Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1915)
- Date
- 1915-02-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 56 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 7 benden, laßt den Donner der Kanonen in Euren Ohren ertönen! Dort herrscht die Hölle. Von jenseits des Ozeans wird das Hilfsgeschrei der Witwen und Waisen zu Euch dringen. Erinnert Euch, daß Ihr Kinder des Leidens und des Elends seid! Ihr seid immer Opfer der Unterdrückung gewesen. Seid jetzt Menschen! Seid so groß wie das Elend, seid edelmütig und laßt die Hilfe so groß werden wie das Unglück!“ Nach der Versammlung gingen zahlreiche größere Spenden ein und es wurden über 17 000 Dollar gezeichnet. Der Verein der öst-ung. Zionisten in New York ffir die jüdischen Flüchtlinge aus Galizien (Von unserem Berichterstatter.) New York, den 4. Januar 1015. Der in New York bestehende Verein der österreichisch-ungarischen Zionisten hat ,sich für verpflichtet gehalten, in energischer Weise für die Aktion für Aufbringung von Mitteln für die jüdischen Opfer des Krieges im Osten der Oesterreich-Ungarischen Monarchie zu wirken. Die Nachrichten über das große Elend der jüdischen Flüchtlinge aus Oalizien und der Bukowina, die durch den Einbruch der Russen zur Flucht nach Westösterreich genötigt worden sind, sind durch die österreichischen Zionisten zuerst in ausführlicher und authentischer Form nach Amerika gelangt und haben so den festen Ent- Schluß hervorgerufen, an der Beseitigung dieses Elends mitzuwirken. Die amerikanischen Zionisten als solche haben ihre Mithilfe und ihre Beteiligung an der Aufbringung von Mitteln für die jüdischen Flüchtlinge in Galizien innerhalb der allgemeinen Aktion des amerikanischen Judentums betätigt; aber die Zionisten aus Oesterreich-Ungarn glaubten darüber hinaus etwas Besonderes tun zu müssen und haben daher am Samstag, den 3. Januar, in New York einen Flaggentag veranstaltet und als dessen finanzielles Reinerträgnis schon die ersten tausend Dollars durch das K. u. K. Oesterreich-Ungarische Konsulat in New York an das Zionistische Komitee in Wien überwiesen, zu dessen Mitgliedern die Herren Oberingenienr Robert Stricker, Adolf Stand und Moses Frostig gehören. Nunmehr werden die Vorbereitungen für einen Bazar gefroffen, der zum Besten der galizischen Notleidenden in Wien in Henigton Hall vom 30. Januar bis 7. Februar stattfinden wird. Um die Durchführung dieser Aktion hat sich besonders Flonor Joseph Barondes, Präsident des Ordens Bnei Zion und Mitglied des Schulrates der Stadt New York, Verdienste erworben, der als Vorsitzender des Komitees seinen großen Einfluß dem wohltätigen. Zweck zur Verfügung stellte. Besonders haben sich für die Arbeit des Komitees auch die Herren Samuel Gold stein (aus Kolomea), B. Siegel, Moses Kramer, Samuel Wiesen (aus Dembitz), B. Du h 1 und Marcus Kramer eingesetzt. Es ist zu hoffen, daß bald weitere Summen angewiesen werden können. Liebesgaben Die Zionistische Vereinigung für Deutsch- Iand hat in der Woche vom 1. bis 7. Februar, für welche Zeit von der Postbehörde Pakete im Gewicht bis 500 Gramm mgelassen waren, weitere 300 Sendungen an jüdische Soldaten im Felde zur Versendung gebracht; die Hälfte dieser Pakete ■ging an solche Soldaten, die als bedürftig angegeben wurden. Insgesamt wurden bisher über 2000 Pakete ins Feld geschickt. Die vielen überaus herzlichen Danksagungen, die uns täglich von der Front zugehen, beweisen uns, mit welcher aufrichtigen Freude das Eintreffen der Liebesgabensendungen aufgenommen wird. Das Komitee nimmt z. Hd. von Herrn Max W o 11 s t e i n e r, Charlottenburg, Roscherstr. 5, auch weiterhin Adressen armer jüdischer Soldaten gern entgegen, da sich auch eine ganze Anzahl von Vereinigungen gemeldet hat, die an solche Adressen ebenfalls regelmäßig Sendungen abgehen lassen will. Vom Jüdischen Verlag Der Jüdische Verlag wird Ende Februar ein Deutsch-Jiddisches Tornister- Wörterbuch für den praktischen Gebrauch des Militärs, der Verwaltung und des Verkehrs herausgeben. Preis 60 Pfg־. Bestellungen nimmt der Jüdische Verlag (Sächsische Str. 8), schon jetzt entgegen. Die osteuropäische Judenfrage Die Judenfrage, besonders die Frage des Schicksals der ostjüdischen Massen, ist durch den Krieg zur Diskussion gestellt. Einen interessanten Beitrag); zu ihr finden wir in der ״New Yorker S t a a t s z e i 111 n g“. Der Brief des deutschen Botschafters in Washington an den Redakteur der jüdischen Zeitung!״Der Tag“ ist ein historisches Dokument, das allseitige Beachtung verdient. In diesem Schriftstück beschäftigt sich zun! ersten Male der Vertreter einer Großmacht ernstlich mit der politischen Seite der «steuropäischen Judenfrage. Die Welt erfährt hier durch den deutschen Botschafter in Washington, wie Deutschland im Falle eines Sieges an die Lösung dieser für die gesamte Kultunveit so wichtigen Frage heranzugehen beabsichtigt. Die jetzt in Russisch-Polen bestehenden Verhältnisse für die Juden können und dürfen nicht erhalten bleiben, und sie werden es nicht, sollte Deutschland dort etwas zu sagen haben das ist der Hauptpunkt dieser Veröffentlichung. In zehn polnischen Gouvernements, die zum Regierungsbezirk Warschau gehören, leben etwa 20. Millionen Juden. Ihre Lage ist in jeder Hinsicht eine ebenso traurige wie die der übrigen 31/!׳ Millionen im eigentlichen Rußland. Die antijüdische Gesetzgebung vom Mai 1882, die Ignatiew geschaffen, lastet auch auf den Juden in Russisch-Polen. Obgleich diese zum großen Teil in Städten leben und in vielen Fällen die Mehrheit der Kommunen bilden, haben sie keinerlei Einfluß auf die Gemeinde- Verwaltung. Ihrer Jugend sind Mittel- und Hochschulen so gut wie verschlossen. Infolge der vielen gegen sie gerichteten Ausnahmegesetze ist ihre ökonomische Lage eine mehr als dürftige. In den größeren polnischen Städten bilden die dort lebenden Judenmassen ein einziges wirtschaftliches Proletariat, dessen alte geistige Kultur in keinem Verhältnis steht zu der Möglichkeit der ökonomischen Bedingungen. Die oft feindselige Haltung der polnischen Bevölkerung den Juden gegenüber und die ewigen Bedrückungen durch die Polizei machen ihnen das Leben schwer, so daß der Ausvvanderungsstrom von Polen sowohl nach dem Westen Europas wie nach Amerika ein außerordentlich großer ist und besonders in den letzten Jahren große Dimensionen angenommen hat. Die deutsche Presse hat sich in den letzten Jahren mehrfach eingehend mit der Judenfrage in Russisch-Polen beschäftigt, aber erst seit dem Ausbruche des Krieges hat die deutsche Reichsregierung diesem Problem ihr Augenmerk zugewendet. Was bisher eine rein innere russische Angelegenheit war, wurde mit der beginnenden Okkupation russisch-polnischer Gebiete beim Kriegsbeginn zu einer Frage, die für die deutschen und österreichischen Regierungen eine ernste Sorge sein mußte. Es ist von großer Bedeutung zu sehen, mit welchem Interesse und mit welchem Verständnis die deutsche Regierung sich dieser Frage sofort gewidmet hat. Man konnte daran denken, daß dem Aufruf, der von den in Russisch-Polen cinziehenden deutschen und österreichischen Truppen verbreitet wurde, als einer Proklamation eine eigentliche Bedeutung für die zukünftige politische Gestaltung der okkupierten Länder nicht zukommt. Die deutsche Regierung hat jedoch das besagt dieser Brief die ernste Absicht, im Falle eines Sieges auch im Frieden den Juden in Polen die Rechte zu gewähren, die ihnen in dem Manifeste der Heeresleitungen zugesagt sind. Das sind zunächst die allgemeinen bürg erliehen Rechte, die nach der einheitlichen bürgerliehen Gesetzgebung in Deutschland sämtliche Staatsangehörige dort genießen, einerlei, ob Juden oder Christen. Dazu kommt die Zusicherung voller Freiheit der ökonomischen Entwicklung und des geistigen Lebens. Was die Juden in Polen zu gewärtigen haben, ist nicht nur, daß sie sich wirtschaftlich frei entwickeln können, woran sie bisher infolge der heschränkten Freizügigkeit gehindert waren, sondern auch die bedeutsame Aussicht, ihre geistigen Kräfte frei gestalten zu können. Mail muß bedenken, daß diese polnischen Juden, abgesehen von ihrer natürliehen Intelligenz, von dem Streben nach Bildung beseelt sind und die besten Chancen haben würden, sich intellektuell rasch zu entwickeln. Hier in;Russisch- Polen ist eine• ungehemmte geistige Entwicklungsmöglichkeit von ganz besonderer Bedeutung, weil die Juden, wie ihre Leidensgenossen in Rußland, in ziemlieh konzentrierten Gebieten wohnen. Sie haben dort neben ihrer Religion eine Fülle von ethnischen!Eigenschäften erhalten, die ihnen in Ländern, wo sie zerstreut neben, mehr oder weniger abhanden gekommen sind. Die Erhaltung dieser Eigenart bedeutet heute für diese Juden.eine Existenzfrage,;gerade dann, wenn sich ihnen — unter einem deutschen Regime — die Möglichkeit eröffnet, an die Kultur des Westens ungehemmten Anschluß zu finden. Daß die deutsche Regierung auch dieser Seite der Frage ihr Interesse widmet, ist von ganz besonderer Bedeutung. Sollte Russisch-Polen unter deutschen Machtbereich gelangen, so hätte Deutschland statt wie bisher mit einem Prozent, dann mit fünf Prozent jüdischer Bevölkerung zu rechnen. Das Verhältnis zu diesen Judenmassen, die bisher in ihrem durchaus eigenen Milieu gelebt haben, müßte eine Revision der Gesichtspunkte mit sich bringen, unter welchen bisher in Deutschland die Judenfrage angesehen wurde. Es ist hierbei daran zu denken, daß diese polnischen Juden die von ihnen vor eine» halben Jahrtausend nach Polen mitgebrachte deutsche Sprache erhalten haben und sich heute noch dieser Sprache in der alten Form bedienen. Es ist begreiflich, daß die polnischen Juden mit ihren alten deutschen Traditionen der deutschen Kultur zugänglicher sind und sich ihr leichter anschließen werden als irgendeiner slawischen Kultur. Auch dieser Gesichtspunkt ist für die deutsche Regierung bei der Beurteilung und Behandlang dieser Frage von Bedeutung. Bisher hat man vielfach der deutschen Regierung den Vorwurf gemacht, daß sie den deutschen Juden viele Freiheiten vorenthalte, die ihnen nach dem Buchstaben des Gesetzes zukommen. Seit dem Beginn dieses Krieges zeigt es sich, daß ,diese alten Ueberbleibsel der Zeit vor der deutschen Judencmanzipation zu schwinden beginnen. Schon die einheitliche Begeisterung aller deutschen Bürger bei Beginn des Krieges lieii den Unterschied verschwinden. Es ist von großem Werte, aus dem Briefe des Botsehafters zu entnehmen, daß die weitere freiheitliche Entwicklung der jüdischen Verhältnisse in Deutschland für die Regierung ein klares Programm bildet. Es wird einem jeden einleuchten, daß schon allein die vollkommene Gleichstellung in Deutschland die Garantie bietet, daß eventuell neue unter den Machtbereich Deutschlands fallende Judenmassen ebenfalls eine wohlwollende liberale Behandlung von seiten der deutschen Regierung finden werden. Die Sehnsucht nach der Heimstätte Der ungarische Publizist Zoltan Szasz veröffentlicht im ״P e s t i H i r 1 a p“ vom 29. Januar d. J. einen Aufsatz, der sich mit dem tragischen Schicksal der Juden in diesem Krieg beschäftigt. ״Noch tragischer, wüster und ergreifender (als die Leiden der anderen Völker und besonders auch des polnischen) sind die Leiden, welche dieser Weltkrieg über die J u d e 11 gebracht hat. Wahrhaftig, das Schicksal dieses Volkes zwingt zu immer neuer Verwunderung. Selbst eine vom Mystizismus vollständig freie Seele wird von Schauer ergriffen, wenn sie von den neuesten Leiden dieses Messiasvolkes hört und inan muß fast glauben, daß dieses Vc:7: tatsächlich an einer Auserkorenheit teil hat, welche einer Quelle entstammt, die jenseits unserer Sinne liegt. Natürlich ist das bloß eine rasch dahinschwindende Stimme und das vom Aberglauben freie;Denken erblickt bloß eine furchtbare, bizarre Laune der Weltgeschichte darin, daß zwischen mächtigen, kraftvollen Staaten ein Weltkrieg ausbricht, und das Volk, das darunter am meisten zu leiden hat, gerade die jüd i s c h e Nation ist.“ ״Die Leiden des Judentums in diesem Kriege, so schließt der Aufsatz, müßten mit den erschütterndsten Farben des Alten Testaments geschildert werden. Ich will jedoch jetzt, da die Tragödie noch im Zuge ist, an die ausführliche Lösung dieser Aufgabe nicht herantreten. Ich begnüge mich bloß damit, auch ,diesen Gedanken in das Bewußtsein der Kulturmenschheit projiziert zu haben: Nach dem Kriege wird man die Sehnsucht der großen Massen des Judentums nach irgendeiner gesicherten Heimstätte erfüllen müssen. Ich habe in diesem Blatte schon die Hoffnung angedeutet, welche von der nach dem Kriege sich verjüngenden Türkei die Erfüllung des alten Planes des Zionismus, die Schaffung des palästinensischen Judenlandes erwartet. Jetzt möchte ich es nur!wiederholen, daß dieses Volk durch die Leiden dieses Weltkrieges eine solche Erfüllung seiner Jahrtausende alten Sehnsucht sich ganz besonders verdient hat.“ Vertrauensmännersitzung der Zionisten von Westösterreich, Galizien und der Bukowina Sonntag, den 31. Jänner 1915 fand in Wien eine Vertrauensmännersitzung der vereinigten westösterreichischen, galizischen und B u - kewiner zionistischen Zentralkomitees statt, an der weit mehr als 50 Vertrauensmänner aus ganz Oesterreich teilnahmen. Es waren erschienen: aus Wien: Ob.-Ing. Robert Stricker, Dr. Leopold Plaschkes, Dr. Egon Zweig, Revisor Taussig, Frau Erna Patak, Frl. Gisela Kohn, I. H. Waltuch, Dr. Rudolfine Waltuch, Leopold Sitzmann, Ing. Charles Bernhardt, Dawid Nebenzahl, Maler Lazar Krestin׳, Alexander Geller; aus Galizien: Adolf Stand, Dr. M. Ringel, Dr. A. Korkis, Dr. Georg Halpern, Löbl Taubes, Dr. Gerson Zipper, Dr. F Waschitz, Heinrich Bard, Jakob Bodek, Heinrich Fast, Benzion Fett, Simon Oransz, Frau Melzer, Karl Stand., Karl Meiseis (Lemberg), Rabbiner Dr. Thon, Dr. J. Zimmermann, Dr. Pilzer (Krakau), Dr. Anselm Halpern, Dr. Rubin Jonas, Hermann Tropp, Dr. H. Sussmann (Stanislau), Dr. H. Syrop, Redakteur Racker (Neu- Sandez), Redakteur Neiger, Dr. Spann (Tarnow), Dr. Hermann, L. Wechsler und Z. Heller (Buczacz), Dr. A. Kornhäuser (Jaslo), Df. J. Korkis (Gliniany), Dr. J. Wurzel (Stryj), Dr. S. B. Feldmann (Tarnopol), Dr. M. Appenzeller (Czortkow), Nathan Tartakower (Brody), Dr. Dawid Malz (Bursztyn), Dr. Josef Füllenbäum (Bolscovvce); ferner aus der Bukowina die Herren Dr. S. Kästner, Dr. Weisseiberger, Dr. M, Kinsbrunner, Dr. Ch. Kinsbrunner, Dr. Diamant, Frl.