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Jüdische Rundschau · 1914-12-18 · Heft 51 (18.12.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 51 (18.12.1914)
Date
1914-12-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin Nr. 17392־ Nummer 51 Berlin, len 18. יי! ׳!ih XIX. Jahrgang. Der Angriff Kautskys auf den Zionismus*) IV״ Auch wir sind weit davon entfernt, jener Rassenlehre zuzustimmen, mit deren Hilfe einzelne Rassentheoretiker jeder Nation ganz bestimmte Merkmale •zuschreiben und sie gar schematisch angeben zu können glauben. Schon zu einer Zeit, als die Lehre von der Rasse die Geister beherrschte, haben wir und mit uns viele Gesinnungsgenossen den Standpunkt vertreten, daß alle genau formulierten anthropologischen, seelischen und geistigen Merkmale der versehiedenen Nationen keine absoluten Wahrlieiten sind, daß sie sodann sicherlich durch die mannigfaltigen Lebensbedingungen oder durch das Milieu ausgebildet werden bzw. einschrumpfen können. Wir Anhänger des jüdischen Nationalismus sprechen höchstens von Tendenzen dieser oder jener Nation und wollen damit keineswegs ihre Ausschließlichkeit für irgendeine Nation auch in der Vergangenheit fcstlcgcn. Die Zergliederung des nationalen Wesens hallen wir für ein wissenschaftlich aussichtsloses Beginnen, uns genügt die bloße Feststellung vom Bestand nationaler Individualitäten. Wir finden uns einfach mit dem Gedanken ab, daß es nationale Organismen sowohl gegeben hat als gibt, die eine Vereinigung verschiedener Tendenzen und Eigentümlichkeiten aufveisen, und leugnen es keineswegs, daß man bei jeder Nation jede ‘beliebige Eigentümlichkeit, die ihr abgeht, entwickeln kann, Dagegen werden uns die Leng- 11er des Nationalismus auch durch das Auffahren des gröbsten anthropologischen Geschützes bestimmte Vorstellungen und Anschauungen nicht ausreden, welche durch die Geschichte erhärtet sind, So halten wir es für durchaus überflüssig, den Nachweis zu führen, daß die drei grundlegenden Nationen des Altertums ungeheure Wesensverschiedenheiten besessen haben, daß die Schöpfungen, welche Israel, Rom und Athen hervorgebracht haben, in ihrer Richtung drei verschiedene Menschenkategorien offenbaren. Gewiß! Da alle soziologischen Feststcllungen ebenso wenig wie die nationalökouoniisclien auf mathematischen Formeln basieren, so läßt sich jedesmal unter gewissen Anstrengungen vieles auch für die gegenteilige Auffassung anführen. Wie leicht wäre es, rein mechanisch auch die Leistungen der drei großen Altertumsfaktoren unter einen Hut zu bringen! Da wird irgend ein Nivellierer aller Kulturscliöpfimgen zahllose Sentenzen aufzählen, die sich eben so gut in der Bibel wie bei den Hellenen vorl'iiiden und selbst Stimmungen, die der Bibel ihren eigenen Charakter verleihen, ebenso in philosophischen oder poetischen Erzeugnissen der griechischen und römischen Welt ausfindig machen, ja er wird daran erinnern, daß die wichtigsten Moralgrundsätze, welche die Grundlagen der israelitischen Kultur bilden, einen Bestandteil* jenes Geistes bilden, der Plato und Aristoteles kennzeichnet, und damit etwas bewiesen zu haben glauben. Als ob es darauf ankäme! Mag wer' da will das ganze biblische Gebilde zerreißen und es Stück für Stück in anderen Schöpfungen *) Vgl. den Artikel in Nr. 48 der ״Jüdischen Rundschau“. ״Der Zionismus erstrebt für dos Jüdliclie Volle elfe Schaltung einer Clientlieh-rechtlich gesicherten iielmsfillte In Palösilna." Beider Programm. orientalischer und europäischer Völker aller Zeiten wiederfinden, das Charakterbild des alten Israel bleibt in seiner Gesamtheit bestehen, ebenso wie trotz aller materialistischen Gcschichtsauffassung Rom und Hellas in ihren Grundfesten fortdauern. Gewiß hat es auch bei den Römern Männer gegeben, welche prophetische Erlebnisse hatten, aber ein Prophetentum schufen doch die Juden und nicht die Römer. Gewiß haben auch die Juden in Zeiten der schwersten Gefahren sich gründlich schlagen und den Feind mit bewundernswertem Heroismus abwehren können, aber eine richtige militärische Ausbildung, den Militarismus, haben im Altertum nicht die Juden, sondern nur die Römer repräsentiert, und beide Völker zusammen haben nicht jene hehre Kunst zu verwirklichen vermocht, die so recht eigentlich eine Schöpfung der Hellenen gewesen ist. Alle Versuche Kautskys, diese geistigen und seelischen Prozesse der Massen ־einzig und allein durch bestimmte materieüe Vorbedingungen zu erklären, haben ihn nur dazu gebracht, daß er jede historische Tatsaclic nach ,Bedarf vergrößern oder schmälern, verallgemeinern oder übersehen muß. Will man Kautsky in seiner Art der Behänd- 11mg nationaler Individualitäten folgen, so kommt man schließlich dazu, das Vorhandensein wesensverschiedener Nationen überhaupt zu leugnen. Es sind eben Aggregate von Menschen, die infolge einer Verkettung von Umständen in dem einen Teil der Welt oder in einem anderen sich niedergelassen haben, und nun notgedrungen bestimmmtc Kombinationen der menschlichen Schöpfungen in verschiedenen Vanational zutage gefördert haben. Für den historischen Materialisten gibt es zur weiteren Aufklärung immer jenen elektrischen Knopf, auf den er nur zu drücken braucht, um die Erklärung aller Dinge zu haben: die Bedingtheit der gesamten kulturellen Leistungen, auch der ■rätselhaftesten geschichtlichen und sozialen Vorgiinge, durch die Entwicklung der Wirtschaftliehen Verhältnisse. Dieser Grundsatz des historischen Matcrialisinus erscheint ja deswegen so vielen plausibel, weil er in seiner vergröberten Form im Einzelleben tatsächlich einen solch großen Teil der Handlungen und Erscheinungen erklärt, oft genug gerade dann, wenn die Motive ganz aneiere zu sein scheinen. Warum sollte also dieses Prinzip nicht auch für nationale Maüseucrscheiinnigen Geltung haben, warum sollte liier die tausendfältig gemachte Erfahrung plötzlich versagen? Zn der begreiflichen Uebcrtragung eines Grundsatzes, den ein jeder als Erfalmingsmaxiine im Einzellebcn kennen gelernt hat, vom Einzellebeil auf das Masscnlehen kommt noch das gefühlsmäßige Bedürfnis nach irgend, einer historischen Richtschnur hinzu, welche die gesamtc Menschheitsgeschichte umspannen könnte, sei es aus Abneigung gegenüber dem Eklektizismus, sei es aus dem Drang, ein monistisches Prinzip zu haben, weil wir nicht zu dem gesunden Menschenverstand das Vertrauen besitzen, daß er allein die historischen Welträtsel lösen konnte. Wen von uns bestrickt nicht im ersten Moment die Offenbarung einer Lehre, die ebenso einfach wie wahr zu sein scheint — es aucli teilweise ist — und mit unbezwingliehen Waffen oft genug Phrase und Heuchelei aus dem Felde schlägt. Und doch gibt es kaum größere Enttäuschungen, als sie die bisherigen Analysen der historischen Erscheinungen auf der Grundlage des historischen Materialismus zeitigen. Ist es doch ebenso wenig gelungen, durch dieses Allheilmittel die geistigen Erscheinungen und Wesensarten tiefer zu erfassen, wie die Versuche einer Erklärung der menschlichen Psyche durch die Materie geglückt sind. Wer unkritisch an Stelle der Geschichte die Wirtschaft gesetzt und damit die schwersten Probleme zu ergründen versucht hat, muß darum stets in einen heillosen Dilletantismus hineingeraten. Wenn nämlich die historischen Materialisten den Rassentheorctikern den Vorwurf machen, daß sie durch Annahme von Rassen mit bestimmten Missionen nur ein Unbekanntes durch ein anderes Unbekanntes ersetzen, so läßt sich von ihnen selbst sagen, daß sie, nachdem sie eine einzige Gleichung für sämtliche Probleme aufgcstcllt haben, mit den Lösungen nichts anzufangen wissen und allmählich von der Grundlage der Produktionsverhältnisse abgehen und zu den Komponenten gelangen, aus denen sich die bestimmte wirtschaftliche Entwicklung ergeben soll. Die Komponenten aber sind es, die allen mögliehen Kombinationen Tür und Tor öffnen. Im Laufe der Untersuchung steigt die großzügige marxistische Lehre von ihrer Höhe herab und wird zu einem Werkzeug in der Hand ihrer Interpreten. Oft ist es nicht einmal feststehend, was zum Komplex der wirtschaftlichen Erschcinungen gehört, und man gerät so in eine neuartige Metaphysik, in die Metaphysik der ökonomischen Entwicklung, und kommt, sich rückwärts durcharbeiteiul, aus einem Problem in das andere. Nachdem nämlich festgcstcllt ist, daß eine bestimmte Nation infolge einer gewissen Kombination wirtschaftlicher Erscheinungen auf diese oder jene geistige Bahn gedrängt worden ist, entstellt das weitete Problem, woher die Kornbination der wirtschaftlichen Erscheinungen gckommen ist, wodurch sic bedingt war, so daß man auf die natürlichen Bodenverhältnisse, auf die materiellen Bedingungen der umgebende«! Völker, auf die Verschiebungen unter den Völkern usw, zuriiekgehen muß. Jemehr man somit die Komponente zerlegt, desto nichtssagender wird die Richtschnur, die der historische Materiatismus gewährt, dagegen die Beschränkung um so gefährlicher. Denn trotz alledem geht schon der von seinem Theorem geleitete Forscher den Weg des von ihm so verpönten gesunden Menschenverstandes, muß er schon nach seiner eigenen Erkenntnis kombinieren, ist aber‘ nicht mehr frei. In diesem Stadium der Untersuchung wird der große Grundsatz der malerialistisdien Geschichtsauffassung zu einem kleinen Hilfsmittel, welches unselbstständigen Gesdiichtsforschcrn Erleichterungen schafft, dagegen den wahrhaften intuitiv erkennenden Analytikern, wenn sie sich unbeschränkt leiten lassen, den stärksten Zwang antun. Ungelöst bleibt die Frage nach der Entstehung der Nationen, meist ganz willkürlichindividuell auf dem Wege zu mechanischer Erkenntnis des Altertums selbst die Beantwortung

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