Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 1 Und er wird tragen ein Banner zu den Völkern und wird zusammenbringen die Verstoßenen Israels und die Verstreuten Judas wird er einsammeln von den vier Enden der Erde.“ Vom jüdischen Flüchtlingselend in Oesterreich Der Krieg hat über Oesterreich-Ungarn ein viel größeres Flüchtliiigsdend gebracht, als über das Deutsche Reich. Man wird nicht zu hoch greifen, wenn man die Zahl der vor den Russen aus (ializien und einigen ungarischen Komitaten Geflüchteten auf nicht viel weniger als eine halbe Million schätzt. Dazu kommt, dal! es hauptsächlich sehr arme Leute sind, um die es sich handelt, ob sie nun schon früher nichts besaßen, oder alles durch die notgedrungene schnelle Flucht verloren. Am meisten ist Wien in Mitleidenschaft gezogen, das zurzeit weit über 100 000 Flüchtlinge beherbergt, wovon allerdings ein gewisser. Teil nicht mittellos ist. Beträchtliche Ziffern weisen Ungarn selbst, sowie vor allem Böhmen und Mähren auf. Was nun die Lage dieser Flüchtlinge seihst betrifft, so kann sie bei der furchtbaren Entwurzelung aus den gewohnten Bedingungen keine gute sein. Aber sie brauchte nicht so schlecht zu sein, wie sie an manchen Orten tatsächlich ist. Die österreichische Regierung ist ja von den besten Intentionen erfüllt und bemüht, dem Unglück nach Möglichkeit zu begegnen. Leider aber scheinen manche untergeordnete Organe wie auch ein Teil der Bevölkerung nicht geeignet, diesen Intentionen gemäß zu handeln. Man vergißt, daß der Flüchtling der Märtyrer für die Sicherheit der übrigen Bevölkerung ist und geht nicht immer so mit ihm tun, wie er es verdient. Insbesondere ist an vielen Orten das Unterkunftswesen durchaus unzulänglich, -- um keinen stärkeren Ausdruck zu gebrauchen. Viel zu wenig ist bisher noch die Mithilfe der ganzen breiten Gesellschaft für die großen Aufgaben der Flüchtlingsfürsorge organisiert. Und andererseits haben doch schon die Fürsorgeaktionen, die an einzelnen Orten ׳/.. B. von Zionisten durchgeführt wurden, gezeigt, daß sich schon mit einigen Mitteln Ungeheures erreichen läßt, wenn die unbeirrbare und uneigennützige Triebkraft vorhanden ist. Allerdings: Liebe und Geduld und Großzügigkeit muß vorhanden sein. Von dem ostpreußischen Muster könnte man übrigens auch in Oesterreich viel lernen. lieber die Flüchtlingsfürsorge in Wien unterrichtet ein Artikel der Wiener ״Jüdischen Zeit u n g“: ״Das Elend der armen, aus ihren Wohnstätten vertriebenen Flüchtlinge ist zur Genüge besprochen. Seine Größe ist wohl allgemein anerkannt worden. Mit Worten des Bedauerns und des Mitleides wurde an keiner Stelle gespart. Aber darüber hinaus ist bisher blutwenig getan worden. Diese Behauptung steht zwar im Gegensatz zu den Lobesartikeln in der Presse, aber sie ist nichtsdestoweniger richtig. Was Wien betrifft, so haben sich nur wenige Faktoren bemüht, ihren Pflichten gegenüber den Flüchtlingen gerecht zu werden. Eine gründliche und umfassende Tätigkeit haben nur die Regierung und die Zionistische Organisation entfaltet. Der gute und ernste Wille der obersten Regierungsstellen verdient unsere volle und ganze Anerkennung. Wenn bei der Staatliehen Fürsorgeaktion Mißstände zutage treten, so sind sie in den meisten Fällen auf das Versagen untergeordneter Stellen zurückzufiihren, bei der Leitung ist ehrliehe und arbeitsfreudige Hilfsbereitschaft vorhanden. Die Z i o 11 i s t i s c h e O r g a n i s a t i o n hat mit den geringsten Mitteln und unter Ueberwindung der größten Hindernisse einfach Hervorragendes geleistet. An ihrer Tätigkeit kann man so recht erkennen, daß Verständnis, nationales Mitempfinden und politische Schulung mehr ins Gewicht fallen, als Millionenspenden. Die zionistischen Stellen sind Muster- Institutionen. Die von den Zionisten geleitete R e c h t s s c h u t z s t e 11 e hat Tausenden zu ihrem Rechte verholten, bereits Hunderttauseiide an Volksvermögen gerettet, t »er Zionistische Kindergarten, die I 111 e r v e n t i o n s s t e 1 I e , das Unterstütz u n g s b u r e a 11 u. dgl. nt., sind Einrichtimgen, die in der kurzen Zeit den Flüchtlingen unschätzbare Dienste geleistet haben. Das Krank c 11 a m b u 1 a t o r i u in , das in den wenigen Tagen seines Bestandes bereits von Tausenden frequentiert wurde, ist in seiner Art unerreicht. Es ist unmöglich, die Fülle von Tätigkeit, welche heute von unserer Organisation ausgeht, erschöpfend zu schildern. Mit Stolz sei mir konstatiert, daß sich unsere Organisation voll und ganz bewährt hat. Von anderen Faktoren sehen wir lediglich die Alliance, den Verband der galizischen Vereine in Wien und einige humanitäre Vereine im Hilfswerke tätig. Der größte Teil der Wiener Judenschaft, insbesondere die begüterten Juden, stehen abseits. Vielleicht weniger durch eigene Schuld, als vielmehr durch den Umstand, daß die oberste Repräsentanz — die Wiener Kultusgemeinde in dieser schweren Zeit vollständig passiv geblieben ist. Wir haben bereits berichtet, daß der Wiener Kultusvorstand den Antrag des zionistischen Vertreters, in die Hilfsaktion einzutreten, abgelehnt hat. Die Ablelinung wurde seitens des Präsidiums mit der prinz i p i e I I e n Erklärung motiviert, daß die Versorgung der Flüchtlinge lediglich der Regierung obliege und die Kititusgemeinde sich mit dieser Angelegenheit nicht zu befassen habe. Auch eine Intervention bei den reicheren Steuerträgern wurde abgelehnt. Daß unter solchen Umständen die reichen Wiener Juden, die sich auf anderen Gebieten der Kriegsfürsorge gebefreudiger gezeigt haben, für die jüdischen Brüder so blutwenig tun, wird fast begreiflich. Was bis jetzt für die armen Flüchtlinge von jüdischer Seite gegeben wurde, kommt fast ausschließlich aus den Taschen des Mittelstandes und der Armen. Diese Bevölkmmgskreise erfüllen ihre!*flicht. So darf cs aber nicht bleiben. Das Elend wird immer größer. Die Wiener Kultusgemeinde und die reichsten Wiener Gemeindemitglieder müssen endlich aus ihrer durch nichts gerechtfertigten, kaltherzigen Reserve heraustreten. Sie verletzen sonst ihre primitivste Pflicht als Juden und als Menschen.“ Für den Roten Halbmond ln! Einvernehmen mit dem Zionistischen Zentralkomitee für Westösterreich bereitet der ״Zionistische Herzl-Klub“ in Wien eine hebräische Theatervorstei- I u n g vor, deren Reinerträgnis dem Roten Halbm o 11 d zufließen soll. Zur Aufführung wird das historische Drama ״Makkabäer“ von Libuschitzky gelangen. Abgesehen von dem Ereignis einer hebräischen Theateraufführung in Wien, ist es ein Zeichen besonderen Entgegenkoinmens von seiten der höchsten türkischen Kreise, daß Seine Hoheit der Botschafter des kais. ottomanischen Reiches, Hussein H i l in i Pascha, das Protektorat der Veranstaltung übernommen hat. Die Theateraufführung findet am 9. J a - nuar 1915 im Lustspieltheater statt. (Vorverkaufskarten im Zion. Zentralbureau, II., Zirkusgasse 33.) Austritt Jacob H. Schiffs aus der Japanischen Gesellschaft (Von unserem Berichterstatter.) ~ New York, 2. Dezember. Jacob H. Schiff hat seine Mitgliedschaft in der Japanischen Gesellschaft niedergelegt, indem er als Grund dafür seine Sympathie für Deutschland angibt, dem Japan den Krieg erklärt hat. Inden! Herr Schiff so aus der Japanischen Ge- Seilschaft ausscheidet, einer Organisation von Jap&nern und Amerikanern, welche freundschaftliche Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Japan befördern soll, bricht Herr Schiff gleichzeitig mit einer der stolzesten Traditionen seines Bankhauses. Zur Zeit des russisch-japanischen Krieges war es die finanzielle Unterstützung der Firma Loeb Kuhn K Co., welche Japan in den Stand setzte, der Macht des Zaren erfolgreich entgegenzutreten. Herr Schiff und seine Teilhaber machten für Japan hier ein Darlehen vor! 75,000,000 Dollar flüssig. Der aus der Gesellschaft ausscheidende jüdische Bankier spricht öffentlich sein Bedauern aus, daß Japan auf derselben Seite wie Rußland ficht. Es wird daran erinnert, daß cs bald nach dem Vertrag von Portsmouth mit den Friedensbedingungen nicht zufrieden war. Oscar S. Strauß, der frühere amerikanische Botschafter in Konstantinopel und Bruder unseres bekannten Gesinnungsgenossen Nathan Strauß, trat zu gleicher Zeit wie Herr Schiff aus der Japanischen Gesellschaft aus und gab als Ursache hierfür gleichfalls seine Sympathie für Deutschland an. Freilassung galizischer Juden in England? Auf einer Versammlung der Board of Deputies, die Ende November in London stattfand, wurde angekündigt, daß der Board zusammen mit der Anglo- Jewish Association jetzt Vorbereitungen für die eventuelle Entsendung einer jüdischen Abordnung zu der künftigen Friedenskonferenz trifft, wenn jüdische Interessen zu verteidigen sein sollten. Der Zweck dieser Teilnahme wäre, die Zukunft der Juden in den osteuropäischen Ländern, in der Türkei und in Persien zu sichern. Der Präsident des Board brachte auch die Zusicherungen zur Kenntnis, die er von der englischen Regierung betreffs jüdischer Angelegenheiten erhalten hat. Die internierten Rabbiner deutscher und österreichischer Abstammung sollen aus den Konzentrationslagern befreit werden, wo die Angehörigen der feindlichen Staaten jetzt gefangen gehalten werden. Alle jüdischen Kriegsgefangenen sollen koschere Verpflegung erhalten. Die Regierung zieht auch jetzt die Möglichkeit in Erwägung, alle gefangcnen galizischen Juden in Freiheit zu setzen. Trotz des Widerspruchs von Dr. Daiches entschied der Board, daß cs nach einer solchen Zusicherung nicht gerechtfertigt sei, weitere Schritte in dieser Angelegenheit zu unternehmen. ״Jewish World“ (London) schlägt vor, daß die Körperschaften, welche die Unterhandlungen mit den Regierungen auf der künftigen Friedenskonferenz auf sich genommen haben, sich auch der Zustimmung und der Mitarbeiterschaft der Zionistischen Organ!- sation und der Ito versichern sollten, so daß das gesamte jüdische Volk in ihnen vertreten wäre. RUNDSCHAU DER PRESSE Der Londoner ״Standard“ berichtet: ״Der Zerstörungsschrecken, den Polen durch den fortwährenden Durchmarsch deutscher und russischer Truppen zu erfahren hatte, ist unbeschreiblich. In dieser friedliehen, agrikulturellen Gegend, deren kleine Städte eine vorzugsweise jüdische Bevölkerung haben, während die Dörfer mehr von Polen und Litauern bewohnt sind, wird man jetzt meilenweit kein bebaubares Stück Feld finden. Ueberall Spuren des Feuers und der Granaten: kein Baum mehr, keine unangetastete Hütte. Die Bevölkerung zerstreut, umherirrend, jeder Habe entblößt. In Kowno, das in normalen Zeiten eine Bevölkerung von 30 000 Seelen hat, hausen jetzt60 000 Personen, vond enen 70 Prozent Juden sind und 30 Prozent Greise, Frauen und Kinder. Die Lage dieser Juden ist um so erbärmlicher, wenn man bedenkt, daß ihnen die Großstädte sowie die Gouvernements nördlich und östlich von Wilna und Warschau verschlossen sind. Und dies ungeachtet dessen, daß jetzt 300 000 Juden in den Reihen der russischen Armee kämpfen und viele von ihnen Auszeichnungen erhielten, die an Juden gewiß nur für besonders wertvolle Leistungen auf dem Schlachtfelde verliehen werden.“ Die Londoner ״Times“ behandelt in einem Artikel die Eventualität einer Wiederaufrichtung des Königreiches Polens nach dem Kriege und meint, das Schicksal der zahlreichen Juden Polens wäre dann traurig — und die Juden würden dann massenhaft nach Amerika auswandern müssen! Die Feindseligkeiten zwischen Juden und Polen seien zu scharf und ein Ausgleich würde schwer sein. Wenn bis jetzt die gemeinsamen Leiden unter der russischen Autokratie die Judenfeindschaft der maßgebenden polnischen Kreise einigermaßen beschwichtigen konnten, so ist dieser Antagonismus doch sehr scharf und würde im autonomen Polen machtvoll ausbrechen . .. * Die ״Deutsche Tageszeitung“ veröffentlicht am 14. November einen Artikel über ״Feldgottesdienste“. Es ist in diesem Aufsatz davon die Rede, wie alle Soldaten des deutschen Heeres, Soldaten verschiedenen Bekenntnisses, im Felde sich in gleicher Andachtsstimmung zusammenfinden. Es heißt in diesem Artikel: ״Wir haben zu unserer besonderen Freude vernommen, daß auch jüdische Soldaten gern an den christlichen Gottesdiensten teilnehmen, soweit nicht für sie besondere Feiern veranstaltet werden können. In der ״Köln. Zeitung“ lasen wir jüngst den Bericht über eine solche besondere jüdische Feier. Wie dort das gemeinsame Gebet mit seiner Wucht und Kraft geschildert wurde, hat auf uns tiefen Eindruck gemacht. Das ist ja mit die erhebendste Erscheinung in diesem gewaltigen Völkerringen, daß der neu erwachte, vertiefte und verinnerlichte Gottesglaube alle wieder in seinen Bann zwingt. Und dieser Glaube, wie er in den Gottesdiensten zutage tritt, trägt nicht das Gepräge der Oberflächlichkeit, auch nicht das der Angst, sondern das des ehrlichen Empfundenseins.“ Der erwähnte Bericht der ״Kölnischen Zei- 111 n g“ ist der Abdruck eines Feldpostbriefes der ״Jüdischen Rundscha u“, in dem einer unserer zionistischen Freunde ״Jomkippur in der französisehen Kirche“ schilderte. Es handelt sich zwar nicht um eine gemeinsame Andacht; wir freuen uns aber zu hören, welch tiefen Eindruck der zionistische Berieht über den Gottesdienst geübt hat, auch wo wir es kaum erwartet hätten. *