Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 6 (15.2.1915)
- Date
- 1915-02-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 49 alter Soldat es nicht übers Herz bringen könne, untätig zu Hause zu bleiben. Nun dient ,,der alte Hüttier mit seinen drei Söhnen“ unter einer gemeinsamen Fahne. ,,Leider habe ich den Vornamen des alten Hüttier vergessen“, schloß Feldmarsdiall-Leutnant Peter Ferdinand seine Erzählung; ״aber das werden wir gleich wissen“ setzte er sofort hinzu, als ein bärtiger Unteroffizier die Üffiziersmenage betrat, dem der Erzherzog auftrug, den Vornamen des Hüttier zu ermitteln. Der Unteroffizier verschwand lind der Erzherzog sagte: ״Ein wackerer, verläßlicher Mensch, dieser Unteroffizier; es ist ein galizischer Jude und wie Sie au seinem Barte erkennen konnten, gesetzestreu“. Der Unteroffizier kam bald mit der Auskunft zurück, daß der ״alte Hüttier“ Moritz heiße. Der Divisionär dankte für die Auskunft und sagte: ״Sic sind ein b raver B a a I - M i I c 11 o m e“. Die Anwesenden lächelten darüber, daß der Erzherzog einen hebräischen Ausdruck gebraucht hatte. Peter Ferdinand erklärte die Bedeutung des Wortes und es entspann sich ein allgemeines Oesprach über die Juden als Soldaten. Ein Hauptmann erzählte von den vielen jüdischen Landsturmniänncrn, welche in traditioneller Barttradit ihren Militärdienst versehen und äußerst zuverlässig und eifrig sind. Der Erzherzog meinte darauf: ״Meine Herren, es es freut rn j ch , d a ß sich G e 1 e g e n 11 c i t bietet, darüber zu spreche n. Wollen Sie also z. u Kenntnis neh m e 11, w a s fii r E r f a 11 ־ r 1111 g e n i c 11 m i t 111 c i n e n j ü d i s c 11 e n So! d a - t e n g e m a c 11 t 11 a b e. Sie sind alle a u ß c r - ordentlich ver w e n d b a r 11!1 dschrtapfe r. D i e J u den h a b e 11 s i c h i n 111 e i 11 e r I) i v i s i o n 11 e 1 d e n h a f t g e s c 111 a g e!1 1m d ich bin m i t i h n e n sehr z u f r i e d c n“. Die rückhaltlose Anerkennung aus so berufenem Munde gereicht den jüdischen Soldaten zur Ehre und freudigen Genugtuung. Nicht minder werden sich die vielen Hunderttausende jüdischer Flüchtlinge freuen, daß ihre Brüder die bedrohte Freiheit ihrer Heimat so wacker verteidigen helfen. M. Wald!11 a n 11. Judenreine Familienforschung Unser Berichterstatter in Frankfurt a. M. schreibt uns: Voi kurzem bildete sich hier eine Gesellschaft für Familienforschung. Das Frankfurter christliche Bürgertum war ja von jeher, und mit Recht, stolz, auf seine Geschichte und Abkunft, aber man hatte sich selbst nicht allzu sehr um deren Erforschung gekümmert, dies vielmehr einzelnen Gelehrten überlassen. Nun bildete sich aber ein Verein, welcher in großzügigen Publikationen die Resultate seiner Forschungen bekanntgeben will. Obwohl es sich hier nun nicht etwa um adelige Familien, sondern um gut bürgerliche handelt, so zeigt sich auch hier der Antisemitismus, nur wagt er es nicht, offen und ehrlich aufzutreten. Eine große Zahl der Frankfurter jüdischen Familien datiert ihren Stammbaum bis in das 15. und 16. Jahrhundert zurück, und die Erforschung ihrer Geschichte wäre nach jeder Richtung hin interessant. Nun schließt der erwähnte Verein die Juden von seiner Mitgliedschaft aus, aber nicht etwa mit offenen Worten. Es heißt vielmehr in seinen Statuten, daßnursolche Personen Mitglied er wer den können, deren Vorfahren schon vor 1806 Frankfurter Bürger waren. Da die Juden aber erst um diese Zeit das Bürgerrecht erhielten, so sind 'sie eben ausgeschlossen. Demgegenüber müßten auch wir viel mehr Wert auf die Erforschung unserer Familiengeschichte legen, und es ist zu hoffen, daß derartige Bestrebungen in besserer Zeit irgendwo organisiert und konzentriert werden. Für Frankfurt liegen ja gute Vorarbeiten vor, insbesondere hat Alexander Dietz, welcher sich auch sonst um die Erforschung der Frankfurter Geschichte Verdienste erworben hat, in seinem in dem Verlage von J. St. Goar in Frankt'urt a. M. erschienenen ״Stammbuch der Frankfurter Juden“ die Grundlage zu weiteren Forschungen gelegt. Barth-Gedenk-Stiftung Die Herren Rüben Cohn, Antwerpen, Dr. L. Franck, Altona, Sie gm und Fraenk e 1, München, S a m m y Grone m ann, Rechtsanwalt, Dr. D. Hoffmann, Rektor des Rabbiner-Seminars, Konimerz.-Rat George Marx, Königsberg, Hermann Struck, S a 1! y W o I f f, Antwerpen und Fritz S o n d - heim er, Frankfurt a. M. erlassen folgenden Aufruf: ״Dem Andenken des lieimgegangenen G e 11. Reg.-Rats Professor Dr. Jacob Barth sowie seines auf dem Felde der Ehre gefallenen Sohnes Dr. Heinrich Barth soll eine an der T a c 11 k e 111 o n i - S c 11 u 1 c - J a f f a zu errichtende Stiftung dienen. Geheimrat Barth gehörte dem Pädagogischen Rate der Schule an; auch sein Sohn hat stets ein besonders lebhaftes Interesse für die Anstalt betätigt. Unter den gegenwärtigen Umständen läßt sich Näheres über Sonderzweck und Einrichtung der Stiftung nicht bestimmen. Es wird aber Vielen ein Bedürfnis sein, ihre treue Anhängerschaft an die Heimgegangenen schon jetzt zum Ausdruck zu bringen. Daher sollte heute schon die Sammlung vorbehaltlich künftiger besonderer Be- Stimmung eröffnet werden. Einsendungen nimmt entgegen das Bankhaus Gehr. Oppler, Filiale Berlin, Kurfürstendainm 167, Postscheck-Konto Berlin, Nr. 110 38.“ KONZERT zum Besten des Kriegshilfskomitees der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. - Mittwoch den 10. Februar, abends 8 Uhr, im KonzertsaalderKgl.HochschulefürMusik (Fasanenstr., Ecke Hardenbergstr.) Mitwirkende: Königliche Kammersängerin Fräulein Marianne Alfermann, Kammersänger Paul Schmedes, Violinvirtuose Alfred Wittenberg, James Simon (Klavier), Dr. Martin Buber (Vorlesung aus eigenen Werken). Karten zu Mark 5, 4, 3, 2, 1,50 bei Bote <& Bock (Leipziyerstr. u.Tauentzienstr), sämtlichen Theaterkassen von A. Wertheim und beim Kastellan der Königlichen Hochschule für Musik. Vor dem Konzert Die Zionistische Vereinigung für Deutschland hat in den ersten Augusttagen ein Kriegs 11 ilfskomitee gegründet, das sich nach besten Kräften bemühte, die große jüdische Not zu lindern, die der Krieg über unsere Volksgenossen gebracht hat. Um dem Elend nur einigermaßen zu steuern, bedurfte es großer Mittel. Galt es doch, in stiller, aber schwerer Arbeit um unsere Volksgenossen russischer Staatsangehörigkeit und um die jüdischen Flüchtlinge aus Belgien und aus Galizien Sorge zu tragen. Der Herbeischaffung dringend notwendiger Mittel gilt־ das am 10. Februar stattfindende Konzert. Diese Veranstaltung wird auch dem Programm und den Mitwirkenden nach eine besondere Anziehungskraft ausüben. Kammersänger H ermann J a d I o w k e r hatte seine Mitwirkung versprochen. Da er aber am 10. Februar verhindert ist, tritt für ihn der geschätzte Kammersänger Paul Schmedes ein. Neben den schon früher genannten Mitwirkenden Frl. Marianne Alfermann, Violinvirtuosen Alfred Wittenberg und Dr. Martin Buber hat nun auch James Simon zugesagt. Das Hilfskomitee rechnet daher mit einem ausgezeichneten Besuch und einen! entsprechenden Reinertrag. Jüdische Mitglieder des amerikanischen Repräsentantenhauses Das neue amerikanische Repräsentantenhaus, das am 4. März 1615 eröffnet werden wird, zählt sechs jüdische Mitglieder; Jakob A. Cant or, Meyer London und Isaae Siegel aus New York, Isaac Bneharaeli aus New Jersey, Harry Rosenluupt aus Washington und Julius Kahn aus San Francisco. Die Spendeneinnahmen des Jüdischen Nationalfonds im Jahre 1914 Das Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds (Adresse: Keren Kajemeth, p. a. J. H. Kann, Den Haag, Bierk '<■ Sa) teilt uns mit: Die I :lahmen des Jüdischen N'ationalfonds an Spenden haben im Jahre 1611 565 S50 Mk. (im Jahre 1913 811200 Mk.) betragen. Von dieser Summe gingen 11. a. ein: ans Nordamerika 157 840 Mk. (1913: 143 741 Mk.), Deutschland 02 26! (1913: 107 905), Oesterreich 50 50<1, Galizien 40-101 (1913: Oesterreich und Galizien 141133), Rumänien 11626 (13 319), Ungarn 11 511 (12 280), Holland 8190 (11493), Türkei 7100 (7735), Südslavische Länder 5073 (9003), Griechenland 4604 (301 1), Bulgarien 3190 (2090), Argentinien 3357 (9319), Schweiz 3083 (4583), Acgypten 2277 (720), Italien 1305 (!887), Brasilien 1145 (591), Ostasien 1102 (2816), Schweden 436 (750), Dänemark 210 (428). Bemerkenswert ist, daß in derZeit vom 1. Januar bis 31. Juli 1914 431 174 Mk,, vom 1. August bis 31. Dezember 1914 161 376 .Mk. vereinnahmt worden sind. Königsberger Brief Aus der Gemeinde. Die abgelauienen fünf Kriegsmonate haben an die persönliche Arbeitsleistung wie an die Gebefreudigkeit unserer Gemeindcinitglieder große Anforderungen gestellt. In einer Besprechung, die unmittelbar nach Beendigung des Gottesdienstes am Kriegsbettage (5. August) stattfand, wurde unter dem Namen ״Jüdisches Hilfskomitee 1914“ ein Komitee gebildet, dem die Synagogengemeinde, die verschiedenen Wohltiitigkcitsvcreiue und einzelne Gemeindemifglieder zunächst nahezu 20 000 M. zur Verfügung stellten. Die Lage Königsbergs als Grenzfestung in unmittelbarer Nähe des Kriegsschauplatzes bot dem Komitee sofort Gelegenheit zu umfassender Tätigkeit. Die zahlreichen russischen Glaubensgenossen, die sich in- Kliniken oder zu ambulanter ärztlicher Behandlung hier aufhielten, mußten mit Ausnahme der Nichttransportfähigen auf Anordnung der Behörde, aus militärischen Rücksichten die Festung verlassen, ebenso die zahlreichen jüdischen Badegäste aus Rußland, die in den im Festungsgehiete gelegenen Seebädern am Samlandstrande von dem Ausbruch des Krieges überrascht worden waren. Zu diesen traten hinzu Erholungsreisende, die aus westlicher gelegenen Badeorten auf der Hinreise nach Rußland nur noch bis Königsberg gekommen waren, und eine größere Anzahl von jüdischen Gemüsebauern aus Rußland, die alljährlich in den Sommermonaten vor den Toren der Stadt ihrem Gewerbe nach/ugehen pflegten. Nach vielen Hunderten zählten diese Fremden, die in der ersten Kriegswoche von hier fortgeschafft wurden. In der folgenden Woche!nullten Hunderte von zum Teil seit langer Zeit hier ansässigen Mitgliedern unserer Gemeinde, die russische Staatsangehörige waren, Königsberg verlassen. Dank der persönliehen Fürsprache hervorragender Gemeindemitglieder und angesehener nicht jüdischer Persönlichkeiten, die vielfach Entgegenkommen bei den Behörden fand, sind die unvermeidlichen Härten dieser Maßregeln nach Möglichkeit gemildert worden. Das Hilfskomitee hat die vorübergehend internierten Fremden verpflegt, die Abreisenden, soweit erforderlich, mit Geldmittein versehen und nach Möglichkeit die Fürsorge für die zurückgelassenen Wohnungseinrichtungen der Ausgewiesenen übernommen. Gleichzeitig setzte die Hilfstätigkeit für die Familien, deren Ernährer zu den Fahnen einberufen waren, ein. Eine neue Sorge waren seit der dritten Augustwoche die zahlreichen Flüchtlinge, die vor der russischen Invasion hier Schutz suc'hten. Die Hilfsarbeit der interkonfessionellen Fliichtlingsfiirsorge, an welche auch die jüdischen Flüchtlinge zunächst verwiesen wurden, hat unser Komitee durch Gewährung von einmaligen und dauernden Unterstützungen ergänzt. Fii1־ die Dauer der Herbstfeiertage wurde für die Flüchtlinge und für die zahlreichen jüdischen Soldaten unserer Be- Satzung für Verpflegung gesorgt. Viele Familien in unserer Gemeinde haben sich gern erboten, den Soldaten in ihrem Hause die Festtage zu bereiten.