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Jüdische Rundschau · 1914-12-25 · Heft 52 (25.12.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 52 (25.12.1914)
Date
1914-12-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 52 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seile 469 Die In 1!cr jiMi:±a; 0:;..ג׳;.נ;:.י Rostock Zu dem Konflikt in der Rostocker jüdischen Qcnieindc wird uns von dort geschrieben: Am 12. Dezember fand eine weitere Gemeinde• Versammlung statt, in der 17 Ocmcindcmitglicdcr die Aufhebung des Beschlusses vom 21. November, wonach künftig nur reichsdcutsche Mitglieder stimmberechtigt sein sollen, beantragten.׳ Die Vcrsammhing war von •17 Mitgliedern besucht, eine Zahl, die noch niemals eine Gemeindeversammlung in Rostock aufzuweisen hatte. Der Verlauf der 'i’Astündigen Versammlung hat an Erregung die Gcmclndcvcr• Sammlung vom 21. v, M. weit übertroffen. Vor Eingang in die Tagesordnung entspann sich eine lebhafte Geschäftsordnungs-Debatte, an welcher sich alle anwesenden Juristen beteiligten. Der springende Punkt war der, ob die Ausländer, trotz des bekannten Beschlusses, noch stimmberechtigt sind. Rechtsanwalt Frankel verneinte diese Frage, wogegen Rechtsanwalt Dr. G 0 1 d s t a u b und Bürgermcistcr Dr. Becker dieselbe bejahten, da der Be- Schluß vom 21. v, Mts. von der Regierung noch nicht genehmigt wurde. Rechtsanwalt Frankel gab sicli hiermit aber noch nicht zufrieden und erklärte, gegen alle Beschlüsse der Versammlung bei der Regicrung Protest zu erheben, Den bereits erwähnten Antrag begründete Herr Lichtcnberg, der besonders darauf hinwies, daß der gefaßte Beschluß gefahrvoll für den Rostocker Kultus sei, da der regelmäßige Gottesdienst in der Synagoge nur noch durch die Ausländer aufrecht erhalten werde und diese, falls der Beschluß Gesetz bleibt, sich fernhalten würden, wodurch der offizielle Gottesdienst ganz unterbleiben müßte. r ~~1 ־־־־ renzzeit Vorsicht, aber sich von dem Antrag Kesten- Dr. Sawitz erheb!ich unterscheidet, denn deren An* trag verlangte nur die Zustimmung der Gemeind»- Versammlung, wogegen der angenommene Antrag Dr. Golds taub diese Zustimmung einer geson» derten Versammlung von nur reichedeutschen Mitgliedern in die Hände fegte. Also selbst diejenigen Ausländer, die schon über 5 Jahre hier wohnen und durch den jüngsten Beschluß ihr Stimmrecht behalten, haben nur be* schränkte Rechte, denn über die Stimmrechterteilung an zuziehendc bzw. noch nicht 5 Jahre hier wohnende ausländische Mitglieder werden sie nicht zu bestimmen haben. Am Schlüsse der Versammlung entstand noch ein heftiger Tumult, verursacht von den Herren Tobias und Gimpel, die einige ausländische Mitglieder und den Ocmeindevorstand in heftiger Weise persönlieh angriffen. Dem Bürgermeister Dr. Becker, der die genannten Herren energisch zur Ordnung ermahnte, gelang cs nur mit großer Mühe, die Ordnung wieder herzustellcn. Und diese Herren bilden sich ein, in der Kultur den Ausländern 100 Jahre voraus zu seinl Die Folge dieser schmählichen Vorgänge sind die, daß die Entrechteten sich tatsächlich separieren werden, indem sie sich ein eigenes Betlokal einrichten, wodurch der Gottesdienst in der Synagoge mit der Zeit ganz aufhören muß. Aber noch andere, bedeutendere Folgen wird dieser Beschluß haben. Die Rostocker Juden haben bisher jeden Versuch, eine zionistische Ortsgruppe in Rostock zu gründen, zu vereiteln gewußt. Jetzt wird aber alle ihre Mühe vergeblich sein, denn in allernächster Zeit wird in Rostock eine zionistische Ortsgruppe entstehen (und zu ihren Anhängern nicht nur ausländische, sondern mehrere deutsche Juden zählen. Die letzten beiden Gemeindeversammlungen haben vielen in Rostock lebenden Juden die Augen geöffnet, und sie wissen nun, wo sie hingehören. Er verstand es, auf die Menge zu wirken, und ihm jubelte die Menge zu wie keinem auderen. Er war der Führer der Bewegung. Auf dein großen Studentenkommers in Hamburg — zwischen den heißen Debatten des Kongresses ־־־ wurde ihm eine Huldigung der jüdischen Jugend bereitet, die ihn für manche bittere Stunde entschädigte. Wolffsohn sprach von dem Stolz, mit dem er das Studentenband mit dem Davidstern trug, von der Kraft und Disziplin, die in unserer Jugend liegt. Dankbarer Jubel umbraust ihn. Die Tausende im Saale springen auf, Jubeln, Fahnenschwingen, Schlägerklirren vereinen sich m einer rauschenden Symphonie der Begeisterung. Das war nicht der Gruß einer Organisation an ein verdientes Mitglied, so grüßt, so erhebt auf den Schild das Volk seinen Führer. Rückschau und Ausblick Von Dr. GrUnebcrg, z. Z. Feste Illingen bei Dicdcnhofcn. Diese Tage der zweiten Dezemberhälfte voraiilassen uns Zionisten, Rückschau zu halten. Ist doch gerade ein Jahr verflossen seit der Zeit, da die nationale Judenlieit Deutschlands eintr.1t in jenen herrlichen Kampf für unser heiligstes natfonnfes Gut, für die Erhaltung und Fortführung der Wiedergeburt der hebräischen Sprache im Lande der Väter, im Lande auch der Söhne und Enkel. Ungeahnte sittliche Kräfte wurden in uns ausgclöst. Der Geist unserer Geschichte, die Verantwortung gegenüber dahingegangenen Geschlechtern, aber was noch viel bedeutender ist als alle Pietät, die Verantwortung vor dem ewigen Judentum und vor den kommenden Generationen, sie war cs, die uns als Fahne voranlcuchtctc, die uns den Willen zum Siege gab. Und der Sieg ward unser. Er neigte sich nicht dorthin, wo die Kraft und die Macht war, sondern zu jenen, die beseelt und durchdrungen waren vom Geiste der jüdischen Gcschichte und des jüdischen Volkes. Aber nicht lange war es uns vergönnt, uns des Sieges in Ruhe zu erfreuen. Schwere Anschuldigungen wurden in aller Oeffentlichkcit von deutschen Stammesbrüdern gegen uns erhoben. Fern von uns sei in diesen Tagen jegliches Gefühl der Erbitterung, aber dieses sei gcsagt: Schmerzlich ist uns noch heute die Erinnerung und noch lange wird sic es bleiben, daß deutsche Juden uns zwangen, die stille, ruhige Arbeit im Dienste unseres Volkes zu unterbrechen, daß wir gedrängt wurden, durch die deutschen Lande zu ziehen und unseren Ehrenschild blank und unbefleckt von der Beschuldigung zu erhalten, wir liebten unser deutsches Vaterland weniger, weil wir unser eigenes Volk so innig lieben, daß wir ihm eine eigene Zukunft erhoffen und an ihr arbeiten. Wer hätte cs in jenen Tagen geglaubt, daß wir so bald Gelegenheit haben würden, es durch die Tat zu zeigen, daß jene uns bitteres Unrecht zugefügt hatten. Das Vaterland rief und alle kamen. Fern sei von uns in diesen Tagen alles Rechnen und alle Statistik. Willig opfern deutsche Zionisten Gut und Blut dem deutschen Vaterlande, helfen Deutschland schützen vor der U11kultur des Ostens und der Fremdkultur des Westens. Komme nachher, was kommen mag. Uns ist dieser Kampf, ist das Bewußtsein höchster Pflichterfüllung schönster Lohn für alle Opfer, die wir freudig bringen. Und wenn der Kampf durchgekämpft sein wird, dann werden wir mit neuer Kraft und neuem Mut wieder an die Arbeit gehen für unser eigenes Volk. Die Tatkräftigen noch zielbewußter als ehedem, die Lässigen von Eifer beseelt, denn diese Zeit zeigte uns, zu welchen Opfern sich ein Volk aufschwingen muß, wenn es um seine Existenz geht. Schon orakeln falsche Propheten von der Zukunft und den Aussichten des Zionismus nach dem Kriege. Mögen ihre Unkenrufe ertönen. Wir sind historisch orieutiert und deshalb kann nie ein Zweifel über unsere Wegrichtung aufkommen. Mag sich das Schicksal der deutschen Juden in diesem Sinne erfüllen oder in jenem. Unser Ideal und unsere Arbeit kann dies ,nicht berühren. Auch wenn die deutsche Judenlieit sich am Ziel ihrer Sehnsucht sicht, auch wenn alle Schranken fallen und die Morgenröte einer längst verdienten äußeren und inneren Freiheit der deutschen Judenheit erstrahlen wird, das jüdische Volk und seine Zukunft können nicht davon berührt werden. Dann soll im Oegcnteii die Welt erkennen, daß wir Zionisten sind aus tiefstem Herzensbedürfnis, daß letzten Endes keinerlei politische Erwägungen den Zionismus in iins lebendig erhalten, sondern daß der Zionismus untrennbar mit uns verwachsen ist, weil er allein Imstande war, unsere zerrissene Seele zu vereinheitlichen und starke, freie Menschen aus uns zu machen. Beim Ausbleiben oder bei verspäteter Lieferung einer Nummer wollen sich die Abonnenten stets mir an den Briefträger oder die zuständige Bestdl-PostansMt wenden Erst wenn Nachlieferung und Aufklärung nicht in angemessener Frist erfolgen, wende man sich unter Angabe derbereits unternommenen Schritte an unseren Verlag . Herr Tobias ließ cs sich nicht nehmen, auch in dieser Versammlung seinen grenzenlosen Aus-!änderhaß zu bekunden und stellte an die Vcrsammlung das Ansinnen, die russischen Mitglieder im Hinblick auf den Krieg aus der Versammlung hinauszuweisen, eine Zu-' mutung, die natürlich sowohl vom Vorstande wie auch von der Versammlung abgelehnt wurde. Trotz der eindringlichen Rede des obengenannteil Herrn Lichtcnberg wurde der Antrag bei geheimer Abstimmung mit 27 gegen 20 Stimmen abgelchnt. Ein darauffolgender Antrag Kesten, daß alle bisher stimmberechtigt gewesenen Ausländer auch weiter ihr Stimmrecht behalten sollten, wurde ebenfalls mit 26 gegen 21 Stimmen abgelehnt. Zur Annahme gelangte ein Antrag Dr. Sawitz, welcher allen denjenigen nichtrcichsdeutsehen Mitgliedern ein Stimmrecht zuspricht, die schon 5 Jahre stimmberechtigte Mitglieder sind. Auf der Tagesordnung stand ein zweiter Antrag Kesten, der den neu zuzichcndcn nichtrcichsdcutschen Mitgliedern ein Stimmrecht gewähren will, wenn sie mindestens 2 Jahre die Pflichten der Gemeinde gegenüber erfüllt haben und 'die Gemeindeversammlung ihnen das Stimmrecht zuspricht. Herr Kesten, der seihst Ausländer ist, stellte diesen Antrag, um den Gegnern zu zeigen, daß auch die Ausländer keine ״unliebsamen“ Elemente — wie dies von ihnen vcrschiedcntlicli hervorgehobeti wurde — in der Ocineindc-Vert r e t u n g wünschen. Aber dieser Antrag ging selbst Herrn Dr. Sawitz, dessen Vater auch nur deutschnaturalisierter Russe ist, zu weit, und er stellte einen Gegenantrag, der die Karenzzeit von 2 auf 5 Jahre erhöht haben will, im übrigen aber genau 80 lautete, wie der Antrag Kesten. Auf Ersuchen des Herrn Sawitz und vieler anderer Mitglieder hat Herr Kesten seinen Antrag zugunsten des Antrages Dr. Sawitz zurückgezogen, aber auch dieser wurde abgelehnt. Bemerkenswert ist hierbei, daß Herr Dr. Sawitz gegen seinen eigenen Antrag gestimmt hat. Zur Annahme gelangte endlich ein Antrag Dr. Oolditaub, welcher ebenfalls eine 5jährige Ka- Notstandsarbeiten in Palästina Wir haben bereits berichtet, daß der J ü d i s c h e Nationalfonds in der schweren wirtschaftlichen Krise seit Ausbruch des Krieges imstande war, Bedeutendes für die Verproviantierung der jüdischen Bevölkerung in Palästina zu leisten. Mit den großen Getreidevorräten seiner Farmen wurden nicht nur die Städte Jerusalem, Jaffa, Haifa, sondern auch Kolonien wie Pethach-Tikwah, Ri* schon ie-Zion, En-Ganini, En Chai usw. versorgt, während aus der Nation.ilionds-Farm Ben- Schemen täglich große Quantitäten Milch nach Jaffa geliefert wurden. Es bleibt aber eine andere, ebenso große Aufgäbe zu erfüllen, mit der sieh eine jüngst abgehaltene Sitzung des Nationalfonds-Direktoriums eingehend befaßt hat. Sofort nach Ausbruch des Krieges drohte infolge Aufhörens der Oeldzuflüsse aus dem Auslande, der geringen Goldvorräte bei den Banken und Requirierungen für das Heer eine verheerende Arbeitslosigkeit in den Städten und Kolonien Palästinas. Dank dem Eingreifen der amerikanischen Judenheit, die durch ihre Vertreter beträciitliche Geldmittel nach Palästina sandte, wurde die größte Gefahr abgewendet und auch die Arbeitslosigkeit zumindest für einige Zeit gebannt. Zu seinem Teile hat auch der Nationalfonds erheblich hierzu beigetragen, indem er seine Betriebe nicht nur in vollem Umfange aufrecht erhielt, sondern auch die für die Hochsaison aufgenommenen Arbeiter weiter behielt und sie mit außerordentlichen Arbeiten, wie Errichtung von Arbeiterliäusern, Wegbauten usw. zu beschäftigen suchte. Es ist zu hoffen, daß die amerikanischen Juden, die sich in so weitherziger Art ihrer Brüder in Palästina annahmen, auch weiterhin an der Spitze des Hifswcrkes sein werden. Allein, um die 'ungeheure Not, besonders aber die Arbeitslosigkeit — die größte, weil auch moralische Gefahr — vom neuen und, soweit als möglich, auch vom alten J i 8 c 11 u b dauernd fcrnzuhaltcn, ist es unbedingt geboten, daß alle maßgebenden jüdischen Faktoren in gleicher Richtung wirken. Getreu dem alten Prinzip des Nationalfonds, nicht Philanthropie zu üben, sondern Arbeitsgelegenheit zu schaffen, hat die letzte Direktoriumssitzung des Nationalfonds, auf Grund der vom Palästina-Amt vorgclcgtcn Berichte und nach Beratung mit dem anwesenden Leiter der bautechnischen Abteilung des Palästina-Amtes, beschlossen, eine besondere Aktion zur Beschaffung von Mitteln für die Ausführung von Notstandsarbeiten in Palästina einzuleiten. Bekanntlich geht jetzt In den vom Kriege betroffenen Ländern da« allgemeine Streben dahin, durch Notstandsarbeiten von Staat und Gemeinde der um sich greifenden: Arbeitslosigkeit zu begegnen. In Palästina haben die Notstandsarbeiten de* Nationaifonda noch eine ganz besondere Bedeutung.

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