Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1915)
- Date
- 1915-01-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 27 Komitees wurden Dr. R-.u p p i n, Aaron Aaronsohn und Ephraim Co h n zu Mitgliedern eines Generalkomitees ernannt. Sie wurden auch bevollmächtigt, als Vorsitzende der Distriktskomitees Jaffa, ■Haifa und Jerusalern zu fungieren, die das Geld zu verteilen haben. In allen Städten und Kolonien wurden Unterkomitees eingesetzt, die für die geeignete Verteilung der Gelder zu sorgen haben. Mit Hilfe des amerikanischen Unter- Stützungsfonds wurden eine Menge Suppenküchen, Vorratsläden und Darlehnsgesellschaften den bereits bestehenden hinzugefügt; so erhalten z. B. in Jerusalem täglich 7000 Personen Mahlzeiten aus diesem Fonds. Viele Institutionen, die befürchtet hatten, schließen zu müssen, erhalten jetzt Unterstützung, darunter in Jaffa der Arbeiterklub, die Allgemeine Suppenküche, die Alliance-Schule, das Beth Hamlacha, die Talmud Thora, das Krankenhaus Shaare Zion, das Waisenhaus usw. : Die Verteilung der Spenden soll derart sein, daß ■nicht allein dem Volke Nahrung gegeben, sondern auch, wenn möglich, ihm bezahlte Arbeit verschafft wird. Dies;ist dadurch ermöglicht worden, daß man, gegen ge-;nügende Sicherheit, privaten Arbeitgebern und den Vorständen der Kolonien und Städte Darlehen gewährt, die sie in den Stand setzen, ihre Arbeiter [wieder zu beschäftigen. Oeffentliche Arbeiten, wie das [Bauen von Wegen und Häusern, um die Arbeiter [im׳ Winter zu beschäftigen, sind zu diesem besonderen [Zweck aufgenommen worden. f Eine der erfreulichsten Erscheinungen dieser Ari'beit zugunsten der gesamten jüdischen Gemeinde ist [die Mitwirkung aller Kreise dieser Gemeinde. Die;Tätigkeit des amerikanischen Hilfsfonds hat dazu bei- [getragen, den oft beklagten Parteigeist und die Strei- Itigkeiten in Palästina zu beseitigen. g\ Seitdem die Türkei den Krieg erklärt hat, haben?die Dinge natürlich ein hoch ernsteres Aussehen be-!kommen. Wir sind jetzt ganz von der übrigen Welt [abgeschnitten und können uns weder mit Rußland :oder England, noch mit irgendeinem anderen Lande Europas in Verbindung setzen. Konfiskationen seitens der Behörden, die sich in vielen Fällen auch auf;,Getreide und Nahrungsmittel erstrecken, vermehren das Elend des Volkes. Die Unmöglichkeit, in diesem ■ Jahre die Obsternte zu verkaufen, macht die Lage!noch hoffnungsloser. In früheren Jahren wurden die!Orangen, Mandeln und die Weinernte nach Aegypten!und England verkauft; aber in diesem Jahre ist das natürlich ausgeschlossen, und die Arbeit eines ganzen Jahres wird ־.verloren■ gehen. Die einzigen Einkünfte, die wir erwarten können, sind die von der;nächsten Getreideernte, ' die jedoch, nicht' vor dem “August verkauft werden kann. Auch die Industrie ’ ist zum Stillstand, gekommen, teilweise aus dem [Grunde, weil wir Mangel an allen Arten Rohmaterialien :leiden. Nahrungsmittel, wie Zucker, Kaffee, Getreide usw., in einigen Landesteilen sogar Brotgetreide und Artikel wie Petroleum, Verbandstoffe, Medizin, Textilwaren usw. werden auch bald knapp werden, und wir wissen nicht, woher wir frische Zufuhr nehmen sollen.; Abgesehen von ihrer materiellen Not leiden die ■ Leute auch unter der Ungewißheit ihres politischen;Schicksals. ' H. H. C. Chanukah in der Feuerstellung Feuerstellung bei Berry au Bac, 22. Dezember 1914. Lieber St.! Ihre Chanukahkerzen haben nun ihren Zweck ,erfüllt. Ja, mein Lieber! Erschrecken Sie nur nicht zu sehr. Sie hatten mir die Kerzen ja nur zu Beleuchtungszwecken für unseren ״Palast“ geschickt. Ich habe mich jedenfalls außerordentlich gefreut damit, waren es doch die ersten Kerzen, die ich erhielt. Alle meine Kameraden bekommen Kerzen zu Weift :nachten, nur ich bekomme keine Lichter zu Chanukah. [Heute Abend, wenn ich nicht irre, 2 Tage zu spät, 'habe ich nun in unserem unterirdischen Palast die;Chanukahlichter angezündet. Auf dem Boden einer abgeschossenen Kartusche waren die Kerzen im Kreise aufgestellt. Acht Lichtelein und natürlich auch der Schames strahlten in feierlicher Ruhe gegen das Weiß der Wände und der Decke. Die Lichter stan-!den am oberen Tischende vor mir und links und rechts :neben mir saßen die Kameraden von meinem Geschütz!und dann auch■ noch andere Kameraden unserer Batterie. Etwa 15 Personen. Eine große Familie. “Und Sie werden wohl mit einigem Ingrimm vernehmen, ich bedauerte wie noch nie im Leben, daß ich gesang-;lieh so gar nicht ausgerüstet bin. Zu gern hätte ich .״Moaus zur jeschuosi“ gesungen. Bei meiner Brummer-;stimme, die Sie wohl :noch in freundlicher Erinnejung haben, wollte ich aber die wirklich feierliche Stimmung, die uns alle ergriffen, nicht zerreißen. So tat ich ein anderes; Ich erzählte meinen Kameraden!einiges von der Bedeutung des Chanukahfestes, von dem Heldengeschlecht der Makkabäer,, von ihrem Siejre gegen die Uebermacht der Feinde und dann erzählte ich, wie so oft, von unseren modernen Makkabäern, von ihren Kämpfen, von ihren Hoffnungen, von ihrem Ziele. Und alle, mit denen ich hier Schulter an Schulter stehe, alle haben Verständnis für unsere Forderung, für das Ziel des Zionismus. Diese Leute von der Waterkant empfinden es als etwas ganz Selbstverständliches, daß wir wieder Boden unter den Füßen haben wollen. Diese bodenständigen Menschen verstehen es, daß ein Volk der eigenen Scholle bedarf, um seiner Eigenart leben zu können. Als ich so am Tisch saß, vor den Lichtelein, da tauchten Bilder auf von festlichem Begehen des Chanukahfestes in früheren Jahren, Bilder und Stimmungen, die ich erlebt im Kreise von Juden des Westens und des Ostens. Ich glaube aber, keine Chanukahfeier hat einen derartigen Eindruck auf mich gemacht, wie diese halbe Stunde hier im Felde. Als die Kerzen eben angezündet waren, wollte sich einer der Kameraden seine Pfeife an einer Kerze anstecken, jedoch der neben ihm sitzende feiner empfindende Kamerad erlaubte das nicht. Der hatte mir sogar geholfen die Kerzen aufzustellen. Und dann, als ich eben meine Erzählung beendet, kam das Kommando: ״Fertig machen zum Schießen!“ Es wurden nur einige Schuß abgegeben und wir saßen dann wieder gemütlich beisammen. Ein Kamerad, der eben aus G. kam׳, wo die Protzen stehen, erzählte mir dann, es sei morgen in A. Feldgottesdienst für jüdische Mannschaften. Ich wurde sofort von allen Seiten aufgefordert, an diesem Feldgottesdienst teilzunehmen. Natürlich werde ich das aber nicht tun. Meine Kameraden können ja auch nicht aus der Feuerstellung heraus zum Gottesdienst. Es gibt nun einmal hier andere Arbeit zu leisten. Vielleicht erfolgt wirklich ein Angriff, da will man eben dabei sein. Lieber St., in Ihrem letzten Brief schreiben Sie u. a.: ״Heute werden Sie sich meines Briefes s. Z. betreffs des Zionismus erinnern, über den Sie sich lustig machten.“ Sie wollen mich Wohl an Ihre damaligen Einwände erinnern, die Sie gegen den Zionismus aufführten. Ihnen ist meine Erwiderung ja scheinbar nicht in Vergessenheit geraten. Ich ■will heute aus Gründen heraus, die Sie zu würdigen wissen werden, nicht in derselben Weise antworten wie damals. Die Zeit ist bitterernst. Dieser Brief, mit der einfach schlichten Erzählung, wie ich hier im Felde mein Chanukah verlebt, sei jetzt das einzige, was ich Ihnen erwidern will. Bemerken möchte ich aber doch noch, das alles dies kaum möglich gewesen wäre, wäre ich nicht so viele Jahre durch die Schule des Zionismus gegangen. Wie sagt doch Herzl: ״Durchs Judentum zum Judenland.“ Sie schicken mir das ״Berliner Tageblatt‘,'wofür ich Ihnen ja sehr dankbar bin. Ich sende Ihnen nun beifolgend einige Nummern der ״Jüdischen Rundschau“. Besonders ■wird Sie wohl interessieren ״Der Angriff Kautskys auf den Zionismus“. Sie sehen, der gute Mann hat noch viel mehr Einwände vorzubringen als Sie. Er hat die richtige Antwort ja bekommen. Was mir besonders gut gefallen hat, das habe ich gleich angestrichen. Sie werden sich auch manches daran zur Notiz nehmen können. Und dann lesen Sie die Briefe derGesinnungsgenossen aus dem Feld. Die Augen werden Ihnen aufgehen! Nein, mein Lieber, wir werfen noch lange nicht die Flinte ins Korn. Wenn uns vergönnt ist, zurückzukommen, dann wollen wir noch ganz anders arbeiten wie bisher. Wir hier draußen haben wohl manche Fähigkeit entwickelt, die uns teilweise bisher abging, oder von der wir gar keine Ahnung hatten. Die Zeitungen, die ich Ihnen sende, sind wohl schon etwas abgegriffen. Das kommt daher, weil meine Kameraden diese Zeitungen auch lesen. Sie sollten sich überhaupt die ״Jüdische Rundschau“, vor allem die Nummern seit Beginn des Krieges, schicken lassen. Sie würden da manches erfahren, wovon keine Tageszeitung spricht. Jedenfalls glaube ich, daß ich hier draußen noch weit besser über unsere Lage unterrichtet bin, wie Sie es sein werden, trotz der für Sie günstigeren Gelegenheit. Unsere Führer und Gesinnungsgenossen tun alles, was in ihren Kräften steht, die Gesinnungsgenossen im Felde auf dem Laufenden zu erhalten und das geistige Band noch fester zu schlingen. Sogar eine besondere Chanukah-Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ ist für die im Felde Stehenden herausgegeben worden; bei mir leider noch nicht eingetroffen. Ich lege Ihnen 2 Briefe bei, die Ihnen beweisen, wie gut wir unterrichtet werden und die andererseits Sie wohl auch über mancherlei ganz neu orientieren werden. Diese beiden Briefe senden Sie, bitte, nach Einsichtnahme an meine Adresse nach Hause mit dem Vermerk: Nicht hachsenden! Ich muß da noch eine kleine Episode einfügen. Vor einigen Tagen erhielt ich zu gleicher Zeit die ״Jüdische Rundschau“ und von Ihnen das ״B. T.“ Ein Kamerad spricht mich an: ״Willst Du mir eine Zeitung leihen?“ — ״Hier hast Du das ״B. T.“ — ״Was für eine Zeitung hast Du noch in der Hand?“ — ״Die ,Jüdische Rundschau‘.“ — ״Willst Du mir die leihen?“ — ״Ja gern. Aber warüm willst Du gerade die haben?“ — ״Die schreibt so: ideal; das::geT!-; fällt mir.“ Und dann mein Lieber, sollte es mir ergehen wie Ihrem Bruder, sollte ich auch in fremder Erde begraben werden, so finden sich gewiß einige Kämeraden, die auf mein Grab einen ״Mögen ■Dovid“ setzen werden. Und auch die Gewißheit des end!- gültigen Sieges unserer. Waffen gibt Mut und Kraft, zu weiterem Aushalten. L.T׳;:.';;■־׳•C Ich muß gleich auf Wache ziehen. Herzliche Grüße ' Ihr .׳. Isaak Meyer. Ein jüdisch-arabisches Verbrüderungsfest in Jerusalem! ״Jeune Turc“, ״Aurore“ und die Je- ' rusalemer ״Hacheruth“ bringen ausführ-" liehe Berichte über ein Ende November:, in Jerusalem abgehaltenes V^r.brüdftrungsfest zwischen der a r a - bischen und der jüdischen, Bevölkerung. Wir entnehmen diesen;; Blättern folgende Schilderung der ׳ bemerkenswerten Kundgebung, die in ganz Palästina nachhaltigen Eindruck übte.:, Die Stimmung unter den Teilnehmern an dein arabischjüdischen Verbrüderungs fest war eine überaus gehobene. Bei manchen Reden erscholl minutenlanger stürmischer Applaus. Die Begeisterung erreichte den Höhepunkt bei der arabischen Rede David J e 11 i 11 s. >:/?;. - Von arabischen Notabein Jerusalems waren u. a. anwesend: der Scheich Abdul-Kader El M uz-■ gar, Mehmed Salah Abd-el-Latif El Husseini,. der Scheich Emin Effendi und sein Bruder Fahri Effendi, die Söhne des Mufti von Jerusalem. Von der jüdischen Bevölkerung hatten sich die Vertreter sämtlicher größeren Körperschaften und An-; stalten eingefunden, Abgesandte aller Kolelim •von Jerusalem und der Gemeinden Jaffa, Hebron,- Safed, Tiberias, Vertreter der landwirtschaftlichen [Kolonien,:: der verschiedenen Schulen, sowie eine Anzahl bedeutender Rabbiner, Kaufleute und Gelehrter. Der bekannte hebräische Schriftsteller und Lexikograph Eli es ei: Ben J e hu d a leitete die Versammlung. In seiner in h e b r a i s c 11 er.Sprac 11 e gehaltenen Rede erörterte er den Zweck der;Kundgebung und hob . besonders deren :historische Bedeutung hervor. Er sprach von׳ den geschichtlichen? Beziehungen zwischen Juden Und Arabern Und*-'-gab"’ seiner Freude Ausdruck,' daß• die Ereignisse deF fetzten Tage den Beweis erbracht hätten, daß ' für beide Teile ein enges Zusammengehen notwendig sei. ' Infolge verschiedener Mißverständnisse und Intrigen hätten sich• gewisse mohammedanische Kreise Palästinas den Juden bisher nicht sehr freundlich gezeigt, was sich zum Teil auch durch die nicht völlige Ottomanisierung der Juden erkläre; jetzt aber verschwinde glücklicherweise dieses Mißverständnis und Mohammedaner •und Juden reichten einander die Hand, um gemeinsam zum Wolde des ottomanischen Vaterlandes zu arbeiten. Der Redner verlas sodann ein Begrüßungsschreiben des Bürgermeisters von Jerusalem, Hussein Effendi El-H usseini, worin dieser seinem Bedauern Ausdruck gab, infolge Arbeitsüberhäufung der Versamm-■ lung nicht beiwohnen zu können, und zugleich ver-; sicherte, daß er dem Verbrüderungswerke zwischen; Juden und Arabern herzliche Sympathien entgegen- Der Scheich Abdul-Kader El Muzgar ergriff sodann das Wort. Er erklärte, daß er b i s h e r ein Gegnerdes jüdischen Eie me n t e s gewesen sei, namentlich ein Gegner der aus denl Auslande einwandernden Juden, daß er aber gekommen sei, um in dieser Versammlung den Grundstein zu einer Annäherung und engen Verbindung zwischen; Juden und Mohammedanern zu legen, da diese beiden Völker eng miteinander verknüpft sind durch gemeinschaftliche Bande der Rasse, der Sprache, des Glaubens und der Geschichte. Der Redner betonte; daß die trotzdem bestehenden Differenzen größtenteils auf Mißverständnissen und persönlichen Mißhelligkeiten beruhen; aber die jetzige ernste Zeit fordere einen engen Zusammenschluß dieser'beiden; loyalen und durch gemeinsame Interessen verbun• denen Bevölkerungsgruppen. ״In der Geschichte,“ fügte er hinzu, ״gibt es zwischen uns zahlreiche enge Familienbande; aber im Schoße jeder Familie können Zwistigkeiten entstehen. Die Juden können auch in der Gegenwart ■mit den Bekennern des Islam׳ in ’vol I er •.'E.i.nt.ra'cht־ leben. Das historische Band kann sich zwischen uns noch verstärken. Die Mohammedaner müssen sich mit den Juden verbünden, um feindliche; Ein-; flüsse zu bekämpfen, die von religiösem Fanatismus sowohl gegen den Islam wie auch gegen das Juden- I tum getragen sind. Die mohammedanische Religion