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Jüdische Rundschau · 1914-12-18 · Heft 51 (18.12.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 51 (18.12.1914)
Date
1914-12-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 4ö0 Nr, 5111 der Frage, weshalb das Schicksal bestimmte Nationen an bestimmte Territorien gefesselt hat. Wer nun einmal das Prinzip der Entwicklung der Produktionsverhältnisse als Prinzip für die Entwicklung der Menschheit aufstellt, der kann nicht irgend einen bestimmten Moment der Oeschichte zum Ausgangspunkt nehmen, sondern er muß ein gewisses System für die Uranfiin ge der Menschheit aufstellen. Dieses System muß dann mit klassischer Klarheit offenbaren, wie die Nationen enlstamlen sind, weshalb die Menschen im Altertum, die in so \ielen Fallen ihr Blut für ihre Zukunft vergossen, just diese oder jene Umgebung für sich erwählt, weshalb sie sich so und nicht andern über die Welt verteilt haben, aus welchen Wirtschaftliehen Momenten heraus die Gruppierung nicht anders hat stattfinden können. Mag dann der Forscher immer weiter zurückgehen, er ist gezwangen, für seine mechanische Erklärung auf Schmuggelwegen die seelischen Erscheinungen einzubeziehen, ja vielleicht unbemerkt aus den wirtschaftlichen Erscheinungen ganz mul gar zu den psychologischen üherzugeheii, während er noch diese als wirtschaftliche betrachtet. Ist aber der historische Materialist einmal i!1 die Analyse der seelischen Erlebnisse cingedmngcn, dann schwimmt auch er auf dem großen Meer aller möglichen Kombinationen und steht nicht besser da als die anderen Sterblichen. Wem cs also auf diesem Wege gelingt, die Fesseln, die er sich selbst angelegt hat, zu sprengen, dem. hat der historische Materialismus einen unberechenbaren Nutzen gebracht, .- es kommt eben nur darauf an, die Stadien zu bestimmen, in denen der Ökonomischc Faktor entscheidend ist. Wer jedoch den historischen Materialismus nicht als Mittel, sondern als Ziel immer vor Augen hat, dem sind damit alle Forschungsmöglichkeiten genommen, der ist ein Handlanger, aber nicht ein Denker geworden. Nicht gar so absurd wäre die Frage, weshalb die Israeliten aus Aegypten nach Kanaan gezogen sind, warum sic sich ihre Freiheit nicht in Aegvpten selbst errungen haben? Wären die Israeliten nicht nach jenem Streifen Erde gewandert, so hätte sich ja infolge anderer äußerer Verhältnisse und ariderer Umgebung ihr ganzes geistiges Leben anders gestalten müssen. Liegt da nicht gar manches wirtschaftliche Geheimnis vor, greift da nicht sogar die Tatkraft einzelner Willensmcnschcn ein, die von anderen Idealen getragen sind? ln unserem Falle wollen wir von vornherein zugeben, daß die Situation der Juden für eine Wanderung aus Aegypten reif, daß die Wanderung eine dringende Notwendigkeit war und Moses nur die Notwendigkeit zur Wirklichkeit gemacht hat. Allein wie viele Beispiele haben wir in der Geschichte, da geknechtete Völker sich weiter knechten lassen, bis sie völlige Sklaven werden und sich auf lösen, oder aber durch Gewalttaten von ihren Knechteru sieb bcfreien. Moses hat bekanntlich das' Problem anders gelöst, indem er zwar das ״Klassenbewußtsein“ der Israeliten hob, diese aber andererseits nicht zu einer lokalen Auflehnung, sondern zu einer revolutionären Wanderung zwang. Dabei stieß er auf den Widerstand zweier Kategorien von Menschen: 1. jener Sklavcnscclcn, die sich von ihren bequemen Gewohnheiten nicht lossagen konnten und sich auf die materiellen Verhältnisse ihrer Heimat Aegypten beriefen, 2. derer, die in dem Unternehmen von Moses eine gefährliehe Utopie erblickten. Ein ganzes Leben hat dieser Mann dazu gebraucht, um den Unheilvollen Einfluß beider Kategorien auf die Gesamtheit zu brechen. Muß nun die ganze Gestalt des Moses in den historischen Matorinlismus hineinpasse״, hätte sich das Leben der Juden nicht auch anders gestalten können? Es genügt nämlich nicht, darauf zu verweisen, daß ja auch Moses den Juden erklärte, das Land, in das er sic führe, fließe von Milch und Honig über, daß folglich der Auszug der Juden aus Aegypten einem wirtschaftlichen Bedürfnis entsprach. Es ist von Vornherein klar, daß jede große historische Umwälzung in! Leben der Völker darauf ausgeht, dem betreffenden sozialen Organismus materielle Daseinsmöglichkeiteu zu verschaffen, cs kommt nur darauf an, was man unter Milch und Honig versteht; denn gegen- AU über d. Mild! 1: keiner i Erinnert; ״;;;״■׳;;je:; tudi d..m von d״..;!! ״.:;den I.:!w!e, dar. dann / Ur.;.da״;׳;!:;.!!:de, stand die eia!;״dfivei; Land, in dem die in 1n׳j \ 1 tv'ii ,,»i^uic lu.u Heisch“ in s .!> ser ״lasse verzehrt Gatten. Es mußte also . ei der ü ״;.,׳׳i;.;e1׳uicl!1i:<g■ der hei.Ln Länder tioi’i cf war 11im.td;oi1:a1en,das die Eafsdieidüng lierbduÜirL. lld.se!, etwas v/.tr das Streben nach der i idheii, des den meisten abhanden gekommen war mul erst durch Mores nach vierzigjähriger Prs;v!ga;1!ia zu einem inneren Bestandteil der damaligen jüdisch-nationalen Auffassung wurde. I /US St r eben nach Freiheit ist jedoch bereits ein Faktor, der gewisse seelische Zustände voraussetzt und oft sogar der Wirtschaftliehen Entwicklung widerspricht. Auch für die historischen Zusammenhänge im Dasein des Judentums dürfte die materialistische Geschichtsauffassung eine gewisse Be* dcutung haben, wenn man nur dessen eingedenk bleibt, daII durch sie das große Rätsel der allgemeinen Geseliieiitsentwiclvlang keineswegs gclöst ist, wenn auch in hohem Maße aufgeklärt wird. Wer aber daraus für die Zukunft des Judentums irgend welche Maximen festsetzen will, dem erklären wir von vornherein, daß er unsere Zukunft vor seiner Analyse sich bereits zusammen;,a'zimmert hat; denn es ist nicht schwer, sich auf Grund des historischen Materialismus auch andere Lösungen der Judenfrage zureclitzulcgen. Wir glauben sogar, daß die Notwendigkeit des Zionismus sich gerade durch diese Lehre aufs glänzendste naclnveiscn läßt. Wir verzichten aber darauf nicht etwa wegen der Schwierigkeit der Aufgabe, sondern weil wir glauben, daß unser Wollen der stärkste Beweis für das ideal des Zionismus ist. A. L. IviIircsfersüEiiilüiif W 4:0 des American Jcivisfi Committee (Von unserem Berichterstatter.) Die achte Jahresversammlung des American J e w i s 11 C o m mitte e wurde am 8. November in New York abgehalten. Louis Marshall führte den Vorsitz, Der Bericht des Exekutiv-Komitees wurde verlesen, und Dr. Cyrus Adler, Präsident der jüdischen Gemeinde in Philadelphia, sowie Dr. J. L. M a g ncs, Vorsitzender des Exekutiv-Komitees der jüdischen Gemeinde (Kehillah) in New York, erstatteten Bericht über die Tätigkeit der von ihnen vertretenen Organisationen. Die Versammlung besprach die Lage der Juden auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen und die Möglichkeiten, ihnen zu Hilfe zu kommen. Herr Marshall kündigte an, daß 100 000 Doll, vom Notstamlsfomls (Eiuergeucy Trust Fund) dem nmerikanisch-jüdisciien Hilfskomitee, das unter dem Schutz des American Jewish Committces gegründet worden ist, überwiesen werden sollen. Das Komitee besprach ferner die Wahrs £ h e i n 1 i c h k e i t neuer E i 11 w׳ a 11 d e r u n g s - b e s c 11 r ii n k u 11 g e n in den Vereinigten Staaten und beschloß, weiterhin mit allem Nachdruck alle Bc- Strebungen zu bekämpfen, die auf eine systematische Beschränkung der Einwanderung abziclen. Es wurde der Rücktritt des Herrn Hermann Bernstein von dem Posten des Sekretärs mitgeteilt. Herr Bernstein hat bekanntlich das Amt des Herausgebers der neuen jiddischen Zeitung ״Der Tag“ übernommen. Folgender Vorstand wurde gewählt; Piäsident: Louis Mars 11 all; Vizepräsidenten: Julian W. Mack, Jacob H. Holländer. Zu Mitgliedern des Exekutiv-Komitees für die nächsten 3 Jahre wurden die Herren isaac W, B e r 1111 e i 111, Samuel Dorf, Julius Ros enxvaid, Oscar S. Straus, Cyrus L Sulzberger und Mayer Sulzb erger, ferner eine Anzahl Herren aus der Provinz zu Mitgliedern auf 5 Jahre gewählt. Aus dem liericht des Exekutiv-Komitees seien folgeiule Stellen hervor,׳;׳ekoben: Mehr als die Hälfte der gesamten Judenhcit lebt in 1 eilen Rußlands und Oesterreich-Ungarns welche im Mittelpunkt des östlichen Kriegsscliauplatz.es liegen. Sie müssen jetzt das äußerste an Entbelmmgen und Leiden erdulden. Zu den ersten Opfern des Krieges gekörten ferner die Juden Palästinas. Die große Mehrheit stammt aus Rußland und Galizien und ist größtenteils auf die Unterstiitzuag der PalästUuifrcuiule in Europa und Amerika angewiesen. Bei Ausbruch des Krieges waren alle normalen Verkehrswege plötzlich versperrt. Selbst wenn diese Störung nicht vorhanden gewesen wäre, so würde doch die wirtschaftliche Lähmung, «,ie den europäischen Handel iiberüel und einen vollkommener! Stillstand der Ge. schäfte in Russisch-Polen und Galizien lierbeiführte cs schon den Juden Europas unmöglich gemacht haben in der Gewährung materieller Hilfe fortzufahren. Gegen Ende August empfing das Komitee drin• gende Telegramme von dem Botschafter der Vereinigten Staaten in Koiistantiiiopel, Mr. Henry׳ M o rge nt hau, worin niitgctcilt wurde, dal) die Juden Palästinas vor einer schrecklichen Krisis ständen, daß die I,׳mdvvirlscl1a(lliche11 Kolonien von der Zerstörung bedroht seien, und daß wenigstens ein Betrag von 50 000 Doll, sofort erforderlich sei, um einer Kat!. Strophe vorzuheugen. In der Versammlung \<m1 31. August d. J. hat das Komitee daraufhin he. schlossen, daß die Notlage die Bewilligung einer beträchtlichen Summe aus dem Notstandsfonds rechtfertige. Es ist klar, daß die Beträge, welche bis jetzt nbgesaiult wurden, nur zeitweilige Hilfe gewähren können und daß, solange der Krieg in Europa dauert, das wirtschaftliche Elend in der Türkei und Palästina zweifellos noch zuiielunen wird. Unsere Pflicht ist jedoch nicht nur, den Juden der Türkei imd Palästinas zu helfen, sondern auch der großen Masse von Juden in Rußland, Oesterreicli-Uugarn, Belgien und den anderen Ländern, welche seil dein Ausbruch des größten Krieges der Weltgeschichte in eine entsetzliche Notlage geraten sind. Sie sind verdämmt, unter der Wut, der Plünderung und der Mordbretmerci zu leiden, welche auch heute noch die imvermeidlichen Begleiterscheinungen eines Krieges zu sein Scheinen. Hunderttausende von ihnen kämpfen in der Front, Zeliritausende sind gefallen und!unterlassen verzweifelte Witwen, Kinder und andere Angehörige. Hungersnot und Seuchen scheinen unvermeidlich. Es ist sehr wahrscheinlich, daß zahlreiche jüdische Gemeinden, denen es jetzt wegen der Unterbindung des Verkehrs unmöglich ist, uns von ihren Leiden zu berichten, sich späterhin an ihre amerikanischen Brüder um Hilfe wenden werden. Wir haben bereits Gesuche dieser Art von der Gemeinde in Aut• werpen bekommen. Die Lage unserer dortigen Brüder war so kritisch, daß das Komitee 5000 Doll, für sofortige Hilfe gespendet hat. Die Alliance Isractite Universelle und die Angfo-Jewish Association haben sich gleichfalls an uns gewandt und um Hilfe gebeten für die Tausende von Einwanderern, welche seit dem Ausbruch des Krieges nach Amerika unterwegs sind, und welchen es unmöglich war, ihre Reise über den Ozean fortzusetzen, weil die Schiffahrt unterbrochen ist. Die Israelitische Allianz in Wien hat das dringende Ersuchen an uns gerichtet, den galizischen Juden beizustehen, welche nach Wien, Prag, Budap e s t und alitieren Städten geflohen sind. Bei genauer Prüfung der Situation ist das Komitee zu dem Beschluß gekommen, einen Aufruf zur Schaffung eines allgemeinen. H i 1 f s - fonds zu erlassen. Infolge dieses Appells wurde in New York am 25, Oktober eine Versammlung der nationaljüdischen Organisationen cinherufen. In dieser Versammlung, welche Herr Marshall leitete und zu deren Schriftführer Herr Cyrus L. Sulz herger gewählt wurde, wurde kurz folgendes erreicht: Der Vorsitzende wurde beauftragt, ein allgemeines Füuferkomitec ciurusct7.cn, welches ermächtigt wurde, ein weiteres Komitee von 1Ü0 oder mehr Mitgliedern zu wählen, in dem jede an der Konferenz teilnehmende jüdische Organisation durch wenigstens ein Mitglied vertreten ist. Dieses allgemeine Komitee soll aus seinen Mitgliedern ein Exekutiv-Komitee von 25 Personen wählen, welches direkt mit der Sammlung und Verteilung der Spenden betraut wird. Demgemäß bestimmte der Vorsitzende für das Komitee die Herren Oscar S. Straus, Julian W. Mack, Louis I). B r a 1j,d c i s , Harry׳ Fischet und Meyer L o 11 - don. Herr Felix M. Warburg wurde zum Schaizmcister ernannt. Die Versammlung ermächtigte ferner den Vorsitzenden, einen Aufruf an die Juden Amerikas zu erlassen. Kurz, nach Ausbruch des Krieges wurde überall ein Bericht verbreitet, wonach die russische Regiegicrimg versprochen hätte, den Juden ihres Reiches volle bürgerliche Rechte einzuräumen, wenn sie der russischen Fahne Ergebenheit zeigen würden. Dieses Gerücht tauchte fast gleichzeitig mit einem anderen auf, wonach der Zar den Polen die Autonomie versprochen hätte. Inzwischen haben wir nichts von irgendeiner Verbesserung der Lage der Juden gehört. Inf Jahre 1012, als Rumänien sein Heer für den Einfall in Bulgarien mobilisierte, boten Tausende von Juden freiwillig ihre Dienste an. In einer außerordentlichen Parlamcntssitzuug stellte M a r g i I o - man, damals Finanzministcr und heute Führer der konservativen Partei, fest, daß allen jüdischen Untertauen, die sich zum Heeresdienst stellten und so ihre Bereitschaft bekundeten, sogar ihr Leben für Rumänien zu opfern, nach Beendigung des Krieges volle bürgerliche und politische Rechte zugebilligt

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