Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1915)
- Date
- 1915-01-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 3 J U E Dl SC H E RUNDSCHAU Seite 19 Jüdische Echo, Bayrische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten“ hat sich in der kurzen Zeit seines Bestandes als gutgeleitete zionistische Zeitschrift bewährt, die ihre Leser über aktuelle jüdische Angelegenheiten gut informiert und sich durch einen sehr sorgfältig redigierten Feuilletonteil auszeichnet. Die Redaktion der Zeitung ist München, Herzog Alexstraße 4. Wir begrüßen in dem neuen zionistischen Wochenorgan eine Stärkung der pubüzistLschcn Vertretung des Zionisnms in Deutschland. Der Dank für die Chanukah-Liebesgaben Viele hunderte Dankschreiben sind der Zionistischen Vereinigung von Deutschland (und den einzelnen Spendern und Spcnderinnen, die sich an der zionistischen Liebesgabenaktion beteiligt haben von den Empfängern der Chamikah-Liebesgnben zugekommen. Von Zionisten und Nichtzionisten, von der Front, aus Lazaretten, von Etappenkomniaiulos usw. Wir werden aus unserer reichen Sammlung mehrere Zu- Schriften unseren Lesern mitteilen. Das Schönste aber, was wir nicht wiedergeben können, ist der (jeist des gemeiiischaftliehen zionistischen Enthusiasmus, die überströmende Dankbarkeit und Anhänglichkeit an unsere Organisation und die tapfere Schlichtheit, mit der unsere jüdischen Soldaten von sich sprechen. 1. D er Zionistische 11 V e reinig u ״ g f ü r Deutschland. Die Ihr daheim mit nimmermüden Händen Für mich so sorgeneifrig wart bemüht, Ich kann nichts andres als dies kleine Lied Als meinen Dank für Eure Treue senden. Wie sich das Schicksal nun für mich mag wenden, Ob mir dereinstens frohe Heimkehr blüht, Ob heiß das Blut aus schwerer Wunde sprüht, Es kann der Tod nur meine Treue enden. Wir wollen Treue uns um Treue halten, Und unser Gott, der unser Sehnen sieht, Mag über uns und unsre Hoifnung walten. Karl Gl a s e r, Nieuport. II. Brüssel, 27. Dezember 1914. Meine liebe Käthe! Durch die Vermittlung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland habe ich Eure - ich Sesseln, daß es wohnlicher gewesen wäre, irgend eine helle Stimme gesprochen hätte. — — In den Massenquartieren der Mädchen und Frauen war es anders. Ich glaube, wir hätten beide nicht mehr weiter arbeiten können, wenn wir dieses Quartier der!Mädchen und Frauen nicht nachher aufgesucht hatten. Da waren Zimmer, sogar einige Betten, hie und da Tisch und Sessel. Und vor allein: da war Leben, da gab’s ein Aufsehen und ein Nichtbegreifen und Sichzureehtfinden und sich verschämt in die Decken Wickeln und ein Lachen, als wir, nachdem wir die alte Verwalterin vorausgeschickt hatten, fiineinkamen. Auf einem Bette lagen vier Kinder, es war so lustig anzusehen, wie das eine auf allen Vieren, mit dem Rücken nach oben, schlief. ln der Ecke erwachte eine alte Frau, machte ein erstauntes Gesicht und das erste, was sie sagte, war: ״Ich habe diese Woche noch kein Geld z.ugenominen.“ Darauf ein Hailoh der anderen, eine rief: ״Hier Wiesental“, die anderen alle im Chor ihre Namen. Und die alte Verwalterin erzählte stolz, wie jede reinmachen muH und wie jeden Tag um 9 Uhr gesperrt wird. Und wir saßen wieder im Wagen und fuhren heim. — Vielleicht sind Frauen und Mädchen unbewußter, vielleicht sind sie elastischer, vielleicht verstehen sie besser die Zeit zu begreifen und zu fasse״־ und sich danach einzurichten. Und doch hatte es wehgetan, auch hier viele auf der Erde schlafen sehen zu müssen, keine ordentlichen Waschgelegenbeiten, viele in einem Zimmer. Und wir wußten: soviel der Staat und die Behörden getan haben, das Elend und die Not war doch stärker geblieben als die Hilfsbereitschaft vieler. Und heute, wo ich dies schreibe, denke ich mir: Vielleicht wissen sie es nur nicht, alle diese (wie der arme Teufel, der hinterm Ofen lag, sagte) die in weißen Betten schlafen und Suppen von Fleisch essen; vielnehme an, daß Ihr drei Geschwister seid -■ wunderschönen Liebesgaben erhalten. Die Gegenstände waren alle sehr, sehr schön und so liebevoll zusammengestellt, als wenn Ihr sic einem Bruder ins Feld hättet schicken wollen. Und in Wirklichkeit ist es ja auch so. Wenn ich auch nicht Hirschberg heiße, so bin ich doch Euer ״großer Bruder“, lind zwar in zweifacher Hinsicht. Umschlingen uns doch zwei starke Bande miteinander! Du weißt nicht, was ich meine? Dann muß ich es Dir näher erklären. Ich bin Dein Bruder als Deutscher, denn wir haben das große, herrliche Deutschland als gemeinsames Vaterland, und ich bin Dein Bruder als Jude, denn wir gehören beide dem uralten, von uns so heiß geliebten, stolzen Judenvolke an! Ob Du kleine unbekannte Schwester das schon verstehst? Wenn nicht, dann warte noch einige Jahre, dann wirst Du begreifen, warum die Liebesgabe gerade ans Deinen kleinen Kindesbänden mich alten jüdischen Landsturmmann so sehr erfreut und tief gerührt hat. Ich kann im Augenblick Dir nicht anders danken, als daß ich Dir sage, wer ich bin und was ich hier in Brüssel tue. Also: Ich bin ein Hamburger und bin nun schon bald vier Monate von meiner lieben Frau und meinen beiden Töchtern fort. Die eine ist 9, die andere 130 Jahre alt. Sieh mal, das ist gar nicht so leicht für einen Papa, so lange von seinen Kindern fort sein zu müssen. - Ich gehöre einem Hamburger Landsturmbataillon an. Wir müssen hier ständig Wache stehen, damit in der Hauptstadt des feindliehen Landes kein Aufruhr ausbricht. Bisher sind wir noch nicht vor den Feind gekommen, sollte es aber nötig werden, so kannst Du glauben, daß wir alten Papas alle samt und sonders ebenso begeistert in den Kampf ziehen werden, wie die jungen Soldaten. So, liebe Käthe, nun weißt Du, wer Dein schönes Paket erhalten hat. Ich danke Euch nochmals herzlichst. Bitte, grüße Deine Geschwister und Deine lieben Eltern bestens von Deinem ״großen Bruder“ Dr. Ernst Tue 11. 111. Mau beuge, 5. Januar 1915. Sehr geehrte Herren! Werte Gesinnungsgenossen! Schon in Friedenszeiten ist mir, einem Provinzler, jede Nachricht der zionistischen Vereinigung willkommen, und im Kriege, wo ich in den fünf Monaten nur selten mit Juden und gar nur zweimal mit Gesinnungsgenossen zusammenkam leicht wissen sie es nicht, wie es aussieht, wenn Kinder frieren und schwangere Frauen hungern, vielleicht wissen sie nicht, wie Schmutz die Seele vergiftet. Vielleicht denken sie nicht daran, wie die Zukunft, die doch diesen jungen Menschen gehören wird, über eine Generation urteilen wird, die nicht genug Kraft besaß, um die Not der Mitmenschen zu überwinden. Der Eine, wäre er doch zu finden! Der Eine, der Millionen hat und warmen Herzens ist! Der mir sagen würde: ein Zehntel geh ich! Damit nicht diese Not sei! Werde ich ihn finden? Die Juden in Antwerpen Ein Charter vom Jahre 1480 erlaubte den Juden, sich in Antwerpen niederzulasseii. Diese Juden waren reiche Portugiesen, die den Fangarinen der Inquisition entflohen waren und nun in Antwerpen eine sichere Zufluchtsstätte suchten. Sie eröffneten eine Reihe wichtiger Handelshäuser und spannten ein Handelsnetz nach allen Weltrichtungen aus. Jedoch eine lange Blütezeit war ihnen nicht gegönnt. Ais unter Karl V. die Niederlande mit Spanien vereinigt wurden, traf die Juden in Antwerpen ein ähnliches Los, wie ihre Glaubensgenossen in Spanien. Durch eine Verordnung vom 31. März 1526 wurde ihnen eine Aufenthaltsbewilligung von nur 30 Tagen gewährt; eine Frist, die verlängert werden konnte. Es ließen sich damals die portugiesischen Handelshäuser: Gabriel de Negro, Emanuel Serano, Diego Mendcs und Emanuel Menriques nieder. Da sie sich in Antwerpen nicht sicher fühlten, so wanderten sie nach Saloniki aus. Von nun an durften sich die Juden nur unter dem Deckmantel der Maranen oder Neuchristen in Antwerpen aufhalten. Nach dem westfälisehen Frieden hatte die Regierung an der Verfolgung der Juden kein Interesse mehr. — einmal unter sehr traurig־«! Umständen — habe ich jedes Lebenszeichen mit größter Freude begrüßt. Als ich mm aber ein Liebesgabenpaket von Ihnen erhielt und gleich solch schönes, da war ich unendlich gerührt. Ich habe von manch lieber Hand Chanukahgaben erhalten, aber die Ihrigen waren mir mehr wert. Ich habe unsere Organisation nicht nur stets als eine politische Notwendigkeit angesehen, sondern auch als einen allerhöchsten Vorgesetzten, der je nach Führung Lob und Tadel austeilt, und um dessen Wohlwollen man sich bemüht.!Mein Wunsch war stets, daß uns allen die Organisation das werden sollte, was mir als Studenten meine Organisation ist. So danke ich ihnen denn auf das allerherzliebste für den schönen Beweis Ihres Wohlwollens. Die Versicherung unwandelbarer Treue zu unserem Ideal ist ja so selbstverständlich, daß ich es nicht wage, sie von neuem auszusprechen. Ich gestehe zu meiner Schande, daß ich während der ersten Monate des Krieges eigentlich weniger für das von uns bereits Erreichte fürchtete als für die Irene der Personen selbst. Aber jetzt ersehe ich zu meiner Freude, daß es vielen so ging. Jeder dachte an die anderen, an deren Zuverlässigkeit, an sich selbst dachte niemand, denn das hatte er nicht nötig. Und so kam cs, daß alle Sorge unnütz war, denn alle waren gut. Ich weiß, daß nach dem Kriege alle wiederkommen werden, die jetzt durch ihre Pflichten für Deutschland an der Arbeit für den Zionismus gehindert werden. Und was uns bisher an Pflichttreue und Selbstaufopferung fehlte, das hat uns dieser Krieg gelehrt, und so hoffe ich, daß wir auch die Braven ersetzen können, die nicht wieder aus dem Kriege heimkehreil werden. Auch für Sie, die Sie jetzt alle Arbeit allein leisten müssen unter veränderten Bedingungen, bedeutet ja diese Zeit Kriegszeit, und wenn man bei uns als Analogon zum eisernen Kreuz ein eisernes Mögen David z.u verleihen hätte, so würde man an Sie zuerst denken. Herr ,WolJsteiner aber bekäme es erster Klasse. So danke ich Ihnen denn nochmals auf das beste mit der Versicherung, daß mir der Inhalt Ihres Paketes, abgesehen von dessen ideellem Werte, an sich hoch willkommen war. Mancher meiner christliehen Kameraden hat mit Vergnügen ein Stück — wie sie sagten — zionistischer Wurst gegessen oder eine zionistische Zigarette geraucht und auch so Respekt vor unserer Idee und deren Tragern beko 111 m e 11. Mit bestem Zionsgruß Ihr ganz ergebener Fritz R e v s e r. Die Regierung vertrat sogar das Recht der Juden, wie folgender Vorfall bezeugt: Als im Jahre 1682 einem portugiesischen Kaufmanne, Diego Curiel, ein Sohn geboren wurde, machte ein Geistlicher den Versuch, das Kind zu taufen, indem er vorgab, daß infolge der Geburt eines Kindes in einem katholischen Lande es־ auch der christlichen Kirche angeboren müsse. Es kam zur Verhandlung und die Klage des Geistlichen wurde von der Regierungsbehörde abgewiesen. (Revue de Belgique, 11., 144. 1871. S. Ullmann, Studien zur Geschichte der Juden in Belgien.) In derselben Staatsratssitzung vom 21. April 1683 wurde beschlossen, die Juden aufzufordern, keine ״Aufsehen erregende, öffentliche Beweise des Judentums zu geben“. Der Magistrat ging aber in seinem Eifer so weit, daß er die Abhaltung des jüdischen Gottesdienstes zu verhindern suchte. Als die Juden an den hohen Feiertagen des Jahres 1694 in einer geheimen Synagoge ihren Gottesdienst abhielten, wurden sie beim Gebete von der Militärbehörde überrascht und von den Soldaten angegriffen. Sie verteidigten aber mit einer so großen Tapferkeit ihr Gotteshaus, daß die Soldaten mit ihren Offizieren vor dieser Kühnheit zurückweichen und den Plan einer Schließung der Synagoge aufgeben mußten. Seit dieser Heldentat kümmerte sich die Regierung־ nicht mehr um die Synagogen und die Juden standen bei der einheimischen Bevölkerung in hohem Ansehen. Sie betätigen sich fast auf allen Gebieten. Da finden wir einen gewissen Curiel Nuez da Costa — als Geschäftsträger des portugiesischen Königs. Als Arzt und Dichter spielte Manuel Gomez eine Rolle. Damals wurde auch von jüdischen Kaufleuten der Diamantenhandel in Antwerpen eingeführt, der dort heute noch in hoher Blüte steht. Prag. Dr. S. Adler.