Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1915)
- Date
- 1915-01-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 31 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr, 4 Freiheit sind, dürstet es nach größerer Freiheit und Wiedereroberung des Vaterlandes. Wamm sollten wir, die Verfolgten, nicht zu den Waffen greifen, die wir mehr geknechtet sind als alle anderen Menschen auf der Welt? Versammelt Euch denn und ruft den allmächtigen Gott um Flilfe an. Er wird unser Beschützer sein. Der, der uns von den stärksten Banden befreit hat, wird uns auch jetzt beistehen. Erhebet Euch! Machet die verschlossenen Augeil auf! Warum sollten wir nicht unter Mühen unsere Freiheit erringen, die man uns ebenso bestimmt und aufrichtig versprochen hat wie allen anderen Menschen auf der Welt? Aber man muH sie erst verdienen. Glaubt Ihr denn, daß ich mein eigenes Volk ins Verderben stürzen oder die Seelen meiner Brüder ins Jenseits bringen möchte? Nein, liebe Brüder, auf den Ewigen und Allmächtigen vertrauend, zweifle ich nicht daran, daß nun die glückliche Stunde gekommen ist, um den F'eind zu bezwingen. Der Ewige im Himmel will es haben bereits gibt es Zeichen dafür. Eines nur tut 110t: in Eintracht sein und tapfere, heldenhafte Herzen haben. Gott der Allmächtige ist mit Euch und ich bin Euer Führer. Wo die größte Gefahr drohen wird, da werde ich mich hinbegeben, und Ihr sollt mir nur folgen. Also, liebe Brüder, mir ist das Glück zuteil geworden, auf Befehl der Obrigkeit Regimentsoberst zu werdeii; w׳achet auf, helfet das bisher bedrückte Polen zu befreien. Ihr treuen Brüder, wir wollen für das Vaterland kämpfen, solange nur noch ein Tropfen Blut in uns ist. Selbst wenn wir dies nicht erleben sollten, so werden doch wenigstens unsere Kinder sorglos und frei leben, ohne wie wilde Tiere herumirren zu müssen. Wachet auf wie Löwen und Leoparden; mit Gottes Hilfe werden wir verschlingen . . . Wartet nicht, daß man Euch mit Gewalt einreihe; die Freiwilligen werden bei der Eintragung einen Vorschuß erhalten. Berek Josselewicz, O b e r s t. Dieser ziemlich ungeschickte und verworrene, aber aufrichtig enthusiastische Aufruf hatte doch auf die Juden Polens einen ungeheuren Eindruck gemacht. In kürzester Zeit waren 500 Mann angew׳orben und in weniger als drei Wochen war das Regiment vollständig organisiert. Freilich war die Ausrüstung ziemlich« mangelhaft, trotzdem überraschte das Regiment durch seine gute Disziplin. Nur allzu bald hatte die neue Truppe Gelegenheit, sich zu betätigen. Bei Suworows Sturm auf Warschau stand Bereks Regiment in der vordersten Reihe lind wurde fast bis auf den letzten Mann aufgerieben. Berek selbst konnte nach Oesterreich entkommen. Dort wurde er verhaftet, doch gelang es ihm, nach Frankreich zu fliehen. Von nun ab begann für ihn die Laufbahn eines Berufsoffiziers. Wo er konnte, kämpfte er mit den Polen, er verschmähte es aber auch nicht, sich auf anderen Kriegsschauplatzen zu betätigen. Wir sehen ihn 1796 in Italien gegen Suworow, 1801 im französischen Fleer unter Moreau bei Hohenlinden, 1806 ist er wieder Teilnehmer einer polnischen Legion im Kampf gegen Rußland. 1808 tritt er in die Armee des nach dem Tilsiter Frieden gegründeten Herzogtums Warschau ein. Nicht lange durfte er sich der Heimat erfreuen. Im Jahre 1800 schon im großen Kriege Napoleons gegen Oesterreich fiel er nach einem heldenmütigen Kampfe in einem Treffen bei Kozk. Berek war wegen seiner außerordentlichen Tapferkeit von seinen Kameraden sehr geehrt und hat es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Trotzdem kam er beruflich wenig vorw׳ärts. Er, der wenn irgendeiner den Marschall־ stab im Tornister trug, wurde amtlich nur zum Oberst befördert, ein Titel, den er bereits bei seinem ersten Auftreten unter Kosciuczko führen durfte. Muß man noch betonen, daß Bereks Vaterland alle Opfer, die er und seine Volksgenossen brachten, mit schnödem Undank lohnte? Denn man vergesse nicht, daß außer Bereks engeren Waffen genossen es noch Tausende von Juden gab, die ihr Gut und Blut bei der Verteidigung von Warschau hingegeben hatten. Bereks Sohn, Josef, erbte die kriegerischen Neigungen seines Vaters, wenn auch nicht seine Begabung und seinen zähen Willen. Auch er war Offizier in der polnischen Armee und nahm teil an dem russischen Feldzug Napoleons. Trotz seines wackeren Verhaltens gelang es ihm nicht, nach dem Kriege eine Zivilversorgung zu bekommen. Er lebte in ziemlich dürftigen Verhältnissen, bewahrte aber ini Herzen immer die große Begeisterung für die Freiheit Polens. 1830, beim zweiten großen Aufstand, kain er wie einst sein Vater um die Bildung eines jüdischen Regiments ein. Aber die provisorische Regierung des geknechteten Landes, das seine Freiheit erkämpfen wollte, wies die Dienste der Juden hochmütig ab. Am 31. Mai schloß der Landtag die Juden vom Militärdienst aus, um ihnen eine um so drückendere Qeldsteuer aufzuerlegen. Nun gab Josef den Kampf um ein jüdisches Korps auf und trat mit seinem Sohn Leon in eine litauische Legion ein, in der er an mehreren Treffen teilnahm. Nach der Niederwerfung des Aufstandes ging er nach England und starb im Jahre 1846 zu Liverpool. Die Geschichte Bereks und seines Sohnes ist für uns aktuell, nicht nur wegen der kriegerischen Taten und Begebenheiten auf einem Kriegsschauplatz, auf dem sich jetzt wieder die Geschicke eines großen Teiles des jüdischen Volkes entscheiden, sondern auch weil sie einen höchst interessanten Beitrag zur Psychologie der Emanzipationsjuden liefern. Man konnte schlechterdings nicht mehr opfern als Berek und sein Sohn es taten, um ein Vaterland zu erwerben und seine Dankbarkeit zu verdienen. Es war alles umsonst. Der Haß der Umwelt war nicht zu überwinden. Aber zeigt uns nicht auch die Geschichte von Vater und Sohn, was das jüdische Volk von einem selbständigen Polen zu erwarten hätte? Wiederum ist Polen an einem kritischen Wendepunkt angelangt. Man weiß noch nicht, welchen Ausgang das welthistorische Ringen nehmen wird. Man weiß noch nicht, wie das polnische Volk nach dem Krieg dastehen wird. Aber eines zeigt die Geschichte der Juden in Polen heute schon mit aller Sicherheit. Wehe den Juden, wenn die Polen die Macht erlangen, über unsere Geschicke zu entscheiden. Das seit 120 Jahren auseinandergerissene und geknechtete Volk wird zu allererst versuchen, die jüdische Nation zu unterdrücken, denn ״es erzittert die Erde, wenn ein Knecht zur Herrschaft gelangt“. Die Eingänge für den Jüdischen Nationalfonds im Jahre 1914 Die deutsche Landessammelstelle des Jüdischen Nationalfonds ist in das Jahr 1014 unter sehr günstigen Auspizien und mit berechtigter Zuversicht eingetreten, hatte sie doch ein Jahr hinter sich, das den bisher noch nie erreichten Betrag von 100 000 M. noch um ein wesentliches überschritten hatte. Darum galt es, diese Summe in 1014 nicht nur wieder zu erreichen, sondern ein noch höheres Ergebnis zu erlangen. Die Organisation befand sich in ausgezeichneten! Zustan d e. Unsere Kommissare in den Ortsgruppen arbeiteten mit Eifer für unsere Sache, in jeder noch so kleinen Ortsgruppe und in Orten, in denen sich nur etliche Schekelzahler aufhiclten, waren wir gut vertreten. Um die Eingänge für den N. F. stabil zu gestalten und nicht nur von zufälligen Spenden abhängig zu machen, hatten wir unser Augenmerk vornehmlich auf das beste Sammelmittel, die Büchse gerichtet. Vermittels einer ausgezeichnet funktionierenden Kartothek hatten wir das gesamte Büchsenwesen neu!ungestaltet, und die Wirkung dieser Neuordnung trat auch sofort durch wesentlich größere Leerungs-Erträgnisse in die Erscheinung. So verging das erste Halbjahr, dessen Ergebnisse hinter dein vorjährigen nur in geringem Maße zurückstanden. 1111 Juni fand der deutsche Delegiertentag in Leipzig statt, wo wir Gelegenheit nahmen, neue wertvolle persönliche Beziehungen mit Gesinnungsgenossen aus dem ganzen Reiche anzuknüpfen, die später reiche Früchte tragen sollten. Der Wertzeichen-Verkauf anläßlich des Delegiertentages entsprach durchaus den gehegten Erwartungen. Im Juli des Berichtsjahres kehrte zum zehnten Male der Tag wieder, an dem Theodor Herzl uns entrissen wurde. Wir haben zu diesem Gedenktage eine großzügige Propaganda zugunsten des Herzlwaldes unternoinmen, die ein ,überreiches Ergebnis gezeitigt hat. Mit Genugtuung konstatieren wir, daß es nur unserer Anregung bedurfte, um den deutsehen Gesinnungsgenossen die ewige Dankesschuld an den Mann in Erinnerung zu bringen, der uns das jüdische Lebensideal gegeben hat. Wir berichten ferner, daß im Juli der Leiter der deutschen Sammelstelle, Herr Wollsteiner, sein zehnjähriges Jubiläum feiern konnte. Diesen Anlaß benutzten seine Freunde, um auf seinen Namen einen Hain im Herzlwald zu errichten. Innerhalb vier Wochen wurden für diesen Hain etwa vierhundert Bäume gestiftet. So hatten wir allen Anlaß, mit dem Ergehnis des ersten Halbjahres zufrieden zu sein und waren gerade dabei, uns für das Winterhalbjahr zu rüsten, als der Weltkrieg ausbrach, der natürlich auch unsere Arbeit mit einem Schlage völlig lahmlegte. Die Eingänge hörten in den ersten sechs’ Wochen vollständig auf, so daß sich auch in dieser Zeit ein Ausweis in unserem Organ erübrigte. Ein sehr erheblicher Prozentsatz unserer Gesinnungsgenossen war sofort zu den Fahnen geeilt und schied also für unsere Arbeit vor der Hand aus. Kurze Zeit darauf kamen die Schreckensnachrichten aus Ost- und Westpreußen, aus welchen Provinzen dem Nationalfonds bisher recht ansehnliche Gelder zugeflössen waren. Eine ganze Reihe von Ortsgruppen in diesen Provinzen sind durch die Flucht ihrer Mitglieder aufgelöst worden, so daß auch der Nationalfonds von diesen nichts mein־ erwarten konnte. Auch in der Provinz Posen und in Oberschlesien, wo ein beträchtlicher Teil unserer Freunde wohnt, hatten unsere Gesinnungsgenossen zumeist schwere Wirtschaftliehe Sorgen, so daß auch von hier die Eingänge recht spärlich flössen. Dieselbe Wandlung vollzog sich in den westlichen Grenzgebieten, besonders in Elsaß-Lothringen. Nach den ersten Monaten der Aufregung und des W irtschaftlichen Stillstandes gestaltete sich; die allgemeine Lage wieder etwas günstiger, wozu eine starke Siegeszuversicht wesentlich beitrug. Sofort fingen auch unsere Freunde wieder an, sich des Nationalfonds zu erinnern, und wir konnten allwöchentlich wieder Ausweise bringen, die zwar noch dürftig waren, aber von Woche zu Woche im Ergebnis sich steigerten. Unsere im Felde stehenden Freunde trugen wesentlich hierzu bei. Selbstverständlich kann das Ergebnis des Berichtsjahres keinen Vergleich mit demjenigen des Vorjahres oder früherer Jahrgänge aushalten; wir verzichten daher auch diesmal darauf, über die einzelnen Sammelmittel und die Höhe der Ertragnisse aus einzelnen Ortsgruppen zu berichten, da ein Vergleich mit den früheren Eingängen eben nicht gezogen werden darf. Gleich zu Beginn des Krieges hat es der Nationalfonds für seine Pflicht erachtet, seine Organisation in den Dienst der Nächstenliebe zu stellen. Wir haben in Gemeinschaft mit der Zionistischen Vereinigung für Deutschland ein Hilfskomitee in Berlin gegründet, das die Mittel zur Pflege verwundeter Krieger und zur Linderung der schweren Schädigungen der durch den Krieg in Not geratenen Familien aufbringen sollte, ln den ersten fünf Kriegsmonaten haben wir hierfür etwa 16 000 M. einbekommen. Mit dieser Summe konnte das Hilfskomitee eine große Anzahl in Not geratener Familien unterstützen und dieselben vor sicherem Untergang bew ahren. Wir sprechen zum Schluß die Hoffnung aus, daß uns im neuen Jahre bald ein ehrenvoller und dauernder Frieden beschieden sein möge, auf daß auch der Nationalfonds wieder erstarke und ihm diejenigen Mittel zufließen, deren er für die Regenerierung des jüdischen Volkes in Erez Israel so dringend benötigt. Unsere Freunde mögen sich darauf verlassen, daß wir nichts verabsäuinen werden, um dieses hohe Ziel in dauernder unablässiger Arbeit zu erreichen.