Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 1 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 geblieben war, sich in dem letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts tiefer auf sein Volkstum zu besinnen begann, da war es einer seiner ersten Oedanken, in diesem Fest den nationalen Charakter als den Charakter einer Aeußerung nationaler Erinnerung und nationaler Hoffnung neu zu erwecken. Die Bewegung, die den Namen der Tempelburg, den Namen Zion, auf ihre Fahne geschrieben und ihn so zu einer Losung des Volkskampfes und der Volksarbeit gemacht hat, schuf aus dem Fest der Tempelweihe die Makkabäerfeier. In ihr ist das Gedächtnis eines entschwundenen heroischen Zeitalters mit dem Glauben an ein künftiges verknüpft, die Bilder der Geschichte verschmelzen mit den Bildern des Traumes, und die Worte, die einstigem Heldentum huldigen, rufen zu neuem auf. Vor allem aber ist in dieser unserer Feier mit der Erinnerung an die Männer, die Zion und Jerusalem dem äußeren und inneren Feinde abrangen, unlösbar verbunden die Kundgebung unseres Willens, alle äußeren und inneren Hindernisse zu bezwingen und das alte Land, in dem die starken Wurzeln unserer Kraft sind, wiederzugewinnen. Daß wir dem Fest dieses neue Gepräge gegeben haben, das war nicht Willkür, sondern Fracht und Aeußerung eines neuen Werdegangs unseres Volkes. Haben wir so der früheren Einseitigkeit gegenüber dem nationalen Kern des Chanukahfestes sein Recht geschaffen, so dürfen wir aber nicht in den entgegengesetzten Irrtum verfallen, als ob das Religiöse hier nur Schale wäre. Vielmehr muß, wenn wir ganz auf uns wirken lassen wollen, was dieses Fest uns zu geben vermag, die religiöse Anschauung die nationale ergänzen. Freilich können damit nicht religiöse Form und Formel gemeint sein, so ehrwürdig und ehrfurchtgebictend äie auch sind, sondern eben die religiöse Anschauung, die eine freie Tat der Seele ist, eine innige Schöpfung des Einzelnen aus dein Seelenstoff der vergangenen Geschichte seines Blutes. Auch hier darf nicht Willkür walten; die freie Tat, die ich meine, ist allem Eigenwillen fremd; sie darf nichts lediglieh Persönliches in ihren Bereich ziehen: ihr Bereich ist das in den großen Gezeiten des Volkes Gewachsene. Aber das so Gewachsene kann nicht von außen erkannt werden; man muß tief in alle Urkunden der Volksseele blicken, um es wahrhaft zu erfassen und uns zu eigen zu machen. Tun wir dies dem religiösen Gehalt des Chanukahfestes gegenüber, so sehen wir, daß die volkstümliche Ueberlieferung, die sich in dem Segenspruch ausdrückt, worin Gott gepriesen wird, weil er ״Wunder tat an unseren Vätern in jenen Tagen“, eine eigentümliche Verklärung erfahren hat. Es ist etwas von dem Evvigkeitsglanz unserer großen Erinnerungsfeste, des Peßach und des Schebuoth, darauf gefallen. Auch sie gelten ja dem Gedächtnis eines einmaligen Ereignisses der Vorzeit, dem Auszug aus Mizrajim und der Offenbarung am Sinai. Aber je öfter sie begangen wurden, desto mehr wird dieses Ereignis aus einem einmaligen zu einem ewigen, aus einem, von dem als einem längstvergangenen erzählt wird, zu einem, das immer wieder und wieder, Jahr um Jahr, als unmittelbare Gegenwart erlebt wird. Wir sind es, die Pharaos Hörige waren und nun aus dem Lande der Knechtschaft geführt werden. Wir sind es, die unter Blitzen, auf erschütterter Erde, die Lehre Gottes empfangen. Was einst geschehen ist, geschieht jetzt und immerdar. — Etwas von diesem Ewigkeitsglanze ist auf das schlichte Chanukahfest gefallen. Die Wunder, die Gott an unseren Vätern tat in jenen Tagen, das sind keine anderen, als die er an uns selber tut. Hai nicht Geschlecht um Geschlecht der Juden es selbeigen erfahren, wie das versiegelte Oelkrüglein allezeit hinreichte, um die große Menorah wieder und wieder das Tohuwabohu des Exils erleuchten zu lassen? Und dürfen wir nicht dem wunderbaren altjüdischen Worte ״Gott erneuert ewig das Werk der Schöpfung“ dieses andre zugesellen: ״Gott erneuert ewig das Werk der Befreiung“? Wir rühren hier schon an das Wesen der religiösen Anschauung, von der ich spreche. Für sie ist alles äußere Geschehen nur ein Sinnbild I des innerlichen, heimlichen Weltgeschehens; alle äußere Befreiung ist nur ein Sinnbild der sich durch die Zeitalter vollziehenden inneren Befreiung der leidenden und ringenden Welt von den Mächten des Uebels. Der Ort aber, wo sich diese Befreiung dem Menschen unmittelbar offenhart, ist seine Seele. Indem wir uns selber zuinnerst befreien, wirken wir mit an der Be- ן freiung der Welt. מלכות יון הרשעה das böse Reich Jawans, dieser Name der griechisch-syrischen Macht, die einst Israel erniedrigte und das Heiligtum entweihte, ist im Galuth zum Namen des Widersachers, des Feindes schlechthin geworden. Zugleich aber erkannte man immer tiefer, daß wir gegen diesen Feind nichts vermögen, solange wir ihn nur draußen suchen, nicht auch in uns selber. Ich will nur ein besonders deutliches Beispiel dieser Erkenntnis anführen. Ein Zeitgenosse der napoleoniseheri Kriege, Rabbi Nachman von Bratzlaw, wirft in seinen Reden über das Chanukafest die Frage auf, was denn eigentlich die innere Bedeutung der מלכות יון sei, und er antwortet: ״Das böse Reich Jawans, das ist die Habsucht“. Er meint damit, das ürundübel sei dies, daß Menschen und Völker nicht auf das Sein, sondern auf das Haben sinnen, nicht danach streben, wahrhafter zu leben, sondern mehr zu erraffen, als ob nicht das das entscheidende Gut wäre, was man ist, sondern was man besitzt. Gegen dieses Grundübel ist es eine unvollkommene Abwehr, w'enn man die habsüchtigen Menschen, Völker, Staaten bekämpft. Man muß die Habsucht selber ausrotten, und damit dort beginnen, wo sie jedem am erreichbarsten ist: in der eignen Seele. Das Hindernis auf dem Wege zum waiirhaften Leben ist nicht draußen, sondern in uns selber, nicht daß es das Böse in der Welt gibt, sondern daß wir uns dem Guten nicht rückhaltlos hingeben. Der Sinn der Menorah, sagt R. Nachman, ist die Erleuchtung des Geistes, daß er in sich selber das Gute nicht länger mit dem Bösen verwechsle, sondern das I Gute allein und mit der ganzen Kraft erfasse. Der äußere Feind kann nur das Aeußere bedrohen; was uns im Innern erniedrigt untf unser Heiligtum entweiht, ist dies, daß wir nicht ganz, sondern brüchig sind. Wir ahnen den Sinn des Lebens, aber wir handeln nicht um seiner, sondern um des Nutzens willen. Unsere Aufgabe ist, uns vom Nutzzweck zu befreien, der unser Tun bestimmt. Wie es von den Chanukahlichtern heißt ״Diese Lichter sind heilig und es ist uns nicht gestattet, uns ihrer zu bedienen, sondern einzig sie anzuschauen“, so darf unsere Seele nicht die Sklavin des Nutzens sein. Wir sollen unseren inneren Zwiespalt überwinden und einheitlich werden; so werden wir fähig, der Einheit der Welt zu dienen. Rabbi Nachman weist darauf hin, daß es jedem Einzelnen geboten ist, die Chanukahlichter in seinem Hause zu entzünden; jeder soll bei sich selber beginnen und soll sich sagen: ״Ich bin ja mit Leib und Seele im Galuth, und doch kann ich aus mir einen Gehilfen Gottes machen, daß ich dazu helfe, das verborgene Licht der Welt zu entzünden,“ Und wie von Abend zu Abend die Zahl der Lichter zunimmt, so soll er fühlen: ״Das Licht der Welt wächst, und ich trage dazu bei aus dem Oelkrüglein meiner Seele.“ Der fundamentale Gehalt der religiösen Anschauung des Chanukahfestes, von der ich spreche, ist die Forderung, daß jeder Einzelne sich selber aus den Banden des Nutzzwecks befreie, wie Jerusalem aus den Banden des Syrers befreit worden ist, daß er sich selber reinige und weihe, wie das Heiligtum gereinigt und geweiht wurde; daß jeder Einzelne in sich selber den entweihten Altar einreiße und den neuen errichte. Und was vom Einzelnen gilt, gilt vom Volke. Der Götzendienst der Opportunitäten hat es geschändet; daß es wieder eines großen Lebens gewürdigt werde, dazu genügt kein äußeres Tun, genügt es nicht, Not zu beheben, Wanderung und Siedlung in geordnete Bahnen zu leiten; dazu bedarf es der inneren Befreiung, der Reinigung von allen trägen, eigensüchtigen und dem Göttlichen widerstrebenden Elementen; dazu tut not, daß die den großen Bund wollen, für ihn eifern wie Matathia zu Modin; daß die das heilige Haus wollen, erst den entheiligten Altar niederreißen, ehe sie aus den unbehauenen Steinen des Volksgeistes den neuen errichten. Reinigung und Weihung tun not. Diese Forderung an den Einzelnen und an das Volk hat in unseren Tagen eine besondere Prägnanz erhalten. Wenn die Losung dieser erschlitterten Zeit Bewährung heißt, so heißt sie es dreifach und siebenfach für den Juden. Tiefer als je hat der Jude heute seine Problematik zu spüren bekommen; tiefer als je erkennt das Judentum, was es heißt, unter die Völker aufgeteilt zu sein. Aber die Zeit hat nicht bloß die Frage, sondern auch die Antwort verstärkt. Im Sturm der Begebenheit hat der Jude mit elementarer Gewalt erfahren, was Gemeinschaft ist. Er hat es nicht allein gesehen, er hat es an sich selber erfahren. War doch nicht das die wesentlichste Schwäche insbesondere des westlichen Juden, daß er ״assimiliert“, sondern daß er atoinisiert war; daß er ohne Zusammenhang war; daß sein Herz nicht mehr dem Herzschlag einer lebendigen Gemeinschaft einstimmte, sondern dem Willkürtakt seiner abgesonderten Wünsche folgte; daß/er von dem wahren Menschenleben, von dem Miteinander- und Ineinanderleben der Menschen in heiliger Volksgemeinde ausgeschlossen war. Sein Judentum war nicht mehr wurzelhaft, und die Luftwurzeln seiner Assimilation waren ohne nährende Kraft. Jetzt aber hat der Jude in dem katastrophalen Vorgang, den er in den Völkern miterlebte, bestürzend und erleuchtend das große Leben der Gemeinschaft entdeckt. Und es hat ihn erfaßt. Er blieb nicht Atom; er wurde mitgerissen; er schloß sich glühend der Gemeinschaft an, die j ihm so ihr Leben offenbarte, — der Gemeinschaft, die ihn in diesem Augenblick am stärksten brauchte. Wird ihn das der Gemeinschaft, die ihn in der Ewigkeit braucht, der tiefen Gemeinschaft seines Blutes und seiner Art weiter entfremden? Ich glaube, daß es ihn ihr wiederbringen wird. Gemeinschaftsgefühl ist in ihm erglommen, er fühlte in sich etwas entbrennen, wovor aller Nutzzweck zusammenfiel, er erlebte den Zusammenhang. Er hat den ersten Schritt der inneren Befreiung getan. Wenn dem Augenblick sein Recht geschehen sein wird, wird er nicht wieder ins Lebgp des Atoms zurückfinden, und der Ruf der tiefen Gemeinschaft seines Blutes und seiner Art, den wir ihm zutragen werden, wird ein wacheres Ohr treffen als zuvor. Ja, wir werden dann rufen, wie wir noch nicht gerufen haben, was Mathatia zu Modin rief: ״Werden Bund halten will, ziehe aus, uns nach!“ Und ich meine, es werden uns welche, werden uns viele folgen, die uns noch nicht gefolgt waren — vielmehr, sie werden sich selber folgen. Denn sie haben den Weg der inneren Befreiung betreten, und sie wurden erkennen, daß es für den sich befreienden Juden keine Wege gibt, sondern nur einen Weg. Sie werden in die erschütterten Schollen ihrer Seele den Samen der lebendigen Wahrheit empfangen. Sie werden ihre Einheit als Juden fühlen und erkennen lernen. Sie werden ihr Gemeinsehaftserlebnis vertiefen und aus ihm ihr Judentum neu aufbauen. Sie haben in Blut und Tränen die Zerrissenheit des Judentums geschaut und die Sehnsucht wird über sie kommen, sie zu heilen. Sie werden danach Verlangen tragen, daß aus ihrem kranken Volke ein heiles und aufrechtes Volkswesen werde wie das, dessen Glut sie in jenem Augenblick miterfaßte. Sie werden an sich arbeiten, daß sie an dem neuen Leben teilnehmen dürfen. So werden sie die wahre Befreiung und Tempelweihe vollziehen. Ja, wir fühlen heute wie nie zuvor, daß wir unter die Völker aufgeteilt sind. Aber wir fühlen auch mit großer Macht, daß wir einen Tag der Wende, einen Tag Jahwes durchleben, und die Ahnung wird in uns rege, daß wir bald eingesammelt werden. Nie zuvor gedachten wir mit so schmerzensreichem, nie zuvor mit so hoffnungsstarkem Sinn der Worte des Propheten: ״Und es wird sein an jenem Tage, da wird der Herr zuin andern Male seine Hand ausstrecken, daß er erwerbe den Rest seines Volkes, was da übrig ist aus Aschur und aus Mizrajim und Patros und Kusch und Elam und Schinear und Chamath und den Inseln des Meeres.