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Jüdische Rundschau · 1915-02-12 · Heft 7 (12.2.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 7 (12.2.1915)
Date
1915-02-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 7 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 55 litauischen Osten seiner Geburtsstätte mit detn deutschen Westen seiner wirtschaftlichen Arbeit breit und straff überbrückte, so band er die müde Gotterg-ebenheit eines bedrängten Ghettolebens an den fröhlichen Scliöpfertrieb eines ־verjüngten Judentums. Die Treue war die granitne Quader, auf der sein Leben stand. An dieses Fundament war seine Tatkraft mit eisernen Klammern gefesselt. Schaffen heißt treu sein. Dem Judentum treu sein heißt für das Judentum arbeiten. Sich selber treu sein heißt die Arbeit versittlichen durch die Klarheit und Gradheit ihres Weges. Die feste Linie seines Werkes war die Schönheit seines Lebens. Er wollte; und er wußte, was er wollte. Da gab es kein Schauen nach der Gunst von rechts und dem Wohlgefallen von links. Er wollte nur, was er mußte. Sein Blgenwille war innere Notwendigkeit. Seine Unbeugsamkeit war das Ethos seiner Leiden- Schaft. Was ihn ergriff, das griff er an. Was ihn packte, das hielt er fest. Gnädige Sympathie war nicht seine Sache. Eine echte Eroberernatur, die altes Gut sich erkämpfte, konnte er nur kämpfend siegen oder unterliegen. Andere überzeugen hieß ihm sie niederringen. Sich selbst überzeugen war ein sittlicher Kampf: das Fremde mußte erst sein innerster Besitz sein; Gedanken, Dinge, Menschen. Er hatte Freunde. Sie waren sein Besitz. Er war ein Künstler der Freundschaft, die empfängt, indem sie gibt. Die Freundschaft mit Theodor Herzl wurde ihm überquellender Reichtum. Aus den Tausenden, die!unseres Führers Lichtgestalt umdrängten, wurde Wolffsohn der Vertraute seiner Seele, ein ritterlicher Vasall. Kein bereiter Knecht. Stolz und Treue, schmolzen zusammen, und das jüdische Ideal schmiedete daraus das Schwert für die Zukunft. Wo Herzl träumte, gestaltete Wolffsohn. Herzls Gedanken wurden Wolffsohns Tat. Und das Werk klärte die Gedanken und verklärte sie. In dem sittlichen Willen wurden Schönheit und Kraft einander verbunden. Diese Einheit konnte der Tod nicht zerreißen. Herzls Kinder wurden Wolffsohns Kinder. Herzls Idee blieb der Inhalt von Wolffsohns Leben. .Sein Kampf. Und Wolffsohn starb! Er haßte den Tod, weil er Ruhe war. Er rang mit ihm. Und trotzte ihm vier Jahre ab für die Arbeit. Die tiefe Heiterkeit seines Wesens war unzerstörbar in allem Schmerze. Das freudige Ja seines Lebens verjagte die grämliche Sorge. Krankheit ist Fügung. Aber Müdigkeit ist Sünde. Rastlos arbeitete er an dem inneren Ausbau seiner Schöpfungen weiter. Seine Liebe betreute das Werk, daß Palästina, das seine Heimat war, andern die Heimat werde. Sein Haus war still geworden, als seine Gefährtin starb. Da lebte er nur noch in dem Hause, das er sieh in Jaffa erbauen wollte, um der Alltagsarbeit im heiligen Lande nahe zu sein. Der Abend seiner Tage wollte in einem Morgenrot leuchten. Nun hat der Tod Traum, Gedanken und Plan zerstört. Aber das Leben hat er nicht zerstören können. ״Der Tod ist die mildeste Form des Lebens: der ewigen Liebe Meisterstück.“ An der Bahre stehen wir in Trauer, unsere Armut und unsere Verwaistheit fühlend. Vor dem milden Leben, das nur enden kann, wenn es nicht nachgelebt wird, stehen w׳ir mit dem Gelöbnis, das Erbe Herzls und Wolffsohns zu wahren. Ruhe in Frieden - wir führen deinen Kampf. Theodor Zlozisti. Die Spendeneinkünfte des Jüdischen Nationalfonds im Januar Die Spendeneinkünfte des Jüdischen Nationalfonds im Januar 1915 haben 20 000.39 Mk. betragen. An diesem Ergebnis partizipieren: Nordamerika mit 6990,36 Mk., Rußland mit 4332,67 Mk., Deutschland mit 3737,38 Mk., Rumänien mit 2394,44 Mk., Holland mit 906,43 Mk., Argentinien mit 704,94 Mk., Canada mit 466,67 Mk., Italien mit 292,96 Mk., Griechenland mit 147 Mk. und England mit 27,54 Mk. Anfangs Februar ist dein Nationalfonds ein Betrag von 534,10 Mk. überwiesen worden, der aus dem Vermächtnis des auf dem westlichen Kriegsschauplatz gefallenen deutschen Zionisten Bendix Cohn stammt. Zionistischer Zentralfonds Zahlungen für den Zionistischen Zentralfonds sind entweder direkt an das Zionistische ZentralbQro, Berlin W. 15, Sächsischestr. 8 oder auf das Postscheckkonto Nr. 11619 beim Postscheckamt Berlin zu zahlen. Auch nimmt die Nationalbank für Deutschland, Depositenkasse, Berlin, Kurffirstendamm 211 Zahlungen für das Zionistische Zentralbüro entgegen. Zahlungen aus Oesterreich-Ungarn erfolgen auf dasPostsparkassenkonto Nr. 145340 beim Postsparkassenamt in Wien auf das Conto ״Professor Dr. Otto Warburg für das Zionistische Zentralbüro, Berlin“. Wir und die Zeit Ein Artikel der Prager ״Selbstwehr“ beleuchtet die Pflichten der nationalen Gemeinschaft zwischen Ost- und Westjudentum, die durch die Arbeit für die Flüchtlinge aktuell geworden sind. Es mag manche heute geben, die sich sagen: Für diejenigen, die nicht draußen sein können, wo gekämpft wird, für die, die nicht dabei sein können, wo das Schicksal der Erde geschmiedet wird, für diese ist nun eine Zeit des Wartens gekommen. Dann gibt es andere, die sich ganz gut damit abgefunden haben, daß sie zu Hause in warmen Betten schlafen, die ganz munter geblieben sind und lebhaft auf den Karten die Bewegungen der Heere verfolgen. Noch viele andere gibt’s, Unglückliche und Glückliehe. Zukunftsfrohe und Verzweifelte, Sparsame und Verschwenderische. Und wir, die wir uns früher in der ganzen Welt verbunden gefühlt, die wir für unser Volk und seine Zukunft gearbeitet haben, für uns ist diese Zeit voll Rätsel. Wie werden unsere Pläne geändert werden müssen, wie wird unsere Arbeit neugestaltet werden müssen! Eines ist sicher: eine Zeit der Taten wird anbrcchen und diejenigen, die nur zu reden gewohnt waren, werden entweder lernen zu arbeiten oder dazu gezwungen werden. Wir Zionisten könnten heute arbeiten, wie noch nie. Es waren früher immer Gegensätze zwischen Ostjudentum und Westjudentum, die unüberbrückbar schienen. Wann immer Vertreter der jüdischen Gemeinschaften zueinander kamen, immer tat sich der Gegensatz auf und ihn zu überwinden wurde oft versucht. Ich glaube, daß heute der Augenblick gekommen ist, daß Westjudentum und Ost- Judentum zueinanderkommen können, denn wie nodh nie sind wir zusammengerückt. Gewaltige jüdische Zentren sind entstanden, das Ostjudentum ist Gast beim Westjudentum. Wir helfen, wir versuchen, den Personen zu helfen; doch wir müssen auch versuchen, unseren und ihren Seelen zu helfen. Wir müssen versuchen, einander näher zu kommen, um einer Zukunft willen, die uns gemeinsam werden soll. Was können wir ihnen geben und wak sie uns? Was können wir ihrer Jugend geben, was ihren Frauen und Mädchen und was sie uns? Es wäre unsere Pflicht, uns über all das klar zu werden. Vor allem müßten für das Hilfswerk weitere Kreise interessiert werden, um die materiellen Grundlagen der galizischen Hilfsaktion zu sichern. Jugend-Organisationen, Mädchenheime, Kindergärten wären zu schaffen, dann Ambulatorien, Stillstuben, Lesehallen. Arbeitsvermittlungen, Kurse, Vorträge, Schulen, Einkaufsgenossenschaften und so weiter. Es ist fast selbstverständlich und es mußte so sein, daß wir Zionisten tatkräftigst am Hilfswerk arbeiten. Denn wir haben als die ersten erkannt, daß es gilt, kriegsbereit zu sein und Kriegsarbeit zu leisten, unserem Vaterlande zu nützen, indem wir ihm wertvolles Menschenrnaterial und zugleich unserem Volke seine Glieder zu erhalten versuchen. Ich glaube, es gibt heute keine andere zionistische Arbeit. Jeder einzelne, wo er auch sein mag, in welchem Winkel, in welchem kleinsten Dorfe, überall kann er mit der Arbeit einsetzen, überall anfeuern und beleben. Darum handelt es sich. Das Schicksal hat unserer Zeit eine schwere Probe auferlegt; die, die draußen in den Schützengräben sind, haben sie bestanden, auch wir müssen so sein wie sie, auch wir müssen die Probe bestehen. Ing. Otto Engländer. Aus einer amerikanischen Versammlung (Von unserem Berichterstatter.) Philadelphia, 15. Januar. Ueber 2000 Männer und Frauen wohnten der Ver- Sammlung bei, die am Sonntag nachmittag in Philadelphia im Natkmaltheater stattfand; es wurden zündende Reden gehalten, und über 17 000 Doll, wurden zum Besten der durch den europäischen Krieg notleidenden Juden gezeichnet. Bei Eröffnung der Versammlung durch den Vorsitzenden, Richter Sulzberger, sagte dieser: ״Wenn ich mich umsehe und die Gesichter dieser Tausende erblicke, so gewinne ich die feste Ueberzeugung, daß Sie wissen, warum Sie hier sind. Sie kennen, wie niemand anders, die unselige Lage der Juden in Rußland und Galizien schon in sögenannten ״guten Zeiten“ und Sie alle wissen, daß das Wort ״schlechte Zeiten“ nicht ausreicht, um die jetzige entsetzliche L a gc der Juden dieser Länder zu bezeichnen, wo zu allem Ungemach, das die Juden schon immer erdulden, noch die Schrecken eines Krieges kommen, der nicht seinesgleichen hat. Diese Leute brauchen Hilfe von jedermann, und auf den Juden Amerikas ruht natürlicherweise die größte Verpflichtung hierzu. Es sind Männer unter uns, die die Lage besser verstehen als ich und die sie Ihnen in noch eindringlicherer Weise vor Augen führen können; ich habe die Ehre, Ihnen Herrn Dr. Schmarja L e v i n vorzustellen.“ Herr Dr. Schmarja L e v i 11 erregte seine Zuhörer bis zu Tränen, als er die Lage der Juden schilderte. ״In Galizien lebten 800000 Juden. Nur die Hälfte sind geblieben. Wo sind die anderen? Sie sind gegangen, wohin ihre Füße sie trugen, die einen hierhin, die anderen dorthin, um dem Feinde zu entgehen, welcher kam, um zu zerstören. Es ist schwer, zu erklären, was in diesem Lande vor sich gegangen ist. In R u ß la n d haben die Juden schon jetzt mehr als die Hälfte ihrer ganzen Habe verloren, und dies geht in die Millionen. Es gilt daher für Sie nicht die Frage, wieviel man zur Unterstützung der armen Notleidenden geben soll, sondern wieviel einem selbst übrig bleibt. Nach allem ist es nur ein Zufall, daß wir hier sind, und daß unsere Brüder jenseits des Ozeans leben. Es hätte leicht auch umgekehrt sein können. Wissen Sie, daß bereits 80 000 Juden auf den Schlachtfeldern gefallen sind? Begreifen Sie, was diese Zahler! bedeuten? Die Leute sprechen von der Judenfrage und versuchen uns zu versichern, daß man sich darum kümmern wird, wenn die Zeit gekommen ist. Aber das hat keinen Wert. Wer kann die Judenfrage lösen, wenn nicht der Jude selbst? Wer kann dem Juden helfen, wenn nicht er selbst? Die 80 000, die gefallen sind, waren die Blüte der Nation. Generationen werden vergehen, bevor ihr Platz wieder ausgefüllt sein wird. Sie waren der Stolz und die Hoffnung der Jungen und der Alten. Viele glauben, daß eine Flut von Einwanderern nachdem Kriege einsetzen wird. Aber dies kann nicht sein. Die Unglücklichen, die gefallen sind, waren die Jugend. Sie waren die Pioniere und die Uebriggebliebenen werden nicht Kraft genug besitzen, um äuszuwandern.“ Herr Dr. Schmarjah Levin schloß seine Rede mit einer eindringlichen Bitte um Spenden und sprach die Hoffnung aus, daß das jüdische Nationalbewußtsei 11 unter den Juden der ganzen Welt wiedererwachen möge. Der folgende Redner, Kongreßmitglied Meyer- London, sprach englisch und jiddisch. Er ersuchte die Zuhörer, ihren leidenden Brüdern und Schwestern einen nicht endenden Strom finanzieller Unterstützung zukonunen zu lassen. ,,Es tut mir leid“, wandte er sich an seine Zuhörerschaft, ״daß Ihre glücklichere Lage Sie Ihre Pflicht gegenüber Ihren unterdrückten Brüdern in Europa vergessen läßt. Sie genießen in diesem Lande religiöse und politische Freiheit. Aber die amerikanischen Revolutionäre haben ihr Blut vergossen, um diese Rechte zu gewinnen. Bezahlen Sie jetzt dafür, daß Sie sich dieser Rechte erfreuen dürfen! Ich hasse Barmherzigkeit. Ich verabscheue die Not- Wendigkeit der Barmherzigkeit. Ich wäre der Letzte, um Barmherzigkeit zu bitten. Aber der Jude leidet mehr als irgend jemand auf der Welt. Der östliche Kriegsschauplatz liegt ganz auf jüdischem Gebiet. Hier lebt der Jude ohne jedes Recht und wird seit Jahrhunderten unterdrückt. Nehmen wir an, daß der Krieg in unserer Heimat wäre, und handeln wir dementsprechend! Ihr Juden von Philadelphia seid Menschen. Ihr bedürft nicht der Redner, um Euch Eurer Pflicht zu erinnern. Geht nach Hause, ruft Euch die Bilder der verwüsteten Dörfer ins Gedächtnis, wo Eure Väter und Verwandten lebten, wo Tausende gemordet wurden, hört die Schreie der Verwundeten und Ster-

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