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Jüdische Rundschau · 1915-02-19 · Heft 8 (19.2.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 8 (19.2.1915)
Date
1915-02-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 62 Nr. 8 deutsche Botschafter, Freiherr v. Wangenheim, nimmt insofern eine Sonderstellung ein, als er nicht in Vertretung derjenigen Juden handein kann, welche von der Ausweisung bedroht sind, nämlich der englischen, russischen und französischen. Um so höher ist es zu schätzen, daß er sich wiederholt und mit großem Nachdruck zugunsten der gesamten jüdischen Bevölkerung Palästinas eingesetzt hat. Es bedarf kaum einer besonderen Erwähnung, daß der Großrabbiner der Türkei, Haiin Na 11 um, gleichfalls alles in seinen Kräften Stehende getan hat, um das Los der Juden in der Türkei zu erleichtern. Endlich muß immer wieder betont wanden, daß trotz der Schwierigkeiten, welche in der politischen Situation liegen, die leiten d e n Staatsm ä n n er der Türkei großes Verständnis für die Bedürfnisse der Juden gezeigt haben, obwohl nicht immer unsere Wünsche völlig erfüllt worden sind. Wir dürfen nicht zu optimistisch sein und dürfen nicht vergessen, daß die Welt den schreck-!ichsten Krieg aller Zeiten erlebt. Aber wir dürfen auch sagen, daß die hier gegebene Darstellung keineswegs zu optimistisch gefärbt ist und daß wir hoffen können, daß das jüdische Kolonisationswerk in Palästina und die Juden in der Türkei die jetzige Krise überstellen w erden, wenn die zionistische Organisation und ihre Institutionen sich den politischen und wirtschaftlichen Erfordernissen gewachsen zeigen und wenn die materielle Hilfeleistung aus Amerika andauert. Weit schlimmer als gelegentliche feindliche Akte einzelner Beamter lastet auf der jüdischen Bevölkerung Palästinas die wirtschaftliche Not, die der Krieg, das Aufhüren des Exports und Imports, der Geldmangel und die Requisitionen der Armee mit sich gebracht haben. Hiergegen ist rasche Hilfe nötig, und diese kann nur von der gemeinsamen Anstrengung aller Juden kommen. Der Propagandafonds der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Viele Gesinnungsgenossen haben ihre zionistische Pflicht gegen die Landesorganisation erkannt und durch Abführung ihrer Beiträge betätigt. Manche Gesinnungsgenossen aber scheinen unsere Aufforderung vergessen zu haben. Wir mahnen sie! Zionistische Vereinig u*ng für Deutschland. Der Engel und die Weltherrschaft Ein a 11 j i'i d i s c h e s M ä r c h e n.’) Den Freunden im Feld gewidmet. Es w׳ar zu einer Zeit, da aus dem Willen des Herrn, in dessen Hand eines jeglichen Dinges Ursprung und Ende ist, ungemessen Pein und Siechtum sich über die Welt ergoß. Vom Dunst der Tränen war die Luft beschwert, vom Hauch der Seufzer trübe und durchpeitscht vom Schrei der Vergehenden. Wehmut und Trauer lag selbst über den Heerscharen, die den Thron umstehen. Unter ihnen aber war einer, dem war das Herz ganz verstört von all dem zehrenden Leiden, auf das er niederblickte. Wenn er seine seelenmatte Stimme in den klingenden Gesang der andern mengte, rang der Zweifel in ihm mit der I'reue, seine Gedanken lehnten sich auf und vermaßen sich am Herrn. Nimmermehr konnte er verstehen, zu welchem Ende der ewige Strom der Bitterkeit seine üiftfluten in das Meer des Lebens ausschütten mußte, nimmermehr, warum Tod und Verderben die Bindeglieder sind in der Kette des Geschehens. Da fühlte er einmal erschauernd, wie das Auge der Welten in sein Auge drang und die Verwirrung seines Herzens erfaßte. Er reckte sich auf und trat vor den Herrn hin. *1 Dieses Märchen ist schon in unserer unseren Freunden im Felde gcwidmeleii Chaiiukali-Suiulernuimner erschienen und wurde vom Autor bei der Wohl tat igkeits Veranstaltung des Kriegshilf skomitces der Zionistischen Vereinigung׳ für Deutschland vorgelesen. Wir bringen es auf allgemeinen Wunsch hier für alle unsere Leser zum Abdruck. JUED1SCHE RUNDSCHAU Zur Assanierung Jerusalems Von F. Schiff 111 dem kürzlich erschienenen Heft 2—4 (Band II) der Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für lslantkunde ״Die Welt des Islams“ (Berlin, Dietrich Reimer [Ernst Vohsenß findet sich unter obiger Ueberschrift ein überaus interessanter Aufsatz von F. Schiff, dem wir die fol- ׳״enden Ausführungen entnehmen. Sie verdienen besonders Beachtung im Zusammenhaiig mit dem Aufsatz Dr. Sandlers in unserer letzten Nummer. Wenn in der letzten Zeit Versuche gemacht werden, das Interesse und die Mithilfe weiterer Kreise in Europa, speziell auch in Deutschland, für das vor etwa zwei Jahren begonnene Werk der Assanierung Jerusalems zu gewinnen, so haben hierbei sicherlich auch politische Motive mitgevvirkt. Aber andererseits ist der Versuch zur Assanierung von Jerusalem einfach eine von modernen Gesichtspunkten ausgehende Ergänzung der schon längst in Jerusalem bestehenden Einrichtung zur Krankenversorgung. Die deutsehen, englischen, französischen und einige der jüdischen Krankenhäuser sind vortrefflich. Was sie leisten, bleibt jedoch eine Sysiphusarbeit, wann sie nicht unterstützt werden durch umfassendste hygienische Vorkehrungen, wann nicht das Heilen eine Ergänzung im Vorbeugen findet. Allerdings ist für den Gesundheitszustand einer Bevölkerung die Tätigkeit des Sozialpolitikers mindestens ebenso wichtig, wie die des Hygienikers; aber in Jerusalem ist für beide genug der Arbeit. Auch innerhalb der gegebenen sozialen Verhältnisse läßt sich von einer zielbewußten hygienischen Tätigkeit Wertvolles erwarten, wirklich eine Assanierung Jerusalems. Die europäischen Stadtteile mit ihrer wohlhabenden Bevölkerung bedürfen keiner Assanierung. Das Klima der hochgelegenen Stadt ist im ganzen für den Europäer gesund, die Wohnverhältnisse sind einwandfrei, und ihre Reinlichkeit schützt die Europäer vor vielen Schädigungen. Ganz anders die alten Stadtteile der Eingeborenen, wo 60000'Juden mit 12 000 Mohammedanern und 20 000 Christen*) auf einer Fläche, *) Die Schätzungen der Einwohnerzahl schwanken außerordentlich; die hier gegebenen Zahlen für Mohammedaner und Christen nach M e y er's Syrien und Palästina 1913, für die Juden nach Trietsch (Palästinahandbuch 2. Aufl.) für das Jahr 1909. Von einigen Seiten wird insbesondere die Zahl der Juden jetzt ganz wesentlich höher angegeben. Sein lichtes Angesicht war vom Schmerz verdunkelt und seine Stimme versagte, da er reden wollte. Der Herr aber rief ihn mit Namen und berührte seine Lippen. Nun hub der Engel zu reden an und begehrte mit freien und kühnen Worten, daß Gott die Führung der Erde für eines Jahres Frist in seine Hände geben möge; er wolle sie zum Guten führen. Die Scharen uin den Thron erzitterten in Scham und Bangen um deii Vermessenen. Dann aber erstrahlten die Himmel unter Gottes gütigem Lächeln. Er bückte den Heischenden liebreich an und sprach die Gewährung aus. Der Engel hob sich schimmernd und erglühend gleich einer goldgesäumten Rosenwolke von hinnen. Nun kam ein Jahr der Wonne und der Anmut über die Erde. Der lichte Engel schüttete den ganzen Ueberfluß seines gnadenseligen Herzens auf die verängstigten, in Nöten erstarrten Kinder der Welt hernieder. Kein Schrei des Siechtums und des Sterbens störte die rauschenden Harmonien und der dunkle Genoß in der stählernen Rüstung, der vor kurzem noch brausend durch die Lüfte geeilt war, stand mit gesenktem Schwerte, seines Amtes entsetzt, in verdrossenem Warten bei Seite. So schwebte die Erde erst in einem Blütenhimmel, dann stand sie schwer und gebeugt unter ihrer Früchtelast. Die Menschen zogen singend durch die sattgelben Felder, als der Sommer reif und glühend war, kein Sterblieber w ußte sich solchen Segens zu entsinnen. Dann kam die Ernte und es schien, als ob die Mauern bersten und die Dächer sich heben müßten, um all der Fülle Raum zu bieten. Der helle Engel aber, da er all seine Wünsche hatte vollbringen dürfen, lebte in einer Glorie stolzer die nicht größer ist als das Wohngebiet der wenigen hundert Europäer, dicht gedrängt hausen. Hier ist das eigentliche Feld für den Hygieniker. Eine vortreffliche zusammenfassende Dar- Stellung der sanitären Verhältnisse von Jerusalem hat Müh lens*), der Leiter der im Herbst 1912 nach Jerusalem entsandten deutschen Malaria- Expedition, gegeben. Diese Expedition hat ihrem nächsten Ziel entsprechend vor allem die Malaria berücksichtigt und zunächst einmal festgestellt, daß sie unter den Eingeborenen ganz außergewöhnlich stark verbreitet ist. Wenn M ü h 1 e n s und seine Mitarbeiter in manchen Stadtgegenden bei 30-40 0״ der Untersuchten (im ganzen wurden über 7000 Menschen untersucht) Malaria-Parasiten im Blute fanden, und zwar bei einer einzigen Untersuchung, so darf man wohl annehmen, daß nicht nur im Laufe seines Lebens jeder Eingeborene in Jerusalem Malaria erwirbt, sondern daß ein sehr großer Teil der Bevölkerung auch über das Kindesalter hinaus an der Malaria zu leiden hat. Aendern lassen sich diese Zustände; das folgt allein schon daraus, daß die Bewohner der deutschen Kolonie viel weniger, die Amerikaner fast gar nicht befallen sind. Daß der Wille, sich zu schützen, allein nicht immer ausreicht, zeigt der Umstand, daß die Deutschen eben doch nicht ganz verschont bleiben. Während die Arnerikaner sich gegen die Anophelesmücken, die Ueberträger der Malaria-Parasiten, schützen können, weil ihre Ansiedlung ganz in der Peripherie der Stadt gelegen ist und sie wirklich nur die innerhalb ihrer Kolonie vorkommenden Mückenlarven zu vernichten haben, werden den Deutschen, die zwischen der amerikanischen Kolonie und der Eingeborenenstadt wohnen, immer wieder durch den Wind malariaübertrageiide Mücken aus der Altstadt zugeweht. Die Vernichtung der Anopheles bzw. ihrer Larven in der ganzen Stadt ist die eine Aufgäbe der Malariaprophylaxe. Sie ist in Jerusalem schwierig und vor allem kostspielig, ln den zahllosen offenen und oft verschmutzten Zi- Sternen finden die Larven geradezu ideale Lebensbedingungen und ihre gründliche Vernichtung wäre nur möglich bei einer vollständigen Aenderung in der Wasserversorgung Jerusalems, die auch aus anderen Gründen sehr wünschenswert ist. *! Centralblatt für Bakteriologie Abt. I Oriir Bd. 69 H. 1. Zufriedenheit. Ging auch die Herrschaft an den! Tage, da der erste Winterschnee die Felder deckte, wieder in des Herrn Hände über, so hatte er doch Güte und Gnade so über alles Maß gespendet, daß die Söhne der Irdischen auf eine lange Zeit der Gaben sich erfreuen würden. Es kam aber ein kühler, später Tag im Jahr, da scholl ein tausendstimmiges Wehgeschrei zum Himmel. In jähem, staunendem Erschrecken fuhr der Engel zur Erde nieder und trat, als Pilger angetan, in das erste Haus am Wege. Sie hatten das Korn gedroschen, zu Mehl gemahlen und zu Brot gebacken - aber wehe, das Brot, das aus der Glut kam, zerfiel in Stücke und die Stücke waren ungenießbar und erfüllten den Mund mit widerlichem, rauhem Erdgeschmack. Und so war es im zweiten Haus und im dritten und überall, wo der Engel seinen Fuß hinsetzte. Die Mensehen aber lagen am Boden, rissen sich die Haare und fluchten dem Herrn der Welten, der ihre armen Herzen mit seinem falschen Segen genarrt habe. Der Engel flog hinweg und stürzte vernichtet Gott zu Füßen. ״Q Herr,“ schrie er auf, ״laß mich verstehen, worin der Mangel lag in meiner Kraft und Aufsicht!“ Da erhob der Herr seine Stimme und sprach: ״Es ist ein Ding bei mir, und bei mir allein seit Anbeginn, zu schwer und zu grausig für deine sanften Geberhände, mein freundlicher Geseil, — das heißt, die Erde mit Fäulnis nähren und mit Schatten decken, daß sie aus dem Sarnen gebäre, — das heißt, die Seelen mit Blut und Schmerzen fruchtbar machen, daß das Werk aus ihnen erstehe.“ Martin Buber.

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