus lehr heute doppelt stark der Glaube an die Auserwähhlieit des jüdischen Volkes und er erzieht die Juden dazu, daß in Israel heute wieder einer für den anderen bürgt. i )er jede, der sich außerhalb dieses heiligsten Natiouulpriuzipes stellt, gehört in Wirklichkeit nicht mehr zur jüdischen Nation, ohne freilich in eine andere Nation eiii/.utreten, und er verfällt mit Recht der Verachtung nicht nur seiner Konnationalcn, o.mden! auch der Umwelt. Dies ist die zweite nationale Lehre des Weltkrieges. Unter der Jugend Deutschlands, die frohbereit zu den Fahnen eilte, stand die jüdische nationale Jugend nicht an letzter Stelle. Brachte diese Tat- Sache wirklich jemandem Erstaunen? Die deutsche Umwelt wußte seit je, daß jüdischer Nationalismus dein deutschen Vaterlandsgefühl nicht abträglich sein könne. Wir Nationaljuden waren durchdrungen von der Erkenntnis, daß, wer dem jüdischen Volke Treue bis zur letzten Konsequenz hält, auch dem deutschen Vaterland nicht untreu werden kann; daß, weF in jüdischcn Dingen furchtlos und mutig der Wahrheit ins Gesicht zu schauen gelernt hat, sich auch beim Sturmangriff als mutiger und furchtloser Manu bewähren wird. Die aiitizionistischen Assimilanten konnten nicht anders, als ihre Verleumdungen des vorigen Jahres /.urückzunehmen. Sie tröstet dürftig der Gedanke, daß es, wenn es lins ernst sei ums Vaterland, es uns nicht ernst sein könne um die Zukunft der jüdischen Nation. Wer in der Menschenseele zu lesen versteht, der konnte von ihnen nichts anderes erwarten. So klein und engherzig wie ihre ganze Politik, so klein und enge ahnen sie auch den Ideenkreis und das Gefühlsleben nationaler Juden und es verlohnt nicht, mit ihnen über größere Dinge als sie zu fassen vermögen, zu liaderu. Diese hier nur ganz andeutungsweise zusammengefaßten Gedankengänge entwickelte Kurt B 1 u m en - fehl in seinen Vorträgen in Düsseldorf, Essen, Dorttmunl und Köln in der ersten Februarhälfte. Wir sind unserem verehrten Führer zu tiefem Dank verpflichtet dafür, da 11 er uns gezeigt hat, wie der historisch orientierte Zionismus zu jeder Zeit, als« auch in dieser gegenwärtigen schweren Situation, seine volle Gültigkeit behält und behalten muß. Manchem von uns hat er die Zunge gelöst und gezeigt, daß *las Problem des jüdischen Volkes auch jetzt,’ vielleicht gerade jetzt behandelt werden muß. Dr. Grüneberg. Sasonows Rede In der Eröffnungsrede der russischen Duma erklärte der Minister des Addieren, Herr Sas o n o w: ״Zu den mißgünstigen Erfindungen der Deutschen gehören die Gerüchte über Judenpogronis, welche die russischen Truppen angestiftet haben sollen. Ich ergreife die Gelegenheit, von der Tribüne des Parlaments herab kategorisch die V e r 1 e 11 m d u 11 g zu dementieren; denn wenn die jüdische Bevölkerung am Kriegsschauplätze gelitten hat. so ist dieser Uebelstand nicht zu verhindern, denn die Bewohner der feindlichen Gegenden haben immer zu leiden. Im übrigen erklären Augenzeugen einstimmig, daß die größten Ver- Wüstungen in Polen das Werk der Oesterreicher und der Deutschen sind. Der deutsche Botschafter in Washington war eifrig bemüht, solche Gerüchte auszustreueii und in den Vereinigten Staaten eine uns feindlich gesinnte Stimmung zu schaffen, aber der gesunde Menschenverstand der Amerikaner bewahrte sie davor, in die grobgestellte Falle zu gehen. Ich hoffe, daß die guten russisch-amerikanisehet! Beziehungen nicht durch die Umtriebe der Deutschen leiden werden.“ Wir stehen nicht au zu erklären, daß wir den Mut solcher Frkliirimgen nicht einmal der russischen Regierung zugetraut hätten. Wir haben nicht geglaubt, daß die Tatsache der Progrome in Rußland geleugnet werden wird. Unsere Leser sind über sie 711 gut unterrichtet, als daß wir an dieser Stelle noch Beweise 711sainmeiitragen müßten. Die Verfolgungen der Juden in Polen sind keine Erfindung. Allerdings sind sie nicht ausschließlich das Werk russischer Hände, sondern die Juden m Polen leiden wr allem unter den Bedrückungen um! Dcniin/iationen von Seiten vier Polen. Die Juden Amerikas, deren Stimmung den Urhebern der Verfolgungen gegenüber allerdings mehr ohne Einfluß auf tlie öffentliche .Meinung Auu r!k;w is!. werden sieh durch Sasonovvs \!'׳!.u!gn!1ug nicht täuschen lassen. Wir unsererseits wiioivu wünschen, daß! es wirklich weder nw׳üsche Po~!;milk' noch eine polnische Bedrückung der Juden gäbe, aber wir müssen den Sclmiu/eiisnifcn 1111serer Volksgenossen mehr (Hanta■': schenken als den Versicherungen der russischen Minister.