Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1915)
- Date
- 1915-02-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 63 Die zweite Aufgabe der Prophylaxe fällt mit der Heilung der Malariakranken zusammen. Denn je größer die Zahl der Erkrankten ist, desto größer ist auch die Infektionsgefahr; deshalb müssen eben durch sorgsame Blutuntersuchung möglichst sämtliche Parasitenträger festgestellt werden. Das ist jetzt praktisch durchführbar, seitdem das Interesse der vorher sehr indolenten Bevölkerung geweckt worden ist. Eine wichtige und traurige Rolle spielt in ganz Palästina auf dem Lande und in den Städten das Trachom, die ägyptische Augenkrar.kheit. In Palästina zunächst eine Krankheit der Araber — in Ost-Europa stellen die Juder nur einen geringen Anteil der Trachomkranken —, greift sie jetzt auch mehr und mehr unter den Juden, auch denen der Kolonien, um sich. Die Uebertragung der Krankheit erfolgt durch direkte Verschleppung des Augensekretes, also besonders leicht bei einer proletarischen, wenig an Sauberkeit gewohnten Bevölkerung; vor allem Kinder sind der Infektion ausgesetzt, und ein großer Teil der Trachomkranken erwirbt seine Krankheit in früher Jugend. Die Bekämpfung des Trachoms hat also mit den Lebensgewohnheiten und den sozialen Verhältnissen zu rechnen. Die Erfolge der Trachombekämpfung im Osten Deutschlands zeigen, daß auch, wo die Dinge nach dieser Richtung hin ungünstig liegen, die Ausbreitung der Krankheit sehr eingeschränkt werden kann. Aber auch in Deutschland, wo Gesetze nicht nur auf dem Papier stehen, ist das erst durch sehr umfassende und energische Maßregeln gelungen, ln Palästina ist die Aufgabe noch weit schwieriger, und sehr viel wird von dem guten Willen und dem Verständnis der Bevölkerung abhängen. Die Trachombekänipfung in Jerusalem läßt sich nur dann durchführen, wenn eine systematische Bekämpfung im ganzen Lande dazukommt. Wenn es gelingen sollte, Malaria und Trachom in ihrer Verbreitung einzuschränken, so wären immer noch die Gesundheitsverhältnisse keineswegs befriedigend. In Zukunft dürfte in Jerusalem und vielleicht in ganz Palästina die Hauptbedeutung einer anderen Krankheit zukommen, der Tuberkulose. Ueber die Verbreitung der Tuberkulose in Jerusalem und ihre Verteilung auf die verschiedenen Gruppen der Bevölkerung haben wir ein brauchbares Zahlenmaterial bekommen durch die Untersuchungen von Much*). Für das Gros der Juden Jerusalems gelten nun durchaus dieselben Verhältnisse, wie wir sie von den tuberkulosedurchseuchten Arbeitervierteln einer Reihe europäischer Großstädte kennen. Das ist kein Wunder, denn diese Juden leiden auch in Ost-Europa sehr stark an Tuberkulose, sie bringen die Krankheit von hier nach Palästina mit, und da sich ihre Lebensweise nicht ändert, so kann sich die Krankheit ebenso leicht ausbreiten wie in Ost-Europa. Noch weit mehr als die osteuropäischen Juden werden die an Zahl geringen südarabischen Juden, die Jemeniten, von der Tuberkulose betroffen. Sie stammen aus einem Lande, in dem die Tuberkulose noch unbekannt ist, und es ist eine alte Erfahrung, daß eine Seuche, wo sie zum ersten Mal eine Bevölkerung befällt, viel schwerere Formen annimmt als dort, wo sie schon längere Zeit heimisch ist. Dazu kommt, daß die Juden aus Jemen ganz andere klimatische Verhältnisse gewohnt waren, nicht das verhältnismäßig rauhe Klima von Jerusalem, das an sich schon leicht genug Erkrankungen der Atmungsorgane auslöst. Die Ausbreitung der Tuberkulose ist in Palästina eine schwer vermeidbare Folge der Berührung mit westlicher Kultur; auch unter den Arabern greift die Tuberkulose um sich, und zwar nicht durch Vermittlung der Juden. In einzelnen Orten in der Nähe Jerusalems, wo jetzt zahlreiche Tuberkulöse leben, kann man noch genau verfolgen, wie einzelne aus Amerika zurückgekehrte Araber — und deren Zahl ist bekanntlich nicht ganz klein — in eine vorher gesunde Umgebung die Krankheit hineingetragen *) H. Much, Eine Tuberkuloseforschungsreise nach Jerusalem (unter Mitarbeit von Pr. Kanaan,! Grudelssendorf, Hoffinann, Mastermann, Severin, Wallach) Würzburg 1913. haben (vgl. besonders die Angaben von Muchs Mitarbeiter, dem arabischen Arzt Dr. Kana a n). Auch für die ländliche Kolonisation Palästinas, speziell die von jüdischer Seite, könnte die Tuberkulose zu einer Gefahr werden. Es wandern aus Ost-Europa immer wieder Leichtkranke und sogar auch Schwerkranke ein, und die Wohnverhältnisse, wie sie in einem Teil der Kolonien unter den russisch-jüdischen Arbeitern (wie auch bei den jemenitischen Arbeitern) herrsehen, sind ein günstiger Boden für eine Weiter- Verbreitung der Tuberkulose. Daß eine umfassende Tuberkulosebekämpfung sehr große Mittel erfordert, die übrigens, wie es scheint, zum Teil schon gesichert sind, ist selbstverständlich; eine nicht umfassende Bekänipfung wäre nur ein Schlag ins Wasser. Der erste Schritt ist eine Aufklärung der Bevölkerung, wie sie Much begonnen hat. Es gilt den Juden ihre Gleichgültigkeit, den Mohammedanern die abergläubische Furcht zu nehmen, die sie an jedem Versuch einer Heilung verzweifeln läßt. Eine beratende Tätigkeit, wie sie bei uns die Fürsorgestellen ausüben, ließe sich, vielleicht im Anschluß an bestehende Anstalten, Verhältnismäßig leicht durchführen und müßte von großem Nutzen sein. Von epidemischen Krankheiten nenne ich hier noch den T y p h 11 s, der viel häufiger, als man früher gewußt hat, in der Stadt und auch auf dem Lande vorkommt. Zu umfassenden Epidemien kommt es deshalb schwer, wie Mühlens treffend hervorhebt, weil eine zentrale Wasserleitung oder eine ähnliche Ansteckungsquelle für größere Stadtgebiete, etwa eine gemeinsame Milchversorgung, nicht existiert. Ich nenne ferner die Tollwut, die in manchen Jahren beträchtliche Opfer fordert. Wenn auch die Zahl der Todesfälle, absolut genommen, nicht hoch ist, so sind sie doch deshalb so ganz besonders traurig, weil sich bei rechtzeitiger sachgemäßer Behandlung die meisten Todesfälle vermeiden lassen. Deshalb ist die im letzten Jahre erfolgte Errichtung einer Tollwut-Abteilung innerhalb des noch weiter unten zu erwähnenden Gesundheitsamtes von Jerusalem mit großer Freude zu begrüßen. Aehnliches gilt für die Pocken. Pockenepidemien sind nicht selten. Das erwähnte Institut wird, wenigstens falls die Gefahr einer großen Epidemie nahegerückt ist, Impfungen in weitem Umfange vornehmen können, und eine Impfung der die Schulen und Kindergärten besuchenden Kinder erscheint jetzt schon durchführbar. Aus meiner Schilderung geht wohl hervor, wie vielerlei Aufgaben bei der Assanierung Jerusalems zu lösen sind; neben der Bekämpfung der einzelnen Krankheiten kommt als wichtigste Forderung der Bau einer Wasserleitung und einer zuverlässigen Kanalisation hinzu. Es ist nach einigen Schwierigkeiten ein ״I n t e r n a t i o n a 1 e s ü e s u n d h e i t s a m t“ in Jerusalem geschaffen worden. Das Gesundheitsamt gibt den gemeinsamen Rahmen ab für die Tätigkeit 1. der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Malaria, 2. der Jewish Health Office (einer Gründung von Nathan Strauß, New York), 3. der Gesellschaft jüdischer Aerzte und Natur- Wissenschaftler für sanitäre Interessen in Palästina.*) In finanzieller und organisatorischer Hinsicht ist jede der Gesellschaften von der anderen unabhängig. Für die praktische und wissenschaftliche Arbeit wurden vier Abteilungen gegründet derart, daß jeder der erwähnten Ge- Seilschaften ein besonderes Arbeitsgebiet zufällt. Es sind dies; 1. Abteilung für Malaria (Deutsches Komitee zur Bekämpfung der Malaria), 2. die hygienische Abteilung (Jewish Health Office), 3. Serologische und Wutschutz-Abteilung (Ge- Seilschaft jüdischer Aerzte usvv.), 4. Bakteriologische Abteilung (Jewish Health Office). *) Jetzt: ״Jüdische Gesellschaft für sanitäre lnteressen in Palästina.“ Charakteristisch für die palästinensischen Verhältnisse ist es, wer in diesem Internationalen Gesundheitsamt mitwirkt und wer nicht. Die Franzosen, die in Syrien den medizinischen Unterrieht in ihrer Hand haben*) und deren sehr große Interessen an Palästina kein Geheimnis sind, halten sich fern; die Engländer sind nicht offiziell vertreten, aber die Mitarbeit englischer Aerzte ist schon jetzt wertvoll geworden. Die eine der vier Abteilungen, allerdings zurzeit für Jerusalem vielleicht die wichtigste, die Malaria-Abteilung, ist deutsch, ebenso zurzeit die Oberleitung des Instituts. Die drei anderen Abteilungen sind jüdisch, was wohl verständlich ist, wenn man bedenkt, daß zu zwei Dritteln die Einwohnerschaft Jerusalems aus Juden besteht, und daß für die jüdischen landwirtschaftliehen Kolonien günstige sanitäre Verhältnisse eine Lebensfrage sind. Welche Erfolge bei der Assanierung Jerusalems und Palästinas auch erreicht werden mögen, sie werden auf jeden Fall nicht irgend einer politischen Gruppe zugute kommen, sondern der ganzen Bevölkerung. Der Schaden, den, Volkswirtschaftlich betrachtet, das Land durch das Vorhandensein so vieler kranker und nicht völlig arbeitsfähiger Menschen erleidet, ist zahlenmäßig greifbar nicht auszudrücken. Sicher ist, daß der langsam sich anbahnende wirtschaftliche Aufschwung schnellere Fortschritte machen könnte, wenn nicht die ungünstigen sanitären Verhältnisse dem Lande alljährlich eine Unsumme wertvoller Kräfte entzögen. *) In Beirut gibt es auch eine medizinische Lehranstalt der Amerikaner. Der Vortragszyklus der Berliner Zionistischen Vereinigung Fortsetzung des unterbrochenen Zyklus Der Vortragszyklus der Berliner Zionistisehen Vereinigung, in dem schon die Herren Dr. Arthur Hantke, Leo Herrmann und Kurt Blumenfeld Vorträge gehalten hatten, mußte seinerzeit wegen der Abreise der Herren So ko low und Motzkin nach Kopenhagen und des Herrn L i c h t h e i m nach Konstantinopel unterbrochen werden. Auf den dringenden Wunsch der zahlreichen Teilnehmer an dem Zyklus werden die Vorträge nunmehr wieder aufgenommen. Es werden folgende Vorträge stattfinden: 22. Februar: Kurt Blumenfeld — ״Zionistische Aussichten“; 9. März: Dr. Julius Becker — ״Die Juden des Ostens“; 16. März: Dr. Arthur Hantke (Thema noch Vorbehalten). Neueintretende Teilnehmer haben einen Beitrag von 1 M. zu entrichten. Die Vorträge finden in den Prachtsälen des Westens (Spichernstraße) statt. Es ist zu hoffen, daß diese Vorträge von allen Berliner Zionisten besucht sein werden. Der Krieg und das osteuropäische Judentum Von Dr. Arnold Hildesheimer Wer wollte heute über die Ergebnisse des Krieges reden'.■׳ Noch haben nur die Waffen das Wort, und alles andere sind Zukunftshoffnungen. Und doch sind wir heute so weit, daß sielt über manche Dinge schon mit einer gewissen Sicherheit reden lallt, und zu diesen Dingen gehört zum Glück das eine: Rußlands Niederläge scheint unvermeidlich zu sein. Das russische Reich wird in seiner bisherigen Farin nicht weiterbestehen. Noch wissen wir zwar nicht, welcher Art die Veränderungen sein werden, die mit ihm vorgehen werden; aber das dürfen wir hoffen, daß diese russische Niederlage den Anfang bildet zur Befreiung der vom russischen Joche bedrückten Völker. So wird — daran ist ein Zweifel nicht möglich — auf der kommenden Friedenskonferenz die Frage des osteuropäischen Judentums irgendwie verhandelt werden, und da der Sieger dem Besiegten seinen Willen diktiert, so sieht sich jetzt Deutschland vor der grollen Aufgabe, der entscheidende Faktor bei der Befreiung des russischen Judentums zu sein.