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Jüdische Rundschau · 1915-01-01 · Heft 1 (1.1.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 1 (1.1.1915)
Date
1915-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 1 Seite 2 2. Dieses jüdische Gemeinwesen muß doch wohl die versprengten jüdischen Massen angelockt haben, wenn darin ein solch schöpferisches und stark pulsierendes Leben sich entwickeln konnte, wenn darin Mischna und Evangelium zu erstehen vermochten, wenn viele Millionen ebenso die judäische Ebene wie die galiläischen Hügel bevölkerten. Wenn man nun bedenkt, daß die großen Judenmassen nach der Zerstörung des Tempels in Gefangenschaft geraten waren, und erst nach zwei Generationen nach Palästina zurückwandern durften, so muß man im Gegenteil über die große Zahl der Juden staunen, welche kurz vor der Zerstörung des jüdischen Staates in Palästina sich angesammelt hatten. Denn nach den Angaben des Jesephus, auf den sich sonst Kautsky so gern zu berufen pflegt, zählte man zu Beginn unserer Zeitrechnung allein in Galiläa etwa 200 Städte, in denen nicht weniger als drei Millionen Juden ansässig waren. Mag nun diese Angabe selbst übertrieben sein, so waren in ganz Palästina jedenfalls mehrere Millionen Juden ansässig, was für die Verhältnisse des Altertums nach jeder Richtung hin eine außerordentlich große Zahl bedeutet. Wer weiß es nicht, daß allein in Jerusalem während seiner Zerstörung durch Titus etwa eine halbe Million Menschen umgekommen ist, daß sodann wenige Jahrzehnte darauf ei* ungeheurer Aufstand unter Bar Kochba ausbrechen konnte, der ebenfalls hunderttausenden Juden das Leben gekostet hat? Da muß doch wohl entgegen den Versieherungen Kautskys die Anziehungskraft des jüdischen Staates nicht gar so gering gewesen sein, wenn sich solche Massen für ihn haben totschlagen lassen 1 Damit allerdings hat Kautsky vollkommen recht, daß Palästina zu jener Zeit nicht ausreichend war, um sämtliche Juden ־zu ernähren und daß deshalb große Judenmassen, ja viele Millionen Seelen, im Auslande gelebt haben. Ist aber nicht die Dichtigkeit der jüdischen Bevölkerung in Palästina gerade ein Beweis dafür, daß die Juden gegenüber Palästina durchaus nicht gleichgültig waren und daselbst, solange es nur ging, sich anzusainmeln suchten? Sonst könnte man mit ebensolchem Recht die Bedentung unserer europäischen Staaten heutzutage deswegen bestreiten, weil Millionen ihrer Bürger in Amerika und nicht in ihrer Heimat leben. Das sind die beiden Exkurse Kautskys in das Gebiet der jüdischen Geschichte. Man sieht es dem Forscher leider an, daß er die Tatsachen nach Bedarf des historischen Materialismus und des Antizionismus sieht. Allein in gleicher Art schafft sich Kautsky auch seine sonstigen Beweise. So führt er zur Begründung dessen, daß die Assimilation das Judentum dort völlig vernichten muß, wo die Juden absolute Emanzipation erlangt haben, die Beispiele Italiens und Dänemarks an. Gewiß hat er damit recht, aber er vergißt dabei ganz und gar, daß man es in beiden Ländern mit ganz geringfügigen Judenmassen zu tun hat, die weder absolut noch relativ vor der Umgebung standzuhalten vermögen. I!n Zusammenhang mit seinen Betrachtungen über die Erfolge der Emanzipation entschlüpft jedoch Kautsky ein etwas seltsamer Ausdruck. Er sagt nämlich wörtlich: ״Das Beispiel Italiens und Dänemarks zeigt uns, wie richtig jene Vorkämpfer der Judenemanzipation gerechnet hatten, die von ihr das völlige Aufgehen des Judentums in den Völkern, unter denen es lebt, erwarteten.“ Will man die Konsequenzen aus dieser Aeußerung ״rechnerisch“ ziehen, so heißt es — was wir Kautsky selbst nicht unterstellen, wohl aber von gar vielen seiner Leser voraussetzen dürfen —, daß man nur in dem Falle den Juden die Emanzipation gewähren kann, wenn man von ihnen das völlige Aufgehen unter den Völkern, unter denen sie leben, erwarten darf. Wer nun nicht gerade diesen Erfolg von der rechtlichen Gleichstellung der Juden sich verspricht, der wird auch, wenn er Kautsky treu bleibt, gegen die Judenemanzipation kämpfen. Es ist nun ein für allemal klar: wer für die Assimilation eintritt, muß am letzten Ende das gleiche Lied wie die Unterdrücker singen, muß von den Juden ״völlige“ Auflösung erwarten, und jedwede Abweichung als Undankbarkeit nach üblicher Definition der Spießbürger oder nach einer verfeinerten Theorie als Rückständigkeit, als gegen die Freiheit gerichtete Sondeningstendenz und ähnlich bekämpfen, muß, falls er noch opportunistischer denkt, selbst die Taufe als das eigentliche Ziel der Emanzipation und Assimilation hinstellen. So ist es seinerzeit, als die fürchterlichen Kämpfe um Israel in Deutschland tobten, sogar solchen Judenfreunden wie Momnisen bei seinem Eintreten für das Judentum ergangen — hat er doch den Juden die Taufe direkt nahegelegt und fast als ethisches Gebot für die Emanzipierten verkündet —, so ergeht es auch Kautsky, der trotz seiner Sympathien für die Juden über die endgültige Auflösung des Judentums (die radikal doch meist durch Taufen erfolgt) seine Freude äußert und darauf seine Hoffnung setzt. Wir müssen jedoch Kautsky Voraussagen, daß er eine schwere Enttäuschung erleben wird, die er auf Grund bisheriger Erfahrungen leicht selber hätte voraussehen können. So wie es in Dänemark, Italien und selbst in einzelnen Orten Deutschlands und Oesterreichs sich abgewickelt hat (noch ist übrigens auch da der Prozeß keineswegs ״erledigt“), können es die Juden in den Ländern, in denen sie als Millionenmasse zusammenwohnen, wahrlich nicht fertig bringen. Sie können es nicht, selbst wenn sie es wollten. Es ist darum eine Lächerlichkeit, heute noch daran zu glauben, daß die zwölfundcinhalb Millionen Juden der assimilatorischen Ideologie zuliebe einfach von der Bildfläche verschwinden werden. Gewiß wird auch in Rußland, wenn dort die Juden gleichgestellt werden, sofort eine starke Assimilation einsetzen, sie wird aber einerseits auf einen starken nationalen Willen eines Teiles stoßen, andererseits selber nur in verschiedenen Abstufungen in die Erscheinung treten. Denn man muß doch stets dessen eingedenk sein, daß wir noch nirgends eine nationale Assimilation von Millionen von Menschen unter modernen Verhältnissen erlebt haben. Bleibt aber auch nur ein Rest des spezifisch jüdischen Lebens und des spezifisch jüdischen Geistes — ob in der Synagoge oder im Hause, ob in Wohlfahrtsangelegenheiten 1׳״er Kuburschöpfungen — so ist die Gefahr neuer Konflikte eine doppelte. Einerseits werden die Emanzipatoren, die als Voraussetzung ihrer Großmut die baldige Assimilation der Juden im Auge hatten, unzufrieden, andererseits kann dieser Rest, und mag er noch so^vinzig sein, durch die geringste Erschütterung zu abermaligen stark-jüdischen Gesinnungen sich verdichten. Aus diesem Grunde ist die humane Unterdrückung, welche Kautsky inauguriert, nicht weniger bedeutsam, als die haßerfüllte eines Treitschke. Beide fordern das nämliche, das Verschwinden der Juden (auch Treitschke begnügt sich damit und würde die semitische Beimischung auch für das Germanentum als ein Glück betrachten), beide werden also auch im Leben zu ähnlichen Konsequenzen gelangen, nur daß der konservative Historiker gesetzliche Unterdrückung predigt, während Kautsky nicht zu solchen Mitteln greifen möchte, wohl aber im Parteileben jede national-jüdische Kundgebung verurteilt. Nun kommt es fürwahr nicht auf die Form, sondern auf das Prinzip der LJnterdrückung an, und wer den Untergang eines anderen erwartet oder sogar ersehnt, wie wenig entfernt er sich von den Unterdrückungstendenzeti 1 "Wer sieh eben nicht auf einen höheren Standpunkt erheben kann, wer nicht die Judenemanzipation aus den höchsten menschlichen Motiven des Rechtes eines jeden Individuums auf ein seinem Wesen entsprechendes unbeschränktes Dasein gewähren will, wer immer noch von den Juden ein Aequivalent fordert oder erwartet (ein stürmisches Temperament überfliegt immer noch die Theorie und macht schließlich aus dem Erwarten ein Fordern), der fügt sich ungewollt in die Reihen derer ein, welche nicht für Gleich- Stellung der nationalen Individualitäten eintreten. Deshalb sind solche Tendenzen, wie sie Kautsky verficht, nicht nur falsch, sie können auch im praktischen Leben unendliches Unheil anriehten. (Ein Schlußartikel folgt.) A. L. % ו -r Die *empelweihe Rede, gehalten bei der Makkabaerfeier der Berliner Zionistischen Verengung am 19. Dezember I Ql4 vo. Martin Buber. ״Es traf sich aber“, so heißt es im zweiten Buch der Makkahcr, ,,daß der Tempel an eben demselben Tage jeder geweiht wurde, an dem seine Entweihung durch die Heiden geschehen war, das ist am :!5. Tage des Monats Kislew. Und voller Freue!• hielten sie eine achttägige Feier gleich einer Laubhüttenfeste, dieweil sie dessen gedachten, wie sie noch vor kurzem während des Laubhüt enfestes auf den Bergen und in den Höhlen glich wilden Tieren ihr Leben fristeten. Da nun rügen sie mit Laub umwundene Stäbe und sclöne Leiser und Palmenzweige, und stimmten Lo'gosänge an, ihm zu Ehren, der die Reinigung les ihm geheiligten Ortes hatte gelingen lassen, '•ich bestimmten sie durch Ver- Ordnung und B־.> ׳h|!1ß der Gemeinde als Gesetz, das ganze'־ ulk der Juden solle diese Tage alljährlich fiern.“ Seither bahn n vir, das ganze Volk der Juden, die Wiederkehr d• sei Tage zweitausendmal und mehr gefeiert. Ni In durch einen Umgang mit blühenden Staben und Palmenzweigen, auch nicht, wie wir da- Sukkothfest begehen, gleichsam auf kleinen günen Inseln palästinensischer Vegetation mitten m Meer der fremden, sondern indem wir im bendlichen Dämmer unserer Häuser Lichter entbinden, eines am ersten Abend, dasselbe und noch eins am ־zweiten, die beiden und eins dazu an1 dritten, und so fort, bis die acht Aeste der Aenorah erstrahlen zum Gedächtnis jener Aufichtung und Erneuerung des Heiligtums, dessen Leuchter nach dem Berich der Sage die acht tage der Feier von einem Oelkrüglein, das, mit dem Siegel des Hohenpriesters vergehen, uifgefunden worden war, gespeist wurde. I ■n׳•׳ in der Woche, die nun zu Ende geht, habe׳' wir diese Tage wieder in der gleichen Weis begangen. Aber mit einem anderen Gefühl ul: je zuvor. Denn wir gedenken jenes Krieges ä •r Makkabäer gegen die Syrer in einer Zeit. d. wir Juden in den größten Krieg der Gesell hte mit tausend und abertausend blutigen hden verflochten worden sind, aber nicht als Volle sondern als Teile der Völker. Das Erlebnis dies r ungeheuren Zeit muß, wie es alle unsere Einbindungen färbt, so auch das Gefühl beeinflusse!, in dem wir jener kriegerischen Erhebung mseres Volkes gedenken. Das Herz des Judentu 1s ist wieder er chüttert wie damals, wieder zerrissen wie damals, - aber unendlich anders, ienn es ist nicht sein Schicksal, um dessen willen es erschüttert und zerrissen ist, sonder! das der widereinander streitenden Völker, den. n es verhaftet ist und an deren Seite es streitet, unter sie aufgeteilt streitet, wider sich selber. Und doch, wir ahnen es im Grunde unserer Seelen, wiewohl wir es noch nicht klar begreifen können: es ist doch auch das Schicksal des Judentums, das sich, in dieser Zeit, gleichsam unterirdisch, entscheidet; und wenn Scharen von Juden gegeneinander kämpfen, so kämpfen sie doch — in einem Sinn, der sich uns heute noch nicht völlig zu erschließen vermag — mitsammen um ihr Judentum. Im Lichte dieses ungeheuren Erlebens erscheint uns ptwas, was uns am Chanukahfest von je auffiel, fast zum Widerspruch gestiegen. Wir feiern in diesen Tagen eine kriegerische Erinnerung, die Empörung gegen Antiochos und die Siege Juda Makkabis bei Emmaus und Betzur. Aber unser überlieferter festlicher Brauch gilt nicht ihnen, sondern der Tempelweihe, die auf sie folgte. Er gedenkt wohl der Heldentaten, aber sie sind ihm nur die Voraus- Setzungen des heiligen Werkes, an das seine Lichter erinnern. Das Wesentliche ist ihm nicht der Sieg der judäischen über die syrischen Waffen, sondern die Reinigung des geschändeten Heiligtums, die durch ihn ermöglicht war. Und so wurde durch die Ueberlieferung der Prozeß begünstigt, in dessen Verlauf in den Jahrtausenden des Galuth der starke nationale Kern dieses Festes immer mehr von einer bloß religiösen Feierlichkeit umhüllt und verdeckt ward. Als der Teil der Judenheit, in dem ) das Blut eine lebendige und schöpferische Macht

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