Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 6 (15.2.1915)
- Date
- 1915-02-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 48 Nr. 6 JUED1SCHE RUNDSCHAU ihn Stellung nahmen. Der unangenehme Zwischenfall scheint aber für ihn vergessen, denn sein Appell lim Hilfe richtet sich jetzt auch, und gewiß nicht in letzter Linie, an die amerikanischen Juden. Mit der Wahl Paderewskis hat das polnische Hilfskomitee einen Mißgriff getan, der die an sich löbliche Aktion schwer schädigt. Für den europäischen und amerikanischen Juden erscheint die Sache mit dem Namen des Antisemitenführers erledigt, aber auch alle anderen Kreise der zivilisierten Welt werden Bedenken tragen, Geld, welches rein humanitären Zwecken zugedacht ist, gerade durch Herrn Paderewski verteilen zu lassen. Wenn die Aktion nicht scheitern soll, müssen Garantien geschaffen werden, daß sich das Komitee von Paderewskis Geist frei macht. Die schönsten Erklärungen nützen wenig, wenn dieser Name vor ihnen steht. Wir Zionisten stellen diese Forderung nicht nur ans Sorge für das Wohl unserer armen jüdischen Brüder in Russisch-Polen. Als aufrichtige Verehrer der Schweizer Republik, die uns so oft ihr Wohlwollen bewiesen und unseren Kongressen Gastfreundschaft gewährt hat, möchten wir verhüten, daß eine Aktion, mit welcher der Name der Bundesregierung verbunden ist, zum Gegenstand berechtigter Angriffe werde. Jeder ehrliehe, verständig denkende Mensch muß uns beipflichten.“ Das Zionistische Bureau in Kopenhagen Laut Beschluß des großen Actions-Coinitee der zionistischen Organisation ist in Kopenhagen ein Bureau errichtet worden, das seit Ende Januar seine Tätigkeit begonnen hat. Mit der Leitung dieses Bureaus sind die Herren Dr. Tschlenow, N. S o k o I o w und Leo M o t z k i n betraut worden. Als eine im neutralen Auslande befindliche Institution, bezweckt das Kopenhagener Bureau, dazu beizutragen, den Zusammenhang innerhalb der zionistischen Organisation aufrecht zu erhalten und die Arbeit in solchen Ländern, in denen sie infolge der kriegerischen Ereignisse gestört ist, zu beleben. In seinem soeben erlassenen Aufruf weist das Kopenhagener Bureau des Näheren auf diese Aufgaben hin. Die Adresse des Bureaus lautet: Kopenhagener Bureau der zionistischen O rganisation, K o p e n - liagen, V e s t e r g a d e 1. — Das Zionistische Z e n t r a l b 11 r e a u befindet sich nach wie vor in Berlin, Sächsische Str. 8. Kriegsstatistik der Juden Deutschlands Unmittelbar nach Kriegsausbruch hat der Verb a 11 d d e r d e u t s ch e n j 11 d e n , um die Teilnahme der Juden am Kriege zuverlässig festzustelien, an die jüdische ()Öffentlichkeit das Frsuchen gerichtet, ihm alle erforderlichen Mitteilungeu zu machen, Aehnliche Maßnahmen sind von einer Reihe anderer Organisationen getroffen worden. Zwecks Zentralisierung dieser Bcstrebungeu wurde alsdann ein besonderer Ausschuß für Kriegsstatistik gebildet, dem folgende jüdische Organisationen angehören־. Verband der deutschen Juden, Bureau für Statistik der Juden, Zionistische Vereinigung für Deutschland, Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Deutsch-Israelitischer Gemeindehund, Groß löge für iJcutsehländ U. <). B. B., Kriegshilfsausschuß der Berliner Logen, Kartell jüdischer Verbindungen, Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Kartell-Convent. Da sich sowohl heim Verband der deutschen Juden als auch bei den übrigen Körperschaften das Material immer mehr anhäufte, ergab sich die Notwendigkeit, ein eigenes Bureau zu bilden, welchem die Fortführung und Ausgestaltung der bisherigen Arbeiten von dem erwähnten Ausschuß übertragen wurde. Dieses Bureau ist dern Bureau für Statistik der Juden angegliedert worden. Es sind daher in Zukunft alle zweckdienlicher! Angaben an das Bureau für Statistik der Juden, Berlin C.2, An der Spandauer Brücke 15, zu richten. Und zwar ergeht irn Hinblick auf die große Bedeutung einer zuverlässigen Kriegsstatistik von neuem die dringende Bitte, sobald als möglich die Namen und möglichst ausführliche Angaben über alle Kriegsteilnehmer der genannten Stelle niitzuteilen und hierbei die Adressen derjenigen Pensonen zu vermerken, welche über die betreffenden Krieger genaue Auskunft erteilen können! Es stehen auch Formulare für derartige Mit-! teilungen beim genannten Bureau in beliebiger{ Anzahl zur Verfügung. Für unser Kleider-Depot bitten wir dringlichst um Zuwendung weiterer' Spenden. So reichlich auch unser Eingang war,; allen freundlichen Spendern danken wir noch-' tnals herzlichst, so können wir doch den immer zahlreicher an uns herantretenden Bedürftigen, nicht mehr helfen. Es fehlt dringend an: W ä sehe' und warmer Unterkleidung, an Kinder-! kleidern und Mäntel. Auch Männer- und Frauen-* kleidung ist viel begehrt; vor allem brauchen wir( S eh uhe! * ln jedem Haushalt findet sich wohl noch Ent-׳ heimliches, das man gern hergibt, um Blößen zu! decken und Frierende zu wärmen. Die zahl-{ reichen Flüchtlinge, die ihr Heim verlassen! mußten, ohne von ihren Habseligkeiten etwas! mitnehmen zu können, gilt es zu bekleiden und! einzurichten. Wir benötigen Betten, Bettwasche, Möbelstücke jeder Art, um die Zufluchtsstätten wenigstens mit dem Allernötigsten auszustatten. Wer uns dabei helfen will, wer aus seinem Haushalt noch solche Gegenstände abgeben kann, wird gebeten, uns Mitteilung zu machen. H i 1 f s k o m i t e der Zionistischen Vereinig u ri g, Berlin W. 15, Sächsische Str. 8. Jahresversammlung des ״Mlsrachi“ in Amerika (Von unserem Berichterstatter.) Vom 8. bis 11. Januar fand in Chicago die dritte Jahresversammlung der amerikanischen Misrachisten statt. Es waren zahlreiche Delegierte aus verschiedenen Städten der Union erschienen. Die Eröffnungsrede hielt Rabbiner Abramo \v i t z aus New York. Es wurde über die Tätigkeit des Zeatralbureaus in Hamburg sowie über die organisatorischen und propagandistischen Maßnahmen des amerikanischen Misrachi-Bureaus und der einzelnen Gruppen berichtet. Weitere Referate betrafen die Tachkcmoni-Schulc in Jaffa, den Kolonialfonds, den Hilfsfonds für Palästiiia, die schriftliche und mündliche Propaganda in Amerika, das Zusammenwirken mit den übrigen zionistischen Verbänden der Union. An den Beratungen nahmen auch Vertreter der Kniglits of Zion teil. Am Ö. Januar, abends, fand eine Massenvcrsnmmlung statt, in der die Vertreter sämtlicher zionistischer Vereine von Chicago und sonstige prominente jüdische Persönlichkeiten das Wort ergriffen. Die Diskussion, die sieh an die einzelnen Referate knüpfte, gestaltete sich sehr lebhaft und anregend. Es wurde eine Reihe wichtiger Beschlüsse in bezug auf die Palästinaarbeit und den Ausbau der Organisation gefaßt. Die neue amerikanische Einwanderungsvorlage ZVon unserem Berichterstatter.) ,ff New York, 3. Januar H)15. ■■'jße Einwanderungsvorlage, die gestern irn Senat zaJlrashington mit 50 gegen 7 Stimmen angenommen wurde, enthält an Bestimmungen, die die j it d i s c h e E i 11 w anderung besonders hemmen werden, nicht bloß den berüchtigten Bildungsnachweis, sondern eine Reihe weiterer schwerwiegender Einschränkungen. So sollen ״Landstreicher“ (Vagrants) von der Einwanderung־ ausgeschlossen sein, ohne daß die Vorlage irgendwie näher umschreibt, wer unter den Begriff der ״Landstreicher“ fällt. Damit würde der Willkür der Einwanderungsbeamten Tür und Tor geöffnet sein und jeder Einwanderer, der in den letzten Jahren keinen dauernden Wohnsitz an einem Orte hatte ,müßte befürchten, zurückgewiesen zu werden. Die Bill schließt auch Personen, die an Tuberkulose leiden, oder g e 1 i 11 e n h a b e 11, von der Ein- Wanderung aus, ferner Personen, die die Aufhebung des Privateigentums propagieren, endlich Kinder unter 16 Jahren, die nicht in Begleitung ihres Vaters oder ihrer Mutter seien. Ein vom Senat angenommenes Amendement will auch die Angehörigen der afrikanischcn Rasse, d. 11. alle Schwarzen, von der Ein- Wanderung ausgeschlossen wissen. Die Kopfsteuer für die Einwanderer soll von t auf 6 Dollar erhöht werden. Bezüglich des Bildungsnachweises bestimmt die Vorlage, daß belgische Einwanderer, die die Absicht haben, Bürger der Vereinigten Staaten zu werden, während des gegenwärtigen Krieges von dem Bildungsexamen befreit bleiben. Auch nach Bccndigmig des Krieges soll ihnen ein Jahr lang das Bildungsexainen erlassen werden. Alle anderen Einwandere!־ müssen sich diesem Examen unterwerfen. Die hebräische und die jiddische Sprache werden ausdrücklich den Sprachen zugezählt, deren Kenntnis die Zulassung des Immigranten begründet, sofern er den sonstigen Aufforderungen genügt. Vom Bildungsexamen sollen auch diejenigen Personen befreit sein, die ihr Heimatland nachweislich wegen religiöser Unterdrückung verlassen haben. Es steht schon jetzt fest, daß Präsident Wilson ebenso wie sein Vorgänger Taft die Vorlage mit seinem Veto belegen wird, und zwar nicht nur wegen der ominösen Bildungsklausel, sondern auch wegen der Bestimmung betreffs der Belgier und Afrikaner, die gegen die bestehenden nationalen Verträge verstoßen. Senator Stone, der Präsident des For e i g 11 R e 1 a t i 0 n s Committee, hat denn auch den Präsidenten öffentlich aufgefordert, im Hinblick auf diese Bestimmungen sein Veto gegen die Bill einzulegen. * New York, 29. Januar. (T c 1 e g r a ni tu.) Präsident Wilson hat gegen die Einwanderungsvorlage sein Veto eingelegt. Erzherzog Peter Ferdinand über die jüdischen Soldaten (Originalbericht der ״Jüdischen Rundschau“)*) K. 11. K. Kriegspressequartier, 25. Jan, 1915. Oie im österreich-ungarischen Kriegspressequartier vereinigten Berichterstatter besuchen in kleineren Gruppen einzelne Armeeteile, um aus persönlicher Anschauung ein Bild vom Zustand der Truppen sowie von der Situation am Kriegsschauplatz zu gewinnen. Eine solche, unter Führung des Hauptniamis Miakesch stehende Gruppe, gelangte in den ersten, Armeebereich. Ein Mitglied dieser Gruppe, ein Redakteur der Budapester Tageszeitung ״A Nap“, Geza Herczeg, erzählte mir wn den schönen Stunden, welche er beim Divisionskommandanten Erzherzog Peter Ferdinand verbrachte. Da ich nicht das Glück harte, dieser Berichterstattergruppe /!!geteilt zu sein, — mich führte das Los zu einem anderen Armeeteil — will ich nachstehend den Bericht meines Freundes und Kollegen vom ״A Nap“ der Oeffeiitlichkeit zur Kenntnis bringen. Erzherzog Peter Ferdinand ist ein Mann in den vierziger Jahren. Ich kam! mich noch aus meiner Pennälerzeit erinnern, daß er in C/.crnowitz diente und dort mit allen Schichten der Bevölkerung in gleich liebenswürdiger und leutseliger Weise verkehrte. Damals dürfte er auch zum ersten Male die jüdischen Staatsbürger Oesterreichs als Masse, als gcschlossene Gruppe der Gesamtbevölkerung kennen gelernt haben. Der Divisionär Peter Ferdinand ist bei' seinen Untergebenen sehr beliebt; auch den jüngsten Leutnant spricht er mit den! kameradschaftlichen ״Du“, das in der österreichisch-ungarischen Armee üblich ist, an. Mit bezaubernder Liebenswürdigkeit lud er denn auch die Gruppe von Berichterstattern zu Tisch und wies seinen Gästen rechts und links neben sich ihre Plätze an. Während des einfachen feldmäßigen Mahles erzählte er seinen Gästen von seinen bisherigen Kriegserfahrungen. Er sprach voll Bewunderung von der Willigkeit, Tapferkeit und Aufopferungsfähigkeit der ihm unterstellten Mannschaften. Besonders gerührt erzählte er von einem 74 jährigen alten Mann, der eines Tages bei der Division erschienen sei und sich freiwillig gemeldet habe, mit der Begründung, daß seine drei Söhne, sein einziges Vermögen, in dieser Division dienen, und daß er als *) Wir haben in der letzten Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ über die anerkennenden Worte des Erzherzogs Joseph über die jüdischen Soldaten berichtet; der Bericht unseres als Kriegsberichterstatter im k. u. k. Kriegspressequartier anwesenden Gesinnungsgenossen Wald mann zeigt, daß die Wertschätzung der jüdischen Soldaten in den höchsten Armeekreisen allgemein ist.