Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1915)
- Date
- 1915-02-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 7 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 57 Wesens fest in seinen Händen hält. Durch die dunklen feurigen Augen, die schwermütig blicken, schaut ein Herz, das nun alle Schmerzen und Nöten der Seinen kennt und sie doch übmvinden will. Die neue Herzlradierung, der Originalgröße groß und schaffensstark machte, hier mit ״strahlenden“ Augen, siegreichem Ausdruck, majestätischer Ruhe vor ihm stände. Der niit-leidende, init-kämpfende Vater seines Volkes spricht aus diesem Bilde, jener Führer und Vater, au den sein Volk glaubt, den es sucht und den es braucht. Dieser Held ist Blut von seinem Blut, der hat nicht nur wie ein schöner Stern hoch über ihm gestrahlt und ist irgendwo in reinen Lüften versprüht und verdammt, nein, er hat ja mit ihm gelitten und gesorgt und seine Wunsche, seine Zuversicht, seine Ziele leben tröstend mit ihm weiter für immer und ewig. — Man betrachte die Radierung lange, nicht fluchtig, denn sie spricht nicht schnei! und laut ihr Oeheimnis aus. Man achte auf Herzls Hände. Wer den seelischen Ausdruck von Menschern händen versteht, findet alle verhaltene Kraft des erschöpften geduldigen Riesen in seinen Händen wieder. Diese Hände, die sich und andere festhalten können und die zur Faust geballt niedersausen müssen wie ein Hammer, die aber auch in schlanker Grazie gelöst, fähig sind, Kinder zu streicheln, Luftschlösser zu bauen, hoch über den schweren, langsamen Anfang der Dinge hinweg . . . Kein Wort über das Technische, über Vorzüge oder Fehler der Radierung überhaupt. Gewiß, es ist üblich, daß jeder einigermaßen gebildete Laie sich heute zu sachverständiger Kritik verpflichtet fühlt. In diese Art der Anschauung greift unsere heutige größere schlichtere Zeit heilend hinein. Kluge Rede gilt nicht mehr so viel wie starkes Gefühl und schlichtes Tun. Hier hat Hermann Struck stark gefühlt und schlicht getan! Wir fühlen das und fühlen es mit Dankbarkeit. Johanna Simon F r i e d b e r g. Weiden fehl, Dr. Holdengräber, Dr. Glaser (Czernowitz). Der Präsident des n.-ö. Zentralkomitees Dr. Karl Pollak und der Präsident des Z. K. für die Bukowina, Dr. Leon Kellner, waren krankheitshalber entschuldigt. Im Zusammenhänge mit der Schekelfragc wurde die G esamtlage der Juden Oesterreichs und der zionistischen Partei einer eiligehenden Besprechung unterzogen. Der Präsident des galizischcn Zentralkomitees Gg. Adolf Stand, regte eine Aktion für die Juden der vorn Kriege betroffenen Länder, eine Intervention bei den zuständigen Stellen in Sachen der künftigen Entschädigungsfrage und eine Aktion zur Unterstützung des Roten Halbmondes an. Dr. Leopold Plaschkes gab einen ausführliehen Bericht über die F 1 ii c h 11 i n g s h i 1 f s - aktion des Zionistischen Zentralkomitees für West- Österreich Dr. Egon Zweig verwies auf die momentane, schwierige Lage in P a 1 ii s t i n a , auf die wichtige Funktion unserer dortigen Institute und forderte zur eifrigen Sammeltätigkeit für Schekel, Zentralfonds und Nationalfonds auf. Ob.-Ing. Robert Stricker gab einige wichtige Anregungen und besprach die Bedeutung des Jüdisehen Kriegsarchivs. Es sprachen noch die Herren Dr. Thon, Dr. Halpern, Dr. Feldmann, Dr. Diamant, Dr. Ringel, Dr. Kästner, Tropp, Neiger, Waltuch. Die Debatte brachte viele aktuelle Anregungen und gipfelte in dem allgemein geäußerten Wunsche, ein gemeinsamesExekutivkomiteeallerZionisten Oesterreichs einzusetzen und in Aktion treten zu lassen. Eine neue Herzlradierung Wir kennen heute nur noch eines: Kämpfen und opfern, dienen und gehorchen. Stolzer und freudiger zogen nie Führer ihren Scharen voraus, gläubiger und todesmutiger stürmten nie Völker ihnen nach. Unser Führer ist tot. Sein Leben war das gesteigerte Leben unserer Tage: Kämpfen und opfern, dienen und gehorchen ... Es ist sinnlos, Träumen nachzuhängen, die ihn in diesen Tagen lebendig zaubern wollen, die nicht aufhören können, nachzugrübeln, wie Herzl heute handein würde, heute, da das jüdische Volk ihn schmerzlicher entbehrt denn je, ihn nötiger hätte, denn je. Um so stärker wachsen diese Wunschgedanken auf, wenn tagtäglich die halberstickten furchtbaren Klagerufe vom Osten herüberschallen, und wenn unsere Herzen noch dazu um Palästina in Angst schlagen, von dem wir nichts Sicheres wissen. Als höre Theodor Herzl diese Notschreie, so blickt er uns auf der neuesten Radierung von Hermann Struck entgegen. Das ist der allererste starke Eindruck. Vergleichen wir zunächst Strucks andere Herzl-Portraits. Da war zuerst eine malerische Zeichnung, die neue kleine Gravüre, von Herzl selbst unterschrieben, die kaum etwas von jenem Herzl zeigte, wie er in seinem Volke weiterlebt. Den Künstler fesselte dort vor allem die Reinheit der Linie. Unwillkürlich gab er nur den ästhetisehen Menschen wieder, dessen äußere Form und innere Beschaffenheit allerdings eine ergreifende Harmonie von Schönheit dargetan. Seelisch zeigte das Bild nur eines: den Träumer, dem sehr ferne Ziele schimmerten . . . Dann kam die frühere Radierung. Welche Wandlung! Diese Seele träumt nicht länger. Sie kämpft, arbeitet und kennt ihre Wege. Schon haben Sorgen die klare Stirne beschattet und die edlen Schläfen gezeichnet. Das Auge blickt ernst und entschlossen in die Fülle der Ding« hinein, die sich der Heldenseele aufgetan. Aber der liebevolle Künstler kann nicht anders, er muß auch hier wieder mit zärtlicher Hand die weiche reine Schönheitslinie dieses herrlichen Profils besonders betonen. Zwei Eindrücke ringen auf dieser Radierung um die Vorherrschaft: der feingeistige träumerische Poet und der willensstarke ernste Volksführer. Wie anders, wie einheitlich Strucks neueste Radierung. Mit welchem Ernst und Verantwortungsgefühl hat hier der Künstler gearbeitet, um dem Volk jenen Herzl schenken zu können, den es im Herzen trägt. Fast nichts erinnert mehr an den auffallend schönen Mann. Beinahe zu stark ist die jüdische Seite der Nase betont. (Herzl hatte bekanntlich eine rein griechische und' eine semitische Nasenhälfte.) Alles Wienerische, Träumerisch-anmutige bleibt unbetont. Mit feinem Takt hat Struck aber jetzt nicht Herzl als Heldenfigur, in sieghafter Pose dargestellt! Er gab Bedeutsameres, Tieferes: Schlicht und einfach steht der aufrechte Mann da, der die ganze Kraft seines Die Haltung hat etwas Schweres; nichts Lässiges, aber etwas leicht Ermüdetes, menschlich so Rührendes. Es ist, als höre der kämpfende Held im Takte seines kranken Herzens das rhythmische Schwingen des Todescngels, der ihm näher und näher fliegt... So lebt wohl Herzl in der Erinnerung Hermann Strucks, wie in den Herzen vieler weiter, die ihn angespannt schaffen sahen, immer aufs neue kraftvoll bemüht, das Schiff zu lenken, das er ausgebaut und aufs Weltenmeer gelenkt hatte! Manche der Freunde, die den Toten persönlich kannten, bedauern sehr, daß Struck kein Bild von ihm geschaffen habe, das die königliche Haltung und Gebärde, die persönliche Machtwirkung Herzls, wiedergebe. Man kann diesen Wunsch verstehen und vielleicht erfüllt ihn eines Tages ein Künstler, dem jene Seite Herzls die stärkste und persönlichste scheint. Das ist reine Auffassungssache. Kleine Herzlgraviire nach einer Zeichnung von Hermann Struck, von Herzl deutsch und hebräisch signiert, 1/9 der Originalgröße Gewiß, auch in Strucks neuester Radierung fehlt der charakteristische stolze Zug. Ich bedauere das gar nicht. Im Gegenteil. Wenn man diese neue Arbeit studiert, wird dieser Mangel fast zum Vorzug. Gewitterwolken ziehen über eine gefurchte Denker- und Kämpferstirne, die man formlieh arbeiten sieht. Das Antlitz, das keiner idealen antiken Maske mehr ähnelt, ist schmerzvoll bewegt, ohne die maßvolle Ruhe verloren zu haben, mit der Herzl geredet haben soll. Durch den leidenden Körper leuchtet die unbeugsame Seele. Man denke sich zum Ausdruck dieses bewegten Kopfes eine siegreiche machtvolle Haltung! Künstlerisch unmöglich! Der unentwegte Draufgänger, der ״nur“ siegreiche Portraits seines Helden haben will, muß einsehen und verstehen lernen, daß das Volk kein Zusammengehörigkeitsgefühl, keinen Trost aus einem Bilde schöpfen könnte, wenn Herzl, den Mit-Leiden TURNEN und SPORT Jüdischer Turn- und Sportverein Nürnberg In der Generalversammlung, die dieser Tage stattfand, erstattete der 1. Vorsitzende, Herr Artur Körösi, den Tätigkeitsbericht, der von dein raschen Aufstieg und der krättigen Entwicklung unseres jungen Vereins Zeugnis ablegte. Der Ausbruch des Weltkriegs hat, wie überall, so auch hier den Hemmschuh angelegt; trotzdem gelang es, die Mitgliederzahl auf der stattlichen Höhe der Gründungszeit und den Turnbetrieb, wenn auch in eingeschränkter Weise, sowohl bei der Männerals bei der Frauenriege, aufrecht zu erhalten. Aus dem Berieht ist weiter hervorzuheben, daß allen im Program ווו vorgesehenen Arten des Turnens und des Sports eitrigst Rechnung getragen wurde. Es wurde wöchentlich zweimal geturnt, und zwar bis zum Kriegsausbruch in den gemieteten Räumen des Männerturnverciiis; seit September finden die Tumstunden in einer uns von der Stadt entgegenkommend, zur Verfügung gestellten Sehulturnhalle statt. Die turnerisene Leitung obliegt von Anfang an der tüchtigen Kraft des Turnlehrers Kretschmer. Ein besonderes Ereignis in der erstjährigen Geschichte des Vereins bildete die erfolgreiche Beteiligung an dem Stafetten lau f des Nordbayer. Verbandes für Leichtathletik, ferner der im Juli erfolgte A 11 s c 11 111 ß an die J ii d. T u r 11 e r s c 11 a f t. Auch die Cieselligkeit und der Frohsinn sind durch zahlreiche Tumfahrten, Tiirnkneipcn, gesellige Abende reichlich zu ihrem Rechte gelangt. Innere Schwierigkeiten und äußere Kämpfe hat der Verein würdevoll und siegreich überwunden und seine Daseinsberechtigung vollkommen erwiesen. Der Vorsitzende gedachte in warmen Worten der Gefallenen, insbesondere des unvergeßlichen Förderers der jüdischen Turnbewegung, R.-A. U 1־ e i t e 11 11 a g e n , sowie Max Karpt's, der hervorragend am .Stafettenlauf beteiligt gewesen war. Die Versammlung ehrte das Andenken der teueren Toten in vier üblichen Weise. Mit Worten des Grußes an unsere zahlreichen Turnbrüder im Felde schloß der fesselnde Bericht. Der Kassenbericht des Herrn Jako b y ergab, daß der Verein trotz seines ansehnlichen Etats schuldenfrei ist. Gewiß eine erfreuliche Tatsache. R.-A. Stern gab mit herzlichen Dankesworten an die Vorstandsschaft den Empfindungen der Mitglieder Ausdruck. Es darf wohl liier gesagt werden, daß der geschilderte günstige Stand der Dinge ganz besonders der pflichteifrigen Tätigkeit unseres 1. Vorsitzenden und seinem Geueralstabe zu danken ist. In die Vorstandschaft wurden w i e d e r g e w ä 111 t: Kaufmann Artur Körösi: 1. Vorsitzender; Fabrikbesitze!• Willy Stern: 2. Vorsitzender 11. Schriftführer; Kaufmann Max Jakob'y: Kassierer; Repr. Nathan Kahn, z. Zt, im Felde: Turnwart d. Männer- Riege. Ferner neu gewählt: Kaufmann Binm e 111 h a 1: stellvertr. Turn wart für die Kriegsdauer; Hansi Fried tu an 11: Turnwart der Damen-Ricgc; Kaufmann Benno F r i e d m a n n und Jettelien K a r p f als Beisitzer. Mit einem Appell zur unentwegten turnerischen Weiterarbeit schloß der Vorsitzende die Generalver- Sammlung. Paul Orden stein.