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Jüdische Rundschau · 1915-01-08 · Heft 2 (8.1.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 2 (8.1.1915)
Date
1915-01-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 J U E Dl SC H E RUNDSCHAU Nr. 2 Zionistisches Pflichtbewußtsein Offener Brief Drei Briefe 1. Prag-Karolinenthal, 28. 12. 1914, A11 das löbl. Actions-Comite der Zionistischen Organisation Die großen und mannigfachen Opfer, die uns wohl Allen der Krieg auferlegt, dürfen uns die Pflicht gegen unsere Organisation nicht vergessen lassen, und so gestatte ich mir schon jetzt meinen Ja 11 res - beitrag zum Zentral fonds pro 1915, im Betrage von K. 100,— , per Postsparkassa zu überweisen. Hoffentlich "bringt uns ein guter Frieden bald die Möglichkeit neuer ausgiebiger, fruchtbringender Tätigkeit. Mit vorzüglicher Hochachtung und Zionsgruß Anton Glaser. II. B., den 3. Januar 1915. An die Zionistische Vereinigung für Deutschland t Sehr geehrte Herren! Auf Ihr Rundschreiben wegen des Jahresbeitrag es pro 1915 erwidere ich Ihnen, daß ich darin den Hinweis darauf vermisse, daß jeder, der jetzt noch in seinen vier Pfählen sitzt, es für seine unbedingte Pflicht halten sollte, seine Beiträge für alle zionistischen Zwecke um soviel zu erhöhen, als er nur irgend zu zahlen imstande ist. Selbst wenn seine wirtschaftliche Lage jetzt eine vielleicht minder gute ist, als zu anderen Zeiten, so ist eine noch so große Mehrleistung an die Organisation doch noch lange nicht den Opfern entsprechend, die so viele unserer Freunde jetzt draußen im Felde auf sich nehmen müssen, und die daher außerstande sind, unserer Organisation die ihr sonst geleisteten Beiträge zukommen zu lassen. Was der Organisation dadurch verloren geht, müssen die zuhause Gebliebenen ersetzen. Ich erhöhe daher meinen im vorigen Jahre gezahlten Beitrag fürdie Landsmannschaft von M. 20,— für dieses Jahr auf M. 50,— und stelle Ihnen anheim, Vorstehendes ohne Nennung meines Namens in der ״Jüdischen Rundliehen. Mit Zionsgruß H. S. 111. Menin, 27. 12. 1914. An die Zionistische Vereinigung für Deutschland Empfangen Sie für Ihr Chanukahpaket meinen innigsten Dank. Ich bekam es zwar erst zum ״heiligen Abend“ ausgehändigt, aber deshalb war die Freude nicht kleiner. Besonderen Spaß hatte ich daran, daß so vielerlei in dem Paket war, und zwar nicht nur Wolle und Eßwaren, sondern auch Fuß- Streupulver, Vaseline, Hustenbonbons, Seife und sonstiges, was den jüdischen Spender verriet. Solange wir hier im Quartier bleiben, lasse ich alles beieinander in der Schachtel und krame täglich darin herum, mit Freude und zugleich mit Wehmut; mit Freude über die Gabe der Juden an den Juden und zugleich mit Wehmut darüber, wie unsere Brüder im russischen Heer und in den von ihm besetzten Gebieten dulden und darben müssen. Die Befriedigung über die von Ihnen aufgewandtc Arbeit und Kosten wird, wie ich hoffe, dadurch nicht geringer werden, wenn ich sage, daß der Inhalt der einzelnen Sendüngen in sehr vielen Fällen keine dringenden inaterielien Bedürfnisse zu stillen vorfand. Denn der deutsche Soldat wird von Heeres wegen schon mit allem Nötigen gut versehen. Nur für die seelische Not ist in den Magazinen der Intendantur kein Kraut vorhanden. Da greifen die Liebesgaben aus der Heimat ein und wirken lindernd gegen die gewaltigen geistigen Spannungen, in denen ein jeder an der Front ständig lebt. Und wenn, wie bisher, die Gaben so reichlich fließen, so gibt das eine Gewähr dafür, daß zu Hause keine große Not herrschen kann unter den Familien der ins Feld Gezogenen. Wie gesagt, uns an der deutschen Front geht nichts ab, was man billigerweise im Krieg verlangen kann; wenden Sie doch nur Ihre ganze Aufmerksamkeit den flucht i g e n Kindern aus Ostpreußen, Belg i e 11, Ci a I i z i e n , Pole n usw. zu, die vor den mannigfaltigen Schrecken des Krieges fliehen mußten. Dort gibt es seelische und körperliche Not. Dorthin nun Ihre Gaben! Wir hier im Felde brauchen fast kein Geld, ein Aufruf von Ihrer Seite brächte Ihnen sicher manchen Beitrag für Ihren Hilfsfonds aus der Zahl der von Ihnen beschenkten Soldaten. Ich erlaute mir, Ihnen meinen Beitrag von 100 M. zuzusenden. Mit Zionsgruß Assistenzarzt Dr. Fr. an ״The American Hebrew“ in New York Von Rabbiner Dr. Arthur Levy, z. Zt. Lodz. Unser Gesinnungsgenosse, Rabbiner Dr. ArthurLevy - Berlin, der als Feldprediger bei der deutschen Armee im Osten steht hat schon reichlich Gelegenheit gehabt, sich mit den Schicksalen der Juden in Polen zu befassen. Sein offener Brief an die bekannte Zeitschritt der amerikanischen Juden, den er uns aus Lodz zur Veröffentlichung schickt, kann nicht unbeachtet bleiben: er berichtet T atsachen. Ich bekomme ins Feld, wo ich als Rabbiner für die jüdischen Soldaten einer deutschen Armee tätig bin, die Nachricht zugesandt, daß in Ihrem Blatt eine Notiz gestanden habe, die die bekannten Taten der Russen in Radom, über die s. Z. das Berliner Tageblatt berichtet hat, in ihrer elementaren Wucht abzuschwächen und die Schuld von den Urhebern abzulenken sucht. Ich bin der eigentliche Autor jenes Berichtes, habe also an seinem Inhalt und Schicksal alles Interesse und erlaube mir daher, Ihnen hiermit feierlich und mit dem ganzen Ernst unserer blutigen Zeit zu wiederholen: Es ist leider buchstäblich wahr! Die Russen haben in Radom die unschuldigen Juden ohne Gerieht und ohne Urteil aufgehängt, darunter einen, Mann, den Sohn des in ganz Polen berühmtenA l e x a n d e r R e b b e, der von der ganzen Gemeinde w׳ie ein Heiliger verehrt wurde, der seine Tage, hinter dem Talmud sitzend und seinen frommen Gedanken nachgrübelnd, in bescheidener Zurückhaltung und Selbst- Vertiefung verbrachte und sich nicht kümmerte um die Händel dieser Welt. Ich selbst habe Gelegenheit gehabt, eine der unglücklichen Witwen in Radom zu sprechen. Versteinert und starr in ihrem Schmerz saß sie vor mir; mit einer Ruhe, die mir das Herz ergriff, nahm sie ihr grausiges Geschick als eine Fügung Gottes hin, und, wenn das zerrissene Herz aufschreien wollte vor wahnsinnigem Weh, lehrte sie ihr frommer Sinn, in Gottes Namen zu dulden und sich seinem Willen zu fügen. Und mit einem nervösen Zucken um den Mund erzählte sie mir mit gedämpfter Stimme von dem namenlosen Unglück, das sie getroffen, und den Männern, die durch Henkershand gefallen: ״Mein Schwager —. der Sohn des Alexander Rebbe — war ein edler Mensch, eine stille Natur, ein göttlicher Mann; warum man sie hängte? — — Fragen Sie den polnischen Denunzianten, der diesen dreifachen Mord auf dem Gewissen hat.“ Ueberhaupt, das Herz krampft sich mir zusammen, wenn ich hier in Polen sehe und höre, welch entsetzliche Gew׳alttaten an den Juden im Laufe dieses Krieges von den Russen verübt worden sind und tagtäglich verübt werden. Die Progrome früherer Zeiten sind ein Nichts gegen die rasende Vernichtung jüdischer Häuser und jüdischen Lebens, die mit dem russischen Heere sich durch ganz Polen wälzt, mit ihm vorwärts, mit ihm rückwärts geht und es begleitet wie ein drohender Schatten. In mehr als 215 Ortschaften wurde bisher pogromiert, und es ist kein Ende dieses Schreckens abzusehen'. Ich will aber ins Einzelne gehen und Ihnen Tatsachen berichten, nackte Tatsachen, deren Wucht sich niemand wird verschließen könneii und die sieh durch keinerlei Schönfärberei aus der Welt schaffen lassen. In Staschew wurden am Jaunt Kippur elf Juden in Tallis und Kittel in der Synagoge aufgehängt. In Klodowa wurden zwei der angesehensten Juden an einem Freitag Abend, als die Juden aus der Synagoge kamen, am Balkon des eigenen Hauses aufgeknüpft, nachdem die Frau des einen selber die Stricke hatte herbeiholen müssen. Vienmdzwanzig Stunden mußten die Leichen hängen bleiben und die Juden der Nachbarschaft durften die Fensterläden nicht schließen, damit sie sich dem entsetzlichen Anblick nicht entzögen. Auf die Brust hatte man den Getöteten einen Zettel mit der Aufschrift geheftet: ״Gehängt, w׳eil sic ein Dreirubelstück nicht wechseln wollten.“ In Lene zy c a war eine Bürgerwehr eingerichtet, in der 70 ״« Juden organisiert waren. Als das russische Militär nach Lcnczv ca kam, wurden sämtliche Juden sofort aus der Miliz entfernt, und in derselben Nacht haben Kosaken geplündert und mißhandelt — nur in jüdischen Häusern. ln Schidlowice haben sich jüdische Mädeben in den Pilizer Teich geworfen, weil sie geschändet worden waren und diese Schmach nicht durchs Leben tragen wollten. In Ostrowice forderten die Kosaken die Auslieferung des Rabbiners Z a d d i k K a 1 i s c h e r, der gehängt werden sollte, weil er angeblich die Oesterreicher begünstigt hatte, ln Wirklichkeit war er zusammcu mit dem polnischen Geistlichen den österreichischen und den deutschen Truppen so wie früher den russischen entgegengegangen und hatte um schonende Behandlung der Einwohner gebeten. Da der Rabbiner sich versteckt hielt, warteten die Kosaken den herannahenden. Jaum Kippur ab und umzingelten die Synagoge, um dort den Rabbiner gefangen zu nehmen. Als sie im Begriff waren, in das Bethaus einzudringen, zogen die Deutschen in Ostrowice ein und die Kosaken flüchteten, nachdem sie vorher FI aus und Hof des Rabbiners zerstört hatten. Am 4. Dezember, während des Freitag-Abend- Gottesdienstes, kam in Petrikau der Gouverneur mit Polizisten in die Synagoge, ließ sämtliche Torarollen aus der heiligen Lade entfernen und diese nach einem geheimen Telephon durchsuchen, das die Juden dort untergebracht hätten. ln Klescew wurden 150 Juden als Spione verhaftet und nach Warschau geschleppt. Aus Zyrardow, Pruschkovv, Bialobrzeg, Iwangorod, Grodzisk, Skiernewice und vielen anderen Orten wurden sämtliehe Juden fortgejagt. InSkiernewice traf sie der Ausweisungsbefehl am Freitag Abend, als sie gerade die Sabbathlichter angezündet hatten. Und so gingen die 10 000 Skiernewiccr Juden aus ihren Häusern, ließen Licht und Challoh zurück und zogen,, der Rabbiner an ihrer Spitze, hinaus ins Dunkel der Nacht. Die Grodzisker Juden wollten sich nach Warschau wenden und baten durch eine Deputation um Erlaubnis. Der General hieß sie nach dem linken Weichsehifer gehen, und, da sie ihm antworteten, das wäre dasselbe, wie in die Weichsel gehen, meinte er zynisch: das wäre das allerbeste. In Lovvicz wurden zwei junge Juden, Sandbürg und Frankel aus Z g i e r z , wegen angeblicher Spionage nach vorheriger Verstümmelung des einen aufgehängt; dasselbe Los wurde dem äugesehenen Getreidehändler Moses L i p s c h i t z zuteil, weil er — vor dem Kriege! — nach Deutschland Geschäfte gemacht hatte. In Bechawa (Lubliner Gouv.) wurden im Oktober achtundsiebzig Juden an einem Tage wegen ״Spionage“ aufgehängt. In Kramostaw (Lubliner Gouv.) wurden viele Häuser eingeäschert, die Juden (200 Familien) zum* großen Teil mit Frauen und Kindern, vertrieben. In Lodz sind '15 000 Kleinhändler ihrer Habe beraubt und zu Bettlern gemacht worden. Lodzer Frauen wollten ihre verwendeten Männer in den Lazaretten in Petersburg und Moskau besuchen. Es wurde ihnen verboten, weil diese Städte nicht im Ansiedlungsrayon liegen. In Zdunska Wola wurden sämtliche Frauen und Mädchen geschändet, selbst eine Wöchnerin am dritten Tage ihrer Niederkunft und Kinder von 6 und 5 Jahren blieben nicht verschont. Eine Frau, deren Mann im Krieg war, starb an den Folgen einer Vergewaltigung. Bald darauf kehrte der Mann verwundet heim. Er fand sein Kind Ohne Mutter und seine Frau von einem ״Kameraden“ zu Tode geschändet. Dies ein kurzer Ausschnitt aus dem Bild der unerhörten Judenverfolgungen hier zu Lande, das ich in seinen markantesten Zügen Ihnen wiederzugeben für meine Pflicht halte, für meine Pflicht gegenüber der Wahrheit, der Kultur und dem Judentutn; denn ״Du sollst nicht stehen bleiben bei dem Blut deines Nächsten“. — Lodz, den 24. Dezember 1914. Rabb. Dr. Arthur Levy, z. Zt. im Felde. Die russischen Juden in Palästina Von den hunderttausend Juden Palästinas waren die Mehrzahl russische Untertanen geblieben, da unter der Herrschaft der Kapitulationen die russischen Konsuln sich weigerten, diese Juden aus dem russischen Staatsverband zu entlassen. Sie mußten also in der Türkei russische Staatsangehörige bleiben. Die türkische Regierung, der die Gesinnungen dieser jüdischen Einwohner für die Türkei wohl bekannt waren, bewies der durch den Ausbruch des Krieges mit Rußland in eine schwierige Situation geratenen Bevölkerung ihr Wo 111 - wollen, indem sie ihr eine Massennaturalisation ermöglichte, bei der von der gesetzlich vorgeschriebenen Bedingung eines vorhergehenden fünfjährigen Aufenthaltes in der Türkei abgesehen wurde. Sofort ließen sich mehrere tausend Juden naturalisieren. Wenn sich zahlreiche Juden in Palästina noch nicht naturalisieren ließen, so liegt dies an der relativ hohen Naturalisierungsgebühr (40 Franks pro Kopf). Wahrend aber von Seiten der Regierung auch die noch nicht Naturalisierten nirgends behelligt wurden, bereiteten leider die lokalen Behörden dadurch

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