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Jüdische Rundschau · 1915-01-08 · Heft 2 (8.1.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 2 (8.1.1915)
Date
1915-01-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite II erhebliche Schwierigkeiten, daß sie für die Naturalisation eine /u kurze Frist festsetzten. Nach Verlauf dieser Frist erließ der Korpskommandant Djeinal Pascha, der Kommandeur der in Palästina stehenden Truppen, den Befehl, die russischen Untertanen aus den Hafenstädten auszuweisen. Das Actio ns-Co mite der Zionistisehen Organisation hatte von Anfang an bei allen seinen im Interesse der jüdischen Bevölkerung unternommenen Schritten in Konstantinopel das bereitwilligste Entgegenkommen gefunden. Bei der Nachricht von der in Palästina ergangenen Ausweisungsorder i n - t e r v e n i e r t e es sofort mit E r f o 1 g bei den zuständigen Stellen in Konstantinopel. Die Türkische Zentralregierung hob die ihren eigenen Tendenzen widersprechende Verfug"1111!? des Korpskommandanten durch eine Oe genorder auf. Noch vor Eintreffen dieses Befehles aus Konstantinopel war aber durch den Kaimakam von Jaffa der Ausweisungsbefehl gegen 600 Juden zur Ausführung gebracht worden, die auf einem, gerade aus Jaffa auslaufenden neutralen Schiff nach Aegypten abfahren mußten. Um diese Ausweisung zu verhindern, kam die Order aus Konstantinopel zu spät; aber sie bekundete doch den lokalen Behörden in entschiedener Weise, daß die Konstantinopel er Zentralregierung auch die ausländischen Juden Palästinas wohlwollend behandelt haben will. Zum Gedächtnis Willy Greifenhagen - Hugo Zuckermann Es ist notwendig, ,daß über Greifenhagen sich jemand äußert, der sein Wirken nicht aus nächster Nähe beobachten konnte. Manche Einzelheiten mögen dem Fernstehenden entgangen sein, dafür konnte er das Wichtigste um so nachdrücklicher erkennen. Greifenhagen war mir zunächst als Turner und zionistischer Redner bekannt. Ich wußte, daß er als Referendar, das heißt also in politischer Hinsicht als Mensch mit gebundenen Händen, in einer als schwierig bekannten Großstadt unbekümmert einen Kreis junger jüdischer Turner an sich fesselte und vorwärts führte auf jüdischer Bahn. Er hatte keine anderen Hilfsmittel als seinen kraftvollen Lebensmut und sein jüdisches Pflichtgefühl, aber diese beiden waren unerschöpflich. Daneben war er Redner in zionistischen Vereinen. Es hat ja jetzt keinen Zweck mehr, seine Rednergabe zu rühmen, aber wenn man sich sein Bild vor die Seele stellen will, kann man nicht darüber hinweggehen, mit welchem hohen Pflichtgefühl er sich dieser Aufgabe widmete. Bis unmittelbar vor dem Assessorexamen stand er in jeder Stadt zur Verfügung. Niemand hätte es ihm in dieser Zeit verdacht, wenn er sich damals vorübergehend zurückgezogen hätte; man muß doch leben, an seine Zukunft denken. Greifenhagen kannte keine andere Richtschnur als sein jüdisches Pflichtgefühl. — Der Ausdruck ist übrigens nicht umfassend genug. Man denkt dabei an das lastende Bewußtsein jüdischer Not, das ihn nie verließ, an den seelischen Zwang, rastlos nach seinen reichen Kräften zu helfen, um das Judenvolk wieder auf adlige Höhe zu heben. Aber in seinem Pflichtgefühl lebte noch eine ungeheure Tatfreudigkeit und das Bewußtsein seines Wertes. Sie haben ihm seinen harten Lebens- und Pflichtenweg etwas erleichtert. Kaum hatte er seine Anwaltstätigkeit begonnen, übernahm er eine Aufgabe, die ihm allein schon unser stetes treues Gedenken sichern wird; die Vorbereitung des jüdischen Turnfestes zum XL Kongreß. Ich will midi nicht in Einzelheiten verlieren, aber ich sehe vor meinem geistigen Auge noch den gewaltigen Zug kraftvoll disziplinierter Turner und Turnerinnen aus allen Ländern in stolzer Einheit an den jubelnden hoffnungsvollen Zuschauern vorbeiziehen. Und ich höre noch die löwenstarke Stimme Greifenhagens, der in Worte faßte, was wir alle empfanden. Er kehrte zur Alltagsarbeit zurück, seiner Berufsarbeit und seiner jüdischen Tätigkeit, die ihn fast jeden Abend in Anspruch nahm. Er wartete nicht, bis er sich eine behäbige Existenz gesichert hatte. Aus alledem riß ihn der Krieg, der ihn in die vordersten Reihen der Kämpfer stellte. Als er erkrankte und sich in Oberschlesien aufhielt, hatte ich die Freude, noch einmal einen Abend mit ihm zusammen zu sein. Seine etwas ironische Art, — die ihm hinweghalf über den schreienden Gegensatz zwischen seinen Zielen und der Wirklichkeit — schien noch gewachsen. Allmählich fiel sie von ihm ab und es war nicht schwer zu erkennen, wie das verhaltene Feuer seiner Tatkraft an seinem Innern zehrt«. Jetzt ist es erloschen. Bis zu seinem letzten Augenblick ist er sich treu geblieben. Sein Wesen war: ohne Hoffnung auf Dank an exponierter Stelle seine reiche Kraft und seinen glühenden Opfersinn in den Dienst unserer Sache zu stellen. Er ist jung gestorben; aber ist seinem Judentum nichts schuldig geblieben. Daß doch dieser Gedanke ihm den Tod erleichtert hätte! K ö n i g s h ü 11 e. Lachmann. Als ich in der Chanukah-Nummer der ״Jüdischen Zeitung“ das Makkabäergedicht unseres Hogo Zuck er man 11 las, diesen wuchtigen, aufpeitschenden Ruf an uns, trübte meine freudige Erregung ein Vers, der mich bitter ernst stimmte. Er sagt in dem Liede, daß er ״sein rotes Blut vergossen“ — und es gab für keinen, der diesen vierschrötigen, linkischen Makkabäer 5675 Dies Gedicht unseres gefallenen Gesinnungsgenossen veröffentlichte die ״Jüdische Zeitung“ kurz vor seinem Tod, am 11. Dezember 1914. Heute darf ich den Genossen Makkabäerlieder sagen, Weil ich selbst ein Schwert getragen Und mein rotes Blut vergossen. Heute keine Siegeslieder, Heute keine Freudenkerzen, Beugt euch mit zerrissnein Herzen Zur entweihten Erde nieder. Noch ist nicht die Zeit vollendet, Noch ist nicht das Land gereinigt, Noch wird unser Volk gesteinigt, Unsere Tempel sind geschändet. Keiner festlich hellen Stuben Sieben,armig Lichterschimmern, Ueber Scherben, Schutt und Trümmern Raufen sich zerlumpte Buben. ln den vveihedunklen Schulen Stampfen die Kosakenrosse, Nach dem Lied der letzten Posse Walzen zwei betrunkne Buhlen. Unter der Granaten Pochen, Die dien Friedhof gut getroffen — Alle Gräber gähnen offen — Speit die Erde Totenknochen. Darum keine Siegeslieder, Darum keine Freudenkerzen, Beugt euch mit zerrissnem Herzen Zur entweihten Erde nieder. In. die harten Fäuste pressen Sollt ihr fest zwei Erdenbrocken, Meine Rechte werde trocken, Könnt ich deiner je vergessen, Deiner Seufzen, deiner Tränen, Deiner Schwären, deiner Schande, Judenvolk im Polenlande, In dem Rachen der Hyänen. Wer ein gutes Schwert kann schwingen, Wer noch kann die Büchse tragen, Wer da kann die Trommel schlagen, Soll den Arm zum Opfer bringen. Wer die Berge kann bezwingen, Wen ein flinkes Roß getragen, Wer sich auf den Mast will wagen, Soll die Beine uns verdingen. Eure Künste, euer Streben, Eure festen. Daseinsplätze, Eure Häuser, eure Schätze Heischen wir und: Euer Leben. Euer Leben, daß nicht sterbe Väterart und Vätererbe. Macht den Tempel wieder rein, Laßt uns Makkabäer sein! Dr. Hugo Zuckermann. Mann, dieses engelreinc Menschenkind, kannte, einen Zweifel darüber: den hat’s draußen im vereisten Schützengraben getroffen, der dichtet nicht tausend Kilometer hinter der Front den Traum des Reserveleutnants in der Gefechtspause, wie ein Hans Müller, der fängt nicht im Spitalshof unter den verstümmelten Rekonvaleszenten Stimmungen ein, wie ein Stephan Zweig, der hat dort, auf der russischen Erde, den Tribut gezahlt . . . Dann hörten wir, die Verwundung sei nicht gefährlich, bis plötzlich aus Egcr die Todesnachricht kam. Patroklus liegt begraben und Thersites hockt in den Wiener, Berliner, Budapester Kaffeehäusern und schändet die Majestät des Kriegertodes mit hundert״ tausend Feuilletons und Gedichten . . . Nicht trauern! Wie herrlich leuchtet uns seine Treue zum neuen Judcntume, wie hat er doch alle die Jahre seit dem Auftreten Theodor Herzls mit Hingabe der jiidischen Renaissance gedient, wie hat dieser schwerfällige, wortarme Brummer einen reichen Born ganz heimlich in der Brust getragen und — Elire seinem Angedenken! — hat es zeitlebens nicht erlernt, auf den Literatenbörsen zu spekulieren und sich ״durchzuringen“, blieb still und unbekannt, aber adelig, untadelig, bis ein Zufall ־- das jetzt siebenmal vertonte ״Oesterreichische Reiterlied“ — die Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Nicht trauern! Er zog mit Begeisterung in den ״Rachezug für Kischinew“ (wie er auf einer Feldpostkarte den Krieg gegen Rußland nannte), er fiel als Held, ein Lied auf den Lippen, das unsere Jugend wie ein teures Vermächtnis weitertragen wird und seine stolze, frohe Hingabe wird die abertausenden jüdischen Krieger durch Not und Tod geleiten. Hugo Zuckermann, du edler, junger Jude! Du hast in Demut und Inbrunst für dein Volk gelebt, du bist in Schönheit gestorben, rein bist du geblieben, nichts trübt die geheiligte Erinnerung an dich, du geliebter, unvergeßlicher Weggenosse — wir preisen dich glücklich! (Jüd. Ztg.) Otto Abeies. Aufruf des ״Jüdisches Kriegsarchiv“ 'Jüdische Mitbürger! Der gegenwärtige Weltkrieg ist sicherlich ein Markstein auf dem Entwicklungswege der Menschheit. Auch wir Juden machen darin keine Ausnahme. Wir stehen vor großen Wendungen unseres Schicksals. Zum Guten oder zum Bösen — je nachdem wir uns der Situation gewachsen zeigen oder nicht. Es kann kein Zweifel mehr sein, daß alle Feinde und Neider der Judenschaft emsig an der Arbeit sind, um aus dem Kriege Materiale gegen uns zu sammeln, und daß sofort nach dem Kriege eine alles Dagewesene überbietende Agitation gegen uns einsetzen wird. Die Anzeichen hierfür sind vorhanden, denn schon jetzt setzt eine, an die niedrigsten Instinkte sich wendende Agitation ein. Dieser Gefahr gilt es zu begegnen. Und wir können es, weil wir uns in diesem Krieg über alle Erwartung hinaus bewährt haben. Nicht nur sind auf den Schlachtfeldern selbst hervorragende Leistungen von jüdischen Soldaten vollbracht worden, sondern es hat sich ganz besonders auch unsere rückhaltlose patriotische Treue als ein Faktor von wirklich staatserhaltendem Wert erwiesen. Aber die Tatsachen allein genügen nicht. Zu leicht entschwinden sie dem Gedächtnisse der Völker und Maßgebenden, umsomehr als unsere wühlenden Feinde darauf hinarbeiten, sie zu verdunkeln. Wir müssen sie daher für ewige Zeiten feststellen. Bis in die letzten Details müssen wir alle Vorkommnisse buchen, die unser Verhalten in diesem Kriege, sowie überhaupt gegen den Staat und das Verhalten aller Staatsfaktoren gegen uns betreffen. Mit einem Worte, wenn wir in unserem Kampfe gegen das Uebelwollen und für unser volles Recht gerüstet sein wollen, dann müssen wir das ״Jüdische Kriegsarchiv“ schaffen. Jüdische Mitbürger! Wir Gefertigte sind überzeugt, daß Ihr alle die Notwendigkeit dieser Gründüng einseht und wir dürfen daher auch hoffen, daß Ihr uns helfen werdet, sie durchzuführen. Hierzu benötigen wir vor allem Eure wertvolle Mitarbeit und gelegentlich für das Archiv bestimmte Mitteilungen. Aber wir erlauben uns auch darauf aufmerksam zu machen, daß eine Aufgabe, wie die oben geschilderte, nicht ohne beträchtlichen Aufwand erfüllt werden kann. Es ist eine regelmäßige Amtsführung erforderlich, die sich auf dem ganzen weiten Gebiete der heutigen Ereignisse nichts entgehen lassen darf, was mit dem jüdischen Interesse zusammenhängt. Daher müssen wir Gefertigte an Eure Mithilfe auch nach der Richtung appellieren, daß Ihr Euch entschließt, zur Deckung unserer Kosten unserer Aktion beizutragen.

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