Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1915)
- Date
- 1915-01-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 38 JÜ1DISCHC RUNDSCHAU Nr. 5 Erwerbsmöglichkeiten zu erschließen und ihn an sich zu fesseln. Während unsere Sympathie für die Leidenden uns nicht dazu verleiten sollte, Leute zuzulassen, die im allgemeinen Interesse auszuschließen sind, würde es «loch unverantwortlich grausam sein, jetzt überflüssige und schlechtberatene neue Einschränkungen gegen solche Einwanderer einzuführen, welche hier eine Zuflucht suchen, nachdem sie drüben durch die entsetzlichen Kämpfe so sehr gelitten haben. Die Befreiung der aus religiösen Gründen Verfolgten vom Bildungsnachweis ist in der Burnett-Dillingham Bill so schlecht zum Ausdruck gebracht, daß diese Be- Stimmung beinahe wertlos erscheint, obgleich der Mangel an Bildung bei vielen Einwanderern oft ein direktes Ergebnis der barbarischen Erziehungsgesetze und reaktionären Verwaltungsmaßnahmen ist. David Woiffsohn Von J. H. Kann Wir haben in Nr. 52 der ״Jüdischen Rundschau“ v. J. angekündigt, daß wir im Hinblick auf die Unmöglichkeit, die geplante Woiffsohn - Qedenknummer der ״weit“ im gegenwärtigen Zeitpunkt erscheinen zu lassen, die Absicht haben, von Zeit zu Zeit Aufsätze über die Persönlichkeit und das zionistische Wirken David 1 Wolffsohns zu veröffentlichen. Wir bringen diesmal einen warmherzigen Nachruf von J. H. Kann und gedenken in einer der nächsten Nummern einen im ״Rasswjet“ erschienenen Artikel von Dr. Katzeneison abzudrucken. Er War der Tüchtigste von uns allen. Und er wußte es. Dank seiner großen Intelligenz erfaßte er sofort den Kern jeder Sache, die ihm vorgelegt wurde. Dabei hatte er ein überaus Weiches Gemüt. Er war von einer Herzensgüte, die ihm keine Ruhe ließ, wenn er von den Leiden anderer hörte. Und ein Mutiger war er. Ganz hat er sich für das jüdische Volk hingegeben, und hat sich dabei selbst in keiner Weise geschont. Als er im Sommer 1904 in Scheveningen die Nachricht vom Tode Herzls erfuhr, da war er wie gebrochen. Er kam zu mir und weinte wie ein Kind. Es war nicht möglich, ihn zu beruhigen. Er weinte um den lieben Freund und um den großen Menschen, den das jüdische Volk verloren hatte. Einige Tage später, als wir in Wien in das Haus des großen Toten traten, da versagte Wolffsohn die Kraft. Es war ihm physisch nicht mög- Geschichte der Juden in Krakau und Kazimierz (Dzieje zydöw w Krakowie i na Kazimierzu napisal Dr. Majer Balaban Tom. 1 — 1304—1655 — Krakau 1013. XXIV u. 471) Wir veröffentlichen hier eine von uns vor dem Krieg angenommene Besprechung, die ein jetzt allgemein interessierendes Thema behandelt. Seit Grätz’ gigantischer Leistung hat die jüdische Geschichtsschreibung es als ihre wichtigste Aufgabe betrachtet, die Lücken und schadhaft gewordenen Stellen an dem von dem Meister errichteten Gebäude zu ergänzen und zu verbessern. Diesen Zwecken dienten die zahllosen Spezialforschungen, ebenso wie die mit Ergänzungen und Noten versehenen Neuausgaben einzelner Bände des Werkes und schließlich auch die von S. P. Rabinowitz besorgte Uebertragung ins Hebräische, deren große Bedeutung indes mehr in der Bereicherung der hebräischen Literatur und in der ganz dem Geschmacke und der Denkweise der späteren Aufklärung angepaßten Darstellung gelegen ist. Schon bei dieser Bearbeitung hatte sich vielfach die Notwendigkeit ergeben, die Teile der Geschichte, welche von den Schicksalen der Juden in Polen und Rußland handelten, von Grund auf neu darzustellen. Denn ganz abgesehen davon, daß Grätz teils aus Mange! an den nötigen Sprachkenntnissen, teils wegen des damaligen Standes der Geschichtsforschung die wichtigsten Quellen für die Geschichte der Juden in den osteuropäischen Ländern unbekannt bleiben mußten, so war der Gesichtspunkt, unter dem er das Judentum außerhalb der deutschen Grenzpfähle zu betrachten pflegte, nichts weniger als einwandfrei. Seine Art, an geschichtlichen Erscheinungen moralisierende Kritik zu üben, statt sie aus sozialen und politischen Momenten oder psychologischen Beweggründen erklären zu wollen, hat ihn mitunter lieh, die Treppe hinaufzugehen in dem Hause, wo er so stolze, so erhabene Augenblicke miterlebt hatte. Dann!Überwand er sich. Was nun folgte, möchte ich nennen: ״das zehnjährige Leiden David Wolffsohns“. Ganz glücklich wie zur Zeit Herzls ist er nie mehr gewesen. Wahrlich nicht aus Ehrgeiz, sondern im Sinne einer ihm auferlegten Pflicht hat er das Erbe Herzls angetreten. Tausendfach waren die Schwierigkeiten. Unsere alten Volksuntugenden hatten sich wieder offenbart. Wir waren nicht mehr einig. Der große Schriftsteller Israel Zangwill trat von der zionistischen Bewegung zurück, und im eigenen Lager fand Woiffsohn nicht die Unterstützung, die er bei seinen Fähigkeiten und bei der völligen Hingabe seiner Person hätte erwarten dürfen. Die Kongresse im Haag, in Hambürg, in Basel und in Wien waren die Merksteine seines Leidensweges, aber auch seiner Siege! Denn er war ein Großer, ein Gewaltiger. Er war der Herr der Kongresse. Hoch wuchs seine Gestalt auf der Kongreß-Tribüne. Er war der Meister. Und wir, um ihn herum, fühlten unsere Kleinheit. Er machte fast übermenschliche Anstrengungen, um die durch den Zionismus begonnene Organisation des jüdischen Volkes zu erhalten. Und dank seiner Autorität, die von Freund und Gegner anerkannt wurde, ist ihm das schließlich gelungen. Es ist heute nicht die Zeit, eine Biographie Wolffsohns zu schreiben. Aber so wie er gleich von Anfang an peinlich darauf geachtet hat, daß nichts Unwahres über Herzl veröffentlicht werde, wie er dafür gesorgt hat, daß diese Gestalt in ihrer ganzen Größe in die Geschichte übergehe, so haben wir die Pflicht, Woiffsohn Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Und ich zweifle nicht daran, daß das jüdische Volk dem Andenken Wolffsohns neben Herzl den ersten Platz geben wird. Er wollte seine Memoiren schreiben. Ist ja keiner unter uns, der soviel miterlebt hat, wie er. Doch er ist nicht dazu gekommen, der Tod hat ihn überrascht. Aber seine Riesenkorrespondenz ist da. Und sein treue! Sekretär Eh-. Robinsohn hat vieles aufgezeichnet, was Woiffsohn in seinen Gesprächen gelegentlich erzählte. Ich habe das große Glück gehabt, etwa drei Monate vor seinem Tode noch einige Tage mit ihm in Hertenstein bei Luzern zusammen zu sehn. Er hatte sich außerordentlich gut erholt zu Urteilen über die pahnsche judenheit geführt, die nicht nur jeder Wahrheit einfach zuwiderlaufen, sondem auch in der Folge nicht wenig jenen Dünkel gefördert haben, mit dem noch heutigen Tages gewisse maßgebende Kreise der deutschen Juden auf ihre osteuropäischen Stammesgenossen herabblicken. Wenn er den durch die Chmielnickischen. Verfolgungen Vertriebenen vorwirft, sie hätten ein neues Mittelalter über die Westjudenheit gebracht, über die Pilpulistik in den polnischen Talmudschulen mit höhnenden Worten aburteilt, und ihm kein Ausdruck zu stark ist, um dem in das rationalistische Schema so ganz und gar nicht hineinpassenden Chassidismus an den Leib zu rücken, so mag das aus dem Geiste der Zeit, aus der damals gangbaren Geschichtsauffassung, aus einer starken Ueberschätzung der gewiß nidht abzuleugnenden Verdienste der deutschen Judenheit erklärlich und entschuldbar erscheinen, ohne daß man damit ,über diese krassen Uebertreibungen, Einseitigkeiten, den wahren Sachverhalt verdunkelnden Deklamationen hinwegkommen könnte. Alle diese Momente, im Verein mit der Tatsache, daß die Geschichts- Schreibung sich heute nicht lediglich mit allgemeiner Darlegung der äußeren Verhältnisse und mehr oder minder ,detaillierter Würdigung der literarischen Leistungen begnügen kann, haben eine Reihe von Gelehrten zu intensiver Beschäftigung mit der Geschichte der Juden in Polen und Rußland in einem moderneren Sinne angeregt, und so sind auf diesem Sondergebiete im Laufe der letzten drei Dezennien neue Quellen ans Tageslicht gefördert, in Sammelwerken zusanunengetragen oder in Monographien verarbeitet worden. Der verdienstvollsten einer, der diesem Zweige der jüdischen Wissenschaft seine Lebensarbeit gewidmet hat, ist Dr. Majer Balaban in Lemberg. Seine preisgekrönte Arbeit über die ״Lemberger Juden an der Wende des XVI. und XVII. Jahrhunderts“ und zahlreiche kleinere Schriften über die Juden in Polen, besonders in Galizien, haben die Aufmerksamkeit auf den noch jungen Autor gelenkt. Nun liegt von ihm der erste Teil eines neuen zweibändigen Werkes über die ״Geschichte der Juden in Krakau und auf und machte schon wieder Zukunftspläne. Ein Haus wollte er sich in Jaffa bauen und in Palästina wohnen. Aber er hatte auch Momente schwerer Melaneholie, besonders nach dem Tode seiner Frau. Seit Anfang dieses Jahres war er nicht mehr in seiner Wohnung am Sachsenring in Cöln. Wie tragisch ist sein Tod! Er starb genau zwei Jahre nach dem Tode seiner Frau und in einer Zeit, da es aussieht, als ob die ganze Welt zusammenbricht! Für uns Zionisten war er der Mittelpunkt. Er war wie das Haupt einer Familie, die er jetzt verwaist hinterläßt. Werden die Hinterbliebenen Zusammenhalten? So wie er, so gut, müssen die Erzväter gewesen sein. Wollen wir uns fühlen, als ob wir seine Kinder wären! Versuchen wir, unsere Differenzen zu überbrücken und in seinem Geiste zu arbeiten für das jüdische Volk, für das er sein Leben hingegeben hat. Die Judenverfolgung in Rußland Paris, 18. Januar. Die ״Humanite“ veröffentlicht einen Aufruf der sozialistischen Organisation des jüdischen Proletariats in Rußland ״Der Bund“ an die zivilisierte Welt, demzufolge seit Kriegsausbruch Judenverfolgungen unerhörter Art in Rußland eingesetzt haben. Der Aufruf berichtet von Judenverfolgungen in der Armeezone, von Pogromen in Polen, sogar in Lodz, von Massenausweisungen und betont, daß die Juden unter dem geringsten Vorwände vor ein Kriegsgericht gestellt und zum Tode oder zu Zwangsarbeit verurteilt würden. Mangels anderer Beweise diene stets die Behauptung als Beweis, daß die Juden die Deutschen unterstützten. Der Aufruf schließt mit der Aufforderung an die zivilisierten Völker, den Zarismus' daran zu erinnern, daß selbst in Kriegszeiten das Gewissen der zivilisierten Menschheit Worte finden werde, diese schmachvollen Handlungen zu verurteilen. Die ״Humanlti“ fügt hinzu, der Bericht sei das schlagendste Dementi für die Meldungen einer gewissen Presse, daß den Juden politische Gleichheit von dem Zaren versprachen worden sei. Rußlands innere Politik habe sich Seit Kriegsbeginn nicht geändert. dem Kazimierz“ vor. In diesem Bande, der die Zeit von 1304 bis 1655 umfaßt, wird auf Grund eingehender archivarisdher Studien und unter gründ- Edier Verwertung der einschlägigen Literatur von den wechselvollen Schicksalen der Juden in der kleinpolnischen Metropole seit Ihrer Niederlassung bis zur schwedischen Invasion (1655) berichtet. Polen, das damals wenn dicht gerade ein Eldorado für die Juden war, aber doch gewiß leidli«±e Bedingungen für ein Fortkommen und die freiere Entfaltung des jüdischen Elementes bot, hatte seit dem Beginne der deutschen Städtekolonisation und wegen der Verfolgungen durch die Kreuzfahrer in den deutschen Landen große Scharen von Juden herbeigelockt, deren geschichtliche Miss*0״ die Belebung der Geld- und Kreditwirtschaft in dem fast rein agrarischen slawisehen Osten zufiel. Eines der Zentren, in denen die Juden schon infolge seiner geographischen Lage eine bedeutende Rolle als wirtschaftliche Mittler zu spielen berufen waren, war Krakau. Hier hatte sich seit dem Beginne des vierzehnten Jahrhunderts eine Juden- Siedlung gebildet, die angesichts des stetig anschwellenden Zustroms aus dem Westen Europas in fortschreitendem Wachstum begriffen war. Die äußeren Schicksale der Krakauer Judengemeinde lassen sich im wesentlichen auf die gleichen Formeln wie die anderer größerer Gemeinden bringen, nur die Intensität der Ereignisse mag stärker, ihre Aufeinanderfolge verschieden gewesen sein. Anfangs verläuft die Entwicklung fast geradlinig, bis die Bürgerschaft die Konkurrenz des jüdischen Handels als Last zu empfinden beginnt, und zuerst ganz vorsichtig und diplomatisch, nachher immer offener und rücksichtsloser gegen die Judengasse losgeht. Die Einrichtung der geistlichen Akademie in zwei Häusern der Judengasse schafft in den Studenten den Juden neue Feinde, der Bürgerschaft einen willkommenen Bundesgenossen, und nun beginnen, um die Juden zum Verlassen des für sie und die Akademie immer enger werdenden Territoriums zu bewegen, ganz nach deutschem Muster die Plünderungen und Hetzereien. Die judenfeindliche Literatur, der Fanatismus der klerikalen Partei, die unter der