Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1914)
- Date
- 1914-12-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 470 Nr. 52 Die bereits vor (11*111 Kriege mit i Iilfe des Arbeiter-!10 i ui 8 t iitt e 11 fo 11 d s für die Jemeniten errichtete» Arbeiterfamilieiiluiuser samt dem dazugehörigen Gartenland für Gemüse «sw. tiaben sieh 11,■ich allgeineineiii Zeugnis durchaus bewährt, deinialkn, daß der Naliouatfouils im Begriffe war, diese Familicnhäuser, und zwar kleinere um den Betrag־ von 1000 i־res. und gröbere um 2000 Frcs., auch für die nschkenasisebeii Arbcitertamilien zu errichten. Die verschiedenen Ver• suche in Palästina sowohl, wie die Studien des Bau-!eitere des Palästina-Amtes in Europa, führten zu einer Methode, die die Erbauung: eines soliden, auf lange Jahre bestimmten Arbcitcrfamiliciilianscs für den erwähnten Betrag gewährleistet. Die Arbeiter, sowohl Jemeniten wie Aschkenasim, sind mit Freuden bereit, Haus und Harten zu beziehen, wobei sie Garten und Baugrund von mehreren Duiiam in Erbpacht nehmen, während sie das Haus in etwa 18—20 Jahren zu amortisieren haben. Was aber im jetzigen Moment von besonderer Wichtigkeit ist, das ist die erfreuliebe Tatsache, daß die Arbeiter die Bauten nach der neuen Methode leicht erlerne« und selbst aus/uführen in der Lage sind. Auf diese Weise erlangen die Arbeiter die Möglichkeit! früher eine Familienexistenz zu begründen, und überdies eine lohnende Beschäftigung. Wie aus Palästina berichtet wird, hat trotz des Krieges die Jemenitcncinwandcmng nicht aufgehört, die nach wie vor der jüdischen Kolonisation /um Segen gereichen könnte, wenn «ir entsprechende Unterkunft der Jemeniten gesorgt wird. Für Jemeniten und Aschkenasim ist die Beschäftigung mit Häuser* und .Wegbaiiten die am leichtesten erlernbare und zurzeit zweckmäßigste. Es ist darum dringend geboten, daß sowohl Zionisten wie Nichtzionisten dem Nationalfonds, wie zu Beginn der Jeincnitcneinwanderung, die Mittel Zufuhren, um die Notstandsarbeiten in möglichst großem Malistabc aufziinehmen und so der arbeitenden Bevölkerung über die schwere Zeit hiinvegzuhclfcn. Anfragen und sonstige Zuschriften bezüglich der NQtstaiidsarbeiten in Palästina sind an die Landessainmclstdlen des J. N. F. oder das Hauptbureau (Adresse: Keren Kajemeth, p. A. J, H. Kann, Den Haag (Holland), Bicrkadc 8a) zu richten, r I ■ :1 n Zwei Feldpostbriefe d, Ui i. J.U* v 1 Ch ׳dr.\:i* r 11.ul liehe <4c- . Ein Ikindt.:,urinier, ein Ukckfe in tl. bei einer ilieh aiifgenoiiiinen wurde,;r.ilie aus liyaiistok stammchäfte, die sie betrieben,!, von jetzt an zu korre- ,Verbindung anzuknüpfen, r.cs Beispiel Hir den ge-;dien Ost- und Wcstjuden. ernten wir die jüdische Be- Cie;!110 häf die Die M:iuc'1en, -־־־׳ «־ Schul: 11, L,1״ . heil, 1.1:1c;!; dir könnt.■;! ili .-i. t b! b;! Hüehte sei hier cm: richtiger Wc ״,;!1,.׳uc l'amilie, in der er icb daß sein Vater wie •u: teil, daß die Art de ähnlich sei; inr.n be spondicren und Oe; Hecht bezeichne!!!! I: ringen Unterschied zw Von anderer Seite vülkerung kennen in den Oegenilcn, die direkt 1111 Kriege standen. Ich war einmal Atillenposteii auf einer Chaussee unweit der Stadt S., in der i111111cr/11 Granaten ciiischtugeu. Die ganze Bevölkerung flüelitde aus der brennenden Stadt auf die Straße; auch unmittelbar iielu-n uns platzten Schrapnells. Man kann sich die Angst der iduciriliiige, die große Ballen mit eiligst zusammcngcrafftcn Sachen mit sieh schlepptut und 'Vieh vor sieh hertrieben, denken; viele Juden, Frauen, Kinder, Greise, die mühsam auf Kriickcn humpelten, waren darunter, Wenn ich sic auredeie, war des Weinens kein linde; ich mußte ganze Geschichten mit anlüiren, wie sic arme Leute geworden seien, wie sie Verwundete in den brennenden Häusern /uriiekgelasscn hätten, wie die Russen gehaust hätten. Manchmal wollten sie nicht glauben, daß iclt Jude sei, fragten, woher ich sei, ob viele Juden bei den Deutschen seien. Wenn ich ihnen sagte, wie gern wir deutschen Juden gegen die Russen kämpften, nickten sie mich verständnisvoll an. Einmal traf ich auch einen jüdischen Fuhrmann hei einer cchtrussisclicn Familie in einem einsamen Bauernhaus, in das wir uns vor der ungeheuren Kälte geflüchtet halten; er erzählte mancherlei von der russischen Schreckensherrschaft. Manche Juden, die wir sprachen, hatten die Hoffnung, «ach den! Kriege Deutsche zu sein. Mit eigenartigen Gefühlen müssen wir Zionisten der Entwicklung harren; jedenfalls war für uns der ״Ausflug“ nach Rußland, den ich eines Fußlcidens wegen unterbrechen mußte, sehr interessant. Mit zionistischen Grüßen und Wünschen Walter P r e u ß, V. J. St. Maccabaca, I. Lazarett Kloster Metten, den 7. Dezember 1914. An die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau“, Berlin. Wenigen deutschen Zionisten ist es, zumal unter so eigenartigen Umständen wie uns, vergönnt, in intensivere Berührung mit der jüdischen Bevölkerung Rußlands zu kommen. Darum interessieren vielleicht einige Zeilen darüber. Wir waren von O. aus in starken Märschen den russischen zurikkweicliemlcn Truppen gefolgt; in K. empfingen wir aber schon die ersten Kricgsciudrückc. Als wir des Nachts um 3 Uhr ciiirüekteu, umfing uns schauerliche Stille; brandige Ruinen, Schutt, menschenleere Oede ringsum. Einzelne Stciiisäulen ragten da, wo früher Häuser waren; nur öffentliche Gebäude, Kirchen, unter andern! die recht stattliche Synagoge, waren unversehrt. Am Morgen war das Bild allerdings etwas anders; wir sahen, daß nur einzelne Stadtteile betroffen waren; zahllose Juden im Kaftan, jüdische Frauen, Kinder eilten mit Backwaren, Obst, Tee herum und handelten. K. liegt nur 2 Stunden von der Grenze; wir hatten nicht erwartet, schon hier den reinen Typ des osteuropäischen Juden zu treffen. Wir riefen ihnen fröhlich ״Sclialom“ zu, worauf sje überrascht aufblickten. ״A jüd?“ war dann die stete Frage, worauf wir uns wie alte Bekannte die Hand schüttelten. Uebcrall in den gleichförmigen russisehen Städten, B., W., S. u. a, wiederholte sicli dasselbe Schauspiel; jeder Jude versicherte seine Russenangst. Keine Frau, kein Kind seien vor Vergcwaltigung sicher, wenn die Russen cinrückten, erzählte ein alter Mann in B., bei dem in der Nacht 6 Landsturmmänucr geschlafen hatten und dessen gastliche Aufnahme sic nicht genug rühmen konnten. Meist konnte kein Jude ein Wort russisch. Ich zweifle a'lerdings, ob alles wahr war, was sic uns erzählten; wir sind leider öfters, das muß gesagt werden, gctäuscht worden. In B. versicherte z. B. jede kuclienverkaufende Frau jammernd, gerade ihr Haus sei verbrannt worden, und dabei stand dort jedes Haus unversehrt. Unter den Kameraden herrschte deshalb leider manche Mißstimmung gegen die russischen Juden. Die Jungcns sahen bleich aus, die Mädchen frischer. Oeftcrs wurden wir ausgelacht, wenn wir erzählten, wir hätten nicht Geinore gelernt; in K. wollte ■uns eine 13 jährige Kuchenvcrkäuferin nicht glaube», daß es Juden gäbe, die nicht Talmud lernten. II. Bei B., 30. November 1914. Mein lieber Herr Berger! Ich empfinde cs wirklich, daß ich unrecht gctan, Ihnen auf Ihren lieben Brief bisher noch nicht geantwortet zu haben. Ich werde hier aber immer verhindert am Schreiben. Militärische und andere Gründe. Seit die ״R 11 n d s c 11 a u“ hier eintrifft, habe ich besonders viel Arbeit. So viele zionistische Reden habe ich seit langem nicht mehr gehalten. Sie müssen nämlich wissen, daß die ״Rundschau“ von fast allen in c i n e n Kameraden gelesen wir d. Wie vieles gibt es da zu erklären und zu berichten! Und oft wird uns mitten in die best zurcclitgelcgtc Entgegnung plötzlich von drüben ein artilleristischer Gruß gesandt, dessen Sausen und Brausen, Wallen und Hallen uns alten eine so bekannte Sprache ist. Bricht das Thema auf diese Weise auch oft ab, so nehme ich immer wieder gerne an geeigneter Stelle den Faden auf. Manchmal werde ich mit Fragen von allen Seiten bestürmt. Gewöhnlich sind in meiner unterirdischen Stube Gruppen von 4—8 Mann versammelt, denen icli dann vom Judentum und seiner Lage erzähle. Diese Art Arbeit bereitet mir viel Freude und hat mir momentan gute Kameraden gcschaffen. 2. Dezember, — Ich wurde mal wieder unter• brochcn. Es gab wichtige Arbeit zu tun, Wir mußten wieder einmal einige Scchsundneunzig-Pfündcr nach B. senden. ist unsere Lage auch durch den Krieg noch ungünstiger wie vordem, so brauchen wir doch nicht zu verzagen. Wir selbst haben ja nachher das Schick• siil wieder in eigener Hand. Jetzt leider nicht! Und niatich einer, der kleinlich erwägend an die Dinge herantrat, wird binnen kurzem, davon bin ich überzeugt, kräftig zugreuend da stehen, wo es zum Wohlc unseres Volkes notwendig sein wird. Die erste ״Rundschau“, die ich mit der Sonderausgabc der ״Weil“ auf dem Schlachtfeklc erhielt, brachte mir die Kunde vom Tode W o 1 f f s o 11 n s. Was der Anblick von Hunderten von Leichen, die ich tags zuvor gesellen hatte, nicht vermochte, der Tod dieses einen Mann;:־ brachte cs zuwege. Als ich die so warm empfundenen Worte Dr. Rosen- 111 als las, da drängte.■! sich Tränen hervor. Und da muß ich Immer wieder der Worte meines fallcnen Freundes gedenken, die er sprach, als *er den Nachruf Dr. koaentlir.ls gelesen, ״Wenn Ihr solche Männer habt, müßt Ihr doch an! Ziel gelangen.“ Theos Bride In «Jrr ״l'undBciinti“ liahcti mich'sehr erfreut; daß e» ihm• gut ergeht, und dann diese Kampfcsstimmuiig, Anderes haben wir jüdischen Turner ja nicht voneinander erwartet. An den Feier• tagen hatte ich es nicht so getroffen wie Theo, Ich stand da bei meiner Kanone. Der nächste Feld• gottesdienst für Juden timtet etwa 40 Kilometer entfernt von hier statt. Gestern traf ich zum zweitenmal liier draußen einen Juden. Einen Berliner Landsturmman״. Der ist im ״Gemeindcvcrcin“ und kennt von dorther auch Dr. Klee. Wir hatten uns viel zu erzählen. Vor einigen Wochen traf icli auch einen Kölner Juden. Wir konnten nur flüchtig einige Worte wechseln. Und dann kam ich einmal in der Nähe von Reims in das verlassene Haus eines Juden, Es war in den Tagen zwischen Rosch-Haschana und Jom Kippur. Was stürmte da nicht alles auf mich ein in diesem kurzen Augenblick! Auf dem Boden verstreut, neben anderen Briefschaften Ingen klein«) Rosch-I laschana-Glüekwunsdikurten. Die Karten waren vom vergangenen Jahre. Wie viele solch verlassen(; jüdische Häuser mag es wohl jetzt gehen, — Zuerst als ich aufs Schlachtfeld Warn, bezog unsere Batterie eine Stellung, einige Kilometer nördlich von Reims. Die Türme der Kathedrale, das Wahrzeichen dieser schönen Stadt, wochenlang hatten wir sic taglieh vor Augen. Wie mag diese Stadt, die ich vor zwei Jahren bei einem kurzen Abstecher von Paris aus so bewunderte, heute wohl aussehen? Rechts dicht vor der Kathedrale hatte eine französische Batterie sich inifgestcllt. Nach wenigen Schüssen schon meldete der Fernsprecher: ״Bedienung hat die Geschütze verlassen.“ Dann noch eine kleine Korrektur und es beginnt drüben «las Getöse, ein Polten!, Donnern, Brausen und Zischen war's, zwei Stunden lang, wie ich es noch nie gehört. Ein Munitionslager war in Brand geschossen. Von einem benachbarten Turme aus konnten wir das schaurig schöne Schauspiel am Horizont beim Dunkel der Nacht bewundern. Und wie oft sehen wir über Reims am nächtlichen I irinament sich die Flammen der brennenden Stadt zu einer feurig roten Giutenmassc zusammenziehen. Und manchmal mußte ich da au meine Verwandten in dieser Stadt denken. Eine Schwester meiner Taute wohnt dorten. Wie Sie aus den! ersten Bogen dieses Briefes ersehen, machten wir auch Bekanntschaft mit den Käunilichkciteu der bekannten Finna Dcpcrdussin. Die riesigen Anlagen dieser Firma in der Nähe von Heims sind vollständig zerstört. Größtenteils wohl durch Beschießung von Franzosen. Die Tragflachen der schönen, zierlichen Flugmaschinen haben uns gute Dienste geleistet. Wir deckten unsere Hütten damit. Das waren allerdings auch noch Sommerwohnungen. Auch die Infanterie benutzte die Tragflächen und die blitzend polierten Propeller zum Decken der Schützengraben. In unserer jetzigen Stellung sind die Wohnungen, der Jahreszeit entsprechend, schon etwas anders eingerichtet. Da wir wahrscheinlich noch längere Zeit hier liegen bleiben, so haben wir einen Neubau in Angriff genommen, dieses Haus wird allerdings nur einen Raum aufweisen, aber von solchen Abmessungen wird er sein, daß die ganze Geschützbedienung sich bequem darin aufhalten kann. Zwei Meter hoch, nein tief, zwei Meter breit und zweieinhalb Meter lang. Die Wände brauchen wir natürlich nicht atifzubauen, da wir uns nach der hier herrschenden Bauweise zwei Meter tief im Boden eingraben. Der Boden des Zimmers erhält Holzbelag, ebenso werden die Wände getäfelt und die Schmalseite nacl! Osten erhält schräglicgcnd ein großes Fenster. Natürlich wird auch ein Ofen eingebaut, den wir im nächsten Ort ״empfangen" haben. Sic sehen, dieser Bau wird ini reinsten Zweckmäßigkeits-Stil aufgeführt. Die Leitung und auch ein großer Teil der Ausführung liegt in meinen Händen. Gestern, als wir alle kräftig in! steinigen Boden am Hacken und Schaufeln waren, machte sogar ein Kamerad den Vorschlag, die neue Wohnstube als Tanzsaal cinzurichtcn. Um die Musik allerdings wären wir ja nicht verlegen. Ist cs auch augenblicklich etwas ruhig liier — wir haben diese Stellung zunächst wohl bloß zu halten —, so sind die beiderseitigen Geschütze doch täglich an der Arbeit. Die Kämpfe um B, a. B. dauern an, und mancher auf der Höhe vor uns mußte schon sein junges Leben lassen. Wir haben da meist noch gut abgeschnitten, obwohl sehr viele Granaten ganz dicht bei unserer Batterie cinschiugcn. Am 10. November war's, da schlug zwei Schritte neben mir eine Granate ein. Ich entkam, wie schon öfter unter ähnlichen Umstünden, ohne Schaden zu leiden. Nicht so erging es dem lieben Kameraden, den ich hier gefunden. Am 1. November fiel er als erster in unserer Batterie. Ein seltenes Begräbnis wurde ihm hier unter dem Donner der Kanonen zuteil. Mit allen militärischen Ehren wurde unser Kamerad zu Qrabe geleitet. Vier schlichte Kränze, von Freundeshand gewunden, wurden am Grabe nicdergelcgt. Das Orab befindet sich mit denen anderer deutscher und französischer Soldaten liehen der Wohnung eines Fabrikdlrcktors. Nachdem wir fast 4 Wochen in Feuerstellung lagen, wurden wir zur Erholung auf eine Woche abgelöst. Wir wohnten nun wieder In einem richtigen Hause in O. Ich nutzte da meine freie Zeit und