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Jüdische Rundschau · 1915-01-29 · Heft 5 (29.1.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 5 (29.1.1915)
Date
1915-01-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 5 J U EDI SCH E RUNDSCHAU Seite 39 Die Juden in der Türkei Aus Konstantinopel wird dem ״Berliner Tageblatt“ geschrieben: ״Die Behandlung der Israeliten in der Türkei mußte seit dem Ausbruch des Kampfes der Türken gegen den Dreiverband Gegenstand erhöhter Aufmerksamkeit in diplomatischen Kreisen werden. Besonders der amerikanische Botschafter Herr Morge nt hau hat sich die Sache seiner Glaubensgenossen angelegen sein lassen und fand dabei die Unterstützung seines deutschen Kollegen, Baron Wangen heim. Beide erreichten, daß die russisehen Juden ohne Erfüllung der sonst vorgeschriebenen Förmlichkeiten gegen eine Entrichtung von 40 Francs pro Kopf sogleich ottomanische Staatsangehörige werden konnten. Dafür war eine Frist bestimmt, die von den Israeliten in einer Reihe von Fällen nicht eingehalten wurde. Dies führte dazu, daß einzelne Juden ausgewiesen und nach Aegypten gebracht wurden. Dem Eingreifen Morgenthaus und Wangenheims gelang es aber, eine Verlängerung der Frist durchzusetzen. Zwangsmaßregeln zum Uebertritt der Israeliten in die türkische Staatsangehörigkeit sind weiter nicht angewandt worden. Die nicht übertretenden russischen Juden haben allerdings keine Bürgschaft, daß sie im türkischen Reich dauernd bleiben können. ,.Es ist den Umständen nach nicht möglich, für russische Israeliten eine bessere Behändlung zu erlangen, als für die russischen Christen, die ausgewiesen worden sind. Oertlichen Belästigungen von Juden, besonders in türkischen Provinzialstädten, kann durch die Konsuln Deutschlands und der Vereinigten Staaten und durch die Botschafter beider Mächte in Konstantinopel abgeholfen werden. Im allgemeinen muß anerkannt werden, daß die Türkei sich gegen die Angehörigen der ihr feindlichen Mächte humaner verhält, als etwa Rußland, Frankreich und England gegen die in ihrer Gewalt befindlichen Deutschen. Der alte Ruhm der türkischen Toleranz gegen Andersgläubige hat auch in diesem Kriege noch nicht gelitten.“ * Die Tatsachen, auf die in dieser Korrespondenz hingedeutet wird, haben wir in der ״Jüdischen Rundschau“ vom 8. Januar (״Die russischen Juden in Palästina“) mitgeteilt. Die allgemeine Bedeutung der Ottomanisierung russischer Juden behandelte der Leitartikel der vorigen Nummer. Die Mitteilungen über die dankenswerte Tätigkeit des amerikanischen Bot'chafte־s Herrn Mergenthau und des dksutscHen Botschafters Baron Wangenheim stimmen mit unseren Informationen überein. Zeitungsmeld««- gen über eine antisemitische Bewegung in Jaffa, wie sie das Abendblatt der Frankfurter Zeitung vom 20. Januar aus der ״Moming Post“ übernimmt, sind Führung des Fürstprimas Zbijniew Oiesnicki und des Historikers Jan Dlugosz steht, und schließlich die aufreizenden Predigten des als Gegengift gegen die judenfreundliche Gesinnung des Königs Kasimir herbeigerufenen Casimano, der ״Geißel Gottes“, verschärfen die Gegensätze in beängstigender Weise. Der König wird zur Widerrufung der von ihm bestätigten Judenprivilegien gezwungen, die Juden müssen mit der Krakauer Bürgerschaft einen Handelsvertrag schließen, dessen Durchführung ihren völligen Ruin bedeutet hätte, und zuletzt werden sie ganz und gar aus Krakau verjagt und nach der Vorstadt Kazimierz verpflanzt (1494). Und nun beginnt hier ein Kampf nach zwei Riehtungen. Einmal sehen sich die Juden in Kazimierz genötigt, ausreichenden Raum für die namentlich durch die böhmischen Judenverfolgungen stetig wachsende Bevölkerung zu schaffen und durch Verträge über ihre Handelsbefugnisse allen Beschränkungsversuchen einen Riegel vorzuschieben, sodann müssen sie auch um das Recht, Handel in Krakau selbst zu treiben, schwere Kämpfe ausfragen. Plünderungen, Ueberfälle und die sich anschließenden Prozesse sind die selbstverständlichen Begleiterscheinungen, aber die glänzenden wirtschaftlichen Erfolge, die die Kazimierzer Juden erzielen, bilden wenigstens eine teilweise Ent- Schädigung für all die Leiden und Bitternisse. Der stattlichen Reihe von einheimischen Händlern, die Leben und Schwung in die Wirtschaft der Stadt bringen, gesellen sich jüdische Kaufleute aus Mähren, Böhmen, Wien, Spanien und Italien zu. Freilich nicht lange währt diese Blütezeit und so ist ein Teil der jüdischen Bevölkerung infolge der übermäßigen Konkurrenz im Handel genötigt, in anderen Berufen sein Fortkommen zu suchen. Neben der Pacht ist es das Handwerk, dem viele Juden Zuströmen. Ganz nach Art und Vorbild der christlichen Zünfte schaffen auch die Juden ihre Organisationen, allerdings fehlt ihnen der starke wirtschaftliche Rückhalt und sie fristen anscheinend ein recht kümmerliches Dasein. Eine Eigentümlichkeit des Gemeindelebens in Kazimierz bildet der Gegensatz zwischen den eintendenziöse Meldungen. Die Frankfurter Ze i - t u n g hat eine in der Hauptsache zutreffende Richtig- Stellung und Aufklärung des Sachverhalts am 21. Januar veröffentlicht. Zionistische Konferenzen in Amerika (Von unserem Berichterstatter.) New York, Anfang Januar■. ln den letzten Tagen des Dezember und in den ersten Tagen des Januar fanden in den Vereinigten Staaten eine Reihe wichtiger zionistischer Jahresver* Sammlungen und Konferenzen statt, über die hier zusammenfassend berichtet werden soll: Am 27. Dezember wurde im Boardway Central Hctel zu New York die zweite Jahreskonf e r e n s der NewYorkerzionistischenOrganisation, einberufen durch das Zion Council of Greater New York, abgehalten. Zu der Konferenz hatten sich 72 Delegierte von 27 zionistischen Verbänden, 14 Logen des Ordens ״Bnei Zion“ und 13 Vereinen eingefunden. Außerdem wohnten der Konferenz zahlreiche zionistische Einzelpersonen als Gäste bei. Die Jahreskonferenz wurde von dem Präsidenten des Council, Mr. Henry Iser, mit einer kurzen Rede über die allgemeine Lage und die Aufgaben der New Yorker Gesinnungsgenossen eröffnet. Hierauf hielten die Herren Louis Lipsky, Präsident der Federation of American Zionists, und Joseph Barondess, Präsident des Ordens ״Bnei Zion“, Begrüßungsreden, die von der Versammlung mit lebhaftem Beifall aufgenommen wurden. Mr. Iser verlas den Tätigkeitsbericht des Council für das abgelaufene Jahr. Er kam auf die vorjährige erste Jahreskonferenz der New Yorker zionistischen Organisation zurück, die ein Novuni im zionistischen Leben New Yorks darstellte und die die Organisation und Propaganda in New York auf neue Grundlagen gestellt hat. Der Council hat im Berichtsjahre sieben große Massen- Versammlungen und Vortragsabende veranstaltet, in denen prominente auswärtige Gäste vor einem Publikum von vielen tausenden Personen gesprochen haben. Sehr erfolgreich wrar die Tätigkeit des Council für den Jüdischen Nationalfonds. Der im vorigen Jahre zum erstenmal abgehaltene Blumentag hatte ein sehr erfreuliches Ergebnis aufzuweisen und wird sldt iu vkterr Städte« der Union zu einet• ständigen Einrichtung entwickeln, die dem Nationalfonds hoffentlich beträchtliche Einnahmen verschaffen wird. Der Council hat auch in hervorragendem Maße bei der Veranstaltung der Bezalel-Ausstellung mitgewirkt, die in der großen amerikanischen Oeffentlichheimischen und den böhmischen Juden, der nicht selten zu Streitigkeiten führt. Sie halten ihre separaten Synagogen und Rabbiner, die Steuerverwaltung scheint jedoch eine gemeinsame gewesen zu sein. Die Organisation der Gemeinden hat bekanntlich in Polen eine weitaus größere Ausbildung als in einem anderen Lande der europäischen Diaspora erfahren, und die Gemeinde von Kazimierz war wohl eine der bestorganisierten. Ein Heer von Ehrenbeamten und zahlreiche Kommissionen stehen in ihren Diensten; ihre Kompetenzen, Zusammensetzung, die Wahlen usw. sind durch Statut und Reglement genau geregelt. Neben dem Kultus und der Wohltätigkeit befaßt sich die Gemeinde noch mit der Ordnung des Sanitätswesens und einer ganzen Reihe von Verwaltungsagenden, wie Regelung des Wohnrechtes und der Berufsausübung, Erhebung verschiedener Abgaben, Aufsicht über die guten Sitten usw. Den wichtigsten Verwaitungszweig im Gemeindeleben bilden natürlich die Finanzen, die sich aus den Staatssteuern, den Abgaben an die hohen Beamten, die Städte und den Klerus einerseits, aus den der Gemeinde direkt zufließenden Einkünften andererseits zusammensetzen. Eine geordnete Finanzverwaltung erscheint hier um so dringender notwendig, als die Schulden der Gemeinde infolge des wirtschaftlichen Niederganges ihrer Mitglieder und der steigenden Ansprüche von Jahr zu Jahr wachsen. An die Gemeinden schließt sich als höhere Instanz der kleinpolnische Provinziallandtag der Judengemeinden an und über ihm steht der Landtag der polnischen Juden, die Vierländersynode (Waad arba׳ oirzoth). Wie diese einzigartige autonome Verfassung zustandekam und ausgebildet wurde, ist eines der interessantesten Probleme in der Geschichte der polnischen Judenheit. Im wesentlichen waren zwei Momente für die Entstehung der Autonomie ausschlaggebend: Erstens das Scheitern der vom Könige begonnenen Versuche, die Juden auf zentralistischer Basis durch das Institut der Qeneralsteuerpächter und das Landesrabbinat zu organisieren, und die daraus sich notwendigerweise ergebende Stärkung der Gemeinden, also des dezentralistischen Prinzips, zweitens keit unserer zionistischen Sache neue Freunde warb. Nach dem Muster der zionistischen Kopekenbibliothek in Rußland hat der Council einen Penny-Verlag begründet, der den Zweck hat, billige Broschüren für den Zionismus herauszugeben. Als erste Broschüre in dieser Serie erschien die Schrift: 15״ Jahre Zionismus“ von Abr. Goldberg. Der Council war auch bemüht, Vorbedingungen für die Schaffung einer jüdischen zionistischen Tageszeitung zu schaffen. Er hat diese Frage der letzten Convention der atnerikanischen Zionisten in Rochester vorgelegt und hofft, daß dieser wichtige Plan in nicht zu ferner Zeit verwirklicht werden wird. Der Bericht schließt mit einem Aufrufe zu energischer Unterstützung der Aktion des provisorischen Exekutiv-Komitees und macht nach dieser Richtung einige konkrete Vor- Schläge. Nach der Verlesung des Tätigkeitsberichtes erstattete der Schatzmeister des Council, Mr. J. Shor, den Finanzbericht. Die Einnahmen des Council betrugen im Berichtsjahre 3548 Dollar, die Ausgaben 3637 Dollar. Mr. S. G o 1 d s t e i n , Vorsitzender des Nationalfonds-Komitees, berichtete über die Tätigkeit für den Nationalfonds. Abgesehen von den sehr erheblichen Büchsensammlungen sind von den New Yorker zionistischen Vereinen etwa 4400 Dollar für den Nationalfonds gesammelt worden. Mr. M. Cram e r, Vorsitzender des Verlags-Komitees, berichtete über die bisherige Tätigkeit des Komitees und empfahl den zionistischen Vereinen, diesem wichtigen Arbeitsgebiet künftig mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden. In der zweiten Sitzung berichtete Mr. Perlstein, Sekretär des provisorischen Exekutiv- Komitees, von allgemeinen zionistischen Angelegenheiten, über den gegenwärtigen Stand der Aktion für den Hunderttausend-Dollar-Fonds. Der Redner ist mit der bisherigen Tätigkeit der zionistischen Vereine New Yorks nach dieser Richtung nichtzufrieden und weist auf das Beispiel anderer Städte hin, wo die Zionisten viel intensiver und erfolgreicher gearbeitet haben. Er schlägt vor, statt der bisherigen kostspieligen Massenversammlungen zahlreiche Votksver- Sammlungen in kleineren Kreisen abzuhalten. Es folgte eine allgemeine Aussprache über die einzelnen Berichte. Nach Schluß der Debatte brachte die Exekutive des Council eine Reihe von Resolutionen ein, die sieb u. a. auf die Festsetzung! bestimmter Tage im Jahre für Sammlungen zugunsten der verschiedenen Fonds der zionistischen Organisation beziehen. So soll die Purim wo che als Schekelwoche, Lag-Baomer als Blumentag für den Jüdischen Nationalfonds, der 15. Schewai als Sammeltag für den Kunderttauscnd-Dollar-Fonds usw. bestimmt werden. Herr Joseph Barondess sprach über die Notwendigkeit der Ausgestaltung des ״J ü d i s c h e n Volk es“, des offiziellen Organs der Federation, und forderte die im Council vertretenen Vereine auf, für den literarischen die Entwicklung der Gerichtsbarkeit der Juden in Streitsachen untereinander. In dem durch die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse sowie die autonomen Gemeindeorganisationen begrenzten äußeren Rahmen spielt sich ein reiches geistiges Leben ab. Später als ihre abendländischen Brüder haben die polnischen Juden mit dem Talmudstudium eingesetzt; aber mit um so größerer Intensität wurde es hier betrieben, als wollten sie das Versäumte nachholen. Nicht die schlechtesten Segler und Steuermänner auf dem weiten ״Meere des Talmud“ sind aus den Krakauer Lehrstätten hervorgegangen. Hier wirkten mit und nach Jakob Polak, dem Meister des Pilpil, Ascher Lemel, Moses Fischei, Moses Isserles, Josef ben Geram Katz, Moses Margalioth, Meir aus Lüblin, Joel Sirkes, Lipptnan Heller und viele hunderte Gelehrtenköpfe. Neben der rabbinischen und kabbalistisch-moralistischen Literatur, die natürlich nur für bestimmte Kreise in Betracht kamen, entsteht auch eine Volksliteratur in der Sprache des Volkes, Uebersetzungen aus der Bibel, Nachdichtungen jüdischer und deutscher Volkssagen, Volkslieder. Druckereien fördern die Verbreitung der Literatur und überflügeln bald die Er- Zeugnisse der jüdischen Buchdruckerkunst in Venedig und Amsterdam. Dies ist in kurzem der Inhalt des 471 Quartseiten umfassenden Buches. Die Darstellung ist flüssig und exakt, lediglich auf die Tatsachen beschränkt ohne schwülstigen Ballast. Auch die geschmackvolle und reichhaltige Ausstattung verdient alles Lob, dem sich der Dank an den Israelitischen ״konfessionellen Rat“ in Krakau, der die Mittel für die Herausgabe bereit gestellt hat, anschließen muß. Alles in allem ein ausgezeichnetes Buch, aus dem auch der Laie viel Belehrung und Genuß schöpfen kann, und bei dem nur zu bedauern bleibt, daß es in einer Sprache geschrieben ist, die nur ein Bruchteil der Judenheit beherrscht. J. M.

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