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Jüdische Rundschau · 1915-01-22 · Heft 4 (22.1.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 4 (22.1.1915)
Date
1915-01-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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JUEPISCHE RUNDSCHAU Nr. 4 Seite 26 boten, wiaren sie im ganzen und großen doch eine unerwünschte Einrichtung und die jetzt nach ihrer Abschaffung durchgeführte Ottomani- 'sie.run g einer großen Zahl in der Türkei und speziell in Palästina ansässiger Juden ist eine warm zu begrüßende Tatsache von großer politischer und nationaler Bedeutung für das palästinensische Judentum. Mit den Kapitulationen und durch die Ottomanisierung sind die rechtlichen Scheidemauern gefallen, die zwischen den jüdischen Gruppen verschiedener Staatsangehörigkeit errichtet waren. : Jetzt sind sie zu einem einheitlichen Körper von nicht mehr anzuzweifelnder nationaler Geschlossenheit geworden, der sich im Rahmen und im Interesse des ottomanischen Reiches seiner nationalen Arbeit widmen kann, ohne Gefahr zu laufen, von fremden an dem Gedeihen der :;Türkei nicht interessierten Mächten als Instru- :ment benützt zu werden. Die nationale Arbeit des jüdischen Volkes wird in der Türkei nunmehr auch nicht dem' geringsten Mißtrauen mehr begegnen ־ können; dieses1 Mißtrauen war ja auch früher nicht auf die eigenen Tendenzen und Wünsche!der Juden, sondern vielmehr auf die vormundschaftlichen Aspirationen der europäi- :sehen Mächte gegründet, die, wie die Entwick- : luifig zeigt, die Türkei ihrer Unabhängigkeit be-;;rauben .wollten. Die jüdische Bevölkerung Palästinas, durch gleiche Erinnerungen und Hoffnungen geeint, durch den Geist des nationalen Empfindens, im'mer mehr auch durch die gemeinsame hebräische Sprache verbunden, ist jetzt den; sie selbst trennenden und fremden Zwecken .-unterwerfenden Einflüssen der europäischen; Konsuln entzogen!und kann sich erst jetzt ganz; in das ottomanische Staatsleben einfügen.?Die Ottomanisierung macht es! dem jüdischen Volke in Palästina erst möglich, sich seinen legalen Anteil am Einfluß׳ auf das kommunale, provinzielle und staatliche Leben zu sichern. Die Formen dieses Lebens werden sich natür-;:,lieh erst im Frieden entwickeln. Aber die?:Juden ,werden nicht mehr ausgeschlossen sein, Wehn es sich um die Bestimmung und Gesta!- tung dieser Formen handeln wird. Lange haben die Juden Palästinas diese Möglichkeit der restlosen Einfügung in den Staatsverband, die im ottomanisdien Nationali- . tätehstaat durchaus mit der freien nationalen Ent- Wicklung vereinbar ist, herbeigesehnt. Kaum waren die Kapitulationen gefallen, so hat dieser .Wunsch eine so entschiedene Gestalt angenommen, daß die türkische Regierung ihn erfüllte. Dieser Akt des Bekenntnisses zur Türkei wird den Juden Palästinas' sicherlich , nicht vergessen werden, wenn die Stürme des;: Krieges verrauscht sind und das' türkische Reich',;'gestützt von Deutschland und Oesterreich, an ,seinen Neuaufbau schreitet. L. H. ״Das Königreich Juda“ In der englischen Presse wird seit einiger ' Zeit der Plan erörtert, im Fall des: Sieges der Tripel-Entente, der natürlich mit Sicherheit er- ‘ wartet wird, aus Syrien und Palästina einen selb- ׳:-ständigen ״Pufferstaat“ zu machen, der Aegypten gegen türkische Einfälle schützen soll. Dieser ' neutrale Pufferstaat soll als ein neues' ״König: :reich Juda mit der Hauptstadt Jerusalem“ ein-;;gerichtet weiden.; Dieser Plan wird in großen englischen . ׳Zeitschriften eifrig besprochen. Nach den ״T i -;mes“ hat sich z.,־B. die Zeitschrift ״G l o b e“;mit ihm beschäftigt und ihr Artikel wurde aus- .zugsweise vom Reuterschen Bureau verbreitet, ln gleichem Sinne schreiben französische *•Z e i tu n g e n (wie z. B. Gustav Herves ״Guerre sociale“), ja auch die italienische .;■״Tribuna“ behandelt den Plan, seine Mög- Iichkeit.und Nützlichkeit. > (Wir haben es nicht nötig, uns׳ mit diesen ''!׳'Zeitungsstimmen )auseinanderzusetzen. Die Er- ',füllung!unserer nationalen Hoffnungen ist das nationale Zentrum in Palästina. Aber wir;müssen es uns׳ selbst schaffen. Die Erneue- •;!rung unseres! Volkes׳ in Palästina durch eigene |<xaft, das ist der Sinn des Zionismus. Aller- ,lings■ brauchen wir, um unser Ziel zu erreichen, manche Unterstützung und viel Wohlwollen in den Kreisen, die sich für die nationale Zukunft des jüdischen Volkes und das zionistische Ideal erwärmen lassen. Vor allem brauchen wir aber das gute Einvernehmen mit jener Macht, der Palästina gehört und der wir durch unsere nationale Arbeit im Lande unserer Väter nützen wollen: der Türkei. Unsere Arbeit dient dem Bestand und der Stärkung der Türkei; ihre staatliche Entwicklung und Festigung wird durch unsere nationale Einigung und unser Wiedererwachen zum gesunden Volkstum gefördert. Wir würden uns mit den oben skizzierten Auslassungen überhaupt nicht befassen, wenn sie nicht jetzt in der deutschen Presse neue Erörterungen hervorzurufen begännen. So läßt sich die Deutsche Montags- Zeitung einen Artikel ״Das Königreich Juda“ von einem Anonymus schreiben, den sie einen Berliner' Universitätsprofessor nennt, der Wert darauf lege, seine ״jüdische Rasse und Religion“ betont zu wissen. Im ersten Teil des Aufsatzes wird ausgeführt, daß es ein kluger Schachzug von England wäre, sich durch eine derartige Aktion das Wohlwollen und die Unterstützung des gesamten Judentums zu gewinnen. Im zweiten Teil dagegen sucht der anonyme jüdische Universitäts- Professor nachzuweisen, daß das Projekt des Judenstaats undurchführbar sei, weil ״die zionistische Idee nur noch das Leben einer schönen, romantischen, aber überwundenen Utopie führe.“ Wir können es doch nicht unwidersprochen lassen, wenn es jemand wagt, an Reutermeldungen anknüpfend die Existenzberechtigung des Zionismus zu verneinen. Es gäbe angeblich kein jüdisches Volk mehr und die Juden in Deutschland besonders hätten kein Interesse am Zionismus . . . Der Herr Autor ist nicht recht informiert. Die deutschen Juden haben ein recht starkes Interesse am Zionismus und an aller Arbeit zum Wöhle* des jüdischen Volkes. Und nicht zum letzten deshalb sammeln-sie alle ihre heißen Wünsche in die zuversichtliche Hoffnung auf einen Sieg der verbündeten Mächte Deutschland-Oesterreich- Türkei, weil sie von ihnen die Anerkennung des jüdischen Volkes erwarten. Die verbündeten Armeen, die in Russisch- Polen eingedrungen sind, haben die Realität des jüdischen Volkes so deutlich vor sich gesehen, daß sich theoretische Beweisführungen in deutsehen Zeitungen eigentlich erübrigen. Und die .Scheidemauer zwischen östlichen und westlichen Juden, an die der Autor der Deutschen Montags- Zeitung glaubt, — für uns und das natürliche Empfinden des Judentums hat sie nie bestanden, — scheint auch für recht urteilsfähige nichtjüdische Faktoren nicht zu bestehen; es sei nur daran erinnert, daß sich unsere Armeekommandos in Aufrufen, die die Verbundenheit der östlichen und westlichen Juden als׳ Tatsache voraussetzen, an die östlichen Teile des jüdischen Volkes gewendet haben. Mit solchen von wenig Verständnis für jüdische Bestrebungen zeugenden Artikeln, wie es der in der ״Deutschen Montags-Zeitung“ ist, kann auch gerade dem deutschem Interesse nicht genützt werden. Zan gwill hat die Verteidigung Englands mit Angriffen auf den Zionismus verbunden. Es ist unverantwortlich und töricht, nun wieder die Angriffe auf England mit Ausfällen gegen den Zionismus zu verquicken. Mitteilung des Zionistischen Zentralbureaus Der erste Ausweis über die Jahresbeiträge für den Zionistischen Zentralfonds einschliesslich des Hebräischen Schulfonds erfolgt in der ersten Februarnummer der zionistischen Organe. Wir bitten unsere Freunde, uns ihre Jahresbeiträge so rechtzeitig zukommen zu lassen, dass wir sie in unserm ersten Ausweis schon veröffentliehen können. Zionistisches Zentralbureau. Die Wirkung des Krieges auf Palästina Jaffa, Anfang Dezember. Niemals ist es so klar gewesen, .wie in diesen letzten Wochen, daß die ökonomische Struktur Palästinas anders ist als diejenige irgendeines anderen Landes der Welt. Von dem; Augenblick an, da die Nachricht vom• Ausbruch des europäischen Krieges hierher gelangte, fühlte jedermann, daß wir Wirtschaftlieh mehr von den Folgen des Krieges zu leiden haben würden, als selbst jene Länder, die aktiv daran beteiligt sind. Trotz seiner Armut und seines ,Mangels an wirtschaftlicher Entwicklung ist Palästina, von nahezu 100 000 Juden bewohnt. Die Mehrzahl derjenigen, die aus religiösen Motiven hierher kamen, ist unfähig, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und ist seit bald einem halben Jahrhundert von der Barmherzigkeit auswärtiger Juden abhängig. In den letzten 30 Jahren haben sich zu diesem Teil der jüdischen Bevölkerung Kolonisten, Arbeiter und Beamte von Kolonisationsgesellschaften .gesellt, die hierher gekommen sind, um das Land urbar zu machen. Aber auch unter den Kolonisten und Kolonisationsgesellschaften sind die meisten mit anderen Ländern verbunden. Dort sind ihre Kapitalien angelegt, von denen nur die Zinsen oder Einkünfte in Palästina verbraucht werden. In den ersten Tagen 'tles August versiegte nun jener Geldstrom, der in all diesen Jahren nach Palästina geflossen war, tmd die ganze jüdische Bevölkerung des Heiligen Landes fand sich plötzlich ins Elend gestürzt. Die Lage wurde noch durch gewisse Maßregeln verschärft, die von der türkischen Regierung getroffen wurden. Einer großen Menge von Leuten, darunter den fähigsten und tüchtigsten Kolonisten und Arbeitern, wurde die Wahl gestellt, entweder in die türkische Armee einzutreten oder eine große Geldsumme zu zahlen. Pferde, Maulesel, Kamele, Wagen und anderes Eigentum wurden von den Behörden beschlagnahmt, und hierdurch wurde die Arbeit auf den Feldern, der Transport der Feldfrüchte, die Beförderung der Touristen und manche andere Erwerbstätigkeit der Kolonien und Städte unmöglich. Durch das Moratorium, das plötzlich erlassen wurde, verloren die wohlhabenden Leute die freie Verfügung über ihr Geld und waren gezwungen, ihre. Geschäfte zu schließen und ihre Arbeiter zu entlassen. Hunderte Von Menschen wurden, dadurch plötzlich arbeitslos," und Tausende standen vergeblich vor den geschlosseneu Türen der Wohitätigkeitsinstitute. Eines der schönsten Kapitel, das einem künftigen Historiker in der Geschichte der jüdischen Kolonisation in Palästina begegnen wird, ist die Art, wie der neue Jischub in diesen kritischen Tagen versucht hat, sich: selbst und dem gesamten Lande zu helfen. Es wurden sofort Komitees in Jaffa, ׳Haifa, Jerusalem und allen Kolonien gegründet; es wurden die Grundzüge zur Unterstützung jedes Gemeinwesens bestimmt; Suppenküchen wurden eröffnet, wo freie oder billige Mahl- Zeiten verabfolgt werden. Die lokalen Behörden errichteten Läden, in denen Nahrungsmittel zum Selbstkostenpreise verkauft werden, und den Handelsleuten wird der Boykott angedroht, falls sie die Preise der Lebensmittel ungebührlich in die Höhe treiben würden. So vielen Leuten wie nur möglich wurde - Beschäftigung verschafft. Darlehnskassen wurden zur Beleihung von Wertgegenständen bis auf bessere Zeiten gegründet. Eine besonders wirksame Hilfe leistete die Anglo-Palestine Company durch die Ausgäbe von Banknoten, die sofort in Umlauf gesetzt wurden. Anweisungen auf kleinere Beträge wurden von den lokalen Behörden ausgegeben. Doch alle diese wohlerwogenen Pläne hätten niemals in wirksamer Weise durchgeführt werden können, wenn nicht die sehr beschränkten Mittel, die auf den jüdischen Banken verfügbar waren, dank der Opferwilligkeit der amerikanischen Juden vermehrt worden wären. Zu einer. Zeit, wo nichts von den europäischen Ländern erwartet werden konnte, lag dem amerikanischen Gesandten Herrn Morgen- 111 a u das Interesse der palästinensischen Juden so sehr am Herzen, daß er an das amerikanisch-judische Komitee mit dem Ersuchen herantrat, ihnen zu Hilfe zu kommen. In Erwiderung dieses Appells wurde ein 50 000 Dollar.Fonds in einer erstaunlich kurzen Zeit aufgebracht und an Bord des amerikanisehen Kreuzers ״North-Carolina“ durch den Schwiegersohn des Gesandten, Herrn Wert heim, hierher überführt. Die Freude und •Dankbarkeit, mit der die Ankunft des Schiffes begrüßt wurde, läßt sich kaum׳ beschreiben. Es war nicht das Gold allein, welches die Leute beglückte. Seine Uebersendung bewies den Palästinensern auch, daß man sie solcher edelmütigen Hilfe für würdig erachtete, und dies hob ihre Selbstachtung und erfüllte sie mit neuem Vertrauen auf den endlichen Erfolg ihrer Arbeit. Unter Mitwirkung des Herrii Wertheim wurde ein Plan für die Verteilung des Geldes ausgearbeitet, und gemäß den •Weisungen des amerikanisch-jüdischen

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