Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2651922-2651923--09953-2667325- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 1 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 lm ״Frankfurter Isr. Familienblatt'‘ widmet öesinnungsgenosse Rabbiner Dr. Wilhelm Lewy-Charlottenburg unserem verewigten Freunde Dr. Karl J e - reniias einen warmherzigen Nachruf, dem wir folgendes entnehmen: . . . ״Den Zentralpunkt seiner geistigen Bestrebungen und all seiner außerberuflichen Interessen bildete das Judentum. Ihm widmete er seine beste Kraft und jede Sekunde seiner freien Zeit. In dieser Tätigkeit fand er seine höchste Befriedigung und die reinste Freude. Unter Judentum verstand er aber nicht nur sein Haus, nicht nur die Gemeinde und Synagoge, sondern weit darüber hinaus die Gesamtheit des Judentums, das jüdische Volk im weitesten Sinne des Wortes. Als die zionistische Bewegung ihre ersten Wellen in Deutschland schlug und immer weitere Kreise unter den jüdischen Akademikern in ihren Bann zog, schloß sich ihr Karl Jeremias sogleich mit glühender Begeisterung an und wurde ihr treuer Soldat bis zum letzten Atemzug. Unter Ucberwindung starker Hindernisse, die nur an seinem lauteren, unantastbaren Charakter zerschellten, schuf er in seiner Heimatstadt Posen eine starke zionistische Gruppe, die der Ausgangs- und Stützpunkt wurde für eine ganze Reihe von ihm oder auf seine Initiative hin gegründeter Ortsgruppen in den ziemlich volkreichen und gut jüdisch gesinnten Gemeinden der Provinz. Ueberall war es sein Einfluß und sein Name, die der nationalen Idee den Weg ebneten und ihr manche für alle Neuerungen unzugängliche Gemeinde öffnete. Wie oft unternahm er selbst erfolgreiche Propagandareisen und Vortragstourneen in die Provinz, um für unsere Sache neue Freunde und Anhänger zu werben, und dank dem großen Vertrauen, das er namentlich in den religiös-konservativen Kreisen der heimatlichen Provinz genoß, wuchs die Schar seiner Gesinnungsgenossen von Jahr zu Jahr. Ausgestattet mit einer klaren, zündenden und dabei vornehmen. Redegabe, wirkten seine Darlegungen selbst auf den Gegner so wohltuend und überzeugend, daß es schwer war, ihm zu opponieren, wie er überhaupt kaum je einen Feind gehabt hat, weil er sich stets der größten Sachlichkeit und Gründlichkeit befleißigte. Unvergessen ist noch sein vortreffliches Referat, das er auf Einladung Theodor Herzls auf dem 5. Kongreß im Anschluß an Max Nordaus Generalreferat ״über die körperliehe und gesundheitliche Hebung des jüdischen Volkes“ hielt. Zahlreiche Artikel in der ״Welt“, ״Rundschau“ und ״Familienblatt“ zeugen von seinem nie erlabmenden Interesse für alle Fragen der jüdischen Gegenwart, für seinen scharfen, durchdringenden Verstand und seine warme jüdische Ueberzeugung. Daß ein Mann wie Jeremias sich mit Eifer der jungen Partei der unter dem Namen ״Misrachi“ zusammengeschlossenen traditionstreuen Nationaljuden anschließen würde, war vorauszusehen. Er nahm an der Ausgestaltung ihrer Organisation, an der literarischen Vertretung ihres Programmes den lebhaftesten Anteil, und gerade von ihm batte die neuerwachte religiös-nationale Renaissance des deutschen Judentums noch viel zu erwarten. Dafür zeugt auch sein fruchtbares Wirken innerhalb seiner engeren jüdischen Umgebung, besonders in der jüdischen Getneinde Posens. Wenn diese Gemeinde trotz einer überwiegend liberal gefärbten Bevölkerung dennoch in ihren religiösen Einrichtungen und Institutionen einen streng konservativen Charakter trägt, so gehört das mit zu den wesentlichen Verdiensten des Verewigten, der mit seiner ganzen Persönlichkeit die Position des traditionellen Judentums verteidigte und sich damit als echter Schüler seines großen Lehrers und Meisters, des Rabbi Wolf Feilchenfeld, ges. And., erwies, indem er gleich ihm bald durch versöhnende Mahnungen die erregten Geister beschwichtigte, bald in Wort und Schrift die Hohlheit und Gefährlichkeit einer assimilationslüsternen Neologie bekämpfte.“ Ein Urteil über die Jüdischen Soldaten Herr Feldrabbiner Dr. Baeck hat dem Vorstände der jüdischen Gemeinde Berlin einen Bericht erstattet, in dem wir folgende bemerkenswerten Ausführungen finden: . . . ״Von den jüdischen Soldaten selbst habe ich in den sechs Wochen, die ich nun bereits hier weile, schon so viele aus den verschiedenen Gegenden Deutschlands und aus den verschiedenen Truppenteilen gesehen, daß es mir vielleicht gestattet ist, ein U rt e i 1 auszusprechen. Ich stütze mich dabei nicht nur auf meine Beobachtungen, sondern auf das Urteil von einigen Offizieren, die sich, ganz unaufgefordert und unangeregt, mir gegenüber aussprachen. Sie rühmten, uneingeschränkt, an ihren jüdischen Mannschaften die Tücht i g k e i t u 11 d Z 11 v e r 1 ä s s i g k e i t, d i e F u r c h t- 1 o s i g k e i t und die stete freiwillige Bereit schaff, wie die Gewandtheit und die soldatische Intelligenz. Das, was ich selbst sah, und was ich aus sonstigen Gesprächen heraushörte, stimmt damit überein; ein gewisser Stolz, mehr als die bloße Pflicht zu tun, Mut, Geschicklichkeit, klarer, offener Blick sind bei fast allen m finden. Auch das konnte ich immer wieder luobachten, daß sie sieh als Kameraden ebenso wie als Vorgesetzte bewähren. Bezeichnend ist, daß sie besonders zahlreich in Vertrauensposteri zu finde״ sind, so als Ordonnanzen, Befehlsenipfänger, Schreiber in den höheren Bureaus, Dolmetscher usw., daneben auch als Burschen von Offizieren, andererseits aber auch, soweit sie Unter- Offiziere und Vizefeldwebel sind, als tatsächliche, fast selbständige Leiter einzelner Abteilungen. Ich habe auch das beobachten können, wie rasch Söhne wohlhabender Fa m i 1 i e 11 sich in Entbehrungen und Mühen liineinfanden und auch darin in Reih und Glied standen. Als charakteristisch möchte ich, auf Grund häufiger Beobachtungen, eines noch hervorheben: es ist das eigentümliche Zartgefühl, das die jiidischen Soldaten der fremden Bevölkerung gegenüber beweisen; ich habe es oft sehen können, wie sie beinahe zu Beschützern und Vermittlern für dieselben werden. Es ist ein eigener vornehmer Zug, der in das Gesamtbild hereinkommt.“ Jahresversammlung der jüdischen Farmer in Amerika Der Verband jüdischer Farmer in Amerika hielt in den Tagen vom 29. November bis 2. Dezember d. J. seine sechste Generalversammlung im Gebäude der Educational A 11 i a n ce in New York ab. ln der ersten Sitzung hielten u. a. die Herren Louis M a r s h a 11, Jacob H. Schiff, Alfred J a re t zk y , Präsident der Jewish Agricultural and lndustrial Aid Society, und Elias Greenb 1 a 11, Präsident des Verbandes jüdischer Farmer, Referate ab. In der zweiten Sitzung erstatteten der Präsident, der Sekretär und der Schatzmeister des Verbandes, ferner die verschiedenen Ausschüsse und die auswärtigen Delegierten ihre Berichte. Die folgenden Sitzungen waren der Diskussion über die verschiedenen Berichte gewidmet. Wir behalten uns einen ausführlicheren Bericht über diese bemerkenswerte Tagung vor. Antisemitismus in Bulgarien Eine heftige antisemitische Bewegung greift in Bulgarien um sich, und die jüdische Bevölkerung ist sehr beunruhigt. Täglich werden in der Presse Verleumdungen und Anklagen gegen die Juden veräffentlicht. Noch nie zuvor hat die judenfeindlichc Agitation einen derartigen Umfang in Bulgarien erreicht. Die Regierung verurteilt zwar die antisemitische Kampagne, hat aber bisher nichts Wirksames zu ihrer Eindämmung unternommen. TURNEN und SPORT Berlin. Die 112, J u g c nd ko m p a g n i e, d ie von der Jüdischen Turnerschaft Berlin gestellt wird, wurde am 20. Dezember unter Führung der Herren K u h n und K I o t z s c h von Herrn Generalmajor von Bo eh 11 besichtigt. Konimando und Ausführung der zahlreich aiigetretenen Abteilung fand Anerkennung. — Die mit behördlicher Genehmigung eingerichtete Landsturmkomkompagnie zur Vorbereitung des ausgehobenen Landsturms gibt folgenden Uebungsplan bekannt: Geländeexerzieren: Sonntag vormittag und Dienstag 4— 5 Uhr nachmittags. Schieß e 11: Dienstag und Freitag G3 ■-1,24 Uhr nachmittags bei Eichkamp. Fechten: Montag und Mittwoch 1.׳ä<> bis 1410 Uhr abends, Fürstenberg-Festsäle, Rosenthaler Str. 38. Instruktion: Mittwoch S 1 /) Uhr ebendort. Hallenexerzieren: Sonnabend abend 8—10 Uhr, vierzehntäglich, Turnhalle Gr. Hamburger Str. 27. Schriftliche Anmeldungen sind zu richten an das Vereinsbureau Bleibtreustr. 23 oder an Herrn Heinrich Kuhn, Dahlmannstr. 13. Miindliehe Anmeldungen an den Fcchtabenden. Frankfurt a. M. (Jüd. Turnverein.) Trotzdem ungefähr 40 unserer Turnbrüder im Felde stehen, konnten wir in unserer Männer- und Damenabteilung den Turnbetrieb in gewohnter Weise aufrecht erhalten. — Eine Liebesgaben Sammlung gestattet es uns, unseren im Felde stellenden Freunden zum Chanukahfeste eine Freude zu bereiten. Wir danken verbindlichst den gütigen Spendern sowie Mitarbeitern, die unser Werk gefördert haben. Nachrichten Hugo Zuckermann gefallen Unser Gesinnungsgenosse Dr. Hugo Zuckerm a n 11 ist tot. Als Leutnant des k. k. I. I.-R. Nr. 11 wurde er in den Karpathenkämpfen schwer verwundet und ist am 22. Dezember seinen Wunden in Eger erlegen, ln den letzten Monaten war H u g 1) Z u c k e rmann in Deutschland und Oesterreich durch sein volkstümliches ״<) österreichisches Reiter- 1 i e d“ in allen Kreisen bekannt geworden. Wir aber betrauern in dem gefallenen Freund einen unserer treuesten Gesinnungsgenossen, der besonders der zionistischen Studentenschaft Oesterreichs jahrelang ein anerkannter Führer gewesen war. Hugo Zuckermann war in Eger geboren, war Mitbegründer des Jüdischen Volksvereins in Prag, des Vereins ״Ahavath Zion“ in Eger, der zionistischen Studeutenvereine Bar Kocliba in Prag und Theodor HerzI in Wien. Jahrelang gehörte Dr. H u g o Z u eker m a 11 n der zionistischen Leitung in Wien an, war als ausgezeichneter zionistischer Redner geschätzt und in allen zionistischen Organen, in der ״Welt“, der ״Jüdischen Rundschau“, der ״Jüdischen Zeitung“ und in der von ihm gegründeten Jugendzeitschrift ״Unsere Hoffnung“ als Mitarbeiter tätig. Am bekam!- testen waren seine Gedichte, in denen eine kräftige lyrische Begabung und eine starke Persönlichkeit zum Ausdruck kamen. Seine Uebersetzungen aus dem Jüdischen (Perez, Schnciur) gehören zu den besten Verdeutschungen unserer ostjüdischen Dichtungen. ־ In den letzten Jahren war Dr. Hugo Zuckermann als Rechtsanwalt in Meran tätig und Repräsentant der israelitischen Kultusgemeinde in Meran geworden. Mit seinen zahlreichen persönlichen Freunden trauert die zionistische Organisation um einen feinen und treuen Menschen und Mitstreiter um unser Ideal. Rechtsanwalt Willy Greifenhagen gefallen Im Osten ist unser bekannter Gesinnungsgenosse Rechtsanwalt Willy G r e i f e n h a g e n - Berlin gefallen. Die deutschen Zionisten betrauern in ihm einen ihrer Besten, der mit immer glühender Begeisterung für die Ideale des nationalen Judentums kämpfte. Greifenhagen war, als Mitglied des Vereins Jüdischer Studenten, Berlin, in seinen Studentenjahren schon eifrig in der zionistischen Propaganda tätig, wurde dann zum Führer der Jüdischen Turuerschaft, als welcher er noch heim Wiener Kongreß das Turnfest leitete; seine helle Stimme zwang Tausende Gäste in ihren Bann, als er vom Mannesideal des jungen Juden sprach. — Immer stand er als Redner der Zionistischen Vereinigung für Deutschland freudig zur Verfügung. Sein Verlust schmerzt tief. Sein Andenken wird dauern. Berlin. Folgende Gesinnungsgenossen haben das Eiserne Kreuz bekommen: Carl Michel, Referendar Julius David, Vizewachhneister, Metz (K. J. V.), Oberarzt Dr. Stahl, Taruowitz (K. J. V.) und Assessor Julius Epstein, Königsberg (K. J. V.), der außerdem auch zum Leutnant befördert wurde. Reservist O r c h u d es ch wurde v e r w unde t, Louis L e w i 11 , Königsberg wird v e r m i ß t. Rechtsanwalt W i 11 v Greifenhagen, "Berlin (K. J. V.) ist gefallen. Berlin. Die Berliner Zionisten haben in dem am Freitag den 25. er. verstorbenen Dr. Ludwig Loewe einen bewährten Gesinnungsgenossen verloren. Herr Dr. Ludwig Loewe, ein durch seine wissenschaftlichen Arbeiten sehr bekannt gewordener Ohrenarzt, war trotz seines hohen Alters in jeder zionistischen Versammlung erschienen und hatte allen zionistischen Fragen lebhaftestes Interesse entgegengebracht. Mit Trauer müssen die Berliner Zionisten auch diesen treuen Gesinnungsgenossen aus ihren Reihen scheiden sehen. Berlin. Von der Lehranstalt für die W i s s e!1 s c 11;1 f t des J u d e n t u rn s werden soeben die Prospekte über den dieswintrigen Montags-vorlcsungs z y k lu s zur Versendung gebracht. Den Zyklus beginnt ant 11. Januar Herr Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Ludwig Geiger mit einem Vortrag über ״Dorothea Mendelssohn“. ln das religiöse Gebiet führt der zweite Vortrag ״Anschauungen und Formen primitiver Völker und ihre Nachwirkungen in höheren Religionen“, den der bekannte Berliner Prediger Dr. Joseph L e h - mann am 25. Januar halten wird. Eine Neuerung in der Veranstaltung der Montagsvorlesungen bildet die Einschaltung eines Rezitationsabends. Herr Lud- '*fig Hart au hafte die Liebenswürdigkeit, seine Mitwirkung hierzu in Aussicht zu stellen und wird am 1. Februar aus der Bibel sowie älteren und neueren Dichtungen vortragen. Als vierter Redner wird am 8. Februar Herr Landtagsabgeordneter Pfarrer Dr. Gottfried Traub über ״Krieg und Kultur“ sprechen. Ein sehr aktuelles Thema hcrührt der fünfte Vortrag, ״Palästina und die Halbinsel Sinai als Kriegsgebiet“, den Herr Dr. Alphons Sußnitzky am >15. Februar halten wird. Den Zyklus schließt 'dann am 22. Februar Herr Pro-