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Jüdische Rundschau · 1914-12-25 · Heft 52 (25.12.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 52 (25.12.1914)
Date
1914-12-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Nr. 52 Seile 468 Natur ist. Gerade die Nöte unserer Tage lehren, daß die Hungernden zunächst gesättigt werden müssen, da 11 es aber nicht genüge, ihnen für den Augenblick das karge Brot gereicht zu haben, sondern daß man sie in den Stand setz.cn müsse, für die Zukunft sich dieses Brot selber zu eryverben. Dies aber ist nur i 111 Rahmen zionistischer Arbeit möglich. ln dieser Erkenntnis mögen alle hilfreichen jüdischen Hände einander finden, alle Kräfte sich in den Dienst einer wirksamen, über die Dauer der Kriegsnöte unserer Tage reichenden wahrhaften Hilfsaktion steilen, die die Gesamtheit unseres Volkes frei macht von entehrenden Almosen. Eine solche Arbeit ist wahrhaft jiidisch, wie der Wunsch, ״daß um Zions willen Parteistreit und ungerechter Tadel auf allen Seiten verstummen 1nuß.״ Wolffsohn der Führer Von Dr. Egon Rosenberg Wie wir an anderer Stelle unseres Blattes initteilen, hat das A. C. heschlossen, die geplante Wolffsohn-(jedenkiiununer der ,,Welt“ lieraus/ugeben, sobald eine tfer Bedeutung dieser Gedenk- Schrift würdige Vcrbreitungsmögliehkeit vorhanden sein wird. Da bis z.iiin Eintritt dieser äußeren Bedingungen noch geraume Zeit verstreichen dürfte, halten wir es für ein Gebot der Pietät gegenüber den« Verewigten, in der ״Jüdischen Rund• sch,ווו" von Zeit zu Zeit Aul'siil/o über die Persönlichkeit lind das zionistische Wirken David Wolffsolms zu bringen. Wir beginnen heute mit dem Abdruck des nachstehenden Artikels, der die bisher in der zionistischen Presse nicht ge-!lügend gewürdigte Bedeutung Wolffsohnsals Führer unserer Bewegung in trefflicher Weise hervorhebt. Der Artikel ist in dem öffentlichen Heft des .,Jüdischen Student e n“ vom 1. November d. J. erschienen, Persönlichkeiten von geschichtlicher Bedentung kann man nicht unmittelbar nach ihrem Tode bewerten, In ihrer Wirkung auf die Geschichte ihrer Zeit und Ihrer Nachwelt gewinnt man erst den richtigen Maßstab. So wie mail einen monumentalen Bau nicht betrachten darf, indem man sich dicht an seine Mauern stellt, vielmehr eine entferntere Stellung suchen muß, die einen Uebcrblick überdas Ganze gewährt. Diese Stellung zu Wolffsohn können wir noch nicht finden, und darum muß alles, was jetzt über ihn gesagt werden kann, darauf verzichten, als objektive historische Wertung zu gelten und kann nur persönliches Empfinden sein, das künftigen Beurteilen! seiner Person als Material dienen wird. Wir kannten David Wolffsohn als treuen und ergebenen Mitarbeiter Theodor Herzis, als den Schöpfer unserer Finanzinstitute -- und später als unseren Führer, als den Nachfolger Herzis. Wolffsohn hatte sich bis zu Herzis Tode bescheiden in die Reihe seiner Mitarbeiter gefügt. Er war als Persönlichkeit nie hervorgetreten. Gewiß, er war in der Bewegung allgemein bekannt, man wußte, daß sein Rat von Herzl oft gesucht wurde, daß Herz! ihn zu allen seinen Unternehmungen heraivzog, daß er ihm in allen Dingen vertraute und daß Wolffsohn der ergebenste Freund Herzis war. Aber den Führer sah man nicht in ihm; ahnte ihn nicht bis zu dem ersten Kongreß, den er leitete. Sein Auftreten war allen eine Ueberrasehung. Er bewies, daß er seine Stellung auffaßte nicht nur als den Vorsitz im Actions-Comite, sondern als die Führerschaft des jüdischen Volkes. Und das erscheint mir an Wolffsolms Bedeutung das Charakteristische: er war — oder er wurde — in seinem Wesen durchaus Führer der zionistischen Bewegung. Die schöpferischen Geister, von denen Bewegungen der Menschheit ausgehen, sind fast nie Führer der Bewegungen gewesen. Das liegt ja 5tum Teil schon darin begründet, daß die Ent- Wicklung eines Gedankens zur Volksbewegung mehr Zeit braucht, als sie ein Menschenleben bat, aber wohl auch darin, daß der Führer einer Jtjfdi frf'l Ji o V■* i ‘t hJ» RUN DSCHAU Volksbev,־״.׳; •:;! ־;;11» dir : d ־ Schöpfer des Gedanken:;!:eil •‘ v’i C m 1 .1 fi;i;a .!t der Bewegung in seiner ganzen I er.;eit Z.tili» Au: druck bringen muß. Um I ,::Lssel C 7U1 , gebe; :1: Die Enzyldopäpiste.11 habe il l’lC Iran ich Revohitionsgedanken enb iviri.-clt, die Führ ׳er der Revolution selbst wart; ו jVb'iii 1er, die in ihrem Wesen Revolution vai •ai. Ln egci ward er gegebene Führer des Wiener Anüu -.ni'i simts, denn er war das Mensch gev von!;׳!;(; Wi ienertu 111, das den Christlichsozialen Oed;!:1! ken auf 8e Ine spezifische Art aufgeiionmten und ver arbeitet hatte. P i 11k er an d 1 lirsch Kali sch er und R ii 1 f sind kci »IC Führer ei! 11er Bewegung geworden, sondern erst Herzl, der in Tat umsetzte, was an üedankenmuferial sich zur Bewegung gesammelt hatte, und nach ihm Wolffso 1111, dessen Persönlichkeit dein Wesen der Bewegung vollständig kongruent war. Führer einer Bewegung ist nicht absolut identisch mit Leiter der Bewegung. Führer einer Volksbewegung kann nur sein, wer in seinem Wesen ein Produkt der Bewegung, der möglichst vollkommene Ausdruck der Bewegung ist. Und das war Wolffsohn, Schon in seinem Werdegang, Der kleine arme Judenjunge aus dem russisehen Ghetto, ein Sinnbild der unglücklichen Lage unseres Volkes, kommt nach Westeuropa. Dank seinem Biklungsstrcben, seinem eisernen Willen kommt er zu Stellung׳ und Ansehen. Und bleibt der Jude, der er war. Nicht wie andere kleine arme Jiuleiijiingen, die es zu etwas gebracht haben, und die, je weniger klein und weniger arm, auch weniger Juden werden, nützt er das Erreichte in der Arbeit für eine würdige Zukunft seines Volkes. Dieser Lebensgang ist der in ein Menschen- Schicksal projizierte Zionismus, Wolffsohn erscheint uns schon deshalb als so charakteristische Verkörperung unseres zionistischen Wo!lens, weil er so jüdisch war wie wenige von uns. Wir sind uns dessen bewußt, daß nicht nur der Zionismus im Judentum, sondern auch das Judentum im Zionismus ein Problem ist. Wir sind alle nur mein oder weniger Juden. Der eine ist Jude und dabei doch ganz preußischer Assessor, der andere zu einem nicht geringen Teil seines Wesens russischer Intellektueller, der dritte verrät in dem Radikalismus seiner Geste den Ocsterreichcr. Bei Wolffsohn lassen sich solche Einscbränklingen seines jüdischen Wesens nicht feststellen, er war ganz, und gar von sprühender Jiidischkeit. Er hatte sich europäische Bildung angeeignet, basierte aber in seinem Denken, in der Art, die Dinge aufzufassen, in der Form der Argumentation ganz, und ausschließlich auf den jüdischen Elementen seiner Bildung. Das Haus, das er sich in Köln erbaut hat, ist auch dafür charakteristisch, Es ist das moderne, mit allem Luxus ausgestattete Haus — in jüdischer Eigenart, Es wirkt mit seinem curopäischen Komfort und dem Schmuck seiner jiidischcn Embleme und Kunstwerke wie ein Haus aus Herzis Altneuland. Ein Freitag-Abend in diesem Haus, bei Wolffsohn — ich kann mir keinen jüdischeren Sabbath denken. Ich erinnere mich eines solchen Abends, Es war nach dein Tode seiner Frau, Trude Herzl erfüllte die Pflichten der Wirtin. Wolffsohn trug ein silbergesticktes Kappdien, für den Gast lag ein türkischer Fez bereit. Nie wurde weihevoller ein Sabbath begangen, als da David Wolffsohn dem Gast von Herzl erzählte. Wenn Wolffsohn von Herzl sprach, nahm seine Stimme einen ganz, eigenen Klang an. Verehrung und Zärtlichkeit klang aus jedem seiner Worte. Obwohl er Herzis nächster Freund und sein Nachfolger war, hat er in seinen Worten über Herzl stets den Abstand gewahrt, der auch in seinem Bewußtsein zwischen ihm und Herzl lag. Er war sich dabei der Auszeichnung hewußt, die in seiner Stellung zu Herzl lag. Ich weiß nicht, ob er das Wort Einersons kannte, aber er empfand es: Einem Menschen kann keine höhere Auszeichnung wiederfahren, als daß ein Genius mit Gedanken von einer gewissen Höhe sich an ihn wendet. Auel! wenn er vom Judenvolk spradi, klang sein jüdisches Empfinden, sein jüdischer Stolz aus jedem seiner Worte. Wenn er von den Feh• lern unseres Volkes sprach, so sprach er wie ein Vater von den Felllern seines Kindes — mit einer wehmütigen Zärtlichkeit oder mit schmerzvollem Zorn. Weil er eine so unbedingt jüdische Per• sönlichkeit war, hatte sein Zionismus so etwas Selbstverständliches. Ihm war der Zionismus nicht das Resultat eines soziologischen oder politischen Kalküls, smidem die selbstverständliche moralische Konsequenz seines Wesens, Hier tritt auch der Unterschied hervor zwischen Herzl, dem Schöpfer imscres politischen Ideals, und Wolffsohn, dem aus dem Geist der Bewegung entstandenen Führer, Herzl steht in vielem über dem Zionismus, bei ihm kann man Wechselwirkungen zwischen Idee und Persönlichkeit beobachten. Bei Wolffsolin konnte der schärfste Analytiker keinen Zug seines Wesens finden, der gegen oder neben den Zionismus gcriciitet wäre. Das ist eben die für den Führer charakteristischc Kongruenz zwischen Persönlichkeit und Idee. Wenn unser Volk so einheitlich und so jüdisch wäre wie Wolffsohn, so wäre der Zionisnuis keine Streitfrage, sondern der Ausdruck des allgemeinen und selbstverständlichen Willens, Wolffsoln! war sich seiner Stellung als Führer bewußt. Er verband mit einer glänzenden Rlietorik die sich auch erst zeigte, nachdem er an die Spitze der Bewegung getreten war eine natürliche Würde des Auftretens. Er hat in der Kunst zu repräsentieren sicher viel von Herzl gelernt, aber eben nur so viel, als man davon lernen kann. Die Fähigkeit zur würdigen Repräsentation muß in der Persönlichkeit liegen. Die Bedeutung seiner Stellung verlieh ihm ein starkes Selbstbewußtsein. Er forderte von seinen Gesinnungsgenossen Anerkennung seiner Stellung und Disziplin. Seine Auffassung von Disziplin stammt aber nicht erst aus der Zeit seiner Führerstellung. Schon früher bewies er durch seine unbedingte Unterordnung unter Herzl, daß er auch für sich die Notwendigkeit der Disziplin anerkannte. Ich erinnere mich einer für seine Auffassung charakteristischcn Rede aus dieser Zeit. Es war nach der Actions-Comite-Sitzung, die der Charkower Konferenz gefolgt war. Wolffsohn kam auf seiner Heimreise aus Wien mit Oskar Marmorek und Katzcneisolin durch Berlin. Zu Ehren der drei Gäste veranstaltete die ״Hasmonaea" einen kleinen Kommers, zu dem nur die nächsten Freunde cingeladc» waren. Der kleine verräucherte Raum, in welchem die damals noch schwache Verbin* dang tagte, war überfüllt. Es war durchaus kein bequemer und luxuriöser Aufenthalt und doch, glaube ich, wird jedem Teilnehmer dieser Veranstaitung der Abend — oder war es die Nacht — unvergeßlich bleiben. In der Fidulität mußte ״Herr Wolffsohn ans Köln“ als jüngster Fux die anderen bedienen. Er tat es mit gutem Humor. Dann sprach er über die Disziplin. ״Mancher unserer Freunde würde nicht verstehen, wie ich hier auf Kommando trinke, singe, spreche und schweige. Alles auf Befehl. Aber in diesem Scherz liegt ein tiefer Ernst. Wir müssen lernen, auch in den kleinen Dingen zu gehorchen, und wenn hier jüdische Studenten zu diesem Gehorsam erzogen werden, so ist auch das eine wichtige jüdische Erziehungsarbeit.“ Damals war er noch nicht Präsident und niemand dachte daran, daß er es je werden könnte. Oder doch, einer dachte daran: Herzl. Er, der Wolffsohn kannte wie kein anderer, zeichncte ihn in seinem David Litwak in Altneularid. David Litwak, der bettelarme litauische Judenjunge, der der Führer des befreiten Judenvolkes wird. Wolffsoims Schicksal ist ja nicht das des David Litwak geworden. Aber cs gab in seinem Leben Augenblicke, in denen die Dichtung Herzis für ihn fast Wirklichkeit geworden ist: Wenn er auf der Kongreßtribüne mit einem Wort, mit einer Geste den Kongreß beherrschte, wenn die Begeisterung der Delegierten und der Hunderte auf der Galerie ihn begrüßte.

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