Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1914)
- Date
- 1914-12-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2651869-2651920--09932-2667303- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 51 Seite 4M JU werden sollten. Da Jedoch der Krieg nur die Form einer militärischen Demonstration gegen Bulgarien, onnahm, begannen die Regierung und die Presse die Erfüllung dieses Versprechens eiimischriinken. Schließlich wurde das Versprechen der Regierung nach der Abdankung des konservativen Ministeriums und unter der Herrschaft der liberalen Partei völlig beiseite geschoben. Audi als in der rumiiiiisclten Kammer die Revision der Verfassung auf der Tagesordnung stand, wurde trotz energischer Vorstellungen des ,Verbandes der eingeborenen Juden die Judenfrage ignoriert. Die Liga Cuitura, eine Organisation der rumänischen Nationalisten, drohte, sie würde, wenn der Verband seine Aktion nicht cmstelltc, das Signal zu einem a 11 g e in e i u e n Po- (׳rom geben. Durch den gegenwärtigen europäischen Krieg ist die Judenfrage in Rumänien augenblicklich wieder in den Hintergrund gedrängt worden. Niemand kann sagen, welche Wirkung auf diese Angelegenheit der Krieg ausüben wird! Die Frage der Einwanderung nach den Vereinigten Staaten fährt fort, die Aufmerksamkeit des Komitees in Anspruch zu nehmen. Auf unserer letzten Jahresversammlung berichteten wir, dal! die Wortführer der Einwauderungs-Iieschrüulamgeu dem Kongreß eine Bill überreicht haben, welche die Bestimmung des Bildungsnachweises enthält. Diese Klausel ist vom Präsidenten Taft am 11. Februar 1914 abgclchnt worden. Jedesmal, wenn der Kongreß diese Frage beriet, bemühte sich das Komitee, die i Intunlichkeit dieser Bestimmung darzulcgcn. Am 12. Dezember 1913 war das Komitee, in Gcmeinschaft mit anderen jüdischen Organisationen, bei einer Sitzung der Einwaudertingskotnuiission des Abgeordnetenhauses vertreten und gab seiner Gegnerscliaft gegenüber dem Gesetzentwurf entschiedenen Ausdruck. Vertreter unseres Komitees wandten sich auch an den Präsidenten Wilson lind legten ihm unsere Einwendungen gegen diese Mallregel dar. Schließlich bemühten wir uns, wenigstens eine Begünstigung für Einwanderer zu erlangen, die vor politischen oder religiösen Verfolgungen geflohen sind. Es gelang dem Komitee jedoch nicht, die Annahme dieses Antrages im Abgeordnetenhause ihireh/.usetzen, und am 4. Februar 1914 nahm das Haus die B u r n e 11 ־ B i 11 an. Der Senat hat die Maßregel bis jetzt noch nicht in Kraft treten lassen, doch wird dies in der kommenden Session geschehen. Inzwischen ist durch den Ausbruch des Krieges die Einwanderung fast ganz unterbrochen, und obgleich es unwahrscheinlich ist, daß während der Dauer des europäischen Krieges irgendwelche Maßregel, die Einwanderung einzuschränken, populär werden wird, sind die Anhänger dieser Bestrebungen eifrig bcmüht, die Annahme zu verbreiten, daß nach Beendigütig des;Krieges ein großer Zustrom von Ein- Wanderern zu erwarten sei, obwohl Dr. Frcderick C. Howe, der neue Kommissionär von Ellis Island, kürzlich dieser Theorie scharf cntgcgcngctreten ist. Di sprachen 4000 Dollar, direkt 1t;uh Am 23. B r;111 d e i s 11,0/ Novn in M UH׳r i! u; iig vt.rl.aifD Annähernd T;»ncii ein größerer Betrag übt, wie.0,11. sprachen Dr, Leviu und 11 k 1: e mit groll ein Erfolg,!^זייסחי," י ul k WWttltWJ hht Die Aktion der amerikanischen Zionisten (Von unserem Berichterstatter.) Die vom Provisorischen Exekutivkomitec für allgemeine zionistische Angelegenheiten eingeleitetc Tätigkeit zur Aufbringung eines Hunderttau sc 11 d>D0IIar- Fonds für das zionistische Paliistiimwcrk und die allgemeinen Erfordernisse der zionistischen Organisation nimmt einen stetigen Fortgang, Bis Ende November wurden ca. 40 000 Dollar gesammelt. Außerdem hat der bekannte Philanthrop Mr. Julius Rosenwald 12 000 Dollar für diesen Fonds zugosngt. Das Mitglied des E. A. C., Dr. Schmarja L c v i 11, sprach am 5. November in einer Massenversammlung in Brock ton, Mass. In der Versammlung hielten auch die Gesinnungsgenossen D. Luric und-Louis Meyer aus Boston wirkungsvolle Ansprachen. Es wurden 2000 Dollar für den 100 000 Dollar-Fonds gcsammelt. In Bronxville wurde am 8. November ein Zionstag veranstaltet. In vier Synagogen wurden große Versammlungen abgehaltcn. Das vorläufige Ergebnis der Sammlungen betrug 500 Dollar. Am 15. November sprach Dr. Schmarja L e v i n in Boston in der überfüllten Mac Kinlcy Hall. Reden hielten in dieser Versammlung auch Mr. Isaac Harris, Harry Dubinsky und Julius Myer. Es wurden ansehnliche Beträge gezeichnet. Die Samm- Iung wird fortgesetzt. Am 20. November veranstalteten die K n i g h t s of Zion zu Ehren der Herren Dr. Lcvin und Louis D. Brandeis in Chicago ein großes Bankett, an dem die angesehensten jüdischen Gesellschaftskreisc der Stadt tcilnahmcn. Tags darauf fand ein riesiges Meeting im Douglas-Park statt, wobei außer Dr. Leviti und Mr. Brandeis noch Judgc Pam, Nathan ,D. Kaplan und Max S11 ul 111 an In einem ״Offenen Brief au Mr. Israel Zangwill“, den der soeben;ms Lemberg entkommene Schriftsteiler B. W, Segel in verschiedenen deutschen Blättern vcroffomücht, findet sich 11. a. folgende Kenn- Zeichnung der Gewaltherrschaft, die die Russen in den von ihnen besetzten! eilen Galiziens aimiilien: ״Der Jude soll fortab in dem Lande, wo seine Vorfahren seit tausend Jahren wohnten, sich nicht mehr frei bewegen, sondern nur noch in einem Ansiedluugsrayon wohnen dürfen. Seit Jahren scheute das Land keine Opfer, um immer neue Schulen ins Leben zu rufen, Millionen und Millionen sind für Unterriditszwecke ausgegeben worden. Diese Schulen werden sämtlich geschlossen. Insbesondere die J 1111 c 11 werden in den v o 11 ihnen selber seit hundert Jahren gegründeten und gehaltenen Schulen, soweit die Fonds nicht von der neuen Regierung konfisziert!werden, nur bis zur Norm von 5 Prozent b e s u c h e n d ü r f c n! Lehrämter dort zu bekleiden wird ihnen aber verboten sein. Die zahlreichen jüdischen Lehrer und Lehrerinnen sowie die Beamten im Staats-, Landes- und Gemeimledienst, in der Justiz wie in der Verwaltung, beim Heere, bei den Bahnen, bei der Post und der Finanz, aber auch die Rechtsanwälte, Aerzte und Apotheker können getrost zum Bettelstab;;reifen. Grundbesitz dürfen die Juden nicht erwerben, und was sie linbeii, müssen sie so rasch wie möglich losschlngen. Sie werden fortab IJiirg'cr vierter Klasse. Um ja nur keinen Zweifel darüber zu lassen, welcher Kurs fortab in Ostgali/idi herrschen wird, haben die Russen jetzt schon am jüdischen Neujahrsfeste in mehreren Städten, insbesondere in Lemberg und K o 10 in c a, schwere, blutige Pogrome, ganz nach echt-russischem Muster, veranstalten lassen. Werden Sic es nun verstehen, Mr. Zangwill, warum der Vorbetcr der großen Synagoge in Brody sich das Leben nahm, als, ihm der russische Gewalthaber auftrug, am bevorstelicnden Neujahrsfeste und Versöhnungstage das Gebet für den Zaren anstatt wie bisher für den Kaiser Franz Josef vorzutrngen. Und warum alle Synagogen in den von Russen besetzten Städten an diesen heiligen Tagen verödet geblieben sind?“ lieber die» Schandtaten der russischen Soldateska in verschiedenen Städten Galiziens berichtet der ״Israelit“ auf Grund von Privatbriefen: Ropczyce, 20. September. Hier durften die Russen tagelang ihre Verwüstungsarbeit fortsetzen. Lange traute sich kein Jude auf die Straße hinaus, doch durften wir noch von Glück sprechen, daß uns das Leben erhalten blieb. Im nahen Kolbuszowa gab es auch׳ mehrere Menschenopfer. Das Morden und Plündern geschah ohne jeden Grund und Anlaß. Dubiecka, Ende September. Das Freudenfest wandelte sieh bei uns in Trauer und Todcsschreckcn. Die Russen zogen in die Stadt und begannen sofort alle Liiileii und Häuser auszuplündcrii. Was sie nicht initnelmieii konnten, vernichteten sie in bestialischer Zerstörungswut. An dieser Arbeit nahmen die einheimischen Russophilcn regen Anteil. Als das Plünderung«• und Zerstörung«- werk zu Ende war, begannen sie, sich ihre Zeit mit den Juden selbst zu vertreiben und 'scheuteil nicht davor zurück, den greisen Rabbiner z u 111 i ß 11 a n d c 1 n. Ein beliebter Spaß der Russen war es, den Juden gewaltsagi die Seite 11 lockeben a b z u 8 c 1111 e i d c 11. Auf Beschwerden bei den Vorgesetzten sagten uns diese, wir hätten als freue Untertanen des Kaisers Franz Josef cs nicht besser verdient. Mittlerweile wurden die Russen von den Oesterreichem in die Flucht gejagt und uns die Befreiung gebracht. Drei russisch-jüdische Soldaten, die sich beim Einzug der Oestcrreichcr in der Synagogc befanden, weigerten sich, dieselbe zu verlassen und kamen in die österreichische Gefangene scliaft. Ch . . . ., Ende September. Wir gehen nicht fehl, wenn wir behaupten, daß keine andere Stadt bereits die Kriegsleidcn so ansgekostet hat, wie wir. Irgend jemand hatte das Gerücht verbreitet, daß ein Jude auf einen russischen Offizier geschossen hätte. Darauf beschlossen die Russen, ohne jegliche Untersuchung, 25 der ältesten und angesehensten Juden zu erhängen. Auf aller. Bitten und Fichen erhielten wir die eine Antwort: ״Juden finden keine Gnade!“ Endlich ließen sich die Russen erweichen Und forderten ein Sülmcgeld von 25 000 Kronen. Da aber die Gemeinde sehr klein und arm ist und die wenigen Wohlhabenden schon vor Kriegsausbrnch geflüchtet waren, war es uns nicht einmal möglich, 1000 Kronen aufzubringen. Wiederum demütigeiidc Bittgänge, Da stellten die Russen die ganz unerhörte Forderung, i h n e n d r c i d c r M ä d c h e n , die!ich alle versteckt hielten, n im z 1111 e f e r 11. Diese Zumutung wurde strikte nhj;eleimt und sofort fanden sich die 25 Märtyrer bereit, mit ihrem Tode die Ehre der jüdischen Töchter zu retten. Dazu kam cs aber nicht, da die Russen - mit Gewalt ihr Vorhaben ausführten. Wie man hört, haben die Geschändeten Selbstmord begangen. Eine jüdische Frau aus Kolbuszowa schreibt ihrem in Luxemburg lebenden Sohne: ״Erst heute kann ich Dir mitteilcu, daß die Kosaken drei Wochen hier waren. Die ganze Stadt wurde beraubt, drei Juden a!n ersten Tage R 0 8 c 11 - H a s c 11 a 11 a ermordet. Als ich dies sah, bin ich mit Deinen beiden Schwestern weggefahren. Wir wollten nach Wien fahren; aber auf der Station wurde nur Militär aufgenommen. Vater blieb zu Hause und wurde von den Russen geschlagen, daß er mehr tot als lebendig war. Dreimal stand er ln Lebensgefahr. Die Waren hatten wir in dem Keller cingemaucrt, die Kosaken brachen den Keller auf und stahlen alles. Wir leben fortwährend in großer Angst.“ der Privatnachrichtcn aus Czernowitz zufolge hat russische Gouverneur der jüdischen Bevölkerung eine Strafe Von 50 000 Rubel unter dem Vorwand aiifeilegt, daß die Juden während des ersten russisehen Rückzugs sich schlecht benommen hätten. Sieben jüdische Notnbeln wurden als Geiseln festgenomincn. Die Juden in Nordost-Ungarn und die Russeneinbrfiche Wie der polnische und galizische Kriegsschauplatz, ist auch die Nordosteckc Ungarns, in die wiederholt russische Hecrcsabteilungeii durch die Karpathenpasse eiiigcdrungen sind, ein eminent ״jüdisches Tcrritoritim“, ln den Städten sowohl wie in den Marktflecken und Dörfern bilden die Juden einen sehr erlieblichen Teil der Bevölkerung, die sonst vorwiegend aus R u t h c n e n und in manchen Bezirken aus einer kleinen Anzahl Slowaken und Magyaren besteht. Es sind jetzt 13 Jahre her, da bereiste ein ungarischer Ministerialrat englischer Abstammung und judenfeindlieber Gesinnung, Eduard Egan, als Regierungsk o 111 m i s s a r dieses Gebiet, um Erhebungen anzustellen, wie der armen rutbenisclicn Landbevölkerung von Staats wegen wirtschaftlich aufgeholfen werden könnte. Egan veranstaltete unter den gesinnungsverwandten Komitatsbcamtcn eine parteiische Enquete und erstattete dann einen tendenziösen antisemitischen Bericht, der die Rutliencn als den Ausbund aller vaterländischen und menschlichen Tugenden, die Juden aber als gewissenlose Schädlinge und Ausbeuter hinstellte, die die unerfahrene ruthcnischc Landbcvölkc'• ruiig bewucherten und an den Bettelstab brächten. Da jedoch ein offenes Bekenntnis zum Antisemitismus Herrn Egan als Beamtem der liberalen Regierung nicht paßte, konstruierte er sich für den Hausgebrauch eine eigene Rasscntlicorie, dcrzufolgc die galizischcn und ostiingarischcn Juden gar keine wirklichen Israeliten, sondern Abkömmlinge der — Chazarcn seien, jenes wilden asiatischen Kriegcrvolkcs, dessen Dynastie und Add hu 10. Jahrhundert zum Judentum übergetreten waren. Mit Hilfe dieser sinnreichen Theorie konnte man bequem eine wüste Hetze gegen das ״cliazarische Element“ im Nordosten ins Werk setzen, ohne daB die — einer anderen Rasse angehörenden geschätzten israelitischen Mitbürger Budapests und Wcstungarns sicfi unbedingt getroffen fühlen mußten, wenn sie gerade nicht wollten. — So geschah cs denn, daß die leitenden politischen und gesellschaftlichen Kreise Ungarns, die für die nichOnagyarischcii Nationalitäten sonst nicht viel übrig hatten, urplötzlich ihr Herz für die Ruthe neu entdeckten und eine ״großzügige“ wirtschaftliche Hilfsaktion für sie einleiteten, verquickt mit einem frisch-fröhlichcn Feldzug gegen die staats- und gescllschaftsfeindlichcn ״Chazarcn“ und — gegen die jüdische Einwanderung aus Galizien. Der jetzige Krieg, der in der österreichisch-ungarischen Monarchie so viele politische Werte umgewertet hat, ist auch in dieser Beziehung äußerst lehrreich. Im Nordosten Ungarns hat sich, wie übrigens auch in Galizien, das jüdische Element (abge- ״sehen von der magyarischen Intelligenz) fast als die einzige unbedingt loyale und staatstreue Bevölkerungsgruppe erwiesen, während weite Kreise der so liebevoll umschwärmten und verhätschelten r u t h e n i sehen Unschuld vom Lande sich als russophile Landesverräter entpuppten, die seit Jahren im Solde der russischen ״Propaganda“! gestanden hatten, Uebcreinstimmend wird aus allen Städten und Ortscliaftcn der Komitatc Maramaros, Ung, Siros usw.,