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Jüdische Rundschau · 1915-01-15 · Heft 3 (15.1.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 3 (15.1.1915)
Date
1915-01-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 18 J U E DI SC H E RUNDSCHAU Nr. 3 Juden tum im gesamtjüdischen Interesse gegründete Institution ist. Eis lagen auch keine sachlichen Gründe vor, infolge von Zahlungsschwierigkeiten zur Konkurseröffnung zu schreiten. Diese Zahlungsschwierigkeiten sind nur eine Folge der Ignorierung von Wünschen, welche an dem Gedeihen des Instituts sehr stark interessierte Kreise erhoben hatten. Es war verlangt worden, daß das Institut ein besonderes Bureau und Sekretariat erhalte, wie dies dem selbständigen Charakter des Instituts entsprach. Diese rein organisatorische Forderung des Haupt- Stifters des Instituts, des Herrn W i s s o t zk y, — dessen Name im Titel der Anstalt enthalten ist, — ist vom Kuratorium des Technikums abgelehnt worden. Ware dies nicht geschehen, so hätten dem Kuratorium die fehlenden Summen zur Verfügung gestanden. Auch jetzt noch ist dem üeschaftsführemle» Ausschuß des Kuratoriums, und zwar diesmal von Seiten der Zion i s t i s c h e n Organisation selbst, ein Vorschlag unterbreitet worden, der die Eröffnung des Konkurses zumindestens bis zum Eintreten normaler Verhältnisse unnötig gemacht hätte. Trotzdem ist der Konkurs jetzt eröffnet worden, obzwar kein Zweifel daran möglich ist, daß sich nach Frredensschluß die finanziellen Schwierigkeiten ohne Konkurs hätten beheben lassen. Dr. Ludwig Loewe (Geb. 11. März 1811, gest. 25. Dezember 1911.) Im noch nicht vollendeten einundsiebzigsten Lebensjahre ist unser Gesinnungsfreund Dr. Ludwig Loewe gestorben, allen denen ganz unerwartet, die seinen frischen Geist kannten und deshalb an eine unverwüstliche Lebenskraft glaubten. Ludwig Loewe entstammte einer alten jüdischen Gelehrtenfamilie Schlesiens, die in Ziilz, Breslau und Glogau beheimatet ist,' und die vor rund hundertundfünfzig Jahren als eine der ersten Familien von der jüdischen Wissenschaft zur allgemeinen Kultur und zur europäischen Wissenschaft überging, der sie seitdein eine grolle Reihe von Vertretern gestellt hat. Sein Vater war einer der bedeutendsten Aerzte in Berlin, der auch im öffentlichen Lehen eine angeseltene Rolle spielte. Die Mutter starb ihm, als er erst vier Jahre alt war. Der Vater war mit den Angelegenlieiten seiner Patienten und mit öffentlichen Geschäften so sehr beschäftigt, dal! der Knabe ganz auf sich angewiesen war. Was er war und wurde, ist er aus sich allein geworden. Erzogen hat er sich selbst, und die harte Lebensnotwendigkeit gab ihm den nötigen Schliff. Mach des Vaters Willen sollte er nicht studieren. ״Handwerk hat einen goldenen Boden,“ und allerhöchstcns sollte er Kaufmann werden. Als kaum Siebzehnjähriger ging er, selbst noch ein halbes Kind, nach Amerika, um im nordamerikanischeil Nächtlicher Streifzug Von Ing. Otto E 11 g 1 ä n d e r. ln einer der Flüchtlingsfürsorge gej widmeten Sondernummer der Prager | Selbst w e 11 r schildert ein Leiter des zionistischen ,,Versorgungskoinitees“ die Massenqiiarlierc. Mit einem jener plötzlichen Entschlüsse, wie sie nur 'an Abenden geiaht werden können, denen ein langer, mühevoller Tag vorausgegangen und wo man müde geworden ist und wo mir fast durch eine Ueberrunipelung das Neue vorbereitet werden kann, batten wir uns einem alten, verwitterten Droschkenkutschet׳ anvertraut, um unsere Massenquailiere aufzusuche״. Die Nacht war leucht, grau, wir saßen halb zerschlagen, halb froh, wenigstens zu sitzen, in dem dunklen Kasten, wahrend draußen die letzten Verspäteten in ihre Betten eilten. Die Häuserreihen zeigten Lücken, eins Pflaster wurde zuerst holperig, dann fuhr der Wagen sanft und plätschernd im Kot an Holzplankeit vorüber, an Plätzen, Fabriksgebäuden, Grabkreuz-Logerplätzcn. Der Weg ist lang und es bedrückt uns denken zu müssen, daß die liier Wohnenden täglich diesen weiten Weg cinigemale gelten müssen. Wir wußten ja noch nicht, daß viel ärgeres kommen sollte. Aber schon dieser Weg, dieses N'icht-Stadt-sein, Nicht-Land sein da draußen! Begonnenes, das wieder verfällt und noch das Antlitz des Nichtfertigen hat und Altes, Morsches, das niemand wcgzurüumen die Kraft hat, ist da. Hunde bellen, Lein Mensch weit und breit zu sehen, einsam und kahl .alles, der Himmel fahl, die Erde leer, schmutzig. So begannen wir nun in der Nacht die Nummer 1291 zu suchen. Alle 150 Schritt ein Haus ohne Nummer, also weiter. Wieder eines, ein Fabriks- Unabhängigkeitskriege für die Befreiung der Negersklaven als Freiwilliger zu kämpfen. Von dort zurückgekehrt, ward er nach des Vaters Willen Kaufmann. Als dieser starb, war er erst 21 Jahre alt. Die Mittel, die er jetzt in Händen hatte, dienten ihm dazu, sich selbst zum Abiturientene.vamen vorzubereiten und Medizin zu studieren. Sein Studium wurde durch den Krieg von 1870/71 unterbrochen, den er als freiwilliger Arzt mitmachte. Nachher wurde er Waldevers Assistent und begann nach mehrjährigen weitzügigen Auslandsreisen nunmehr eine wissenschaftlichc Laufbahn, in der er sich viele Lorbeeren pflückte. Das erste große Werk, das er publizierte, war ein anatomischer Atlas zur Entwicklung des Gehirns. Dann folgten viele gelehrte Werke. Es ist erstaunlich, wie viel er geschrieben hat. Er war Privatdozent in Bern und hatte gegründete Aussicht, in Preußen ein Ordinariat zu erhalten. Aber obwohl er vom Judentum nichts mehr vor sich gesellen hatte und ganz und gar in der Assimilation attfgcwachscn war, hatte er, der Freigeist, den Mut, auf das Amt zu verzichten, das ihm durch eine Unwalirhaftigkeit hätte Zufällen sollen. Er blich ein einfacher Arzt, der sich als Ohren- und Nasenarzt spezialisierte und auch auf diesem Gebiete eine so umfassende wissenschaftliche Tätigkeit wie selten einer entfaltete. In den achtziger Jahren war er nicht bloß der angesehenste und bedeutcndste Arzt seines Sonderfaches, sondern er übte gleichzeitig auch eine so große Lehrtätigkeit aus, wie kaum ein Professor. Dabei hatte er nach keiner Richtung das Zeug dazu, Karriere zu machen oder Geld zu erwerben. Der Mann, der den ganzen Tag über Sprechstunden hatte, der täglich so viel große Operationell machte, dessen Privatklinik stets voll belegt war, der dabei selbst ein bescheidenes Lehen führte, glich darin seinem Vater auf ein Haar, daß er trotz alledem es nicht zu Vermögen brachte, in Berlin, wo der beliebte Spezialarzt es doch wirklich nicht schwer hat, seine Arbeit belohnt zu sehen. Reich war er, — aber nur an dankbaren Patienten und andern Leuten, die seine stille unermüdliche Wohltätigkeit an sich erfuhren. Mit scharfem Verstände erkannte er die soziale Schwierigkeit des Arztes bei dem entstehenden Kassenarz.twesen. Ausgehend von seinem Standpunkt, daß mir das Wohl des Patienten maßgebend sein darf, und ans Mitgefühl mit dem duldenden Kranken der wirtschaftlich leidenden Klassen, vertrat er den Standpunkt gegen eine Welt von Feinden, daß der Patient das Recht auf den Arzt seines Vertrauens habe. In Wort und Schrift kämpfte er mit dom seiner Familie eigenen Feuer für dieses Prinzip, nachdem er dessen Richtigkeit erkannt hatte. Von den Krankenkassen- Verwaltungen verfehmt, gelang es ihm doch, Freunde zu sammeln und sein Prinzip zum Siege zu führen. So siegte er auf der ganzen Linie. Nur er selbst konnte nie Kassenarzt werden, und tnan tat von mancher Seite alles, um den unbequemen Mann uumöglich zu machen. Und wäre er nicht eine so bedeutende Autorität in seinem Fache gewesen, so wäre PS den Maulwürfen tatsächlich gelungen, ihn und seine Stellung zu untergraben. gehäude, auch hier nicht. Weiter. W'ir wissen uns keinen Rat, Der alte, verwitterte Mann auf dem Bock dreht sein Pferd um, fährt hin und wieder zurück, wir klopfen an Türen, Hunde antworten, wir pochen an Fenstern, schnarrende Stimmen, schimpfeud und fluchend, antworten. Endlich, durch einen Zufall, hatten wir das richtige Haus gefunden, ein kleines, unscheinbar ausselicndes Hänselten, während wir doch erwartet hatten, eine zumindest modern fassadiertc Zinskaserne zu finden. Die Hunde schrien förmlich, Laute, die einen fürchten machten, langes, gezogenes Geheul, Rasseln einer Kette. Endlich kam eine alte Frau, die zuerst ein bischen erstaunt, sich bald hereit fand, eine Kerze zu holen und uns in das Masseuquartier der jungen Burschen zu führen. Es war ein großer viereckiger Raum, der früher wohl ein Fabriksaal oder eine Schlosserwerkstätte gewesen sein mochte. Längs der Wände Strohsack an Strohsack, an der einen Wand ein Ofen. Die Luft war dumpf, staubig, schmutzig. Unsere Brust war beklemmt, wir konnten kaum atmen. Mit einer Kerze gingen wir von Lager zu Lager. Auf einem lagen zwei Jungen ganz nah aneinander geschmiegt, Rock, Hose, sogar den Flut hatten sie auf sich gelegt, um sich zu wärmen. — Und so von Lager zu Lager dasselbe Bild. In dieser seltsamen Verkrümmung; lagen sie alle, wie solche, die der Schlaf, währenddem sie froren, überrascht hat. Manche seufzteil auf, während wir vorüber״! ngen, ein kleiner Junge machte ein entsetztes Gesicht und schlug die Augen auf, vielleicht hatte er von zuhause geträumt. Neben dem Ofen, in dem noch etwas rote Glut war, lag ein Mann auf einem Strohsack, der nicht schlief und eine Zigarette rauchte. Er war gar nicht ausgezogen, hatte auch keine Decke. Wie wir vorübergingen, sagte er — und der Ton, dieser verzweifelte, hoffnungslose Ton, wird rnir immer in den Ohren klingen: ,,Ja Herr, die Würmer fressen Bis in sein hohes Alter hinein erhielt er Sich den jugendlichen Geist. Seine letzte Freude war es, daß er demnächst auf seine freiwillige Meldung hin ein Lazarett bekommen sollte. Er war so frisch, daß er bis zum letzten Ausgang noch wie immer regelmäßig die Vorlesungen an den Hochschulen besuchte, um in der Wissenschaft immer auf dem Laufenden zu sein. Da saß er aufmerksam zu den Füßen von Dozenten, von denen mancher besser bei ihm gehört hätte. Dieser geistigen Frische entsprang es, daß er noch als betagter Mann die Wahrheit der zionistisehen Idee erkannte und sich ihr dann mit einem solchen Feuer anschloß, daß noch mancher junge Mann von ihm hätte jugendliche Begeisterung lernen können. 111 keiner Versammlung fehlte er, und mit jugendlichem Feuer sprach er für die Idee, die ihn begeisterte, und der er nunmehr seine Kinder zuführte. Mit Freude sah er, daß zwei seiner Söhne dem V. J.St. mul der jüngste der Hasmonäa angehörten, die ihn zu ihrem Alten Herrn 11. c. ernannte. Ihre Fahne wehte über seinem Sarge. Als wir mit der Idee einer hebräischen Universität in Jerusalem auftraten, war er sofort Feuer und Flamme lind wollte hebräisch lernen, um sich an der zukünftigen Universität für sein Fach habilitieren zu können; und in allen Vcrsammhingen trat er mit Eifer und der ihm eigenen Rednergäbe für die hebräische Universität in Jerusalem ein. Er, der aus einer Umgebung hervorgegangen war, die dem Judentum bereits seit mehreren Generationell entfremdet war, der vom Judentum nichts gesehen hatte und gewiß nur ganz wenig davon wußte, erkannte dort hohen Kulturwert der jüdischen Eigenart und sah seine Zukunft und die seiner Nachkommen in dieser jüdischen Kultur. Dr. Loewe war ein Gelehrter, ein Redner, ein Dozent, ein Arzt und ein sozialpolitischer Arbeiter von hohem Werte. Aber es würde seinem schlichten, einfachen, anspruchslosen und jedem Aeulierlichen abholden Wesen nicht entsprechen, wollten wir mehr als die reinen Tatsachen erwähnen. Deshalb diese kurzen sachlichen, rein biographischen Notizen, die seiner Einfachheit und stillen Bescheidenheit am meisten entsprechen. Der Mann, dem jahrelange Auslandsreisen einen so weiten Blick und so tiefe Einsicht verliehen hatten, war in seinem Gemüt und in seiner Auffassung vom Leben trotz, aller Bildung, Gelehrsamkeit und Abklärung ein Kind geblieben, mit einem kindlichen Herzen und kindlicher Wahrheitsliebe. Wahrhaft, treu, aufrichtig und aufrecht. Das war unser Freund Dr. Ludwig Loewe. Wir haben ׳־iel mit ihm verloren. W'ir werden ihn nie vergessen. Heinrich L o e w c. Ein neues zionistisches Wochenblatt Vom 1. Januar 1915 ab erscheint unser bayrisches Bmderblatt, das unsere Münchener Gesimiuttgsgenossen bisher alle 14 Tage he raus gegeben haben, als wöchentliches Organ. ״Das einen, schon bevor ntan ins Grab hineingelit. Nicht Gott quält die Menschen, der Mensch quält sich selbst; warum muß ich hier liegen und nicht schlafen, warum geh’ ich meine Decke dem andern und lieg' hier und schlaf nicht. Ich sag Ihnen, Herr, gebet! Sie mir gewaschene Wäsche, geben Sie mir Karten ins Bad und ich will liehet־ draußen auf dem Feld schlafen. Vielleicht wird Gott geben, daß ich hier zugrunde gehe, mit den paar Hellern täglich. Aber eines sag ich Ihnen. Herr, ich bin kein Tier, ich bin ein Mensch. Und die iu den Betten liegen und Suppen von Fleisch essen zu Mittag, werden noch an uns denken müssen.'‘ Wir schauten uns an, mein Freund und ich, und hatten Tränen in den Augen. Die Kerze flackerte über eia paar Strohsäcke hin, auf denen sielt noch ein paar junge Gestalten aufgesetzt hatten ünd sich mit müden Stimmen irgend etwas erzählten, was wir kaum mehr hören konnten. Der Ofen starrte mit seinem schwach glimmenden Munde fast grinsend in das Zimmer hinein und längs der Wände schlichen ein paar jämmerliche Schatten mit uns zur Tür hinaus. Wieder vorbei au den keifenden Hunden, hinein in den dunklen Kasten. Wir sprachen kein Wort. Keiner wollte zuerst anfangen zu reden. Wir waren wie geschlagen von dieser einsamen Leere, von diesem hoffnungslosen Elend der Nacht. Jeder einzelne von diesen jungen Burschen hatte wohl Vater oder Geschwister zuhause gehabt, war herausgerissen aus einem Beruf. Viele solcher Nächte und was mochte aus diesen Seelen werden. Frieren inmitten der Stadt muß doch noch anders sein, als da draußen, wo die Hunde bellen. — — Und wir dachten beide: Da arbeiten viele Mensehen für diese, Sammlungen werden gemacht, Vorträge, man geht von Haus zu Haus. Vielleicht mag’s bei Tag nicht so aussehen, vielleicht wenn nur ein Tisch in der Mitte gestanden hätte, mit einigen

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