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Jüdische Rundschau · 1915-01-08 · Heft 2 (8.1.1915) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 2 (8.1.1915)
Date
1915-01-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seile 13 herunigekouiinen, und es gab wohl keine bedeutende Stadt im Deutschen Reich, die in ihrem Buch nicht mehr oder minder ausführlich behandelt wird. Mit Recht sagt das ״B e r I i n e r Tag e b I a 11“ : ״Nicht nur die Sitten tuul (iewohnheiten, die kleinen und grollen Leiden und Freuden der damaligen Juden, sondern auch manche allgemeine Zustände jener Zeit, so in Hamburg, Altona, Hameln, Hannover, Cleve, Frankfurt, Metz werden geschildert, so dal! man sich unmittelbar in jene Lage hineinversetzt glaubt.“ Aber auch die Historiker anderer Gegenden ״dürfen an dieser Publikation nicht achtlos vorübergehen“ sagen die ״H ist o risch-politischen M o 1! a t s b 1 ii t t e r f ii r d i e Provinz Pos e 11“, welche die Beziehungen Glückeis zu Polen betonen. 4. Für die Psychologie der Juden und des Judenttims, sowohl aus alter wie aus neuer Zeit, hat man in dem Buch reichliches Material gesucht und gefumlen. Dali bei der grollen Rolle, die das Erwerbsleben in (ilüekels Buche spielt, vor allem die Rolle der Juden als Wirtschaftssuhjekte betont wird, kann uin so weniger wundernehnien, als Werner Soiti■ hart in seinem grollen Buch mit allem Nachdruck darauf hingewiesen hat. So sagt die ״N e u e Frei e P resse“: ״Nicht gering ist der Ertrag des Buches für die Wirtschaftsgeschichte, namentlich der Juden.“ Und die ״F rankfurter Zeit u 11 g“ bemerkt, dal! ״an vielen Stellen der Memoiren die Bedeutung Frankfurts auch als einer Handelszentrale, als des gegebenen Mittelpunktes und Treffpunktes für die Kaufleute aus dem Norden und Süden Deutschlands zutage tritt.“ 4. lieberall wird die außerordentlich hohe Stellung hervorgehoben, welche die Frau bei de״ Juden seit jeher eingenommen hat und auch jetzt noch entnimmt. Mit Wehmut erinnert sich mancher der letzten Typen der altjüdischen Frau, die er noch in der Jugend gesehen. Es sei ein'etwas ausführlicher Auszug aus einem her/enswarmen Bekenntnis gestattet: ״Wenn ich in den Denkwürdigkeiten der Glückei von Hameln lese, muH ich an jene alten jüdischen Frauen denken, wie ich sie in meiner Jugend in den kleinen hannoverschen Dorfgemeinden oft gesehen habe. Eine wunderbare Schönheit lag in diesen Gesichtern, eine ruhige Heiterkeit, eine feine, ich möchte fast sagen: stolze Demut, eine fromme Güte. Adel thronte auf dieser klaren Stirn, die der nach alter Sitte getragene dunkle Scheitel in zwei sanft gebogenen Linien begrenzte. Im Hause herrschte sie, ohne zu gebieten, — die Mutter. Für uns Kinder hatte sie, von den nie fehlenden kleinen Gaben abgesehen, immer einen freundlichen Blick aus mild verstehendem Auge und ein sanftes, liebevolles Streicheln. Wenn diese verehrungswürdige Hand auf unserem Haupte lag, fühlten wir ein Band, das uns geheimnisvoll mit uralten Geschlechtem verknüpfte, und wir blickten scheu zu ihr empor wie zu etwas Heiligem. So steht die Glückei von Hameln vor mir, und das Bild bietet sie, in welcher Form wir auch ihr Wort vernehmen.“ (Dr. Spanier in den ״B lütter!1 t ii r Erziehung und Unterricht".) Spricht hier nichts als Sehnsucht nach vergangenen Dingen, so mischt sieh in das folgende Urteil, das charakteristischervveise von einer Frau gefüllt ist, eine scharfe Kritik der zeitgenössischeu jüdischen Frauen. ״So manches im jüdischen Familienleben ־-- sagt eine Mitarbeiterin der ״S o / i a I i s t i s c h e n Monatshefte“ erinnert hier noch lebhaft an das, was Glüekel von Hainein damals erzählt; mancher eigentümliche Zug hat sieh auch erhalten, ist aber jetzt seines inneren Sinnes entkleidet. So die Verehrung der Frau als des eigentlichen Alittelpunktes in der Familie. Die Frauen, die Glückei schildert, genossen diese Verehrung mit Recht; sie waren in ihrer mütterlich-tätigen Kraft, in ihrer restlos selbstverleugnenden Hingabe für das Wohl der anderen wirklich das seelische Zentrum des Ganzen; jetzt dagegen ist die Ehefrau der jüdischen Bourgeoisie, wenigstens der reichen, ähnlich wie die reiche Amerikanerin, ein Luxusgeschöpf, das die traditionelle Hochschätzung, die ihr der Mann entgegenbringt, als einen ihr /.״kommenden Tribut hinnimmt und es selbstverständlich findet, daß der Mann jede Arbeit leistet, um ihr Genüsse zu verschaffen.“ Meinung sein. Tatsache ist, daß Glückei, so anschaulieh sie auch darstellen konnte, im Fabulieren wenig erfinderisch war. Ihre erbaulichen Geschichten sind zum größten Teil vollinhaltlich den Erbauungsbüchern ihrer Zeit entnommen, die sie offenbar in großer Anzahl gelesen hat. Für jüdische Leser ist das Weglassen dieser Stellen wohl kaum ein Verlust, weil sie W a 111 v e r w a!1 d t s c h a f t genug zur Glücke! haben werden, um deren ״wahres“ Wesen zu erfassen. Anders ist dies natürlich beim christlichen Leser. Es mag wohl sein, daß bei diesem der Eindruck erweckt werden könnte, die gute Glückei habe kein anderes Interesse gehabt als für Schidduchitn und Gelderwerb. Und so wird sich ihm die traditionelle Vorstellung, die er vom jüdischen Wesen, vom Geist des Judentums hat, nur verstärken. Aber andererseits beachte man doch, daß es christliche Art überhaupt nicht ist, uns von innen heraus zu erkennen. Vor der Ausgabe des Jüdischen Verlags hat es ja einen ungekürzten Privatdruck in deutscher Sprache gegeben. Werner Sombart kannte diesen Privatdruck und trotzdem konnten die religiös-moralischen Be- Pachtungen ihn nicht verhindern, in Glücke! einen Typus jener Juden zu sehen, die er sich konstruiert. Bei allem ästhetischen Wohlgefallen an der Persönlichkeit dieser einzigen Frau hat er in ihr nichts gefunden, was seine Karikatur des Juden auch nur um einen Strich hätte mildern können. Und liest man die Urteile, die andere christliche Schriftsteller über das Buch gefällt haben, so findet man im Grunde genommen immer dasselbe Schema, dem Sombart zwar eine höchst persönliche, blendende Formulierung zu geben verstand, das aber so alt ist wie die Beziehungen von Juden und Christen zueinander ־ - fast so alt wie die christliche Kirche. So wird man sich auch kaum darüber wundern dürfen, daß der Rezensent der ״P rcullischen Jahrbücher“ die Denk- Würdigkeiten der Glückei ״das banalst e Buch der Weltliteratur“ nennt, wobei er freilich betont, daß sie als einzigartige historische Quelle eben ״zur Uni- Versalliteratur gehören“ ö. Fast vereinzelt und um so erwähnenswerter ist ein Satz, den wir hier aus der ״Breslauer Zeit u n g" zitieren und der einen scharfen Blick für die jüdische Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte verrat. Es heißt da: ״Während noch die ganze Judenschaft vom Taumel erzitterte, in den sie der Messiasruf Sabbatai Zwis versetzt hatte, zeigten sich bereits die Vorboten jener Entwicklung, an deren Schluß sich als Folge der modernen Bildung, der Wanderungen und des Kapitalismus eine Abbröckelung breiter Schichten des Volkes vollzog.“ Eine wahrhaft verständnisvolle Bemerkung! Jene Vorboten des kommenden Verfalls kann man an der beginnenden Annahme europäischer Bildung erkennen, die wir hie und da finden, üliickel selbst verstand, wie sie gelegentlich erzählt, gut Französisch. Die reichen Juden in Metz versuchten zum Teil bereits französische Sitten nachzualunen, so daß Gliickel einmal ihr ״deutsches“ Wesen diesem unangenehmen Eindruck entgegensetzen zu müssen glaubte. Bekannt ist es auch, daß einige Großjuden ihrer Zeit die damalige Haar- und Kleidertracht annahmen, die einige Jahrzehnte später bei den Juden zu einer rtbsolut herrschenden geworden war. Manche Bildnisse aus jener Zeit, wie zum Beispiel das des Braunschweiger Hofjuden, könnte man für Porträts von Kannnerherren halten. ■— Die Keime des Verfalls, der um die Wende des 18. lind 19. Jahrhunderts die Judenheit ergriff, und auch heute noch ungeschwächt anhält, müssen schon ziemlich weit zurückgelegen haben, denn sonst wäre die rapide Entjudung der späteren Zeit nicht zu begreifen. Diese Entjudung hat ungeheuere Verwüstungen angerichtet, und alles, was die nationale Selbstbesinitung bis jetzt versucht hat, ist int Grunde genommen nichts als ein Aufbieten der letzten Kräfte, um dem unser Volkstum bedrohenden Untergang zu entgehen. Jede Lebensregung der jüdischen Gemeinschaft hat sich in diesem Kampf zu stellen, nicht zuletzt die Erhaltung der Kenntnis vom alten Judentum, wenn schon dieses Judentum seihst sieh nur schwer erhalten läßt. Und diese Kenntnis auf ihrem kleinen Gebiet zu erhalten und zu vermitteln, ist ja auch die Aufgabe der ״Denkwürdigkeiten der Giiickel von Hameln“. 5. Die Ausgabe als solche wird durchweg gelobt, ebenso die Ucbersetzung. Nur eines ist wiederholt bemängelt worden, die Unvollständigkeit. Der Herausgeber hat nämlich eine größere Anzahl von erbaulichen Stellen, von Erzählungen und Gleichnissen weggelasscn (zum Teil sind sie im Anhang), welche die in ihrem Alter etwas redselig gewordene Verfasserin einzustreuen liebte. Uebcr die Berechtigung dieser Kürzung kann man natürlich verschiedener Für den Roten Halbmond Die Großloge für Deutschland VIII IJ. O. B. B. hat der ottomanischen Botschaft in Berlin zu Gunsten des Roten Halbmondes 1000 Frcs. übersandt. Ferner bat die Lessing-Loge U. O. B. B. in Breslau durch die Großloge 200 M. für denselben Zweck übermitteln lassen. Jüdisches Technikum in Haiffa Heber den E. V. Jüdische'■׳ Institut für teclinisclte Erziehung in Palästina ist vom Amtsgericht Berlin-Mitte der Konkurs eröffnet worden. Hie Konkurseröffnung ist, wie wir erfahren, auf Antrag des gescliäftsführemlen Ausschusses des Kuratoriums eröffnet worden. Ehe wir uns zu diesem aufsehenerregenden Schritt äußern, wollen wir ahwarten, womit ihn der geschäftsführende Ausschuß des Kuratoriums begründet. Konferenz der zionistischen Studenten- Organisation ״Hechawer“ in Genf (Von unserem Berichterstatter.) Vom 20. bis 21 Dezember v. j. tagte 111 Genf die außerordentliche Konferenz der ostjüdischcii Studentenorganisation ״Hechawcr“. Vertreten waren sämtliche schweizerische Vereine, außerdem waren anwesend Delegierte aus Italien und Holland, wie auch Vertreter der zionistischen Studenten in R 11 ß I a n d. Es liefen zahlreiche Begrüßungsschreiben ein, u. a. vom E. A.C., von der Zionistischen Vereinigting für Deutschland und von Heim Dr. T s e h 1 e n o w. In das Präsidium wurden gew ählt die beiden Brüder Wein schal und Flerr Kogan. Der Bericht über den gegenwärtigen Stand der Organisation enthielt eine eingehende Schilderung. Sofort nach dem Ausbruch des Krieges hat sich ein provisorisches Komitee gebildet, tlas seinen Sitz in der Schweiz, hat und sich zur Aufgabe stellt, die Ueberrcste der Organisation aufrecht zu erhalten. Die Vorarbeiten des provisorischen Komitees führten zur gegenwärtigen K011ferettz, die ungeachtet aller Hindernisse den festen Willen bekundete, die Arbeit 1! nv e r z ii g I i c h wieder a u f z u 11 e h m e 11. Es wurde festgestellt, daß auch im gegenwärtigen Moment 150 Mitglieder des ״Hechawcr“ in der Schweiz und in Italien tätig und bereit sind, sich in den Dienst der Erhaltung der Organisation zu stellen. Nach längerer Debatte wurde beschlossen, samtliehe Arbeiten in den bestehenden Vereinen in der Schweiz fortzuführen und die Bihldng neuer Gruppen zunächst in Holland und in Italien zu bewerkstelligen. Die Konferenz beschloß ferner, die erzieherische Arbeit der zionistischen Jugend gemaß dem Programm der letzten Heidelberg e r Konferenz fortzusetzen. In der Schweiz soll auch eine Bücherzentrale errichtet werden, die samtliehe Vereine und Gruppen mit zionistischer Literatur versehen soll. Ferner wurde beschlossen, mit der Wiederherausgabe des Presseorgans der Organisation ״J e w r e i s k i S t u d e 111“ sofort zu beginnen. Die Zeitschrift soll zunächst in K o p e 11 h ag e 11 unter der Redaktion der Herren Dr. Bernstein und G roß in a 11 n erscheinen. Nach Absendung von Begrüßungstelegrammen an das E. A. C., Herrn Dr. T s c 111 e 11 o w und Dr. Bernstein wurde die Konferenz in einer überaus arbeitsfreudigen und zuversichtlichen Stimmung mit dein Absingen der ״Hatikwah“ geschlossen. Zionistische Hilfsgelder für Palästina aus Amerika Das Provisorische E \ e c 111 i v e - C o - mite für allgemeine zionistisch e A11 - g e 1 e g e n heit e 11, dessen Vorsitzender H e 1׳ r Louis D. Brand eis ist, hat kürzlich weitere 35 000 Doll a r in Ergänzung zu den ca. Ob 001) I >01lar, welche bereits nach Palästina gesandt wurden, abgeliefert. Das Provisorische Exeeum e*G>miU־ ist jetzt wiederum in der Lage, weitere 25 000 Dollar für Palästina zu geben. Für Notstandsarbeiten in Palästina Am I. Januar d. J. fand in Cf ö 1 11 eine außerordentliche Generalversammlung ries Vereins zur F ö 1־ d e r u 11 g v 0 11 j ü d i s c h e n A c k e r b a u - k o I o 11 i e 1! in S y r i e n u 11 d P a 1 ä s t i n a statt. Der Vorsitzende, Herr J. Dülken, gedachte zunächst des verstorbenen Gründers des Vereins, des Herrn David Wolffsohn, dem er einen warm empfundenen Nachruf widmete. Es wurden dann nach kurzer Diskussion für die Notstandsarbeiten in P a 1 ä st i n a der Betrag von 1500 M. bestimmt. Der Betrag soll dem Jüdische n N a t i o 11 a 1 f o 11 d s zur 'Verfügung gestellt werden, unter der Bedingung, daß er der David und Fanny Wolffsohn-Stiftung zu fließt.

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