Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1915)
- Date
- 1915-02-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 54 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 7 genthau, gelang, 75 000 Frcs. zur Verfügung seiner Abteilungen des Gesundheitsamtes nach Jerusalem zu schaffen. Allerdings stand diese Summe der von der Jüdischen Gesellschaft für sanitäre Interessen unterhaltenen serologischen und Tollwut-Abteilung nicht zur Verfügung, und deren Leiter, Herr Dr. Beham, befand sich wochenlang in den ärgsten Nöten, da unsere Bemühungen, Mitgliedsbeiträge oder Spenden in hinreichender Höhe zu erlangen, vergeblich waren. Endlich erbot sich Herr Professor Frieden wald, der Schatzmeister des Pasteurinstituts in Baltimore, der im Sommer 1914 das Institut besucht ■und über die mit den bescheidenen Mitteln betriebene wissenschaftliche Tätigkeit desselben seine staunende Bewunderung ausgedrückt hatte, die Leitung der Gesellschaft für die Dauer des Krieges zu übernehmen und die notwendigen Mittel in Amerika aufzubringen. Erfreulicherweise hat aber auch die t ii r - k i s c h e A r m e e 1 e i t u n g die Bedeutung eines solchen Instituts richtig eingescliätzt, und so waren wir mit ihrer Unterstützung in der Lage, den Betrieb des Instituts in dieser kritischen Zeit nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern ohne Aufwendung eigener Mittel weiter auszugestalten und gerade jetzt neue Aufgaben in Angriff zu nehmen, an die wir aus Mangel an Mitteln im vergangenen Jahre noch nicht heranzutreten gewagt hatten. Da ich annelune, daß die Leser für die Einzelheiten dieser umfassenden und für Palästina überaus wichtigen Tätigkeit Interesse haben werden, so gebe ich einen ausführlicheren Berieht. Es wurden Soldaten der türkischen Armee, die von tollwütigen oder der Tollwut verdächtigen Tieren gebissen waren, von Herrn Dr. Beham in unserer Tollwut-Impfstation in der üblichen Weise behandelt. Bald aber wandte sich der Kommandant von Jerusalem an unseren Arzt mit dem Vorschlag, das Institut in den Dienst des Roten Halbmondes zu stellen. Herr Dr. Beham stimmte natürlich zu und die Herren des Instituts organisierten zunächst gemeinsam mit der Jüdischen Aerztegesellschaft in Jerusalem vierwöchentliche Krankenpflege-Kurse, für die sich sogleich gegen hundert Schüler und Schülerinnen meldeten. Die in hebräischer Sprache abgehaltenen Kurse behandelten die Grundzüge der Körperlehre, die Lehre von den ansteckenden Krankheiten, allgemeine Chirurgie, Verbandlehre mit praktischen Uebungen, erste Hilfe, Desinfektion, Kranken- und Verwundeten-Pflege, praktische Uebungen in Krankenhäusern und auf dem Felde; Prüfung. Auf Vorschlag der Regierung wurde sogleich nach Abhaltung der Prüfungen die erste Schw'estern grupp e zusammengestellt. Ebenfalls auf Ersuchen der Regierung stellte sodann das Institut für die Armee mehrere Vaccine her. Herrn Dr. Behams Vorschlag, für die Bedürfnisse des Heeres auch anderweitige Sera, insbesondere Dysenterie-, Diphtherie-, Streptococcen- und, wenn möglich, auch Tetanusserum herzustellen, wurde von Herrn Generalarzt Dr. Jungeis mit Freude begrüßt. Die Heeresleitung stellte, da die Anfertigung dieser Sera bisher im Institut nicht erfolgt war, alles Notwendige zur Verfügung, sie beschaffte dem Institut auf schnellstem Wege aus Berlin und Wien Pockenlymphe, ferner die Standard-Sera für Wertbemessung der Diphtherie und Tetanus- Heilsera von Ehrlich und Paltauf-Wien. Ebenso wurden dem Institut die notwendigen Tiere, besonders Pferde und Kälber, zur Verfügung gestellt. Da sich überall in Palästina, auch in der Nähe der jüdischen Kolonien, Pockenherde finden, so war es längst unser Wunsch gewesen, Pockenlymphe im Institut herzustellen, die bisher aus Konstantinopel oder gar aus Bern, Paris oder Rußland beschafft werden mußte. Als in Jerusalem gerade einige Pockenfälle vorkamen, impfte Herr Dr. Beham 365 Kinder verschiedener jüdischer Schulen, doch war nicht genügend Material für weitere Impfungen vorhanden. Auf Wunsch der Regierung sollen nun von dem Institut monatliche Berichte bei dem Sani tat samt eingereicht werden. Ich gebe aus den ersten beiden Monatsberichten einige Einzelheiten wieder, um zu zeigen, wie viel nützliehe Arbeit schon in den ersten Wochen geleistet worden ist. Der zweite und dritte Bericht an das Sanitätsamt des Sanjak Jerusalem, zu Händen des Herrn Generalarzt Dr. Osman-Bey, führt Solgende Untersuchungen des ״Pasteur-Instituts (serologische, vaecino-therapeutische und Wutschutz-Abteilung) der Jüdischen Gesellschaft für sanitäre Interessen in Palästina“ an: In der Zeit vom 15. X. bis 15. XII. 1914 wurden serologisch untersucht 32 Fälle von Unterleibstyphus, von denen 19 positiv, 13 negativ ausfielen, und 4 Fälle von Syphilis (1 positiv). 4 Untersuchungen auf Tollwut fielen positiv aus. Im ersten Monat meldeten sich 48 Gebissene, im zweiten 14, von denen 18 bzw. 11 behandelt wurden. Ferner wurden die erwähnten 364 Kinder gegen Pocken geimpft. Diese Mitteilungen stammen aus den letzten Tagen des Dezember 1914. Die Tätigkeit der Instituts-Aerzte dürfte sich inzwischen wesentlieh erweitert haben. Herr Dr. Beham wird demnächst über die gesamten Arbeiten des Instituts während der letzten 1 y2 Jahre Bericht erstatten. Ueber das erste Jahr (1913) ist übrigens ein ausführlicher Bericht im Januar 1914 erschienen (״Erster Bericht der Gesellschaft Jüdischer Aerzte und Naturwissenschaftler für sanitäre Interessen in Palästina“), der jedem Interessenten auf Wunsch von dem Unterzeichneten (Charlottenbürg, Droysenstr. 6) zugestellt wird. Jedermann begreift, welchen Nutzen eine ausgedehnte Tätigkeit unseres Instituts nicht nur der Bevölkerung Palästinas, sondern auch der türkischen Armee bringen kann; ist doch bei ungenügender Ueberwachung der ersten Infektionsfälle die Zahl der von Epidemien geforderten Kriegsopfer meist um das Vielfache höher als die Zahl der im Kriege Gefallenen. Wir begreifen auch, daß wir uns durch diese exakt-wissenschaftliche Tätigkeit des Instituts, die allein imstande ist, die Infektionspforten rechtzeitig zu erspüren und zu verstopfen, den Dank der Bevölkerung und der Behörden verdienen werden. Der Bestand des Instituts muß daher unter allen Umständen sichergestellt werden. Nachdem es uns gelungen ist, hauptsächlich mit Hilfe einer großen Zahl kleiner Beiträge die Grundlagen für das Institut zu schaffen und gleich im ersten Jahre eine ansehnliche praktische und wissenschaftliche Tätigkeit zu entfalten, legen wir, obwohl es sich um weit ausgreifende Ziele handelt, auf die Einsammlung der kleinen Mitgliedsbeiträge großes Gewicht und bitten dringend, auch während der Kriegszeit die Einsendung der fälligen Mitgliederbeiträge nicht unterlassen zu wollen. (Zahlstelle: Bankhaus Veit, Selberg & Co., Berlin, Französische Str. 49, Postscheckkonto Berlin 4396.) Dr. Sandler. Russische Versprechungen Man weiß in Deutschland schon seit langem, daß es mit russischen Versprechungen nicht weit her ist. In Rußland wird immer sehr viel versprechen, aber sehr wenig gehalten. Die unmenschlichen Unterdrückungen der Juden in Rußland seit dem Ausbruch des Krieges haben ihrerseits den Glauben an die Versicherungen der konservativen russischen Kreise völlig erschüttert. Nun veröffentlicht die jüdische Zeitung ״Moment“ (Warschau) eine Unterredung mit einer hochstehenden Persönlichkeit, die anscheinend zu der liberalen Richtung gehört. Es ist bemerkenswert, mit welchen Vorbehalten auch von dieser Seite den Juden die bürgerlichen Rechte versprochen werden. Der russische Politiker hat sich folgendermaßen über die zukünftige Gleichberechtigung der Juden geäußert: ״Es wird geplant, den jüdischen Ansiedlungsrayon abzuschaffen, jedoch nur in bezug auf die Städte. Das Wohnungsverbot für die Dörfer wird auch künftighin bestehen bleiben. Man denkt daran, die Prozentnorm in den mittleren und höheren Schulen fallen zu lassen. Es ist aber nicht sicher, ob dieses gleich oder erst im Verlaufe von einigen Jahren ge- Schicht. Man will indes den Juden erlauben, eigene Schulen zu gründen. Es ist ferner möglich, daß man den Juden den Zugang zur Advokatur wieder gestatten wird; man denkt sogar daran, jüdische Offiziere zu ernennen. Jedoch hält man dieses Projekt in den maßgebenden Kreisen für verfrüht. Die hohen Finanzkreise sind sehr dafür, daß man den Ansiedlungsrayon abschafft. Sie machen aber gleichzeitig darauf aufmerksam, daß dadurch die Auswanderung von nicht diplomierten jüdischen Handwerkern aus IMlen nach Rußland einen zu großen IJmfang annehmen wird, wodurch eine große Konkurrenz zwischen dem jüdischen Arbeiter, der für einen viel niedrigeren Lohn arbeitet, und dem russischen Bauer entstehen wird. Mit der Befreiung Galiziens wird sich für Rußland eine neue Judenfrage bilden. Die galizischen Juden leben noch ärmer als die Juden Polens und sind bereit, für einen noch kleineren Lohn zu arbeiten. Auch von diesen Juden ist im Falle der vollen Freizügigkeit eine starke Konkurrenz zu befürchten. Zu beachten ist es, daß die galizischen Juden aii ein freieres Regime gewohnt sind, weshalb sie sich nicht so leicht mit den neuen Zuständen abfinden werden. Die maßgebenden Kreise halten deshalb eine Organisation der jüdischen Massenauswanderung für sehr wichtig. Wir glauben, daß England eine von den deutschen Kolonien bekommt und sie uns dann wiedergibt. Jedenfalls wäre es sehr wünschenswert, wenn Syrien unter Englands Protektorat käme. Dieser Landstrich soll dann den Juden unter der Garantie der vollen Selbst- Verwaltung überlassen werden. Man wünscht auch, daß über diese Fragen eine öffentliche Diskussion sieh entwickelt. Insbesondere hält man in den mallgebenden Kreisen eine Erörterung der Emigrationsfragen für höchst notwendig.“ Man sieht aus den vorstehenden gequälten Ausführungen, wie wenig Hoffnung die russisehen Juden haben, eine wirkliche Gleichberechtigung zu erlangen. Nur eine Niederlage des Zarismus wird sie ihnen verschaffen. David Wolffsohn — tot Da die Wolffsohn-Nummer der ״Welt“ vorläufig noch nicht erscheinen kann, veröffentlichen wir hier einen für sie bestimmten Aufsatz von Theodor Z1 o z i s t i. Nun auch David Wolffsohn! ln diesen schweren Tagen eines gigantischen Völkerkampfes, der das Schicksal des Einzelnen überbrandet!und nur noch die letzten Fragen der Kulturwelt duldet, traf uns die Trauerkunde: Wolffsohn starb! Ein Herz brach und es ist, als könnte das Herz des jüdischen Volkes, das in seinem Rythmus pochte, nicht mehr schlagen. Wolffsohn starb: es ist wie eine Katastrophe in diesen überspannten Stunden des Bangens und des fiebrigen Hineinlauschens in ein Werden, das sich schaurig-wirr verkündet. Bis in die Tiefe erschüttert dieser Krieg auch das jüdische Volk. Die armseligen Zelte Jakobs umsprüheri die Funken des Weltbrandes. Werden wir sein?' Und wie werden war sein? Wird unsere historische Einheit zerbröckeln in der Verängstigung fremder Chauvinismen, in der versteiften Lüge der Assimilation, in dem brausenden Willen der Selbstvernichtung? Oder wird der Völkerfrühling, dessen leise Schimmer zwischen dem Sturmgewölk aufsteigen, auch unserm Volke die Verjüngung bringen, seine Sehnsucht erfüllen und die Wege umglänzen eines friedlichen, schöpferischen Seins, in dem die Kraft der Prophetenerde die neuen Verkünder der Liebe, der einigen Menschheit erzeugt? Ein Großes meldet sich an: wird Israel berufen sein oder verworfen? Ist seine Seele zermorscht in den öden Anpassungen oder ist sie noch stark für unsere Verpflichtung? Und Wolffsohn starb, in dem die Seele des jüdischen Volkes lebte, groß, treu, heilig und heimverlangend nach ihrer gesegneten Art. Das ist unsere Trauer, daß wir unsere Armut, unsere Vervvaistheit ganz erfühlen. Das jüdische Volk hat nur wenige Männer, in denen der jüdische Wille sich rein verkörpert und ungebrochen von den fremden Dingen, unverbogen von den eigenen Schwächen, sich selber genug die altneuen Ziele setzt und geraden Weges auf sie zudrängt. Und Wolffsohn starb, der ein Jude w׳ar, weil er ein Mann war, der ein Mann wurde, weil er ein Jude war! Aus dem Gesetze seiner Persönlichkeit mußte er ein Jude sein. Er war ein Mensch der Wirklichkeit; so konnte ihm das Judentum nur eine Realität sein. Kraftvoll stand er in der Gegenwart, und so flössen Vergangenheit und Zukunft harmonisch in ihn ein: jüdische Ueberlieferung als Stolz, jüdisches Neuleben als Verpflichtung. Wie er in sich den