Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1915)
- Date
- 1915-02-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sehe 64 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 8 Worin wird diese Befreiung des russischen Judentums bestehen? Was dürfen wir von ihr erhoffen, und was dürfen wir ohne Uebertreibung von ihr erwarten? In einer lesenswerten Broschüre, betitelt: Der Krieg, eine Schicksalsstunde des jüdischen V01kes, behandelt Wlad. W. Kaplun-Kogan*) diese Frage, und auch wenn man mit den Ergebnissen des Verfassers nicht übereinstiinmt, ist es interessant, sich mit seinen Ausführungen zu befassen. Die Schrift hat, scheint mir, einen Fehler, sie geht in ihren Er- Wartungen ebenso weit wie in ihren Wünschen, in ihren Voraussetzungen wird der Wunsch zum Vater des Gedankens, und die wirkliche Befreiung des russischen Judentums wird voraussichtlich nicht den in ihr gezeichneten Weg gehen, weil die Zukunft nicht das bringen wird, was der Verfasser in seiner Schrift voraussetzt. Er setzt nämlich nicht mehr und nicht weniger voraus, als daß das gesamte russische Ansiedlungsravon unter deutsche Herrschaft kommt. ״Die Juden, die in kompakten Massen als ein Volk zusatmnenwohneu, werden einem modernen, freiheitliehen Staat angegliedert, der die Gleichberechtigung der Juden als Menschen schon längst anerkannt hat.“ Oder an anderer Stelle: ״Man wird bei der Regelung der Verhältnisse unter den verschiedenen Nationen, die unter 'die Herrschaft des Fkmtschen Reiches kommen, für die Vollwertigkeit des jüdischen Volkes eine Reihe von unumstößlichen, unwiderlegbaren Gründen angeben können.“ Usw. Von diesen Voraussetzungen ausgehend, fordert der Verfasser dann für die neu dem Deutschen Reiche ungegliederten Teile eine oberste Reichsgesetzgebung, aus der sodann ,,einzelne Teile ausgesondert und der Kompetenz der nationalen Gesetzgebung der verschiedenen Nationen überlassen werden — und zwar diejenigen Teile, die in kulturellen und wirtschaftlichen Bcdürfnissen dieser Völker begründet liegen.“ Mit anderen Worten, er fordert einen Nationalitätenstaat, wie ihn etwa Ocsterreich-Ungarn darstellt, in welchem die J einzelnen Nationalitäten, in diesem Falle etwa Polen, j Ukrainer und Juden, kulturell und wirtschaftlich gleichberechtigt, politisch einer obersten Zentralgewalt unterstehen. Auf diese Weise, hofft er, wird es vermieden werden, daß aus dem national gemischten Lande ein neuer ״politischer Wettcrwinkel“ entsteht, und es wird ein ״sicheres Bollwerk gegen jegliche rtissisehe Expansionsgclüstc“ aufgebaut werden. Wir wollen hier nicht untersuchen, ob es im Interesse des Deutschen Reiches liegt, einen riesigen Länderkomplex mit fremdsprachlicher Bevölkerung unter seine Herrschaft zu bringen. Jedenfalls geht das jüdische Ansiedlungsravon Rußlands weit über die Grenzen des ehemaligen Königreichs Polen hinaus, und selbst wenn Teile Polens, ja selbst ganz Polen, an Deutschland resp. Oesterreich fallen werden — auch dieses ist ja heute noch gänzlich unsicher — so werden dennoch mehrere Millionen Juden unter russischer Herrschaft verbleiben. Keineswegs »also werden in Zukunft die Wohnstätten der jüdischen Massen mit den politischen Grenzen einzelner Staaten zusaniroenfallcn, und in jedem Falle wird der größere Teil Rußland verbleiben. Mau mag diese Tatsache bedauern, aber mau wird mit ihr rechnen müssen, und die Frage nach der Befreiung des osteuropäischen Judentums ändert sich daher in die Frage: Wie ist eine Emanzipation der Juden im Rahmen des Rtissisehen Reiches möglich? Es ist zweifellos, daß die Befreiung der jüdisehcri Massen *les Ostens nicht denselben Weg nehmen kann, ■den einst die Emanzipation der relativ geringen Mengen der Juden des Westens;;.::loninieit hat. Eine Emanzipation der jüdischen I m/elpersönlichkeit ist im Osten undenkbar. In der Sitzung der Nationalversammlung in Paris vom? 5. Dezember 1780, in der über die Emanzipation der Juden beraten wurde, sprach (dernioiu-Tonn'ere den Satz: ״Den Juden als einer Nation muß man alles \er-agen; den Juden als Menschen muß man;dies gewahren.'•! )iescr Standpunkt ist heute unmöglich. Will sich. Rußland die enormen geistigen und moralischen Kräfte dienstbar maeluui, die im russischen Judentum verborgen liegen, so muß es ihm als Volk alles gewähren, weil es ihnen sonst als Menschen;dies versagen müßte. Es ist heute nicht die /eit zu untersuchen, ob die Politik vier abendländischen Machte richtig war, die als Preis für die < deichhereeltdgtiiig der Juden ihre seelische Eiirvtir/ehtng erstrebten; sicher ist, daß Oesf eri eich-t ätgarti mit der Anerkennung der jüdischen Nationalität die besten Erfahrungen gemach! hat. Sollten daher größere jüdische Massen unter österreichische Herrschaft kommen, so wird für diesedie nationale Emanzipation von selbst gegeben sein; sie winkst weiter ihrer Eigen,in lohen dürfen, nur daß sie sich jetzt frei entfalten könnet! und staatliche Rechte genießen. So weiden sie, ohne daß mau von ihnen eine Veränderung '.erlangt, ein wertvoller Bestandteil Oesterreichs. Nur wenn Rull-!and diesen selben Weg eiilschliigt, mir wenn!׳< ein- * Wlad. W. Kaplun-Kogan: 1!<■1׳ Krieg, eine Schick so ls-t untle d׳ s indischen Volkes. Bonn 1<)I5. A. Man , und L. Webers Verlag. Aus den ״t lamb. Jüd. Nachr,‘■ sieht, daß das Volkstum von 5 Millionen Menschen ein Faktum ist, das nicht mit Gewalt unterdrückt werden kann, wird das Judentum aufhören, eine Quelle ewiger Unruhe für es zu sein. Alle anderen Wege sind ungangbar. Die Juden Rußlands brauchen weder Peitsche noch Zuckerbrot. Noch so viele Kauflcutc erster Gilde, die man hoch auszeichnet, und noch so viele jüdische ״Revolutionäre“, die man nach Sibirien schickt, werden die Masse nicht von ihrer Forderung ablenken: Anerkennung ihres Volkstums als gleichberechtigten Faktor. Das russische Judentum verlangt und braucht die Möglichkeit, sich frei entfalten zu können. Hat es sie, so wird es, das glauben wir, ganz ungeahnte Kräfte freimachen; es wird Persönlichkeiteu erstehen lassen, die -- frei von der Halbheit der westeuropäischen Juden — wirkliche Werte zu schaffen in der Lage sind. Will Rußland den Weg zur Befreiung seiner unterdrückten Völker nicht gelten, so muß es — von innen «der von außen darauf gestoßen werden. Hoffen wir, daß die jetzige Niederlage es auf den richtigen Weg führt! Das Armenamhulatorium des Zionistischen Zentralkomitees für Westösterreich Das Wiener Armenambulatorium des Zionistischen Zentralkomitees für die Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina vollendet mit der lautenden Woche den zweiten Monat seines Bestandes. Obschon sich die Gründer von allem Anfang an klar darüber waren, daß ihre Schöpfung eine Notwendigkeit sei, hat die Frequenz der Anstalt in den letzten Wochen eine derartige Steigerung erfahren, daß alle vorherigen Annahmen übertroffen wurden und der Andrang kaum mehr zu bewältigen ist. Die ärztliche Leitung liegt nach wie vor in der bewährten Hand des Primarius Dr. Ludwig Stricker; die ärztliche Verwaltung besorgt der unermüdliche Medizinalrat Herr Dr. B. Glatt alter. Alle anderen sehr zahlreichen Agenden des Ambulatoriums ■führt ein engerer ,Ausschuß, bestehend aus dem Präsideuten des Kuratoriums, Dr. Karl Pollak, dem Kassierer k. k. Reichsratsrevisor Rudolf Tattssig und dem Schriftführer Dr. Erich von Kahler. Nur dem rastlosen Eifer dieses letzteren Herrn, der cs sich nicht nehmen läßt, den ganzen Betrieb ununterbrochen zu überwachen, ist es zu verdanken, daß der enorme Andrang überhaupt glatt bewältigt werden kann. Die Zahl der Ambulanzen, die ursprünglich 9 betrug, hat sich auf LI erhöht. Es ordiniert je ein Spezialist für chirurgische, Ohren-, Kinder- und Nervenkrankheiten, Sprachstörungen und Orthopädie, je zwei für Augen-, innere, Haut- und Geschlechts-, Frauen-, Hals-, Nasen- und Zahnkrankheiten. Die Kandidaten der Medizin Meiseis und Sterner betätigen sich als Assistenten. Die ordinierenden Aer/te sind: Dr. Kaufmann, L>1\ Steiner, Dr. Bachrieh, Dr. Kolm, Dr. Stcrnberg, Dr. Glattauer, Dr. Poborski, Dr. Berg, Dr. Schreier, Dr. Pollak, Frau Dr. Füllenbattm, Doz. Dr. Fröscheis, Dr. Schlichter, Dr. Ekler, Dr. Kalmar, Dr. Adler, Dr. Weleminsky, Dr. Perutz und Dr. Zemach. Die Bedeutung des Ambulatoriums in s a n i t ü 1' e r und v o 1 k s c r z i e 11 e r i s c h e r Beziehung kann nur derjenige richtig ermessen, der die Mühe eines Besuches im Ambulatorium nicht scheut. Die Patienten werden da von den Aerzten nicht nur behandelt, sottdem auch ,zur Reinlichkeit und, soweit als tnöglieh, zur ständigen Beobachtung hygienischer Vorschriften augehalten. Dadurch ■wird das Ambulutorium auch ein wichtiger Faktor in der Verhütung und Bekämpfung e p i d e m i s c 11 e r K r a tt k hei- 1 c 11, die gegenwärtig die ganze Aufmerksamkeit der berufenen Stellen in Anspruch nehmen. 111 Anerkennung der großen Bedeutung des A111bulatoritims für die Sanitätspflege unter «len FHichtiingeu hat das k. k. M i n i s t e r i u in des 1 n u c r n in den letzten Tagen dem Ambulatorium die A rin e 11 - r e z e p t u r verliehen. Alle von den Ambulatoriumärzien vcrordneten Medikamente werden in allen Apotheken der L.eopoldstadt kostenlos ansgefolgt; außerdem werden in dringenden Fällen auch Bruchhämlcr, Brillen und dergl. unentgeltlich abgegeben. Die Acrzte des Ambulatoriums haben täglich Gelegenheit, das Fliidiifingsek'iid aus nächster Nahe zu beobachten, und es ergäbe sich, noch manche andere Notwendigkeit im Rahmen des Ambulatoriumsprogramnies Gutes zu tun. Leider reichen hierzu die bisher aufgebrachten Mittel nicht hin. Auf den 1 Aufruf des Ambulatoriums ist zwar (wie unsere Leser! aus der Spendenliste ersehen können) bisher ein Betrag von ca. tö 000 K. ciugeflossen, doch ist «las allgemeine Interesse noch nicht rege genug, mit der Anstalt die verdiente materiell«: Unterstützung dauernd zu sichern. Hoffentlich ändert sielt «lies sehon in nächster Zuktml't zum bessern, was im Interesse der bedauernswerten (>pit׳r des Krieges lebhaft zu wünsehen wäre. Feldpostbrief von einem ungarischen Zionisten Ungarisches Kriegsspital in B., den 2. Februar 1915. Sehr geehrter Herr Redakteur! Soeben erhielt ich Ihre ״Rundschau“ von der Feldpost hierher ins Kriegsspital nachgeschickt. Nach mehr als fünf Monaten bekam ich endlich eine zionistische Zeitung zu lesen, was mich dermaßen erfreute, daß ich beschloß, für Ihre Leser einiges Wissenswerte über den Einfluß des Zionismus auf die jüdischen Soldaten während des Krieges aus meiner fünfmonatliehen Kriegserfahrung mitzuteilen. Ich wage die Behauptung, daß in Oesterreich-Ungarn außerordentlich viele jüdische Soldaten durch ihre zionistische Gesinnung zu außerordentlicher Tapferkeit getrieben wurden, wovon die vielen Auszeichnungen und Bcförderungen jüdischer Soldaten infolge der Tapferkeit ein rühmliches Zeugnis ablegen. Die Erfahrung hat mich aus einem besonderen Grunde gefreut. Es sind eben alle diejenigen, die den Zionisten erst vor nicht allzu langer Zeit die Vaterlandsliebe abgesprochen haben, Lüge gestraft worden. Gerade das Gegenteil hat sich gezeigt. Ich will nur einige wenige charakteristische Erlebnisse mitteilen, denn für alle müßte ich den Raum eines Buches haben und nicht eine Zeitung. Ein Tag nach meiner Einkleidung im Kader. Der Kommandant, ein Pole, kein Philosemit, aber ein gerecht und gerade denkender Mann, erfährt, daß ich einmal Rabbinatskandidat gewesen bin und ersucht mich, in Ermangelung eines Rabbiners, den Juden, 40 an der Zahl, die mit dem neuen Feldjägerbataillon morgen abmarschieren, den Eid abzunehmen und eine kleine Ansprache zu halten. Ich hielt eine kurze patriotische Ansprache und sagte u. a.; ״Wir haben die doppelte Pflicht, gegen diesen Feind mit der größten Tapferkeit zu kämpfen; der Russe ist der Feind unseres erhabenen Kaisers, der den Juden volle Gleichberechtigung gewährt, der Russe ist aber auch der Feind der Juden; deshalb lasse sich niemand gefangen nehmen! Sondern das Leben sehr teuer erkaufen! Zehn Russen auf jeden Juden!“ Aus den Augen der Juden blitzte Feuer, der Hauptmann sieht es, drehte sich zu mir tun und sagte: ״Sie sind wohl Zionist?“ ״Jawohl, Herr Hatiptmann!“ gab ich zurück, ״und wahrscheinlich sind von den anderen Juden auch 60 bis 70 Prozent Zionisten.“ ״Das freut mich ungemein,“ sagte er, ״denn mit Eurer Makkabäerliebe werdet Ihr uns helfen, um so sicherer den Feind zu besiegen.“ --־ Das Bataillon hat wirklich gekämpft wie kein anderes. Ich gehörte der 1. Marschkompagnie an. Am andern Tag sollte diese abmarschieren. Der Kaderkommandant, der das Kommando II übernahm, wollte mich für sich haben und fransferierte mich zu sich. Auf der Straße traf mich der Kommandant der 1. Kompagnie. Ein Hauptmann, Deutscher, vornehm und streng in Handlung und Gesinnung. ״So, so, Sie sind mir untreu geworden und gerade Sie mit Ihrem zionistischen Feuer, das Sie bei Ihrer Rede bekundeten, wollte icli haben, zur Begeisterung und Atifettenmg meiner Juden!“ ״Herr Hauptmann,“ sagte ich, ״ich bin gezwungen, dem Befehl des Kaderkommandanten zu gehorchen, aber unter den Juden der 1. Marschkompagnie sind mir viele Zionisten bekannt, die werden schon ihre Pflicht und Schuldigkeit tun, natürlich auch alle Juden, denn int Grunde ihres Herzens haben alle Juden Makkabäcrfetter! Nur muß man sie gerecht behandeln.“ ״Ich danke Unten für die kleine Rede,“ sagte er, ״Sie werden wohl recht haben.“ 1 n N. Sch., e i n e n n ga r is c b e Kl e i 11 - stadt. Sehr viele Flüchtlinge aus Galizien; auch viele jüngere Leute, darunter viele, die von zu Hause aus wohlhabend und hier dem Elend preisgegeben sind: ein Jammerbild. Ich machte mich mit ihnen Dekan nt und es dauert fünf Minuten und wir sind in einer feurigen Diskussion.nicht etwa : über den Zionismus (der steht über allem Zwei- | fei), sondern über Achad Haam, Nordau usw. i Juden, die nicht wissen wohin, die fürchten,