Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 6 (15.2.1915)
- Date
- 1915-02-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 46 J U ED I SC H E RUNDSCHAU Nr. 6 bot ihnen Speise und Trank an und führte sie in sein Haus. Dort gewahrten sie sein Weib, eine schöne Frau, und machten sich daran, sie ״für die Offiziere“ mitzuschleppen. Hoffmann stellte sich ihnen wehrend in den Weg, und kalten Blutes schlügen sie ihn nieder und warfen seine Leiche in ein Loch am Wege, von wo sie dann später mit Erlaubnis der inzwischen eingerückten Deutschen nach dem Friedhof in Wtoclawek überführt worden ist. ln Subota wurden eines Tages der Rabbiner und fünf Gemeindevorsteher verhaftet. Man wußte nicht, was mit ihnen geschah und wohin sie gebracht wurden; sechs Wochen später fand man im Subotaer Wald alle sechs aufgehängt, zum Teil schon verwest und angefressen. ln Brzeziny wurde in einer Dezembernacht eine russische Abteilung von deutscher Kavallerie überfallen und gefangen genommen. Am anderen Nachmittag kam von Lodz aus Verstärkung nach B. Ihre erste Tat war die, daß sie '26 Juden gefangen nahmen und 13 von ihnen, darunter sehr angesehene Männer, als die verräterischen Urheber des deutschen Ueberfalls, umbrachten. Bei zweien nur wurde gestattet, daß sie auf dem jüdischen Friedhof beerdigt wurden. ln Pia w na wurden zwei Juden ohne Grund aufgehängt und alle jüdischen Geschäfte geplündert. Bei einer Frau Golde Schersack worden die Betten aus dem Hause geschleppt und auf der Straße verbrannt. In Klomnic wurde der Schneider Chaim Kalischer aufgehängt, weil die Deutschen bei ihm gewohnt hatten. — Der Jude Meier Chatke aus Klomnic wurde in Noworadomsk aufgeknüpft: In Wloszczowa wurde die ganze Stadt pogromiert und acht Juden wurden erschossen, weil sie Proviant für die österreichische Armee geliefert hätten. ln Janow wurden an einem Tage vier Juden, Abr. Grünbaum, J. und M. Termenbaum und Rüben Tschennotz, aufgehängt, ihre Frauen geschändet. ln Sieradz wurden alle jüdischen Häuser geplündert, der Schächter Samuel festgenommen und grausam mißhandelt, so daß er bis heute krank darniederliegt. Eine Frau wurde einige Tage nach ihrer Niederkunft vergewaltigt. In Sloti Pateck wurde das Haus der Familie Blumke von allen Seiten angezündet. Eine Frau und ihr neunjähriges Kind verbrannten. In Koniczpol wurden sämtliche Häuser vollständig ausgeplündert, neun Juden festgenommen und mit der Nagaika mißhandelt. Fi»••;••!'1einen luneen. .1, . uuk: aui dem Wege zum Glieder die Hand abgeschnitten. Eine Frau wurde geschändet. Nach W i e 1 u n brachten die Russen drei Juden, die sie bei Sieradz gefangen genommen hatten. Zehn Tage saßen sie im Gefängnis, die Juden durften ihnen kein Essen bringen. Am elften Tage wurden«ie aufgehängt. Die Stadt wurde pogromiert und zwei Frauen, die eine unmittelbar nach ihrer Niederkunft, geschändet. In Noworadomsk gingen Mannschaften ■und Offiziere jede Nacht von Haus zu Haus und vergewaltigten Frauen und Mädchen. In das Haus eines angesehenen sehr reichen Mannes kamen zwei Offiziere und verlangten, mit dem Tode drohend, daß er ihnen seine Tochter ausliefere. Mit großer Mühe gelang es ihm, sein Kind mit 2000 Rubeln loszukaufen und die Schande von seinem Hause fernzuhalten. ln Dczurek haben die Russen Juden mißhandelt, Frauen geschändet und alles ausgeplündert; was sie nicht t'ortschleppen konnten, wurde verbrannt. In das Haus des frommen und hochangesehenen Juden Ehrlich drangen zwei Offiziere und forderten, daß dessen Tochter sich ihnen preisgebe. Da der Vater ihnen dies weigerte, zog der eine Offizier seinen Säbel, legte dessen Schneide Ehrlich drohend an die Kehle, während der andere sich daran!nachte, die schlafende Tochter aus dem Bett zu zerren. Als der Vater seinem Kinde helfend beispringen wollte, schnitt ihm der eine Offizier mit seinem Schwert die Kehle durch. Angesichts der Leiche wurde das Mädchen mißbraucht und liegt heute noch schwer krank darnieder. Ein Bräutigam Israel aus Kon in fuhr per Rad nach Slupci, um dort seine Braut zu besuchen. Zufällig stammte das Rad aus einer deutschen Fabrik und trug eine deutsche Marke: für die Russen, die ihm begegnen, Grund genug, ihn zu verdächtigen. Sie reißen ihn vom Rad herunter, stecken ihn in einen Sack und haben ihn lebendig begraben. Hatten sogar kaltes Blut genug, zu diesem teuflischen Geschäft jüdische Soldaten heranzuziehen und so Brüder zum Henker des eigenen Bruders zu machen. Wenn ich Ihnen die angeführten Begebenheiten erzählt habe, so ist es nicht meine Absicht, auf die Nerven Ihrer Leser zu wirken. Die Zeiten sind zu ernst und die Dinge zu ungeheuerlich, als daß sie zu journalistischen Effekten ausgenützt werden dürften. Ich habe die Tatsachen ihre erschütternde Sprache reden lassen, damit die flammende Entrüstung, die jeden empfindenden Menschen erfüllen muß und die mich in diesem unglücklichen Lande seit Monaten in Aufregung hält, sich auch Ihren Kreisen und all denen in Ihrem Lande mitteile, denen Kultur, Gerechtigkeit und Menschlichkeit heilige Begriffe sind. Ich habe Fakten an Fakten gereiht, die sich zu einer schreienden Anklage verdichten müssen gegen eine brutale Barbarei, die Entsetzlichkeiten verübt, von denen man sich nicht vorstellen kann, wie Menschenhirne sie ausdenken und Menschenhände sie vollführen können. Dinge, ob deren, um ein biblisches Wort zu gebrauchen, jedem, der sie hört, die Ohren gellen müssen. Feldrabbiner Dr. Arthur Lev v. Der Krieg der Zurfickbleibenden Von Heinrich Margulies. So viele unserer Freunde liegen, von uns getrennt und doch heiliger als je mit uns ver- Bünden, als Kämpfende unter Kriegern in der Welt verstreut. Wir ließen sie ziehen, mit unendlicher Vereinsamung im Herzen, und neideten ihnen die Tat. Und die Furcht überfiel uns, daß wir, die Zurückbleibenden, wenig Teil haben würden an ihrer Neugeburt. Sie ließen uns im täglichen Treiben zurück, das uns bald, so fürchteten wir, einengen und umschlingen würde. Würden wir nicht die Gemeinschaft ver- Heren mit ihnen, die nur als das neue Geschlecht zu uns heinikehren konnten? Noch waren sie Vielartige und darum war ein Band um uns alle — noch waren sie Schüler, Studenten, Erwerbende, Bekannte und Freunde wie lange noch und sie würden die Einheitlichen sein, die Sieger, die Helden? Was uns bisher umschloß, war die Gemeinschaft des Willens, der Kraft und der Sehnsucht. Diese aber sollten durch die Tat und die Hingabe sich einander vereinen - würden wir dann noch zu ihnen gehören? Würden nicht, vielmehr, auch wir untergehen mit dem erbärmlichen Alltag, den dieser Krieg befreiend vernichtete? In vielen wachen Stunden malmte die Furcht —u ,, sv-o.i-״•■ Hiao wir mehr äls andere diesen Krieg auch zu unserem Kriege, zum Kriege der Zurückbleibenden machten. Wir erfüllten uns mit dem Sinn der Stunde, um uns durchdringen zu lassen von der Heiligkeit des Kampfes, um uns zu weihen. Mehr als je wurde dieses, unser bisheriges Leben, zur Forderung. Nie gab es Stunden so heißer Selbstbesinnung, so leidenschaftlicher Umwertung, so heiliger Reinigung, wie in diesen Tagen der Ruhe, die wir zwischen den Kämpfen in Ost und West verlebten! Nie gab es auch ein weihevolleres Fest wie in diesem Jahre unser Fest der Reinigung, unser Chanukah, an dem wir die ersten Früchte des neuen Drittteiles eines Jahres opfern durften! Zwischen den Schlachten des Ostens und des Westens leben wir Zurückbleibenden in Frieden. Unsere Seele und das, was sic gestaltet, sei ein Spiegel des mannhaften Lebens unserer Freunde da draußen. Dieses ist uns wohl vertraut, denn schon lange war unsere Erinnerung reich an Bildern von tätigen Brüdern, deren Leben als Opfer genommen ward. Weil wir ihrer wert sein wollten, lebten wir, die Phantasten von gestern, inderldeedcrHing a b e u n d der G e in c i n s c 11 a f t. Doch diese Bilder waren fern in derZeit, oder doch im Raum. Jetzt aber gilt es, sich der toten Bruder wert zu machen, die gestern noch unsere Pläne trugen und die unsere Sehnsucht behüteten wie einen Schatz, zu dem der Wächter fehlte. Unsere sterbenden Brüder draußen sollen wissen, daß sie nicht starben, ohne Erben und Vollender zurückzulassen. Nicht soll die Trauer ihre Hingäbe hemmen, daß man keinen Kaddisch sagen wird. Von Hand zu Hand, von Herz zu Herz geht das heilige Feuer, das heilige Erbe, und keiner sei unter uns unwert, es zu schüren und zu bewahren. So sind wir nicht mehr ausgeschlossen von der herrlichen Zeit des Kampfes. So sind wir nicht mehr Armselige neben unseren sterbenden Brüdern. So führen wir diesen Krieg, ihren Krieg, fort als den unsrigen und preisen es als göttliches Geschenk, daß wir so diese Zeit verleben durften! % * * Wie aber, geht die Rede manches Mißgünstigen, können wir, deren Streben von je über die Grenze dieses Landes hinausging, diesen Krieg zu dem unseren machen? Selten enthüllte sich Assimilation so nackt wie in diesem Vorwurf. Sie jubelte, daß dieser Krieg unseren Zionismus vernichten müsse, denn er brachte Haß von Grenzpfahl zu Grenzpfahl. Sie frohlockte, wir würden unser Lebensziel vergessen, denn es galt jetzt den Kampf für Länder und nicht für das Land unserer Ziele. Wie konnte Assimilation so irren? Sie wußte nicht, was K r i e g b e d e u t e t Sie wußte nichts von der Tat, die Söhne eines Volkes begehen können, wenn es der Zukunft dieses Volkes gilt. Sie war die Anpassung an das zeitliche Jetzt, an den Augenblick, der enteilte, an den Alltag, der entschwand was wußte ihr bürgerliches Behagen von dem Begriff der nationalen Gemeinschaft, der Hingabe des persönlich Gegenwärtigen an das gemeinschaftlich Zukünftige? ,War es nicht der jüdische Krieg, der, Zionismus genannt, von ihnen nur hohnvolle Worte erhielt? War nicht die stets wache Sittlichkeit unseres Volkes, Nationaljudentum nannten es viele, die Phantasterei, die sie ersticken zu müssen glaubten? Ein Losreißen von der Nützlichkeit der Stunde, eine Abkehr von jeglicher Bedingtheit, die absolute Weihe in dem Gedanken an die Rettung unseres Volkes war nicht dies unser Tun seit zwei Jahrzehnten? Sprachen wir nicht von dem Opfer des eigensüchtigen Strebens, von der restlosen Hingabe der Seele an die Gesamtheit? War nicht Herzl unser Winkelried? Sahen wir in den Bilumänncrn nicht unsere Pioniere und in den Armen der Glietti nicht die Geopferten? Stürmten wir Jungen nicht durch die Gasse, die Herzls Tod uns eröffnete, glätteten wir nicht den Weg, den jene Tapferen drüben uns bereitet, und schworen wir nicht, die Opfer zu sühnen? Was war es, was in uns lebte, träumte, wachte, seit die Erinnerung an das Märtyrerblut unserer Vorfahren aus dem Nebel der Schullehrerweis- Beit wiede: zu lebendigstem Erleben in' uns wurde? Was war es, was wir ersehnten, erhofften und wofür wir uns erzogen, seit in Kischinew der russische Mensel! für uns erstarb und nur noch als der Feind in unserem Hirne vveiferlebte? Was war es anderes als Krieg, als der heilige Krieg, der Krieg für Rettung und Zukunft unseres Volkes? Darum, meine Freunde, wen verwunderte es wohl zu sehen, daß wir die ernten waren, die des großen Krieges Sinn erfaßten und den deutscher! Krieg begriffen? Und wen verwunderte es zu sehen, daß die Assimilation in Blindheit verharrte und nicht begriff, was wir taten? * * * Meine Freunde, wir wollen offen sprechen. Gab es nicht, kurz vor der Stunde des großen Krieges, eine Zeit, in der wir müde wurden? Tage, an denen wir spürten: wir sind nur klein an Zahl und inmitten von Feinden? Es tut nicht gut, stets nur Herold zu sein, der vergeblich harrt, daß sein Ruf den Kampf eröffne. Wahrlieh, fern sei in dieser Zeit jede Lüge über uns: spürten wir nidit, daß wir nur Einzelne waren, die verloren gingen? Wir predigten Krieg zur Zeit des Weltfriedens. Wir lehrten die nationale Gemeinschaft zur Zeit des Kosrnopolitismus. Wir riefen auf zum Kampfe für die Zukunft in einer Zeit, die nur Gegenwärtiges anerkannte. Und oft sahen wir: es ist ein kleines Geschlecht. Oft verzagten wir und wurden kleinmütig; ״wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen“ -- aber sie wollten nidit. Wir sind nur wenige Rufer in der Wüste, die Mehrheit aber wird nie den Weg finden, den Weg zum Kriege. Und da wurden wir verzagt und unsere Erwartung wurde gering. Meine Freunde, welch anderer Sinn ward doch unserem Weihefest im Laufe der Zeit! Schon war es uns nicht mehr das Fest des Kriegers, der mit der siegreichen Waffe den Tempel reinigte und den Feind vertrieb — es war uns vielmehr, als wären wir im dunkeln Galuth und unsere Aufgabe wäre, still und leise, Tag für Tag nur ein Lichtlein zu entzünden, und jeden Tag eins mehr. —