Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1915)
- Date
- 1915-01-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 12 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 2 llir könnt dies entweder als Stifter des Archivs tun, weint Ihr eine einmalige Zuwendung macht, oder als Förderer in 1 (irrt) einer regelmäßig monatliehen Bcitragsleistung für die Dauer des Archivhestan des. Zuschriften und Beitrittserklärungen sind zu riehteil an das ״Jüdische Kriegsarchiv“, Wien, II., Zirkusgasse TS, (ieldseiidiiiigen an das Bankhaus J. K A. Brecher, Wien, IX., Pcregringasse I (Postsparkassen- Konto Nr. lOhOI). 1 ü r 11 a s vor b e reit e n 11 e K o m i t e e / 11 r A 11 1 e g u n g d 1■ s ״ J 11 d i s c h e n Kriegsa r c h i v": < )beringe nicur Robert Stricker, Vorstandsmitglied der Wiener isr. Kidtusgemciiide, dz. Ohmami. Dr, N. B i r n b a u m , dz. Archiv leite!־, Ludwig B a t o , Börserat Adolf Brecher, l)r. Leopold Ehrlich, Dr. Erich Ritter v. Kahler, I fr. Alfred Lanzer, Redakteur Julius L ö \v y , I >r. Isidor M a r g u I i e s , I )r. Wilhelm Stein, Dr. II. S 11 s s in;1 n 11, k. k. Rcichsratsrevisor Rudolf 1'a 11 s s i g , l. H. Walt 11 c h , I fr. E. W a s e 11 i t /, I >r. Paul W eise 11 g rü 11. Von den Juden New Yorks 111 der ״Vossischcn Zeitung“ vom 9. Dezember schreibt Hanns Heinz Ewers über die Juden New Yorks und ihre Stellung zum gegenwärtigen Kriege u. a. folgendes: ״New York ist die grollte jüdische Stadt der Welt — wie es die grollte irische Stadt und eine der grollten deutschen und italienischen Städte ist. Weit über eine Million Juden wohnen in New York, ganze Strallenzüge weisen nur jüdische Namen auf - - und zwar durchaus nicht nur im Ghetto der Ost- Seite, sondern gerade in den allerersten Geschätts- Zentren. Das Tclephonbuch bringt die charakteristischeu jüdischen Namen gleich zu vielen Hunderten hintereinander; von den Weltgeldmagnatcn der Wallstreet bis zu den kleinsten Althändlem bei Bowery findet man Juden in allen Berufen. Nur untl das scheint mir sehr merkwürdig ■— gerade da sehr wenig, wo sie in Europa besonders herrschen: beim Theater und bei der Presse. Eine politische Macht freilich, wie die Iren, besitzt das jüdische Element durchaus nicht, noch weniger wie die Deutschen. Das deutsche Element ist ja überall im Lande sehr stark, wahrend die Juden zum weitaus größeren Teile nur in New York sind: da freilich spielt - vor den Wahlen! - das ״Jevvish Vote“ dieselbe grolle Rolle wie das ,,German Veite“. Die Juden sind, wie die Deutschen, gespalten in alle möglichen Parteien und Parteichen, die sich untereinander befehden; der politische Tagesinstinkt der Irländer fehlt ihnen vollkommen. Und so waren sie ״ wieder wie die Deutschen - im grollen und ganzen bisher nur sehr geschätztes und sehr brauchbares Stimmvieh für Taminaiiy und dessen irische Führer. Untl da hat wie bei den Deutschen — der Krieg eine seltsame, rasche Wandlung hervorgerufen, er hat eine Einigkeit gebracht! Durch ihn ist das zur wichtigsten Tagesfrage geworden, was jedem jüdischen Herzen tief eingewurzelt ist: der Hall ״egen den russischen Henker! Nicht die Liehe zu Deutschlaml läßt den Juden wie den Iren für unseren Sieg beten, nein, der Halt gegen Rullland, der Hali gegen England! Freilich, die Bande zwischen Deutschen und Juden sind noch viel engere! Ist doch ,,Jiddisch“, die Sprache des gan/en russischen, und damit des New Yorker Judentums, diese Sprache, die gerade in dieser Stadt schon ihre bedeutenden Dichter hat, wie David P i ti s k i , Moritz R o s e 111 11 a 1 , i >ssip D y ni o w , nichts anderes als das Mittelhochdeutsch Walter von der Vogelweide mit ein paar aramäischen und hebritischen Freimlwonen. Das Ohr gewöhnt sich außerordentlich leicht an diese Sprache; mir zum Beispiel füllt sie viel, viel leichter als etwa das Niederdeutsch Fritz Reuters. Und umgekehrt versteht jeder Jude sehr leicht Hochdeutsch, kann also deutsche Bücher und Zeitungen lesen. Die Sprache aber ist die (!rundläge jeder Kultur, wie die Iren, nachdem ihnen der Brite ihre eigene Sprache geraubt hatte, Träger eng-!:scher und nicht mehr keltischer Kultur wurden. Sheridan Wilde, Shaw sind englische Dichter und nicht gälische, sowie Maeterlinck und Verhaercn französische Dichter sind und nicht flämische. Dem Juden der Ostseite sind Schiller, Goethe, Heine die grollen Dichter, Shakespeare freilich auch, den wir Deutschen ja wie einen eigenen betrachten. Wenn die jiddischen Theater ,,Klassikerabende“ geben, so bringen sie Faust, Schiller und Lessing; und Shakespeare spielen sie in der deutschen Tradition und nicht in der englischen. So steht, in fremdem Lande, der Jude dem Deutschen viel näher, als dem Yankee. Beide fühlen, daß sie Fremdlinge sind, trotz aller schönen Phrasen der Verfassung, gerne willkommen geheißen, gerne geduldet, aber dennoch niemals Vollbürger. Und so schließen sie sich enger aneinander an, lernen einander besser kennen, wobei das Mittelglied natürlich der deutsche Jude ist. Und da dieser Krieg ja iin letzten Eirund ein Krieg gegen den gemeinsamen Feind, gegen Rußland Ist, so wird das Bündnis zwischen Deutschen und Juden enger und stärker von Tag zu Tag. Der Ire tritt in seiner Presse gegen England auf und scharf genug. Der Jude aber kämpft in seinen Blättern nicht nur gegen Rußland, sondern auch für Deutschland. Alle jüdischen Zeitungen und Zeit- Schriften des Landes sind (mit einer kleinen Ausnähme) ebenso viele Vorkämpfer der deutschen Sache, ganz einerlei, ob sie nun orthodox, liberal, sozialistisch oder gar anarchistisch sind. Und dabei bedeuten die großen jüdischen Blätter wirklich eine Macht! ״Die Wahrheit“, ״Der Tag“, ״Der Vorwärts", ״Das jüdische Tageblatt“, alles Tageszeitungen, haben jede eine Auflage von mehreren Hunderttausend, die Wochenschrift ״Die Zukunft“ hat wenigstens sechzigtausend Abonnenten. Das charakteristische an allen Blättern Amerikas sind die gewaltigen ״Headlines“, die Ueberschriften; aus ihnen läßt sich sofort die ganze Tendenz der Zeitung erkennen. Hier einige Proben solcher ״Headlines“ jiddischer Blätter: D a i t s c 11 e ge b e '11 Fr a nzos e n w i e d e r ihr e tägliche Portion! General R e n n i n K a m p f kriegt M a p o 11 e! (Erbärmliche Niederlage.) F o 11 j e k r i e g e 11 K I ö p p! (Fonje verächtlicher Ausdruck für Moskowiter.) Gewalt! M er s c h I ä g t ii Fonje! Mit außerordentlicher Freude und Genugtuung hat die jiddische Presse die Nachricht aus Deutschland aufgeiiommen, daß die antisemitischen Blätter, wie die ״Staatsbürger/eitimg“, ihren Kampf gegen das Judentum einstellen, mit nicht geringerem Jubel die Nachricht von der guten Behandlung und Freilassung der russischen Gefangenen. Die Ernennung jüdischer Offiziere, die Verleihung Eiserner Kreuze an tapfere jüdische Krieger wird als persönliche Ehrung betrachtet. Die jüdischen Massen empfinden stark, daß sie ihre heutige Kultur dem Deutschtum verdanken, und sie tragen diesem Deutschtum einen großen Dank ab durch ihre jetzige Haltung, die das deutsche Judentum stets den Trägern deutscher Kunst und Kultur gegenüber zeigte — wie vielen deutschen Künstlern und Gelehrten half nicht jüdische Großmut! Nur ist es heute das ganze Deutschtum, dein das jüdische Volk zur Seite tritt, mit seiner ganzen Kraft und all seinen Wünschen, mit seinem Gehet, wie mit seinem Geldbeutel! Wie in deutschen, in amerikanischen, in irischen Versammlungen, so habe ich natürlich auch in jiddischen Versammlungen gesprochen — und nirgends vor dankbarerem, begeistertem Publikum. Die Liebe der Iren zu uns ist entstanden aus klugem Geschäftssinn und aus gescheuter Politik ־- das Empfinden des Juden aber kommt aus dem Herzen! Mch werde nie den langbärtigen alten Juden vergessen, der nach einer Rede von mir auf das Podium kam, mir die Hand zu schütteln. Er hielt sie ein paar Minuten lang zwischen seinen schweren Arbeitshänden, blickte mich an, schwieg und suchte nach irgendeinem besonders schönen, besonders anerkennenden Wort. Und schließlich sagte er: ״Sie Sie sind ä Goi mit ä jiddischen Kopp!“ -״ Aber ich denke, er meinte nicht den Kopf, sondern das Herz das so schlug, wie sein eigenes altes Herz.“ Prager Kriegsfürsorge (Von unserem Berichterstatter.) 1111 großen Saale der Prager Produktenbörse veraiislalfeten am Dienstag, den 29. Dezember, die vereinigten zionistische״ Korporationen Prags eine Massenversammlung, in welcher Herr Chajitn Nagler, der Organisator und Leiter des ״Vcrsorg u 11 g s k o m i t c e s f ii r jüdische F I ü c 111 ־ finge in Prag“ über die Fürsorgetätigkeit der gali/ischen Juden sprach. Herr Chajim Nagler, der als hervorragender Redner bekannt ist, gab am Anfange seines Referates einen l leberblick über die verschiedenen Phasen des Zuzuges von Flüchtlingen nach Prag. - Bei der ersten Invasion, die nach der Räumung Ost-Galiziens erfolgte, waren es nur wenige Juden, die nach Prag kamen. Durch die OpfenviUigkeit der Prager Juden war es möglich, diesen Flüchtlingen Unterdacli und alles andere Nötige zu verschaffen. Ende September erfolgte die zwe ite Invasion und es kam ebenfalls nur eine kleine Zahl von Flüchtlingen nach Prag. Die einigen hundert Juden, die nach Prag flüchteten, konnten wiederum menschlich untergebracht werden. — Etwa Anfang Dezember setzte die dritte Invasion ein, die die Anzahl der Flüchtlinge in Prag binnen drei Wochen auf 8000 erhöhte. Die Kleider und Wäsche- Vorräte gingen schnell aus, man konnte ihnen oft keine Wohnung zuweisen, da die Massenquartiere bald überfüllt waren, es gab keine Decken, keine Strohsäcke, keine Kohle, um unsere armen Brüder vor dem Frost zu schlitzen, kur/, das Elend war mul ist heute r.oeh schrecklich. Das Versorgungskoniitee ist ratlos, da die Hilfe von seiten der Prager Juden jetzt 1111zureichend ist. Wohl zeigen die staatlichen Beh ö r d c 11 Entgegenkommen, docli kann einer solchen Not mir durch großzügige private Fürsorge abgehoben werden. Der Redner appellierte an die Versammlung, durch, monatliche Beiträge, durch Kleider und Wäschespenden, durch Spenden für den Kilo-Tag diesem Zustande ein Ende zu bereiten. - - Am Schlüsse der erschütternden Rede, welche mit überaus großem Beifall aufgeiiommen wurde, zeigte sich bereits der Erfolg dieser Versammlung. Eine grolle Anzahl Prager Juden zeichneten für die Aktion monatliehe Beiträge. Hoffentlich wird sieh die ganze Prager Judenschaft ihrer jüdischen Pflicht in dieser schweren Zeit bewußt werden. 1’. H Aus der Rezensionsmappe des jüdischen Verlags*) Von Dr. Ahron Eliasberg II. Die Denkwürdigkeiten der Glückei von Hameln 1. Würden wir die Urteile über die ״Denkwürdigkeiten“ nach den Gesichtspunkten zusainmenstellen, wie sie sonst für den Verleger eines erfolgreichen Buches gelten, so würde dies, fürchte ich, dem Leser etwas langweilig Vorkommen. Demi tliese endlose Reihe lobender Aussprüche sagt ihm natürlich sehr viel weniger als dein Verleger, der mit Freude und berechtigtem Stolz seine Re/eusioiisiiiappc durchblättert. Die Auswahl, die ich hier vorlegen möchte, ist nach sachlichen Gesichtspunkten zusaminengestellt. Die Denkwürdigkeiten der Glücke! unterhalten nicht nur den Leser, sie regen auch vermöge ihrer lebendigen Beziehungen zum vergangenen wie zum jetzigen Judentum zum Denken und Vergleichen an. Fast jeder Kritiker des Buches zieht aus dessen Lektüre irgendeine Lehre, sinnt über den Wandel der Zeiten nach, mul gar nianclier Seufzer entringt sich iiierbei dem Heutigen, der w ehmütig den Verfall empfindet . . . ׳>. Bei allen Wertungen der ״Denkwürdigkeiten“ überwiegt der historische Gesichtspunkt. Schon bei dem Erscheinen der jüdischen Originalausgabe erkannte man, daß dieses Buch eine historische (Quelle ersten Ranges zur Kenntnis des Judentums des 17. und 18. Jahrhunderts ist. Dies gilt gleichmäßig für alle Gebiete des jüdischen Lebens. Außerordentlich reichhaltig sind die Hinweise auf Wirtschaftsverfassung der Juden und ihre damaligen Erwerbsverhältnisse. Glückei von Hameln war mit allen Kreisen ihrer Zeit- und Glaubensgenossen zusammengckommeii. Wir finden in ihrem Buch nicht nur die Hof- und Finanzjuden erwähnt, darunter solche ״Dynasten“ wie Rotschild, Oppenheimer, Ballin usw., sondern auch kleine jüdische Krämer, die ihren Lebensunterhalt kümmerlich bestritten. ״Dem geschichtsiutercssierteii Laien wird eine Seile der Memoiren mehr sagen als ein dickleibiger Geschichtsband“ sagt der Rezensent der ״B i b I i o g r a p 11 i s c h e 11 Viertel j;1 11 r s b e r i e 11 t e f ii r d i e j ü d i s c h c L i t e 1־ a t u r“. ״Die Memoiren dieser aus der jüdischen Aristokratie stammenden Frau enthalten eine Reihe interessanter kulturgeschichtlicher Darstellungen, die uns wichtige Aufschlüsse über Stellung und Leben der damaligen Juden in Deutschland geben.“ (״B I ä 11 e r f ii r B ii c 11 e r f r e u!1 d e“.) Der ״H a m b 11 r g i s c 11 e K ־1 ״ r e s p o 11 d e nt“: ״Die Denkwürdigkeiten der Glückei von Hameln sind als Kulturdokument nicht genug zu schätzen. Sie gewähre״ einen tiefen Einblick in die Stellung der Juden von ungefähr ]()50-1720 in deutschen Landen, vor allem in Hamburg-Altona, da Gliickcls Vater der erste Jude war, der nach der Judenaustreibmig aus Hamburg dort wieder Wohnrecht erwarb. Sie berichten ferner über Sitten und Gebrauche jener Zeit und über manche geschichtliche und politische Begebenheit von Interesse.“ Einen Glanzpunkt bildet in ihrer Gläubigkeit und Naivität die Behandlung der Sabbatai Zwi-Tragödie lind wird wohl fast von jedem Rezensenten erwähnt. Wer Jacob Wassermanns Juden von Zirndorf kennt, wird jetzt erst verstehen, mit welch großartiger Intuition der Dichter jene Zeit erkannte. Die Landesgeschichte Deutschlands kann durch Gliickcls Buch viel profitieren. Glückei war ja sehr viel *) Vgl. den Artikel in Nr. 50 der ״Jüdischen Rundschau“. 1